Andacht 12.1.2017

„Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig.“

Mt 5, 22.

Warum willst du noch andern zürnen? Durch solchen Zorn wirst du leicht zu einem zweifachen Mörder. Den nächsten tötest du, und dich auch.

Den nächsten tötest du mit dem Herzen, gönnst ihm das Leben nicht, sondern lieber den Tod und alles Unglück; siehst ihn unfreundlich an, kränkst seine Ehre, die ihm so lieb wie das Leben ist, und betrübst ihn mit manchem bitteren Wort. Dich selbst tötest du geistlich; denn dein Zorn trennt dich von Gott. Wo der Zorn die Herrschaft einnimmt, da geht Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, unter; Christus ist der Seele Leben, ohne Ihn bist du geistlich tot.

Willst du zürnen, so zürne besser gegen deine Sünde. Willst du strafen, so strafe besser dich. Willst du richten, so sei besser ein strenger Richter über deine eigenen Taten. – Ach, der gewöhnliche Zorn gegen andere ist meist ein sündiger, nicht hervorgegangen aus Abscheu vor der Sünde, sondern aus der Selbstsucht; nicht geübt um Gottes und der Wahrheit willen, sondern weil unser eitles, selbstverliebtes Ich verletzt worden ist. Ein solcher Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Denn solcher Zorn ist blind, und das Sprichwort sagt zu Recht von ihm ‚Zorn macht den Menschen verworren‘ und ‚Zornes Ausgang ist der Reue Anfang‘. Er sucht im Grunde nur Rache, aber nicht Recht und Gerechtigkeit, nicht die Rettung und Besserung des Bruders.

Vor solchem Zorn bewahre uns Gott! damit uns desto mehr der heilige Zorn für des Herrn Sache gegen die Sünde und alles ungöttliche Wesen in uns und außer uns durchglühe; denn dieser ist seiner innersten Natur nach nichts anderes als heilige Liebe, die nur zürnt aus Liebe, die vorsichtig wandelt, die zur rechten Zeit redet, und zur rechten Zeit schweigt. Für unsere eigene Person haben wir alles zu vergeben, und alles zu dulden; nur dann, wenn wir sagen können: ich habe keinen Feind mehr auf der Erde, sind wir recht und fähig, des Herrn Kriege zu führen und mit heiligem Feuer zu streiten.

 Arndt