Predigt 13.1.2017

Arndt, Johann Friedrich Wilhelm – Judas‘ Verrath

Predigt am zweiten Passionssonntage, den 28. Februar 1836, gehalten in der Parochialkirche zu Berliin

Christe, Du Lamm Gottes,
Der Du trägst die Sünde der Welt,
Erbarme Dich unser,
Erbarme Dich unser,
Und gieb uns Deinen Frieden. Amen

Text: Matth. XXVI, 47 – 50.

Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, der Zwölfen einer, und mit ihm eine große Schaar, mit Schwerdtern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volks. Und der Verräther hatte ihnen ein Zeichen gegeben, und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s, den greifet. Und also trat er zu Jesu und sprach: Gegriißet seyst du, Rabbi! und küssete ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Mein Freund, warum bist du gekommen? Da traten sie hinzu, und legten die Hände an Jesum, und griffen ihn.

Seit uralten Zeiten ist in der christlichen Kirche die Passionszeit als die eigentliche Bußzeit des Jahres angesehen worden, und mit Recht. Wenn irgend eine Geschichte das menschliche Elend und Verderben augenscheinlich an den Tag legt und eine Geschichte der menschlichen Sünde ist: so ist es die Leidensgeschichte des Herrn. Insbesondere aber ragt unter allen einzelnen Menschen, welche in derselben handelnd auftreten, in seinen verderblichen Wirkungen keiner so sehr hervor, als Judas, der Verräther. Laßt uns denn heute den Verrath Jesu Christi durch Judas näher betrachten: 1) seinen Ursprung, 2) die That selbst und 3) ihre Folgen.

I.

In zweierlei haben wir den Grund zu suchen, wie Judas dazu kam, das schwerste aller Verbrechen zu begehen, das je begangen worden ist, nämlich darin, daß er seine Lieblingssünde weder kannte, noch über die Ausbrüche desselben wachte.

Seine Lieblingssünde, d. h. der besondere Naturfehler seines Temperaments, seine schwache Seite war die Liebe zum Gelde. Geiz, Habsucht, Gewinnsucht war die Triebfeder aller seiner Handlungen. Was damit in Verbindung stand, war ihm willkommen; was davon sich entfernte, stieß ihn ab. Indessen wie es in der Regel mit uns armen Menschen geht, daß wir unsere eigentliche schwache Seite nicht gern anerkennen, sondern dieselbe uns und andern so viel wie möglich zu bedecken und zu entschuldigen suchen, so machte es auch Judas. Wie viel Erfahrungen er auch sonst einsammeln mochte, auf dem Gebiete seines eignen Herzens blieb er ein Fremdling. – Jesus wählte Judas unter die Zwölfzahl der Apostel und machte ihn dadurch des heiligendsten und beseligendsten Umgangs theilhaftig, der unter der Sonne nur möglich war; täglich war er Augen- und Ohrenzeuge der großartigsten Offenbarungen der Herrlichkeit des Gottessohnes; wenn irgend etwas im Stande war, Judas über sich selbst auf’s Reine zu bringen und zu einem bessern Menschen zu machen: so war es offenbar die Gelegenheit, die damit sich ihm darbot. Auch der tägliche Verkehr mit den übrigen Jüngern, mit Johannes, Jacobus, Petrus, Nathanael, konnte nicht ohne Ansprachen an sein Herz und Gewissen vorübergehen. Und doch lernte Judas sich selbst nicht kennen und gewahrte nicht die Gefahren, die von Seiten seiner Lieblingsneigung ihm drohend entgegen traten. O man kann die zweckmäßigste Erziehung der Welt erhalten haben, man kann im Umgang mit den edelsten und wohlgesinntesten Menschen stehen, man kann die herrlichsten Exempel tagtäglich anschauen, die erwecklichsten Bücher lesen, die gesalbtesten Predigten hören, die besuchtesten Kirchen besuchen, man kann sogar Andern predigen vom Glauben und mit Engelszungen reden, und doch keinen Glauben haben und nicht von der Stelle mit sich selber kommen. – Bei Judas kam noch ein Umstand hinzu, der ihm ungemein hinderlich war in seiner geistigen und sittlichen Entwickelung, das war nämlich sein verschloßnes Gemüth, das in der Regel mit der Habsucht verbunden ist; der Geizige theilt sich nicht gern mit, aus Furcht, Andere möchten ihm in den Weg treten in der Ausführung seiner Pläne; er brütet mit sich selbst im Stillen und umzieht sich mit einer undurchdringlichen Mauer, daß es oft lange währt, ehe es Andern gelingt, tiefere Blicke in sein Inneres zu werfen und ihm rathend und warnend zur Seite zu treten.

Wie nun immer im Leben dem Menschen gerade von seiner Lieblingssünde die meisten Versuchungen drohen – freilich in der gnädigen Absicht Gottes, damit wir unsere Schwäche erkennen und da, wo von Natur die größte Schwäche ist, durch die Gnade die größte Stärke zum Vorschein komme – so war dies auch bei Judas der Fall, und leider wachte er da nicht treu über seine Leidenschaft. Die erste Versuchung für ihn war, daß, merkwürdig genug, ihm die Kasse übergeben wurde unter den Aposteln, und der tägliche Anblick des Geldes, das Einnehmen und Ausgeben desselben, das Kaufen und Handeln seine lüsterne Begier gewaltig erregte und steigerte. Judas wachte nicht über sich, und ehe er es sich versah, war er ein Dieb und entwendete manchen Theil des Geldes zu eignem Gebrauch. – Dann, sechs Tage vor Ostern, am Sonnabend vor Palmsonntag, war er Zeuge gewesen in Bethanien, wie Maria das Gefäß mit kostbarem, unverfälschten Nardenöl über die Füße Jesu zerbrochen hatte, um dadurch dem Meister eine Ehre zu erweisen. Sein ganzes Innere fühlte sich empört über diese scheinbare, unzeitige Verschwendung. „Warum ist diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen und den Armen gegeben worden?“ hatte er gerufen, und Jesus, sonderbar genug, Jesus, der sonst, allezeit die üppige Verschwendung getadelt, die Armuth gepriesen, und die Barmherzigkeit gegen die Nothleidenden empfohlen, hatte diesmal das unsinnige Benehmen gelobt und seine gutgemeinte Ermahnung hart getadelt. Beides, die Verschwendung und der Tadel des Herrn, hatte ihn erbittert, und nun stieg der heillose Gedanke, finster wie die Hölle und schwarz wie die Nacht, in ihm auf, wie er es wohl anzufangen habe, um den Schaden zu ersitzen und für den Verlust sich schadlos zu halten. Judas wachte nicht über sich, und so nahm er Ärgerniß an der herrlichsten That der Liebe und bereitete sich eine schwere Versuchung. – Da hörte er, wie der hohe Rath, in Folge der Auferweckung des Lazarus, in einer stürmischen Sitzung den Beschluß gefaßt, Jesum zu tobten, wie der Hohepriester Kaiphas den entscheidenden Ausspruch gethan: „Ihr wisset nichts, bedenket auch nichts, es ist besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe,“ und nun – Frohlocken herrschte unter allen Teufeln der Hölle! – ist sein Plan reif, nun weiß er, was er zu thun hat; Geldgier von der einen Seite, daß er den gehabten Verlust wieder ersetze, Erbitterung gegen Jesum, der ihn so ungerechter Weise getadelt und immer noch keine Anstalten mache zur Errichtung eines irdischen Reiches, um deßwillen allein er sich ihm angeschlossen, auf der andern Seite läßt ihm keine Ruhe, bis er es ausgeführt hat; er geht hin zum hohen Rathe, läßt um Einlaß bitten und fragt mit scheuem Blick und bebender Stimme die gespannte Versammlung: „Was wollt ihr mir geben? ich will ihn euch verrathen,“ Er nennt den nicht, den er verrathen will; er vermag ihn nicht zu nennen; er braucht ihn auch nicht zu nennen, denn sie wissen schon, wen er meine. Gewiß dachte er besonders klug zu handeln, indem er auf diese Weise heimlich und still zu seinem Zweck käme: und doch war er gerade jetzt am meisten mit Blindheit geschlagen. Gewiß meinte er etwas ganz Rechtes und Verantwortliches zu thun, was jeder in seiner Lage eben so ausgeführt haben würde: und doch stand er gerade jetzt im Begriff, das allerunnatürlichste Verbrechen zu begehen, das je ausgeübt worden ist. Judas wachte nicht über sich; darum mußte Alles, was um ihn her geschah und wovon er Kenntniß erhielt, die Führung der Kasse, die Liebesthat der Maria, der Beschluß des hohen Raths dazu dienen, ihn zu stürzen und die Sünde in ihm zu einer Höhe zu entwickeln, auf der ihm endlich schwindlicht wurde.

Lernet denn eure Lieblingssünde kennen, Geliebte! Ihr alle habt eure schwache Seite; es ist keiner unter euch, der sie nicht hat; Manche haben viele auf einmal, denn eine führt zur andern und alle hängen endlich enge mit einander zusammen: du hast die Zauberei, du hast die Wollust, du die Neigung zum Trinken, du das Lügen, du den Geiz und die Ehre. Lernet sie kennen, denn da greift der Feind zu allernächst euch an. Und dann: wachet über euch selbst! Wachet, denn der Feind schläft keinen Augenblick, die Sünde ruht jederzeit vor der Thür, aber laßt ihr nicht ihren Willen, sondern herrschet über sie. Wachet und betet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wer gefallen ist, der ist gefallen, weil er nicht gewacht hat; denn in der Nacht geht der Feind umher, und säet Unkraut zwischen den Weizen. Wer nicht wacht und sich gehen läßt in seiner Lieblingssünde, dem wird endlich Alles eine Veranlassung zum Fall, auch das Unschuldigste, das Natürlichste, das Nächste, das Zarteste, das Heiligste sogar; aus Honig saugt er Gift, und ehe er es sich versieht, liegt er da, überwunden von der Sünde.

II.

Judas ist also im hohen Rathe. „Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verrathen“, fragt er. Kaiphas frohlockt und die Hölle jubelt. Das Anerbieten kommt den Herren im hohen Rathe ganz erwünscht, und ist ihnen doppelt willkommen, da es sich ungesucht ihnen darbietet. So ist es denn Gottes Wille selbst, daß Jesus fällt! mochten sie denken. Sie boten dem Verräther dreißig Silberlinge, das heißt, fünfzehn Thaler. Das war der damals übliche Sclavenpreis. Wundert euch nicht, Andächtige, daß Judas mit der armseligen Summe zufrieden ist; viel weniger ist oft dem Menschen genug gewesen, um dafür Pflicht, Ehre, Gewissen und ewiges Seelenheil zu verkaufen: eine geringfügige Summe Geldes, eine Aussicht auf besseres Fortkommen, das gnädige Wort eines Mächtigen, ein leerer Ehrentitel, eine einzige lustige Stunde. Insbesondere aber welche empörende Dinge haben nicht Menschen für Geld gethan! Himmelschreiende Ungerechtigkeiten haben sie sich erlaubt, ihren Leib der Unzucht preisgegeben, Lügner, Betrüger, Diebe, Wucherer, Räuber, Mörder sind sie geworden, falsches Zeugniß haben sie geredet, falsche Eide geschworen, das Recht gebeugt, das Vaterland, Vater und Mutter, Bruder und Freund verrathen, den Glauben verläugnet: Alles für Geld, für schnödes Geld. Nichts bindet den Menschen so sehr mit starken Stricken, die niemand zerreißen kann; nichts stürzt so pfeilschnell in die jähesten Abgründe, als wenn das Herz am Gelde hangt, und der Apostel hat wohl Recht, wenn er sagt: „die da reich werden wollen, fallen in viel Versuchung und Stricke, und viel thörichter und schädlicher Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis;; denn Geiz ist eine Wurzel alles Übels.“ (1 Tim. 6, 10.) Auch die Ehrbegierde, die Rathlust, die Vergnügungssucht, die Trinksucht, die Spielsucht sind furchtbare Versuchungen; aber fast furchtbarer noch, für Auge, Ohr, Herz gleich blendend ist zu allen Zeiten das Geld gewesen. Wehe, wer den Mammon zu seinem Abgott macht! Kein Altar fordert blutigere Opfer als der Altar der Habsucht.

Judas ist zufrieden mit den dreißig Silberlingen und trifft nun die nöthigen Verabredungen, in aller Stille heimlich seinen Herrn und Meister, seinen größten Wohlthäter, seinen treusten Freund, seinen zweiten Vater an die wüthendsten Feinde auszuliefern. In der Gründonnerstagsnacht soll es geschehen und Gethsemane wird als der Ort dazu ausersehen. Alles ist abgemacht. Der entscheidende Tag bricht an. Immer näher und näher rücken die Stunden. Schon ist das Osterlamm bereitet und Jesus sitzt zu Tische, feierlich, ernstbewegt, wie nie: auch Judas ist zugegen. Er wäscht den Jüngern die Füße: auch Judas werden sie gewaschen. Er setzt das heilige Abendmahl ein: auch Judas erhält Brod und Wein. Er ruft tiefbetrübt im Geiste aus: „Wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verrathen;“ Alle gerathen in Allarm, Alle springen vor Entsetzen auf von ihren Polstern, Alle fragen: Herr, wer ist’s? Jesus taucht den Bissen ein und reicht ihn Juda Simonis Ischarioth, und nun stürzt der Verräther hinaus, ohne Empfindung und Gefühl, fest in seinem höllischen Entschlüsse, durch das Wort der Warnung nur noch mehr bestärkt, und es war Nacht, Nacht draußen, Nacht in seinem Gemüthe. Dann hält der Herr seine rührenden Abschiedsreden an die Jünger, betet noch einmal mit ihnen das hohepriesterliche Gebet, und begiebt sich nach Gethsemane, für unsere Sünde zu zittern und zu zagen, zu beten und zu ringen, die Jünger um Hülfe anzuflehen, von einem Engel sich stärken zu lassen, bis endlich nach beispiellosem Kampfe der Garten helle wird, Fackeln und Lampen sich sehen lassen, Waffengeklirr ertönt, Menschenstimmen erschallen, und Jesus die Jünger zum letzten Male aufruft: „Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hier, daß des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird. Stehet auf, lasset uns gehen, siehe, er ist da, der mich verräth.“ Und als er noch redete, kam Judas und mit ihm eine große Schaar mit Schwerdtern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volks. Und der Verräther hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s, den greifet. Und alsbald trat er zu Jesu und sprach: Gegrüßet seyst du, Rabbi, und küßte ihn. Wen faßt nicht Entsetzen bei diesem Anblick? Wem zittert nicht das Herz im Leibe, indem er diese Worte liest? Wer schaudert nicht zusammen bei der Fülle von Lieblosigkeit, Undankbarkeit, Treulosigkeit, Unverschämtheit und Frechheit, Falschheit und Heuchelei, die in diesem Auftritt sich zusammendrängt? Mit Gruß und Kuß, mit dem Freundesgruß: „Gegrüßet seyst du, Rabbi,“ mit dem Kuß der Liebe verräth der Jünger seinen Meister, das Geschöpf den Schöpfer. Jedes Mittel ist ihm recht, Wenn’s nur zum Ziele führt. Unter der Maske, als wäre Alles beim Alten und nichts vorgefallen, unter den Zeichen und Versicherungen der Treue und Liebe nahet er; den Freund spielt er, und ist doch der Verworfenste aller Feinde. Und der Blick des leidenden Heilandes, dem er so viele Schmerzen und Seufzer ausgepreßt, macht ihn nicht irre! Und die Nähe der Jünger, wie der Gedanke, daß sie gewiß über ihn herfallen und ihn zermalmen würden, setzt ihn nicht in Verlegenheit! Und das Allmachtswort aus Jesu Munde: „Ich bin’s,“ bei dem Alle niedergeschmettert zu Boden sinken, ruft ihn nicht zur Besinnung auf! Und die Frage: „Mein Freund, warum bist du kommen! Juda, verräthst du des Menschen Sohn mit einem Kuß?“ hält ihn nicht ab von der Schandthat! O entsetzliche Versunkenheit! entsetzlicher Betrug der Sünde! So tief kann der Mensch sinken, größten Schaben zugefügt! Wie oft sind Gemeindeglieder zum Altar des Herrn getreten, das heilige Sacrament zu empfangen, und ihre Herzen waren lieblos, gottentfremdet, rachsüchtig! Wie oft sind Bösewichter in Familien und gesellige Kreise eingedrungen und sich allgemeines Vertrauen, Achtung und Liebe zu erwerben gewußt, blos in der Absicht, die Geheimnisse zu erkundschaften, die einzelnen Genossen zu verläumden, der Wittwen und Waisen Güter an sich zu bringen, die Unerfahrenen zu berücken und die Unschuld auf’s schmählichste zu verführen! Ja, alle Spötter, alle Gotteslästerer, alle Verführer der Unschuld, alle Betrüger sind in gewissem Sinne, wenn sie verdeckt und hinterlistig dabei zu Werke gehen, Verräther an der Wahrheit und dem Recht. Und was ist jener scheußliche Sclavenhandel, der mit Menschen wie mit Waaren Jahrhunderte bereits nach der neuen Welt getrieben wird, und die unglücklichen Neger an Ketten bindet, in finstere, ungesunde Löcher einzwängt, an gewinnsüchtige Pflanzer verkauft und zu Mißhandlungen und Qualen ohne gleichen aufbewahrt, anders als ein Verrath an der Menschlichkeit und allem Gefühl? Was sind die vielen Vergnügungsorte in unserer eigenen Stadt und der vervielfältigte Genuß eines der schädlichsten Gifte, des Branntweins, anders als ein Verrath an der Gesundheit, der Sittlichkeit, der Religion, dem Wohlstande und Lebensglück von tausend und aber tausend Familien? Wundert euch nicht, meine Lieben, daß wir hier darüber reden. Sonst waren das Worte, die man als unpassend für die Kanzel und den gebildeteren Vortrag gehalten hat: jetzt ist es Gewissenssache, laut dawider zu zeugen, und Sünde, wenn wir schweigen wollten. Es giebt keinen Genuß in unserer Zeit, der so verrätherisch wirkte, so unbedeutend erschiene und den Schein von Erquickung, Erholung, Stärkung annähme, und doch so nachtheilige Folgen hinter sich herzöge, als der Besuch jener immer glänzender sich schmückenden und in allen Blättern anempfohlenen Vergnügungsörter, die nicht selten gerade Sonnabends sich öffnen und von Tausenden besucht werben, damit nur ja am Sonntag kein Kirchengang möglich und jede Gelegenheit, Gutes zu lernen, abgeschnitten werde, und der Genuß jenes Leib und Seele verderbenden Gifttrankes. Wahrlich, alle Bemühungen der Kirche, alle vermehrten Schul- und Bildungsanstalten, alle Anstrengungen des Armenwesens, alle Verordnungen der Behörden, alle Gefängnisse, Zuchthäuser und Festungen sind unwirksam, so lange jenen Judasmitteln nicht kräftig entgegengewirkt wird. Sie sind die moralische Cholera unserer Zeit, die mehr Schlachtopfer hinwegrafft, als je die leibliche Cholera gethan hat; sie sind der Judas, der unter Gruß und Kuß nahet, und nichts anders im Sinne hat als unser Verberben; sie sind ein Sclavenhandel, der offner und furchtbarer getrieben wird auf den Gassen unserer Stadt, als der Negerhandel in Amerika; sie sind der Teufel, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge. Berlin, so hoch gepriesen durch seine Bildung, seine Künste und Wissenschaften, sein Christenthum sieht am Vorabend banger Zeiten, wenn es fortfährt wie die Jünger zu schlafen, wahrend Judas schon in der Nähe sich aufhält.

III.

Doch genug. Laßt uns zum Schlusse die Folgen des Verraths betrachten. Judas sah Jesum gebunden hinwegfuhren und Pilato überantwortet werden zum Tode. Da fiel es ihm schwer auf’s Herz, was er gethan; das ganze Verbrechen in seiner Abscheulichkeit und Nichtswürdigkeit, wie er nun ein Mitschuldiger des Mordes geworden und Menschenblut, das Blut dessen vergossen habe, der ihn drei Jahre lang mit namenloser Geduld und Liebe getragen, trat vor seine Seele; Gewissensbisse erwachten und folterten ihn furchtbar. Was sollte er nun anfangen? Bei den Jüngern durfte er sich nicht mehr sehen lassen, Jesus war zum Tobe verurtheilt unter allen Menschen hatte er nun keinen Freund mehr, und sein eignes Herz war ihm der bitterste Feind geworden. Wie erbärmlich erschienen ihm da die dreißig Silberlinge, nach denen früher so heiß seine Begierde gestanden! Wie sah er nun ein, daß Geld nicht beglückt, wenn im Gewissen kein Friede ist, und daß der Mensch alles verloren hat, wenn er Christum verliert! Wie gerne hätte er jetzt Alles dahingegeben und seine Tage im bittersten Elende zugebracht, wenn er damit das Geschehene hätte ungeschehen machen können! Ach, Geliebte, wer die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Tugend verrathen will, der verräth zuletzt immer nur sich selbst! – Judas eilt hin zu den Hohenpriestern und Ältesten, und spricht: Ich habe unrecht gethan, daß ich unschuldig Blut verrathen habe. Er hofft bei ihnen Erleichterung seiner Gewissensqualen zu finden. Aber was antworten sie ihm? trösten, beruhigen sie ihn etwa über seine That? Keineswegs! Sie vermehren nur seine Gewissensqual, diese Unmenschen durch die Erwiederung: Was gehet das uns an?, da siehe du zu. Unter Gottlosen ist die Freundschaft nimmer von Dauer; da ist jeder des Andern Freund nur so lange, als er Vortheile von ihm hat; hat er die erreicht, so hört auch die Freundschaft auf. So haben denn auch die Hohenpriester und Älteren kein Mitgefühl mehr mit ihm; er ist von Gott und von Menschen verlassen, und sieht allein, ganz allein, mit seinem bösen Gewissen und mit dem Gelde in den Händen, da in der weiten Welt. Aber das Geld, nein, er kann’s nicht länger behalten; denn es ist Blutgeld, es ruft, so oft er’s ansieht, immer fürchterlicher seine Missethat ihm in’s Gedächtniß; und da die Hohenpriester das Geld nicht wiedernehmen wollen, wirft er es ihnen vor die Füße, und eilt davon, umgeben von allen Schrecknissen der Hölle, vermag nicht länger, das gequälte Daseyn zu tragen, und erhenkt sich selbst.

Wie denn? War denn für ihn keine Gnade mehr zu hoffen? Allerdings, denn auch für die größten Sünder ist eine Freistatt aufgethan; auch für die Schächer am Kreuz giebt es ein Paradies. Auch Judas hätte noch Gnade finden können, wenn er sich reumüthig und gläubig im Gebet an den gewandt hätte, der eben hinging, sein Leben zu geben zur Erlösung für Viele, der Gaben empfangen hat auch für die Abtrünnigen, und von dem die Apostel bekennen: „An ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.“ Aber zu diesem Glauben ließ es jetzt die Verzweiflung, die Macht des Teufels, der von seiner Seele Besitz genommen, nicht kommen. Wie Judas früher an Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit, Allwissenheit und Wahrhaftigkeit nicht geglaubt hatte, so konnte er jetzt nicht mehr an Gottes Barmherzigkeit glauben. Entsetzliches Loos, wenn der Mensch nicht mehr glauben kann! Der Unglaube ist an sich schon die größte Sünde; aber er ist auch zugleich die größte Strafe der Sünde. Glauben wollen und nicht können, beten wollen und nicht können, bekennen wollen und nicht können, wahrlich, das ist die Spitze alles Elends, das ist die wahre Hölle auf Erben. Gott nehme uns Alle in seinen heiligen und gnädigen Schutz vor solchem Ende! Er lasse uns nie vergessen das alte Wort: Wie du glaubst, so liebst du; wie du liebst, so lebst du; wie du lebst, so stirbst du; wie du stirbst, so fährest du! Er helfe uns wachen und beten und wacker seyn allezeit, damit wir nicht in Anfechtung fallen, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Haben wir aber schwer gesündiget und fühlen wir es tief, daß die Sünde über unser Haupt gewachsen und unsere Missethat groß geworden ist bis an den Himmel: dann, Geliebte, nur gleich zu Christo hin und unter sein Kreuz, denn es giebt bei ihm eine Erlösung von jeder Sünde; dann nur nicht nachgelassen mit dem Glaubensruf: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“: auch wir werden’s erfahren, was Tausende erfahren haben:

Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnade;
Sein‘ Macht zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sey der Schade.
Er ist allein der gute Hirt,
Der Israel erlösen wird
Von seinen Sünden allen. Amen.