Andacht 15.1.2017

Homilie zu Luk. 12, 18

1. Zweifacher Art sind die Versuchungen: Trübsal erprobt die Herzen, so wie das Gold im Feuer erprobt wird … andererseits werden gerade die glücklichsten Lebensumstände auch vielen Menschen zur ärgsten Versuchung. Es ist ja gleich schwer, in verzweifelten Lagen stark und aufrecht zu bleiben wie in glänzenden Verhältnissen nicht übermütig zu werden…

2… Doch du schaust auf das Gold, auf den Bruder siehst du nicht … der Glanz des Goldes freut dich, aber wie viele Seufzer von Armen du damit verschuldet hast bedenkst du nicht. Wie soll ich dir die Leiden der Armen vor Augen führen? Überschaut der Arme seine Habe, so sieht er, daß er kein Geld hat, noch jemals welches bekommen wird, er sieht, wie sein Inventar und seine Kleider in dem Zustande sind, in welchem solche Dinge bei den Armen nun einmal sind. was jetzt? Nun blickt er auf seine Kinder, um sie auf den Markt zu führen und eines von ihnen zu verkaufen, damit die Gefahr des Hungertods für die anderen eine Weile lang beschwichtigt werde. Betrachte hier den Kampf der väterlichen Liebe mit der Hungersnot! Der jammervollste Tod droht, aber die Natur hält ihn zurück und rät ihm, lieber mit den Kindern zusammen zu sterben. Hin und her getrieben, erliegt er schließlich der unerbittlichen Not. Aber wie soll es der Vater nun angehen? Welches Kind zuerst verkaufen? Welches wird der Getreidehändler vielleicht gern sehen? Soll ich das älteste nehmen? Ich muß seine Rechte achten. Oder das jüngste? Mich erbarmt aber sein zartes Alter, das von Elend noch nichts weiß. Das eine Kind hat genau die Züge seiner Eltern, das andere wäre für ein Studium so gut befähigt! … Behalte ich sie alle, so werde ich sie alle Hungers sterben sehen. Verkaufe ich eines, mit welchen Augen soll ich dann die anderen anschauen, da ich mich schon der Untreue an ihnen verdächtig gemacht habe? Wie kann ich noch dieses Haus bewohnen, wenn ich mich darin kinderlos mache? Schließlich kommt der Vater doch, um unter tausend Tränen sein liebstes Kind zu verkaufen. Dich aber rührt sein Leid nicht…

7. Wem tue ich unrecht, fragt der Geizige, wenn ich das Meinige zusammenhalte? Aber sage mir, was ist denn dein? Woher hast du es bekommen und in die Welt gebracht? Wie wenn einer im Theater bereits seinen Platz hat und nun die nach ihm Eintretenden fernhalten wollte und den allgemein zugänglichen Raum als sein Eigentum ansprechen wollte, so ähnlich gebärden sich die Reichen. Gemeinsame Güter nehmen sie zuerst in Beschlag und machen sie durch diese Vorwegnahme zu ihrem Privateigentum. Würde jeder nur so viel nehmen, als er zur Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse braucht, das übrige aber unter die Bedürftigen verteilen, so gäbe es weder Reiche noch Arme. Bist du nicht nackt aus dem Mutterschoß gekommen? Wirst du nicht nackt wieder zur Erde zurückkehren? Woher hast du denn deine Güter? Sagst du, vom Zufall, so bist du gottlos, weil du den Schöpfer nicht erkennst und dem Geber nicht Dank sagst. Bekennst du aber, sie seien dir von Gott gegeben, dann nenne mir doch den Rechtstitel, auf den hin du sie erhalten hast! Ist Gott denn ungerecht, wenn er die Lebensgüter unter uns so ungleich verteilt? Warum bist du denn reich und jener andere arm? Doch nur deshalb, damit du in deiner Verwaltung und Freigebigkeit erprobt werdest, der Arme aber mit dem Preis der Geduld bedacht werde …