Andacht 22.1.2017

Um uns her erwacht in tausend und aber tausend Formen und Farben die Frühlingsherrlichkeit der Erde. Dem empfänglichen Gemüt wird sie zur neuen Offenbarung Gottes. Von seiner Freiheit redet sie, die ohne Schranken wirken und gestalten kann, von seiner Herrschermacht redet sie, die aus dem Tode neues Leben schafft, von der ewigen Festigkeit seiner Liebesgedanken redet sie. So stimmt sie die Herzen auf den rechten Ton: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Aber dieses Singen von den Wundern Gottes hat für gläubige Christen noch einen anderen, tieferen Grund. Weil wir von Ostern herkommen und an den auferstandenen Heiland glauben dürfen, darum stehen wir täglich in der Frühlingszeit im Reich der Gnade. Doch wie wir immer aufs neue Augen und Herzen der Schönheit erschließen müssen, die sich draußen um uns her entfaltet, so müssen wir immer aufs neue zu erfassen suchen, was Christi Leben uns bedeutet. Wir verlieren so leicht unseren schönsten Schatz. Wir vergessen so schnell, was das Beste in der Welt ist. Darum ruft uns die Schrift mit eindringlichem Ernste zu: „Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten!“

Es gibt Klöster, deren Bewohner ewiges Schweigen gelobt haben. Wenn sie sich begegnen, dürfen sie sich nur mit Grabesstimme die beiden Worte zurufen: „memento mori“, d.h. „Gedenke daran, daß du sterben mußt!“ Wir, die in der österlichen Frühlingszeit leben, dürfen ein besseres Wort einander und uns selber immer wieder zurufen: Gedenke daran, da´du einen auferstandenen Heiland hast! Christi Auferstehung soll täglich unsere Freude sein. Darum: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Bodelschwingh