Predigt 24.1.2017

Brenz, Johannes – über Matth. 9,1-8

Von dem wahren Amte unseres Herrn Jesu Christi, um welches willen er in die Welt kommen, und wozu er seine Wunderzeichen gethan habe.

(a.a.O. S. 626.)

„Von dem wahren Amte unseres Herrn Jesu Christi, um welches willen er in die Welt kommen, und wozu er seine Wunderzeichen gethan habe.“ Geprediget Anno 1537.

Dieses heutige Evangelium von dem Gichtbrüchigen begreift viele nützliche Stücklein und Lehren in sich, nämlich, was die Art und Natur eines wahren Glaubens und rechtschaffener Liebe gegen den Nächsten sei. Denn diese vier Männer, so den Gichtbrüchigen trugen und vor der grossen Menge nicht vor Christum kommen konnte, wie Lucas am 5. und Macus am 2. Cap. schreiben, steigen auf das Dach, reissen es auf und lassen diesen armen Menschen mit grosser Mühe, Arbeit und Gefährlichkeit vor Christo hernieder, aus welcher Handlung ihr grosser Glaube an Christus und herzliche Liebe gegen den Nächsten erkannt wird.

Dessgleichen wird uns ein fein Exempel aus diesem Gichtbrüchigen und Denen, so ihn tragen, vorgehalten, aus welchem wir zu lernen haben, mit welch grossem Ernst und Glauben wir unsere Kinder zu Christo bringen und ihm vorstellen sollen, auf dass sie mögen selig werden. Denn wie dieser gichtbrüchige Mensch durch seine Krankheit so übel zugerichtet ist, dass er nicht allein keine rechte Vernunft, sondern auch schier keine äusserliche Empfindlichkeit hat und einem todten Menschen viel mehr, als einem lebendigen gleich ist und doch, er sei wie er wolle, wieder gesund wird, da er zu Christo getragen wurde: also sind auch die jungen Kinder, sie haben keinen Verstand, so können sie auch Niemand um Hilfe bitten, noch anschreien; jedoch was an ihnen mangelt, Das sollen wir erstatten und sie mit grosser Andacht und Glauben zur Taufe bringen, welche ist das Sacrament von dem Herrn Christo dazu gestiftet, dass den Kindern dadurch zu ihrem Heil und Seligkeit geholfen werde.

Neben dem erzählten Stücklein wird in diesem Evangelio auch von der Fürbitte gehandelt. Denn solche ist gut und nützet Anderen, doch nicht also, dass Einer ohne Glaube könne selig werden. Es muss ein Jeder einen besondern Glauben haben, wie der Prophet Habacuc sagt: Der Gerechte wird seines Glaubens (nicht eines fremden Glaubens) leben. Sondern also ist sie nütz, dass man durch die Fürbitte einem Andern vor Gott auch einen Glauben erlangen kann, dadurch er selig wird. Denn wie diesem Gichtbrüchigen die Gesundheit und Stärke Derer, so ihn getragen, für sich selbst nicht nütz gewesen, auch ihn nicht gesund gemacht hat, sondern ist ihm dazu gut gewesen, dass er zu Christo getragen worden und bei ihm die Gesundheit erlangt hat, also kann Keiner um eines Andern Glaubens und Gebets willen selig werden; aber doch kann er durch eines Andern Glauben und Gebet auch einen besondern Glauben erlangen und dadurch selig werden.

Dieses (sage ich) und dergleichen mehr Stücklein werden in diesem heutigen Evangelio begriffen; aber die Zeit will’s nicht leiden, dass wir von einem jeden insonderheit handeln. Wir wollen demnach das vornehmste Stück und Haupthandel solches Evangelii vor uns nehmen. Denn es lehret uns, welches die vornehmste Ursach sei, um derer willen Christus in die Welt kommen ist. Es lehret uns daneben den rechten Nutzen und Brauch der Wunderzeichen Christi, so er auf Erden gethan hat. In Summa, es unterweiset uns, wie wir die zwei grössten Güter erlangen mögen, unter welchen das eine vor allen leiblichen Gütern den Vorzug hat, nämlich die Gesundheit des Leibes, das andere aber unter allen geistlichen und himmlischen Gütern das vortrefflichste ist, nämlich die Gesundheit der Seele, oder die Verzeihung der Sünden, welche die wahre Gesundheit der Seele ist. Wir werden demnach unser Tagewerk wohl und nützlich geschafft haben, so wir solche Stücklein mit Fleiss lernen werden.

Hierauf schreibt der Evangelist also, da dieser gichtbrüchige Mann vor Christus sei gebracht worden, habe er nicht gleich von Stund an zu ihm gesagt: Stehe auf und wandle; sondern habe gesagt: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir verziehen. Mit diesem unvorsehentlichen Worte hat der Herr wollen offentlich zu erkennen geben, dass er weit um einer andern Ursach willen in diese Welt kommen sei, denn der grösste Haufe gemeint habe. Denn Derer sind Viele, die nicht anders wissen, noch gedenken, denn dass Christus allein um dieser Ursach willen in die Welt kommen sei, dass er nach äusserlicher weltlicher Herrlichkeit und Pracht regiren und äusserliche Seligkeit werde anrichten, also, dass wenn Einer arm sei, dass er ihn reich mache, sei Einer krank, dass er ihn gesund mache, item, wenn Einer unterdrückt sei, dass er ihn erledige u.s.w. Aber Christus hat solche Meinung selbst widerlegt, da er vor Pilato stand und sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Danach sind Andere, die geben vor, Christus sei darum in die Welt geschickt, dass er ein Gesetzgeber sein solle, der ein vollkommneres und vortrefflicheres Gesetz gebe, denn das Gesetz Mose wäre. Aber dieses ist auch eine nichtige Meinung, sintemal das Gesetz vollkommentlich durch Mosen gegeben ist. Und wiewohl Christus bisweilen das Gesetz gelehret, so hat er es doch nicht als ein Gesetzgeber, sondern als ein Ausleger und Dolmetscher des alten Gesetzes, welches durch Menschensatzung verdunkelt war, gelehrt. Denn was er im Evangelio Matthäi am Fünften und Lucä Cap. 6. lehret, das ist nicht ein neu Gesetz, sondern das alte, wie es denn zuvor von den Propheten war ausgelegt worden.

Zudem sind noch Andere dieser Meinung, dass Christus allein darum kommen sei, dass er uns ein vollkommen Exempel eines gottseligen Lebens an sich selbst habe vorstellen wollen. Und allerdings, er hat aus ein vollkommen Exempel, wie man gottselig leben solle, vorgetragen. Aber unser würde gar übel gewartet werden, wenn er allein um solcher Ursach kommen wäre. Was nützt es einem müden, lahmen Menschen, wenn ein Bildstock am Wege steht und zeigt ihm, wo er soll hinausgehen, so es ihm doch unmöglich ist, an selbigen Ort zu kommen? Was nützt es einem Kranken, wenn ein Gesunder ihm anzeigt, wie man gehen solle? Also ist’s auch hier. Wir sind von Natur krank und dazu schier gar todt, so viel ein gottselig Leben belangt, können desshalb den Exempeln christi nicht allerdings nachkommen. Darum, wenn Christus sonst keiner andern Ursach wegen kommen wäre, denn dass er uns ein Exempel und Vorbild unseres Lebens vorgetragen hätte, so wäre uns sein vollkommenes Exempel des Lebens gar Nichts nütz, sintemal, wie gemeldet, wir wegen unserer angeborenen Schwachheit solchem nicht können nachkommen.

Warum ist er denn in diese Welt gekommen? Die Ursach meldet er im heutigen Evangelio selbst, da er zum Gichtbrüchigen sagt: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir verziehen. Denn Christus ist allermeist darum kommen, dass er die Sünde hat wollen nachlassen.

Wenn man aber Solches predigt, haben die Leute gar mancherlei Einfälle. Einer gedenkt: Wie? Ich höre wohl, Christus ist kommen, dass er ein gut Leben hat anrichten wollen. Denn ist Das wahr, wie man sagt, dass er kommen ist, die Sünde nachzulassen, so wird ein Jeder thun mögen, was sein Herz gelüstet und verlangt. Ein Anderer gedenkt: Wie? Ist dieses der grosse Handel, um dessen willen Christus ist in die Welt gekommen? Soll es denn ein solch Ding sein um die Verzeihung der Sünden? Wenn mich hungert, wären mir ein paar gesottene Eier viel lieber, denn dass mir Einer von der Verzeihung der Sünden predigt. Es hätten auch diese vier Männer, so den Gichtbrüchigen zu Christo getragen, gedenken mögen: Lieber, wir haben diesen nicht darum zu dir gebracht, dass du ihm seine Sünden verzeihen sollest; wenn du ihn gesund gemacht hättest, wäre uns viel lieber gewesen.

Aber hier müssen wir lernen, dass die Vergebung der Sünden nicht also schlecht und kraftlos sei, dass sie entweder dem Menschen gestatte, seines Gefallens zu leben, oder andere leibliche Güter für vortrefflicher und höher zu halten. Denn als Christus diesen Befehl von seinem himmlischen Vater empfangen, dass er sollte die Menschen wiederum erlösen und ihnen die ewige Seligkeit zustellen, hat er keine bessere, noch bequemlichere Weise, solchen Befehl auszurichten, denn die Verzeihung er Sünden. Das sollen wir daher merken, wenn wir wollen selig werden, so ist am allervordersten von Nöthen, dass wir vor Gott fromm und gerecht seien. Nun können wir aber aus unserer eigenen Frömmigkeit und guten Werken keineswegs fromm und gerecht werden, sintemal alle unsere Werke entweder lauter Sünde sind wider Gottes Gebot, oder aber nicht vollkommen gut sind und können dem Gesetze Gottes nicht genug thun. Demnach hat unser Herr Christus diesen Weg, nämlich die Verzeihung der Sünden, gefunden, auf dass wir durch solche vor Gott dem Herrn fromm und gerecht werden. Denn diese will Gott der Herr allein für fromm erkennen und urtheilen, denen Christus die Sünde verziehen und ihnen seine Frömmigkeit und Gerechtigkeit geschenkt hat. Das ist, welcher an Christum glaubt, Der hat Verzeihung der Sünden. Wo nun die Verzeihung der Sünden ist, da ist auch die Gerechtigkeit; wo diese ist, da ist die Vollkommenheit des Gesetzes. Desshalb, welcher Verzeihung seiner Sünden hat, Der wird von Gott nicht anders beurtheilt, denn als ob er das Gesetz vollkommentlich erfüllt hätte.

Item, wenn wir zur Seligkeit kommen wollen, so darf weder Krankheit, noch Armuth, noch der Tod oder die Hölle, auch kein ander Unglück uns können schädlich sein. Solches aber ist unmöglich, wo nicht die Sünde vorhin verziehen ist, sintemal aus der Sünde, als aus einer Quelle und Wurzel aller Jammer und Unglückseligkeit dieser Welt erwachsen ist. Wenn Adam und wir Alle in Adam nicht gesündigt hätten, so hätte die Armuth, Krankheit, der Tod, die Hölle und Verdammniss uns müssen zufrieden sein lassen. Nachdem aber die Sünde in die Welt gekommen ist, so sind damit eingeschlichen alles Unglück und Verderbniss, wie denn Solches offenbarlich zu vernehmen ist aus den Worten Gottes des Herrn selbst, die er zu Adam sprach: Welches Tages du essen wirst von dem Baume, den ich dir verboten, dass du nicht davon essen sollst, so wirst du des Todes sterben. Und nachher in dem 5. Buche Mosis im 28. Cap. sagt Gott: Wenn du nicht wirst hören die Stimme deines Gottes, sollst du verflucht sein in deinem Hause, in deiner Scheuer, auf deinem Felde u.s.w. Und Paulus sagt in der Epistel zu den Römern am 6. Cap.: Der Tod ist eine Besoldung der Sünden. Nachdem nun Christus sich vorgenommen hatte, alles Unglück, den Tod und die Verdammniss abzuschaffen, hat er die Ursache solcher Stücke, nämlich die Sünde wollen wegnehmen und verzeihen, auf dass, so die Ursach nicht mehr vorhanden sein würde, auch kein Unrath mehr sich möchte zutragen. Es hat also unser lieber Herr Christus gehandelt als ein fleissiger Gärtner. Denn wenn Einer seinen Garten reuten und fegen will, so hauet er nicht das Unkraut oben allein ab und lässt die Wurzel stecken, sondern er räumet der Wurzel zu, hauet dieselbige ab, wirft sie hinweg. Wenn Solches geschehen, muss das Unkraut, so aus der Wurzel gewachsen war, selbst verderben; und ob sie noch wohl eine Zeit lang grün und frisch ist, muss sie doch endlich welken und verdorren. Also ist Christus der rechte, künstliche Gärtner; denn da er das Unkraut alles Unglücks dieser Welt hat wollen ausreuten, hat er sich nicht sonderlich viel an die äusserlichen Blätter des Unkrauts gekehrt, sondern hat sich beflissen, dass er die Wurzel, das ist die Sünde, ausreutete und löste. Und ist nicht zu leugnen, er hat das äusserliche Unglück und Tod nicht allerdings abgeschafft; aber sie können in den frommen, gläubigen Menschen nicht mehr grünen, sintemal die Wurzel, das ist die Sünde, abgehauen und hinweggeworfen ist.

Es hat desshalb Christus, der Sohn Gottes, uns am allerhöchsten damit geholfen und unser Heil zum Besten damit bedacht, dass er die Sünde gebüsst und nachgelassen hat. Dass er aber Solches gewisslich gethan, hat er es mit grossen, herrlichen Wunderzeichen bewiesen. Darum sagt er in dem heutigen Evangelio: Dass ihr aber wisset, wie des Menschen Sohn Macht habe auf Erden, die Sünde zu verzeihen, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim. Hier sollen wir die gründliche Ursach der Wunderzeichen Christi bedenken. Denn Christus hat sie nicht weltlicher Hoffahrt wegen, auch nicht um Derer Heiligkeit willen, so er gesund gemacht, gethan, sondern er hat damit die Lehre seines heiligen Evangelii bestätigen wollen, welche darauf besteht, dass die Menschen nicht durch ihre eigene Gerechtigkeit, sondern allein in ihm die Verzeihung der Sünden erlangen können. Solche Ursach seiner vollbrachten Wunderzeichen meldet er selbst Johannis am 5. Cap. und spricht: Die Werke, so ich thue, zeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat. Demnach, so oft wir der Wunderzeichen Christi eins vernehmen, sollen wir uns nicht anders in unserm Sinne sein lassen, denn als ob wir ein himmlisch Wortzeichen sähen, mit dem dargethan und erwiesen werde, dass wir vor Gott dem Herrn um Christi willen die wahre Frömmigkeit und Gerechtigkeit haben; item, das alles Unglück, Fluch, Tod und Hölle abgethan und kraftlos worden ist.

Dieweil wir aber eine so grosse Gutthat von Christo empfangen, soll sich’s gebühren, dass wir uns auch dankbar gegen ihn erzeigen, auf dass wir bei solcher edeln, vortrefflichen Gutthat, der Verzeihung der Sünden, bleiben und in Christo ewiglich mögen selig werden. Amen.