Andacht 28.1.2017

Das Gleichniß vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen.

Luk. 15,3-10

Obwohl Jesus eben vorher die schwersten Forderungen an die Seinen gestellt, daß sie ihr Kreuz auf sich nehmen, allem absagen sollen, das sie haben, so folgte ihm doch eine große Menge Volks nach, namentlich Zöllner und Sünder. Zu wem anders sollten sie gehen? Die Pharisäer schlossen sie ja als ganz unwürdig von ihrer Gemeinschaft aus und dann konnte ihre Lehre ihnen auch nicht von ihren Sünden helfen, da sie ja nur Aeußerliches vorschrieben, wie Waschung der Hände und ähnliches. Sie kommen also im Gefühl ihrer Sünden zu Christus, als dem Arzt. Als dieser sie freundlich aufnahm, murrten die Pharisäer: dieser nimmt die Sünder an. Gleich und gleich gesellt sich gern! Er könne also nicht der Prophet sein, für den er sich ausgebe, ja nicht einmal ein rechtschaffener Mann überhaupt. Allerdings darf man in der Regel einen Menschen nach seinem Umgang beurtheilen. Willst du Charakter und Gemüthsart eines Unbekannten kennen lernen, so hast du nicht nöthig, mit ihm selbst dich einzulassen; frage nur, wer die seien, mit denen er umgeht, und du weißt, wie er ist. Aber es kann diese Regel auch auf’s Schändlichste mißbraucht werden. Ist der Arzt deßwegen krank, weil er mit Kranken umgeht? Sind die Gelehrten unwissend, weil sie Unwissende unterrichten? So verkehrte Christus mit den Sündern, um sie von ihren Sünden gleichsam an der Hand zur Gerechtigkeit zu führen. Nur die Pharisäer mißdeuteten es aus Neid, mit wahrhaft satanischer Bosheit, denn der Teufel ist seinem Grundwesen nach ein Verläumder. Von dieser Verläumdung nimmt Jesus Anlaß, die süßeste, erfreulichste Wahrheit zu lehren, die von der Liebe Gottes gegen Sünder, welche Buße thun. Er thut dies in drei Gleichnissen, deren erstes von der Sorge und Bekümmerniß Gottes um die Sünder und ihre Bekehrung handelt, während das zweite zugleich zeigt, wie kein Sünder, er sei auch noch so tief gefallen, verachtet oder gering geschätzt werden dürfe. Es eröffnet uns die tiefsten Einblicke in Gottes Gedanken und Rathschlüsse. Aehnliche Beispiele, wie das des Menschen, der dem einen verlorenen Schaf nachgeht, während er die neunundneunzig läßt, die er in Sicherheit weiß, wie das der Hausmutter, die mit größerer Sorgfalt den verlorenen Groschen sucht, als sie die andern aufbewahrt, finden sich in der heiligen Schrift. Jakob trauerte mehr um den Einen verlornen Sohn Joseph, als er sich durch den Besitz der andern Söhne tröstete. David trauerte stärker über den Einen Absalon, als er sich seiner noch übrigen Söhne freute. So ist Gott um die verlorenen Menschenkinder auf’s Zärtlichste besorgt. Verlorene Schafe sind wir, wie schon Jesaias sagt: wir gingen in die Irre, wie Schafe. Das Schaf ist so dumm, daß es, wenn es sich vom Stall weg verirrt hat, eher durch Kälte umkommt, als in den Stall zurückkehrt, selbst wenn der Hirt es gefunden, ihm nicht folgt, sondern getrieben, geführt, von ihm getragen werden muß. So der Sünder, der sich von der Weide des Himmelreichs hinweg verirrt hat und lieber in der Wüste dieser Welt verkommt, als zu seinem Gott zurückkehrt. Aber Gott jammert seiner noch mehr, als je einen Menschen deß, das er verloren; nachdem er schon dem Samen Abrahams verheißen, daß in ihm alle Völker gesegnet sein sollen, nachdem er durch das Gesetz Erkenntniß der Sünde und durch die Propheten Sehnsucht nach dem Heil geweckt, sandte er seinen eingeborenen Sohn und verschonte ihn selbst nicht mit dem Kreuzestod, um das verlorene Schaf zu retten, und schickte nach seiner Erhöhung die Apostel über die ganze Erde, den Menschen zu bezeugen, daß er ihrer noch mehr achte, als selbst der ganzen Engelwelt. Und welche Freude, wenn der Sünder sich bekehrt! Gott thut ihm wohl auf manchfache Weise, schützt ihn im Unglück, trägt ihn gleichsam auf den Schultern, läßt die Engel im Himmel sich darüber freuen und ihn unter ihren Schutz nehmen, der mächtiger ist, als der aller Könige der Erde. Wer kann solche Gnade Gottes, solches Glück des Sünders, der Buße thut, mit Worten schildern, ja auch nur begreifen? Wer aber auch die Unseligkeit derer ermessen, die durch Unbußfertigkeit solch Heil verscherzen? Gibt uns also dies Gleichniß die unbegrenzte Gnade Gottes gegen den Sünder und die Pflicht des Sünders Buße zu thun, zu erkennen, so straft der Herr in demselben auch den Stolz der Pharisäer und Schriftgelehrten, mit welchen sie die Sünder verachten. Kein Mensch, und ist er noch so ehrbar, reich, gelehrt, darf den Andern, ob er unwürdig, arm, unwissend, unredlich ist, gering schätzen. Oder willst du besser sein, als Gott? Der Herr sucht den Sünder auf, und du verschmähst ihn? Der eingeborene Sohn Gottes geht in den Tod für ihn, und du wendest dich mit Eckel vor ihm ab? Die Engel freuen sich über den Sünder, der Buße thut, und du fährst fort, auch nachdem er sich gebessert, ihn öffentlich und geheim zu schmähen? Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn.

Auch im Gleichniß vom verlorenen Groschen wird uns die Sorge Gottes für den Sünder abgebildet und die Pflicht eingeschärft, Keinen zu verachten. Auf der Münze pflegt der Fürst sein Bild zu prägen. So trugen wir von Anfang das Bild Gottes, das wir großentheils durch die Sünde verloren. Aber so groß ist die göttliche Gnade, daß er, wie das Weib den verlorenen Groschen, uns sucht, indem er sein Licht anzündet, das Wort Gottes, das Evangelium von Christo zumal, das die wunderbare Eigenschaft besitzt, die, die nicht sehen, sehend, und die sehen, blind zu machen. Die Pharisäer waren nach ihrer Meinung die am hellsten Sehenden, die Zöllner und Sünder ganz blind. Jene aber wurden vom Licht geblendet, verfinstert, diese erhellt. So die Juden, und im Gegensatz gegen sie die Heiden. Auch jetzt noch zündet der Herr sein Licht an, läßt sein Evangelium uns verkündigen; wohl dem, der sich finden läßt, dem Evangelium folgt, Buße thut; die Engel freuen sich sein und er wird ewig selig!

Brenz