Predigt, gehalten am Sonntage Reminiscere

Krummacher, Friedrich Wilhelm – Das Blut des Lammes.

Lucas 22,41.
Und es kam, daß er mit dem Tode rang, und betete heftiger. Es ward aber sein Schweiß wie Blutstopfen, die fielen auf die Erde.

Die Passionsglocken durchhallen die christliche Welt. Unter ihrem feierlich ernsten Klange finden auch wir uns heute hier versammelt. Das Allerheiligste der evangelischen Geschichte thut sich vor uns auf. Unsre Betrachtung sieht die blutgenetzten Gründe unsrer ewigen Erlösung legen, und unser Herz wird zur Entscheidung gedrängt zwischen der rückhaltlosen Uebergabe an den Mann der Schmerzen, und dem Aergerniß an ihm und seiner Sache.

Das verlesene Textwort versetzt uns mitten in den geheimnißvollen Oelbergskampf hinein und entschleiert uns ein Schauspiel, wie ein erschütternderes die Erde nie erblickte. Er, der auf Thronen ewiger Seligkeit ruhen sollte, liegt, ein zitternder Wurm, mit dem Tod ringend im Staube, und statt der Schweißtropfen quillt, von unermeßlicher Herzensangst entpreßt, das helle Blut aus seinen Adern. Das erste vergossene Blut des Lammes Gottes! Das hemmt unsre Schritte und gebietet unsern Gedanken halt. Vom Blute Christi wollen wir handeln, und zwar unter dem Wiederhall des apostolischen Ausspruchs 1. Joh. 1,7: „Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Reden wir zuerst von dieses Blutes Wesen und Bedeutung; und dann von der Macht und Wunderwirkung dieses Blutes.

Ein großer Gegenstand, der unsrer Andacht vorliegt. Erschließe der heiige Geist uns seine Tiefen.

1.

Vom Blute Christi hört die moderne Welt nicht gern. Nicht, als ob vor dem Worte und Begriffe Blut überhaupt ihr graute. Sie läßt sich’s gefallen, daß man von einem Helden rühme, der sein Blut für’s Vaterland verströmte. Dichterisch schön sogar deucht ihr die Rede von „blutgenetzten Fahnen“ von Schwerdtern „in Feindes Blut gebadet“. Ein ansprechendes Bild erblickt sie in dem Pelikan, der seine Zungen mit seinem eigenen Blute nähren soll. Sobald aber des Blutes Christi Erwähnung geschieht, fährt sie scheu und peinlich gestimmt zurück, als widerführe ihr, ich weiß nicht, was Leides. Kein Wunder. Es mahnt jener Laut ja an so Manches, was dem natürlichen Sinn des selbstgerechten Adamssohns schnurstracks zuwiderläuft. Auf’s grellste prägt sich der Widerwillen der unbekehrten Welt gegen das Blut Christi in dem gehässigen Namen der “Bluttheologie“ aus, womit sie unsre rechtgläubige Lehre wegwerfend zu bezeichnen pflegt. Doch trägt sie an diesem ihrem Abscheu gegen das Blut des Lammes nur das Brandmal einer von Gott Geächteten an der Stirn. – „Was sagst du da?“ – Ja, Freunde, der Verächter des Bluts des neuen Testamentes ist zum Gericht gezeichnet und zum ewigen Tode. – „Obscurante du!“ – O, euer Scheltwort fällt nicht auf mich, sondern auf den Herrn selbst, und alle seine heiligen Propheten und Apostel. Leset unter Anderm nur 1. Corinth. 1,18: „Das Wort vom Kreuze (d.i. vom Blut das Wort) ist eine Thorheit denen, – die verloren gehen. Hört ihr? Hat Paulus zu viel damit gesagt, so hadert mit ihm, und nicht mit uns; denn wir reden aus seinem Munde, er aber aus dem Munde Christi; und er weiß, was er redet, und wird es zu vertreten wissen. In unsern Tagen, wo christlich zu sein in manchen Kreisen wieder in etwa zum guten Ton gehört, haben Unzählige sich ein Christenthum zurecht gemacht, in welchem nichts vermißt wird, als ein Einziges aber damit auch Alles. Es fehlt das Blut. Solch Christenthum aber ist eine Schale ohne Kern, ein Leib ohne Seele; ja, genau besehn nichts Anderes, als ein gleißender Deckmantel tiefinnerlicher Feindschaft wider Christum. „Aber wir glauben doch die höhere Würde Christi“. – Immerhin! – „Und Christi göttliche Sendung und Bestimmung“. – Sei es! – „Und die Wahrheit seiner Lehre, seiner Wunder“. – Mögt ihr, mögt ihr! Die Teufel glauben solches Alles auch, und bleiben doch unselige und verdammte Geister. Und euer Glaube wiegt in der Wage des Heiligthums nicht schwerer, als der ihre, solange er abgeneigt und scheu um das Blut herumgeht. Erst die Weihe der Blutbesprengung schafft, und die Lust und Liebe zum Blut bezeichnet den Jünger Christi. Wo es an dieser Signatur gebricht, da finde sich im Uebrigen, was immer wolle; was frommt’s? Begeistertes Lob ertöne da zu Jesu Verherrlichung; man strotze von Andacht und von guten Werken, und gebehrde sich in Wort und Wandel, als wollte man die Christlichkeit in Person präsentiren: man ist doch eine Christenlarve nur. Denn wißt ihr, was ein Christ ist? Ein alter Kirchenvater sagt: „Eine Lerche ist er, die, indem sie mit ihren Flügeln das Kreuz schlägt, sich jubelnd von der Erde zum Himmel aufwärts schwingt“. Ein Dichter sagt: „Eine Lilie ist er am Kalvarienberge, welcher täglich aus der himmlischen Priesterhütte ein Engel naht, um sie mit purpurnem Thaue zu tränken und zu nähren“. Ich sage: er ist ein Schiffbrüchiger, der einzig noch an dem erhaschten Kreuzesbalken über den kochenden und brausenden Strudeln der Verzweiflung sich oben hält. Ja, sein „Leben ist im Blut“, im Blut des Lammes. Dieses Blut bildet den Mittelpunkt des ganzen Christenthums. In Christi Blut gründet der Tempel des neuen Testaments. Nehmt das Blut hinweg, und ein solcher Tempel existirt nicht mehr. Keinem aus seinem Sündentaumel erwachten Schächer öffnet sich mehr ein Asyl. Kein verlorener Sohn findet, und ob er in Reuethränen auch zerflösse, die Pforten der Vaterhütte wieder aufgethan. Daß bei der großen Errettungsangelegenheit der sündigen Menschheit Alles auf’s Blut gestellt sei, wurde der Welt früh und unzweideutig genug von Oben her kundgethan. Sagt, welche Farbe ist es, die in dem ganzen Bibelbuche vorherrscht? In welcher erschien die erste Messiasverheißung schon, womit Jehova die zitternden Sünder im Paradiese überraschte? In welcher wartete Abel dem Herrn auf, als er sein wohlgefälligeres Opfer brachte? Welche errettete die Kinder Israel in Egypten von dem Mordschwerdt des unsichtbaren Würgers? Welche Farbe trugen alle Vorbilder und Gottesdienste der aaronitischen Hütte? In welcher glänzten die Bundeslade am großen Versöhnungstage, und die heiligen Altäre? In welcher empfing das am Staube hingestreckte Volk die Absolution des Hohenpriesters? In welche seht ihr das 53. Kapitel des Jesaias, dieses alttestamentliche Evangelium, gekleidet? Und das neue Testament, in welche Farbe seht ihr’s gleichsam eingetaucht? Welche leuchtet euch aus den Panieren an, die die Apostel unter die Heiden trugen? Und welche Farbe trugt und trägt das Bad, in dem die Seligen am Stuhle Gottes, sie, mit den Palmzweigen in den Händen, ihre Kleider wuschen und helle machten? Nicht wahr, es ist das Rosenroth des Blutes, das in Bild und Weissagung des alten Testamentes auf dasselbe Blut des Lammes hinüberzielte, welches im Neuen als das Arkanum gegen alle Seelenschäden jubelnd gepriesen wird.

O welch ein Lobgesang zum Preise dieses Blutes durchrauscht die Welt, zwar leise beginnend in zerstreuten Hüttlein vereinzelter Friedenskinder, aber anschwellend dann von Jahrhundert zu Jahrhundert bis zum mächtigsten Chore. Vier Jahrtausende hindurch schwebt er dahin im Tone der Sehnsucht. Seit achtzehn Jahrhunderten erfüllt er im Klange der Freude Himmel und Erde. Bald ist er Jubelsang geretteter Sünder, die, wie sie das Blut erblicken, all ihres Hungers und Kummers ledig sind. Bald ertönt er als Hoffnungssang schwerbedrängter Kämpfer, die beim Aufblick aus dem Gedränge zu jenem Blute an einem glücklichen Ausgang ihrer Sache nicht mehr zweifeln. Bald erklingt er als Friedenslied angefochtener Seelen die unter den Faustschlägen des Satansengels in Christi Blute die volle Beschwichtigung ihres Herzens wiederfinden. Bald steigt er als Siegeshymnus sterbender Gerechten zur Höhe empor, die Sünde, Tod, Hölle und Teufel überwunden zu ihren Füßen liegen sehn, weil sie ihre Herzensschwelle mit jenem Blute geröthet wissen. Manches mag in der Welt schon lauter und mit größerem Pompe gepriesen worden sein; aber tiefer, und inbrunstvoller, und seligeren Herzens ward nichts noch gepriesen, als das Blut des Lammes.

Christi Blut! – das Blut des Sohnes Gottes! – Welch ein Ausdruck! Wie würden wir bestürzt und stutzend stehn, wenn wir ihn zum erstenmal vernähmen! Ja, es heißt sein Blut sogar einmal Gottes Blut. „Weidet die Heerde Gottes“, lesen wir Apostelgeschichte 20,28, „welche Er mit seinem eignen Blut erworben hat“. Und wer es für etwas Geringeres achtet, als für ein solches, der achtet es nach Begriffen der Schrift für nrein. Einem Solchen aber dreimal wehe! „Wenn jemand das Gesetz Mose bricht“ heißt’s Hebräer 10,29, „der muß sterben ohne Barmherzigkeit. Wie viel ärgere Strafen, meinet ihr, wird der verdienen, der das Blut des Testamentes unrein achtet. Schrecklich ist’s in die Hände des lebendigen Gottes fallen“.

Ihr wißt, wie und in welcher Art der reinen Himmelstraube Christo ihr heiliges, durch keine sündliche Regung je beflecktes Weinbeerblut entzogen ward. Wir sehen’s heute zum erstenmale den mit dem Bann geschlagenen Acker unsrer Erde netzen. Und ach, in welcher unerhörten Weise fließt es hier! Noch drangen keine Nägel dem Heiligen Israels durch Hand und Fuß; kein Speer durchbohrte noch sein treues Herz; noch schlang sich keine Dornenkrone um seine Schläfe; – und dennoch! – – ach, die Dornenkrone, der Speer, die Nägel sind in seinem Innern. O seht ihn zitternd an allen Gliedern im dunkeln Hintergrund des Gartens auf seinem Angesicht am Staube liegen. Hört, wie er stöhnt und klagt und wimmert, gleich Einem, der nur an einem Halme noch über dem gähnenden Abgrund der Hölle schwebte. Nehmt wahr, wie er ein um das andere Mal mit der Angst und Schrecken athmenden Frage, ob es denn nicht möglich sei, daß dieser Kelch an ihm vorübergehe, seines Vaters Thron bestürmt; und schaut, wie er, als fände er auch des Vaters Haus und Herz verriegelt, wiederholt in unstäter und flüchtiger Bewegung zu seinen schlafenden Jüngern eilt, ob ihm in deren armer Nähe und Gemeinschaft eine Blume des Trostes und der Ermuthigung blühen möchte. Ein Engel schwingt sich vom Himmel zu ihm nieder; aber nur, wie es scheint, um ihn zu neuen Kämpfen körperlich zu stärken. Denn gleich nach seiner Entfernung steigert sich erst die Noth zum höchsten Gipfel des Entsetzlichen. Todes-Weh und Grauen durchschauert sein Gebein. Die Bäche Belials umrauschen ihn. Die Angst droht Sehnen und Nerven ihm zu zerreißen. Da tritt denn die erschütternde Erscheinung ein, die man außer an Ihm nur in einzelnen wenigen Fällen noch, und zwar – denkt! – an besonders schwer verschuldeten Missethätern, wie an Karl IX. von Frankreich, dem Werkzeuge Roms bei der Pariser Bluthochzeit, in den Augenblicken will beobachtet haben, da sie unter den Foltern ihres erwachten Gewissens verzweifelnd von hinnen fuhren. – Ach seht, statt des Schweißes entquiltt den Adern des heiligen Dulders das helle rothe Blut, und fällt in dicht geronnenen Tropfen von seiner Stirn zur Erde nieder. – Es haben Manche diese Thatsache bestreiten, und aus dem “Wie“ in dem Satze: „Sein Schweiß ward wie Tropfen Blutes“, folgern wollen, der Evangelist beabsichtige nichts weiter, als den Angstschweiß des Herrn mit Blutstropfen zu vergleichen. Aber das vergleichende “wie“ meint nicht das Blut, sondern nur die Tropfen. Wollte Lucas nichts, als den dichten Erguß seines Schweißes bezeichnen, so hatte er an den “Tropfen“ Vergleichungspunkt genug, und brauchte des Blutes gar nicht zu erwähnen. Er wollte uns aber melden, Blut habe Jesus geschwitzt, und in schweren Tropfen sei es von seinem Angesicht herabgerollt. – „Wie“, fragt ihr, „enträthselt sich aber ein solcher Angst- und Schreckenssturm in der heiligen Seele des gottergebenen Dulders?“ O Freunde, die menschliche Seelenkunde bettelt ihr um den Schlüssel zu diesem Geheimnisse vergebens an. An das, was wir Furcht des Todes nennen, an ein Bangen vor den nahenden Martern Gabbathas und Golgathas ist hier nicht von fern zu denken. Wie gefaßt ja mit wie gehobener Seele der Heiland darauf hinsah, davon habt ihr wiederholentlich, und noch auf dem Wege nach Gethsemane hinreichend euch überzeugen können. Nein, es ist nicht eine zukünftige, sondern eine gegenwärtige Noth, die also bis zum Blutschweiß ihn erschüttert. „Aber welche?“ O, wer benennt sie, die Bestandtheile des gallenbittern Trankes, der in dem Kelche ihm gemischt war, dessen Zurücknahme im Rath der unsichtbaren Wächter keinesweges für möglich, sondern für schlechthin unvereinbar mit der Aufgabe, deren Lösung dem großen Mittler oblag, erachtet wurde. In Gethsemane ging die Liebe unsres Bürgen so tief in die Gemeinschaft mit den Sündern ein, daß er ihre Sünden als die seinigen fühlte, und die Hölle eines vollständig vor Gott erwachten Schuldnergewissens in seinen eigenen Busen aufnahm. Dort faßte er im Innersten seines Bewußtseins sich mit den Uebertretern dergestalt in eins zusammen, daß er alle Schrecken des Gerichts, wie sie ihrer harrten, selber durchempfand. Ueberdieß war dort, seinen eignen Andeutungen nach, der „Macht der Finsterniß“, wie nie zuvor, Freiheit und Raum gegeben, mit Allem, was an versucherischen und Grauen erregenden Künsten und Vorspiegelungen ihr zu Gebote stand, wider ihn anzustürmen, und seinem Glaubensgehorsm die Feuerprobe zu bereiten. Ahnet hienach, welcherlei Art die Qual und Pein gewesen sei, die der Oelbergskelch für ihn umschloß. Ein Fluchkelch war er. Als der Mann, der an unsrer Stelle stand, trank Jesus ihn. ER “opferte“, sagt der Hebräerbrief Cap. 5, „Gebet und Flehen sammt starkem Geschrei und Thränen“! d.h. er brachte dieses Alles, und in diesem sich selbst, in priesterlicher Verrichtung für die Sünder dar. Und so ist es denn auch nicht das materielle Blut, wie es aus seinen Adern floß und von der Erde getrunken wurde, sondern die Summa seiner stellvertretend erduldeten Todesmarter, von der Schrift der Kürze halber sein Blut genannt wird. Sein leidender Gehorsam bis in den Tod, seine ganze Schuldabtragung und Lösegeldzahlung an unserer Statt, sein Tausch mit uns in Uebernahme unsres Fluchs, sein priesterlich zur Sühnung unserer Sünde dargebrachtes Opfer: dieses Alles begreift die Schrift unter den Namen des Lammesbluts; und in solchem Sinn das Wort gefaßt bleibt’s ewig wahr, daß die Fundamente alles Welttheils in seinem Blute ruhe.

2.

Was vermag denn Christi Blut? Was Berge von guten Werken durch uns gehäuft, Rauchsäulen von Gebeten, aus unserer Mitte gen Himmel wirbelns, ja Ströme selbst von Reuethränen, von uns vergossen, nie und nimmermehr vermocht haben würden. „Das Blut Jesu Christi“, spricht der Apostel, „macht uns rein von allen Sünden.“ – „Hilft uns reinigen?“ – Nein, macht uns rein. – „Verpflichtet uns, daß wir uns reinigen?“ – Es reinigt uns. – „Es reinigt uns von der Lust am Sündigen? – Von der Sünde selbst. – „Von der Sünde der Trägheit in der Heiligungsarbeit?“ – Nein, von aller Sünde, sagt der Apostel. – „Aber das Blut thäte solches?“ – Jawohl, das Blut. – „Christi Lehre, denke ich?“ – Nein, sein Blut. – „Sein Vorbild denn?“ – Mit Nichten, sein Blut, sein Blut! – O wie wenig Ahnung verrathet ihr noch von dem eigentlichen Wesen des Christenthums! Kann es deutlicher ausgesprochen werden, als die ganze Schrift es bezeugt, daß nicht die Nachfolge Jesu, wie euch bedünkt, sondern sein Blut uns der Sünde ledig macht? „Aber sagt nicht Johannes auch, daß der heilige Geist von den Sünden reinige?“ – Freilich sagt er auch dies; aber es gehört das in ein andres Capitel. Hier haben wir es vor der Hand mit seinem Wort vom Blut zu thun; und daß diesem Blute hier die riesige Macht und Stärke zugeschrieben wird, den Sündern von aller Sünde rein zu waschen, das werden Ungläubige wie Gläubige, Blutbesprengte wie Blutesscheue, mit welchem Verdruß und Unmuth immer auch, uns zugestehn müssen.

„Rein von aller Sünde!“ Wie das beseligend an das Ohr eines Menschen schlägt, der im rechten Licht erkannte, was Sünde, und daß er ein Sünder sei! Wie greift ein Solcher bei dieser Botschaft zu! Ein verschmachtender Hirsch fand den sprudelnden Quell; ein verhungernd Schaf in brennender Wüste den grünen Weideplatz. Ich weiß es, Tausende lesen aus einem Worte, wie das johanneische: „das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde“ nur schwarze Buchstaben sich heraus, und weiter nichts. Solche Sprüche leuchten erst im Dunkeln; aber dann strahlen sie auch auf als Sterne und als Festtagskerzen der Friedensheimath. – Wie aber ist es denn zu verstehen, daß das Blut Christi rein mache von aller Sünde? – Einfach, wie die Worte lauten. Wem dieses Blut zu Gute kommt, der ist entsündigt vor Gott, und Gott versöhnt. Ist er ein Sünder auch noch in sich; er ist es nicht mehr in den Augen Dessen, der in unserm Prozesse den letzten Spruch hat. Fühlt er von mancherlei Gebrechen sich noch beschwert; Gott kennt ihn nicht mehr nach dem Fleische. Taucht Manches noch in ihm auf, um deßwillen er selbst sich richten und verdammen muß, so ist doch “nichts Verdammliches mehr“ an ihm. Es ist Alles schon gebüßt, und hat den Lohn der Gerchtigkeit empfangen. Der Mensch in Christo steht schuldenfrei vor Gott, und darf unbefangen, gleich den heil’gen Engeln, ja kühner und kindlich vertraulicher noch, als sie, dem Thron des Ewigen nahen. Hier, Freunde, sind wir bei dem Punkte angelangt, hinsichtlich dessen Manche unter euch mit uns hadern möchten. Sie achten, wir nähmen von dieser Sache den Mund zu voll, und rathen uns, im Rühmen von der Kraft des Blutes Christi uns zu mäßigen. Sie empfehlen uns den Gebrauch abgeschwächterer Ausdrucksformen, bedingterer Redeweisen. Gefährlich dünkt ihnen unser Wort von bereits geschehener Sündensühnung und Schuldentrichtung, und ihre Anforderung an uns geht dahin, daß wir den Trost desselben mit einer ansehnlichen Zuthat von Wenn’s und Aber’s versetzen, oder doch mit einem möglichst hohen Zaun von gesetzlichen Vorbehalten und Klauseln umhegen möchten. Aber wir müssen erklären, daß wir solchen Zumuthungen unerbittlich widerstehen werden. Ferne sei es von uns, den Friedensbecher fälschen, oder gar von der offnen Gnadentafel des Neuen Testaments entrücken zu wollen, den der Herr selbst den Sündern darzureichen nicht nur kein Bedenken trägt, sondern in dessen Darreichung Er sogar ganz besonders den Reichthum seiner Gnade bethätigen und Seinen Namen verherrlichen will. Nimmermehr wird uns weder die Rücksicht auf selbstgerechte Pharisäerseelen, denen das Wort „Gnade“ ein Mißlaut ist, noch die Besorgniß, es möchte hin und wieder ein Belialskind dasjenige, was Gott zu Heil und Leben gegeben, durch schnöden Mißbrauch zu einem Tod gebährenden Gifte sich verkehren, zu dem Frevel verleiten, zerschlagenen Zöllner- und Magdalenenherzen die Frucht des Kreuzes vorzuenthalten, oder auch nur zu verkümmern. Nein, es soll uns der Schächter, der einzig, weil ihm das Blut des Lammes zu Gute kam, unmittelbar von seinem wohlverdienten Schand- und Todespfahle in den Triumphwagen des Königs aller Könige hinüberstieg, einst nicht mit seinem Exempel verklagen können, daß wir den Ruhm jenes Blutes geschmälert haben. Wir werden fortfahren, Jeden, der in die Gemeinschaft des Gekreuzigten einging, völlig rein zu erklären vor Gott, und ihm das Recht zuzugestehen, trutzig und frei das paulinische: „Wer will verdammen?!“ zu dem seinigen zu machen. Wir wollen Allen, die weinend und betend zum Kreuz ihre Zuflucht nehmen, ohne Rückhalt verkündigen, daß die Handschrift, die wider sie war, aus dem Mittel gethan, und sie aller Sorge im Blick auf ihre Uebertretungen für immer überhoben seien, da es der Gerechtigkeit des Richters der Lebendigen und der Todten widerstreiten würde, eine Schuld zweimal bezahlt zu nehmen.

„Aber so könnte ja Jeder sagen, das Blut Christi habe Alles für ihn gut gemacht?“ – Jeder? – Nein, Freunde, so hat sich die Sache doch nicht. Ferne bleibe hier der Mißverstand! An eine falsche Auffassung des großen Artikels von der Sündentilgung durch das eine Opfer können sich Tod und ewiges Verderben hängen. Wisset zuvörderst: keine Berechtigung zur Aneignung des Bluts, als im Zustande einer gründlichen Buße und aufrichtigen Herzenszerknirschung. Wer mit der Sünde noch nicht brach, und doch auf den Kreuzestrost zu trutzen sich vermißt, dem hat der Lügenvater Evangelium gepredigt zu seinem Untergang, und nicht der Geist der Wahrheit zu Heil und Leben. – Wisset aber auch zum Andern, daß, wo der Hohepriester Christus selbst das Herz besprengt, das Purpurroth seines Blutes nie allein bleibt, sondern alsobald das Feuerroth der Liebe Gottes sich ihm zugesellt. – Der Sühnaltar, bei welchem man seine Erlösung feiert, wird zugleich zum Brandopferaltare, auf dem man sich selbst dem Herrn darbringt. Nicht der Sünde Schuld nur nimmt das Blut von uns hinweg, sondern es bricht auch der Sünde Herrschaft. Im Gottverordneten Wege angeeignet, wird es zum Samen der Wiedergeburt, das Blut; und macht in der Gemeinschaft des Geistes aus dem zerrüttteten Adamssprößling wenn auch nicht gleich einen vollendeten Heiligen, so doch einen feurigen Liebhaber alles Heiligen, und einen unerbittlichen Protestanten gegen den Teufel, und gegen Alles, was seinem Reiche angehört.

Ein alter Eingeborner auf einer der Südseeinseln, sagte einst: „Viel habe ich erlebt von meiner Jugend auf. Vier Könige sah ich den Thron besteigen, und mit dem dritten einen vierten, der lang regieren möge. Der erste war ein harter Mann, dessen Schwert Tag und Nacht nicht in die Scheide kehrte. Das Eiland troff von unserm Blut, und der Schrecken wohnte in unsern Hütten. Der zweite öffnete weißen Fremdlingen das Land; die brachten uns Aergeres als den Tod. Sie brachten uns tausend neue Laster, und mit denselben tausend neue Uebel und Wehe. Der dritte, – Gott lasse ihn lange leben! – schloß abermals das Thor der Insel auf, aber um einen neuen König, den vierten, einzulassen, und mit ihm das eigne Reich zu theilen. Unser Auge sah ihn nicht; unsere Herzen haben ihn gesehen, und schauen ihn noch. Keine Krone aus Gold, eine Dornenkrone ruhte auf seinem Haupt. Er warf Lichter Gottes in unsre dunkeln Herzen, und dann besprengte er uns arme verkommene Kinder mit seinem Blut. Seitdem hat unser Eiland seine Gestalt gewandelt. Wir tödten uns nicht mehr, wir lieben uns; wir berauben einander nicht mehr, sondern wohnen wie Brüder und Schwestern in einem Hause; wir leben nicht mehr in Hader, sondern der Friede schreitet durch unsere Hütten; und wir fürchten uns nicht mehr vor dem Tode, sondern harren seiner, als der uns zur Heimath bringen wird mit Freuden.“ –

So sprach der Alte. Welch’ lieblich Zeugniß für die Wundermacht des Lammesblutes! – Möge der „dorngekrönte König“ für seine unumschränkte Herrschaft auch in unsrer Mitte mehr und mehr Raum gewinnen, und bald uns Alle in die glückliche Lage versetzen, aus eigener Erfahrung dem Propheten Sacharja nachrühmen zu können: „Du lässest aus durch das Blut deines Bundes deine Gefangenen aus der Grube, da kein Wasser innen ist!“ Amen.