Predigt, gehalten am Sonntag Oculi

Harms, Claus – Winter- und Sommer-Postille – Am dritten Sonntage in den Fasten, Oculi.

Des Lebens Anfang ist Schmerz, und Schmerz ist sein Ende. Doch den ersten Schmerz fühlen wir gar nicht und den letzten Mancher nicht. Wäre nur lauter Freude und Friede zwischen Anfang und Ende! Aber da liegen lange Plagen und verscheuchen die Freude; schwere Kämpfe, Siege und Niederlagen in stetem Wechscl ersticken den Frieden. Der Mensch muß kämpfen , warum das Thier nicht kämpft, um des Laibes Nahrung und Nothdurft, oft mit saurem Schweiß und mit bittern Thränen. Oder hat diesen und jenen das Glück auch freygesprochen, darf er dennoch nicht trauen; es ist ja das wankelmüthige, unbeständige Glück. Weise Männer haben von Alters her den Glücklichen eher bedauert als beneidet.

Allein, unter allen Plagen ist der Mensch des Menschen größte Plage – und die einzige, wenn ich Krankheiten ausnehme. Fragt den Verarmten, er wird Menschen anklagen; fragt den Verachteten, er wird Menschen anklagen; fragt den Sündenbüßer, er wird Menschen anklagen. Und sollte es auch nicht wahr seyn, so meynt er doch, es also glaublich zu machen. Fragt sodann diejenigen, welche wohlhabend sind, welche in Ehren stehen, auf welchen keine alten Schulden lasten: Was fürchtet ihr? was macht euch zu thun? woher so sorgenvoll, so verdrießlich, so unmuthig? — Nennet mir einen Ort, wo die Menschen sich nicht anfeinden? Nennet mir ein Haus, wo die Genossen sich niemals beleidigen? Nennet mir eine Familie, deren Glieder sich nimmermehr kränken? – kränken, beleidigen, anfeinden, gelinde Namen oft, die schwersten Plagen anzudeuten und die allerschwerste, deren Name „subtiler Mord“ heißet. Nun dann ist Friede bey den Todten ist Friede, bey den Lebendigen nicht.

Freylich, so wie wir hier versammlet sind, friedlich neben einander, aus Einem Munde dem Herrn des Himmels lobsingend, einmüthig dem Allvater für seine Gaben dankend, einstimmig bekennend Jesum, dem wir uns Alle zu eigen gegeben haben, in brüderlicher Eintracht theilnehmend am heilvollen Liebesmahl, Alle mit Aufmerksamkeit hörend die Lehr‘ und den Vorwnrf und den Trost des Evangeliums und dasselbe im frommen Herzen weiter erwägend: freylich, so scheint es, als könnten Christen sich nicht einander das Leben erschweren und die Lust zu leben verbittern, so scheint unglaublich die harte Rede. Bey den Todten ist Friede, bey den Lebendigen nicht.

Doch sie ist wahr, spricht die Erfahrung, und der Schein täuscht. Christenmenschen machen einander Herzeleid. Ihr Glaube ist ohne Liebe, wie Manche dieß sogar im Tempel verrathen durch ihre Mienen und ihre Blicke.

Billig wundern wir uns und fragen: Sollten Freunde im Glauben nicht auch Freunde im Leben seyn?

Eine schöne Frage, denn sie kommt aus einem gläubigen und liebreichen Herzen; aus einem Herzen, welches den hohen, unvergleichlichen Werth der Religion empfunden und ihren Friedensruf vernommen hat; aus einem Herzen, das einen Schmerz fühlt, wenn Menschen sich wehe thun, und gern jede Plage von ihnen abgewandt sähe. Laß mich reden, gläubiges und liebreiches Herz, in deiner Sprache! laß mich fragen, wie du fragst, laß mich antworten zu deiner und meiner Equickung! laß uns klagen, daß die Religion die Menschen nicht stärker zur Liebe vereinigt, daß Freunde im Glauben nicht auch Freunde im Leben sind! laß uns erweisen und darthun, gläubiges und liebreiches Herz, daß es also seyn sollte und, wo es natürlich zugeht, auch also ist. Es hören uns Menschen, am Glauben schwach; sie möchten gestärkt werden durch des Glaubens Erkenntniß! es hören uns Menschen, an Liebe arm, sie möchten reicher werden an Mitgefühl und freundlichem Sinn. Und Gott, der die Herren in seiner Gewalt hat und das gute Wort zum guten Ziele lenket, wolle dem Worte Segen geben an den Herzen der Hörer – warum wir ihn im Gebete der Christen anrufen.

Aber, eh wirs beten, laßt uns zuvor uns einmal prüfen, ob wirs aufrichtig beten können. Wir wollen sprechen, Vater unser, der du bist im Himmel: seh‘ ich auch die Menschen auf Erden für Gottes Kinder und meine Brüder an? Geheiliget werde dein Name: ist mir auch der gute Name seiner Angehörigen, seiner Menschen, theuer und heilig? suche ich auch die nach Gottes Ebenbild geschaffenen Seelen vor dem Laster zu bewahren, welches schon in Menschenaugen häßlich und entstellend ist? Dein Reich komme: sorge ich auch meines Theils dafür, daß göttlicher Sinn und Tugendliebe in die Herzen dringe und stets inniger die Nächstenliebe werde? Dein Wille geschehe: kann ichs ohne Neid ansehen, wenn Gottes Segen, um den ich vergebens flehe, meinen Nachbar beglückt? Unser täglich Brod gieb uns heute: liegts auch an mir, daß nicht Jeder es empfängt? Vergieb uns unsre Schuld, als wir vergeben unsern Schuldigern: gewiß, ein schöner Wunsch – o, wär er auf allen Lippen Wahrheit, sonst spottet der Betende seinen Richter damit. Führe uns nicht in Versuchung: führe ich auch die Unschuld und Einfalt in Versuchung? Erlöse uns von dem Übel: bin ich auch stets bereit, Gottes Werkzeug zu seyn und die Übel, welche den Bruder drücken, nach Vermögen zu lindern oder zu heben? – Herr, wer kann bestehen! aber dein ist die Nachsicht, dein die Geduld, dein die Liebe und Vergebung, darum beten wir vertrauensvoll; Vater unser etc.

Tex. Ephes. 4,3-6.
Seyd fleißig zu halten die Einheit im Geist durch das Band des Friedens. Ein Leib und Ein Geist: wie ihr auch berufen seyd auf einerley Hoffnung eures Berufs. Ein Herr, Ein glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater aller, der da ist über euch alle und durch euch alle und in euch Allen.

In diesen Worten liegt die Frage, deren Betrachtung und Beantwortung uns in der gegenwärtigen Stunde beschäftiget: Sollten Freunde im Glauben nicht auch Freunde im Leben seyn?

Der Glaube ist ja die Hauptsache: worüber streitet ihr noch?
Der Glaube ist Friedensstifter, warum so widerspänstig?
Der Glaube sichert den Frieden: wem leiht ihr euer Ohr?

I.

Ihr habt wol gehöret, daß ehemals um des Glaubens willen Kriege geführt sind. Es sind die schwersten, längsten Kriege gewesen. Wir bedauern diesen Irrthum der Vorzeit, welcher Länder verwüstet und Güter verzehrt und Blut gekostet hat. Aber dieser Irrthum der Vorzeit gefällt mir besser als der Jetztlebenden Gleichgültigkeit. Diese baut die Erde und versäumt den Himmel, sie trachtet nach zeitlichen Schätzen und achtet der ewigen nicht, sie sorgt für den hinfälligen Leib und läuft darum Gefahr, Schaden an der unsterblichen Seele zu nehmen. In Häusern und Familien war es einst eben so kriegerisch wie zwischen Ländern und Völkern. Der eindringnde neue Glaube war ein Schwerdt, das da trennte die natürlichen Bande zwischen Vater und Sohn, zwischen Mutter und Tochter, zwischen Brüdern und Schwestern, zwischen Weib und Mann. Für seinen Glauben that ein Jeder alles, wagte er alles, verließ er alles, kämpfte und stritt er, – denn sein Höchstes, Bestes, Kostbarstes stand auf dem Spiel. – O, wenn diesen Kämpfern um Gott und Glauben mitten im Kampf ein Engel des Himmels Einigkeit und Frieden gebracht, die Freundschaft des Glaubens in ihre Herzen gesenkt hätte, – sie würden die Waffen von sich geworfen, die Feindschaft abgelegt und, Freunde im Glauben, als Freunde im Leben neben einander gewandelt und, in der Hauptsache einig, über Kleinigkeiten den Streit nicht fortgesetzt haben. Die meisten fielen im Kampfe und starben in Zwietracht; uns, ihren Nachkommen, wurde erst die Eintracht und Freundschaft des Glaubens verliehn.

Sollten nun wir, Freunde im Glauben, nicht auch Freunde im Leben seyn? Der Glaube ist ja die Hauptsache: worüber streiten wir denn noch? – Vier Seiten hat der Mensch, zwey dem Himmel, zwey der Erde zugewandt: Glaube und Tugend, Ehr‘ und Vermögen. Diese Seiten soll der Mensch schützen und vertheidigen. Ehr‘ und Vermögen, die äußern, der Erde zugewandten Seiten, liegen jedem Angriss offen: hier erhebet der Streit sich. Hören wir nur die Klagen und Beschwerden der Menschen. Der Eine macht Ansprüche an den Besitz des andern und nennt sie rechtmäßig; der Andere weiset sie ab und behauptet, daß sie unrechtmäßig seyen. Der Eine sucht den Verdienst des andern zu schmälern, sucht den andern zu überlisten, zu betrügen, sinnet auf Ausflüchte, macht Vorspiegelungen, droht, braucht Gewalt, stellt falsche Zeugen auf, schwört einen Meineid: wofür? ach Gott, wofür Ruh‘ und Frieden, Seel und Seligkeit hingeben? Ach, für einige Thaler, für ein Stück Land, für eine geringe Freyheit, genannt Gerechtigkeit, ebenfalls für einige Thaler zu kaufen. Und was habt ihr denn, wenn ihrs habt? Geld, das nicht lange gilt; Äcker, auf welchen euch Dornen der Reue wachsen; Freyheiten, die euch das Herz beengen; Gerechtigkeiten, die euch verdammen. Es müht sich der andere, die Angriffe auf sein Vermögen abzutreiben, sinnet und sorget, wie es ihm gelinge. Sein Inneres ist gestört, er läuft umher, er fährt mit Sturmesbrausen auf, er fluchet und schwört, dann seufzt und ächzet er wieder, von seinem Lager flieht die Ruhe, und erst nach der Mitternacht kommt ein unerquicklicher Schlaf über seine Augen: warum, warum? will man dir deinen Glauben rauben? lästert man deinen Gott? spottet man deines Jesu? nimmt man dir deinen Trost im Tode? lacht man über deine Hoffnung des dortigen Bessern? Und ob man lachte, spottete und lästerte: bist du ja fest verwahrt auf den Seiten, die dem Himmel zugewandt sind? Nein, aber mein Eigenthum, mein Vermögen, mein Erbgut will man schmälern, einschränken, an sich reißen. Christ, Christ, laß fahren, was du nicht halten kannst! denk‘, es sind Kleinigkeiten, sind unbedeutende Sachen – gegen die große Hauptsache des Glaubens, in welcher du mit allen und auch mit deinem Gegner einig bist.

Die Ehre ist die andere offene Seite des Menschen, der Erde zugewandt. Wenn auch nicht so oft wie über das Mein und Dein, so wird doch nicht selten und mit noch größerer Heftigkeit und Innigkeit über die Ehre gestritten. Da ärgert sich einer, daß er zurückgesetzt, daß er kalt angesehen und empfangen ist; da weint einer, daß er verleumdet ist, daß seine Worte übel ausgelegt und seine Thaten angeschwärzt sind; da sitzt einer und verbeißt seine Wuth, daß er gehöhnt und gespottet wird: scheint es doch, als hätte man ihm den Trost des guten Gewissens genommen, den Beyfall Gottes von ihm abgewendet, den Lohn seiner Thaten und die ewige Seligkeit ihm verkürzt. Und was ist geschehen? was ist weltliche Ehre? Ein unerklärliches Ding, von dem man nicht weiß, was davon zu halten sey, halb Wahrheit, halb Täuschung, oft lauter Täuschung; ein unsicheres Ding, das Jedermann zu verkleinern im Stande ist, das man selber bey jeder guten Handlung aufs Spiel setzen muß: ein lästiges Ding, das dem brüderlichen Umgange Zwang auflegt und in unser Betragen Ängstlichkeit bringet, weil es die Augen auf uns leitet. Du also verstehst dieses Ding schlecht, der du versuchst, dem Nächsten den Rang abzulaufen, ihn von der Stufe der Ehre zu drängen und dich hinzustellen, der du über ein Wort haderst und über eine Miene streitest, der du alles aufbietest Sorge und Mühe, Tagesschweiß und Nachtwachen, und, was du sonst wol schonest, darum doch nicht schonst, Geld undGut: was kann dir werden? was kannst du gewinnen mit Kampf und Streit? Nichts; die weltliche Ehre ist nichts gegen den Glauben in dir, um welchen du nicht kämpfen und streiten darfst mit dem Nächsten.

Verstehet mich nicht falsch, meine Zuhörer. Es hat allerdings jeder die Eingriffe in seine Güter und Rechte, und die Verletzungen seiner Ehre abzuwenden. Nur geschehe dieß auf dem rechten Wege und ohne Erbitterung. Es kann einen Streit geben , wo beyde Partheyen das Recht auf ihrer Seite zu haben glauben; dann gehe man zum Richter, daß dieser zeige, wo es ist. Aber kann das nicht ohne Haß und Feindschaft geschehen?
II.

Sollten Freunde im Glauben nicht Freunde im Leben seyn? Wenn Streit da ist, schlichtet der Glaube ihn. Der Glaube ist Friedensstifter: warum seyd ihr so widerspänstig?

Wenn ich diese Versammlung überschaue, indem ich hier stehe, die Religion der Liebe zu predigen und zum Frieden zu reden, – und dabey denken muß , es sitzen manche da, die Streit hegen in ihrem Herzen und hartnäckig im Streit verharren: so überfällt Wehmuth meine Seele. Ach, Jahrelang sind Nachbarn Unfreunde und geben sich keinen herzlichen Gruß; Jahrelang meiden Verwandte einander, und kein warmer Strahl des Wohlwollens kommt in ihr kaltes Herz; Jahrelang feinden sich Brüder an und achten des gemeinschaftlichen Blutes nichts; Jahrelang grollen Eltern und Kinder und achten des Bundes nicht, den die Natur unter ihnen errichtet hat. Sie kommen ins Gotteshaus und hören Worte des Friedens; sie kommen zum Abendmahl und trinken das theure Blut der Versöhnung – und versöhnen sich nicht. Hohe Religion, die ich predigen soll, bist du zu ohnmächtig, um ein Menschenherz umzustimmen? bist du zu schwach, um einen starren Sinn zu beugen? Was darf ich hoffen, der ich dein Werkzeug bin! Aber sie haben dich nicht erkannt, obwol sie dich bekennen – haben nicht erkannt, dich, Gott im Himmel, Vater der Menschen, liebreiches Wesen! der du Freude und Friede verbreitest überall; dich nicht erkannt, du Herzenskündiger! der du das Innere durchschaust und die schwarzen Flecken desselbigen wahrnimmst; dich nicht erkannt, unser Richter! der du ans Licht ziehen wirst, was im Finstern verborgen ist! Ach, sie haben nicht erkannt dich, Jesum, von Gott gesandt, mit dem Bande der Bruderliebe die Menschheit zu umschlingen; dich nicht erkannt, den Lehrer der Liebe, das Muster der Freundschaft, das Exempel der höchsten Vergebung, haben dein Leiden und deinen Tod nicht erwogen, die bittersten Leiden, den schmerzlichsten Tod, um Leben und Frieden zu bringen den Menschenkindern, damit ihnen wohl sey, – das haben sie nicht erwogen. Ihr störet sein Werk, ihr vereitelt die Erlösung, Feindselige, an euch, denn lieblose Herzen können die Liebe nicht fassen und können nicht geliebt werden von Gott und Jesu. Ach, sie haben nicht verstanden die Taufe und achten unwürdig die Weihe des heiligen Bundes, – zur Einigkeit sind sie geweiht, und leben in Zank und Streit, darum wird der Segen von ihnen genommen und heidnische Gedanken erfüllen ihre Seele. Ewigkeit, Ewigkeit, dein Ernst hat sie nicht erschüttert, deine Strafen haben sie nicht erschreckt, darum wagen sie es, mit ihrer Feindschaft in dein dunkel Thal zu treten, und reichen selbst nicht einmal von ihren Sterbebetten sich die Hand der Versöhnung. Das Herz bricht, aber der Sinn nicht. Ich möchte ihr Ende nicht ansehn!

Noch ist die Zeit da. Verhärtet eure Herzen nicht. Warum so widerspänstig? Der Glaube, den ihr gemeinschaftlich bekennt, ladet euch zur Aussöhnung ein. Höret seine sanfte Lockung, gebt Raum seinen dringenden Vorstellungen, sucht keine Ausflüchte. Sprecht nicht: „mein Feind will sich nicht versöhnen,“ – ach, wisset ihr das? habt ihr ihn gefragt, gebeten, geflehet? So hart ist das Menschenherz nicht, daß es sich nicht durch Flehen um Versöhnung erweichen lasse. Sprecht nicht: „wir scheinen nur Feinde zu seyn“ – ach, wer es so lange scheint, der ist es, denn eh es scheinen wird im Umgange, muß die Feindschaft im Herzen da seyn. Sprecht nicht. „wir schaden uns nicht“ – sollen Brüder sich denn nur nicht schaden? sollen sie nicht einander dienen, rathen und helfen, wo sie können? Sprecht nicht: „mein Feind ist schlecht gesinnt und hat ein böses Herz“ – freue dich, du kannst ihn etwas besser machen, wenn du die Feindschaft gegen dich von seinem Herzen nimmst. Ach, um alles, was euch theuer ist hier im Lebens um eurer Ruhe willen, vergebet! um der frohen Stunden willen, vergebet! um eurer Gesundheit willen, vergebet! um der Eurigen, um eurer Kinder willen, vergebet! Wollt ihr auch auf diese euren Haß vererben? wollt ihr die reinen Gemüther damit beflecken? wollt ihr an den jungen, zarten Seelen den Groll nagen lassen? Vergebet! Bey allem, was euch theuer ist in jenem Leben, ermahne ich, leget die Feindschaft ab: bey der Freude an Gott, die ihr nicht empfinden werdet und empfinden könnt, wenn ihr den Bruder hasset; bey eurem verherrlichten Heiland, den ihr nicht sehen werdet, wenn ihr nicht vergebt, wie er vergeben hat; bey dem Spruch aus dem Munde des Todtenrichters ermahne ich: die ihr Freunde im Glauben seyd, seyd auch Freunde im Leben.
III.

Sollten Freunde im Glauben nicht Freunde im Leben seyn? Der Glaube sichert den Frieden, wem leiht ihr euer Ohr? Wenn der Glaube es ist, der uns die Dinge, über welche meistens die Feindschaft ausbricht, nämlich zeitliches Vermögen und weltliche Ehre, in ihrem Unwerthe kennen lehrt, wenn der Glaube an Gott. den Vater, uns Kindessinn einflößt und Nachsicht befiehlt mit den Schwächen und Fehlern anderer – er hat die größte Nachsicht gegen uns, er läßt die Bösen nicht gleich fühlen wie sehr sie seinen Zorn verdient haben, er läßt seine Sonne aufgehen, er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte; – wenn der Glaube an Jesum uns Duldung und Milde und Schonung lehrt, und wir sein Gebet verstehn: Vater, vergieb ihnen! und wir sein Gebot annehmen: Segnet die euch fluchen; wenn wir an Jesu Bruderbundestisch Sanftmuth trinken; wenn das Licht seiner Lehre uns die dunkle Ewigkeit erhellt und wir ihn viel vergeben sehen dem, der viel geliebet hat; – – so kann man wol sagen, daß der Glaube den Frieden sichert, daß der Glaube die Menschen treu erhält und ausdauernd in der Freundschaft, daß der Glaube sie erhebt über Kränkung und Beeinträchtigung, über Verlust und Ehr‘ und Vermögen. Hoher Christenglaube, du stillest den Zorn, du dämpfest das Feuer der Leidenschaft, du löschest die Flamme der Rache, und bewahrst den Friedenssinn. Wer dein Freund ist, ist Menschenfreund, ist sfest und unerschütterlich in der Freundschaft.

Die ihr diesen Glauben bekennt und doch nicht Freunde im Leben seyd, wem leiht ihr euer Ohr? Dem Rufe des Vortheils; wer es euch zuvorthut, den hasset ihr, und wär‘ es euer bester Freund; dem Rufe des Ehrgeizes, wer höher steigt, den verfolget ihr, und wär‘ es auch euer bester Freund. Wem leiht ihr euer Ohr? Denen, die freventlich Argwohn und Verdacht einblasen, den Klätschern, die jedes übereilte Wort mit Zusatz und Auslegung zutragen, den Verläumdern, die Lügen schmieden, den Tückischen, die Bosheit aushecken, den Schadenfrohen, die es ungern sehen, wenn Menschen sich lieb haben, und die dazu lachen, wenn sie Freunde wider einander aufgebracht haben. O, meidet, meidet solche Leute, Verräther, Giftmischer! Sie dürfen eure Freunde nicht seyn! sind ja auch nicht eure Freunde im Glauben, denn der Glaube will Liebe und Frieden, sie wollen Feindschaft und Unheil.

Der Glaube sichert den Frieden. Er macht die Seele gleichgültig in irdischen Dingen und läßt ihren Verlust gering achten. Er macht die Seele stark in der Geduld durch das Gefühl, eine viel größere Geduld des Vaters im Himmel zu bedürfen. Er macht der Seele die Brüder theuer und werth, sie sind Miterlöste, Miterwählte, Mitberufene zur ewigen Seligkeit. Du bist mein Bruder, heißt es, und reicht ihm die Hand, laß nicht Streit entstehn zwischen dir und mir, vergieb, wie ich dir vergebe, wie uns beyden vergeben wird! wir sollen als Freunde durchs Leben fortgehen, als Freunde vor den Thron Gottes treten, der die Liebe geschaffen hat. Wahrlich, wahrlich man braucht die Freundschaft im Leben. Ohne Freundschaft keine Freude, sondern ein düstrer Sinn, mürrisches Wesen, störrischer Geist, sorgliche Gedanken, sieches Leben. Es gilt nicht bloß von Geld und Gut, es gilt von Mark und Bein, es gilt von Herz und Seel‘, was ein Sprüchwort sagt: Friede ernährt und Unfriede verzehrt.

Darum, ob möchte mein heutiger Vortrag ein Wort zum Frieden gewesen seyn! Möchte ich es einleuchtend gemacht haben, daß unser Glaube, den wir alle bekennen, die Freundschaft sichere und den Streit schlichte! möchte ich mit den Pfeilen des Glaubens das feindliche Herz getroffen haben, daß es sich Vorwürfe mache und zur Versöhnung eile! möchte ich den Schild des Glaubens gelegt haben auf die Herzen aller, die Freundschaft hegen, daß sie verwahret seyen vor der Trennung! Möcht‘ ich mit Nutzen geredet haben!