Andacht 23.3.2017

Ebr. 10, 35.
Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.

Wir haben uns erst in unserer letzten Morgen-Andacht daran erinnert, daß die Tugend des Vertrauens so sehr dem Menschen Bedürfniß und auch wirklich so verbreitet ist, daß es den Anschein hat, als bedürfe es kaum einer Aufforderung zu dieser Tugend; doch sahen wir zugleich, daß wahres Vertrauen und die christliche Gesinnung, welche den Glauben fest hält, daß auch das Kleinste in unserm Leben von Gott geleitet werde, selten ist, ja wir finden sogar, daß sich viele schämen, auf Gott zu vertrauen, und über diese befremdende Erscheinung heute einige Worte.

Leider ist es nur zu wahr, daß sich Viele, Gott zu vertrauen, schämen.

Fragen wir, wie sich diese Scham äußert, so ist Folgendes darauf zu erwiedern. Sie äussert sich hauptsächlich darin, daß diejenigen, welche sich schämen, auf Gott zu vertrauen, Gott die Ehre nicht geben wollen, sie wollen es nicht anerkennen, daß, was geschieht, seiner Leitung zugeschrieben werde, daß sie selbst in seiner Macht stehen und rechte Hilfe nur bei ihm zu suchen und von ihm zu erwarten ist. Darum wenn ein Unglück hereinbricht, Mißgeschick, Leiden zu erdulden sind, trösten sie sich selbst und andere mit dem Gedanken, daß Alles nur eine Zeit lang daure. Daß es schon wieder anders werden würde, daß man in das Unvermeidliche sich fügen müsse, daß der Mensch gegen das Schicksal nichts thun könne, daß es eine Schande sey, zu zagen, ja, unvernünftig, das ändern zu wollen, was einmal so ist, und der Mensch durch seine eigene Kraft solche Kaltblütigkeit sich erwerben müsse, daß er Alles gelassen hinnehmen könne – dergleichen Redensarten vernehmen wir, die alle Wahrheit an sich haben, wenn sie auf dem Glauben, als auf ihrem Grunde, ruhen; aber keine tröstende und die Verzweiflung hemmende Wahrheit haben, wenn ihnen der Grund fehlt. Keiner von denen, die sich des Vertrauens schämen, tritt hin zu dem trauernden Bruder und sagt: Siehe, du hast dich schon oft des erwärmenden Strahles der Sonne gefreut und in ihrem Lichte deines Gottes Liebe erkannt, aber seine Sonne veranlaßt auch Dünste, Wolken und Stürme in der Atmosphäre, welche den Himmel verdunkeln, und sein Blitz fährt daher und zernichtet, und sein Hagel zerschmettert die Saat, und sein Sturm und seine Wasserwogen brausen Verderben bringend. Siehe, das ist Gottes Art, von ihm kommt Glück und Unglück, aber seine Liebe ist in beidem leicht zu finden, wie er ja auch im Blitz, Sturm und durch Wasserwogen unendlich mich segnet; darum vertraue du nur Gott, er erzieht weise, er erzieht auch dich und da bedarf es zuweilen auch des Ernstes, um recht zu erziehen. Das laß‘ dich nicht irre machen, er ist doch die Liebe; hat er dir im Sohne nicht alles gegeben und hast du nicht schon durch Vaters Mund gehört: Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie erndten nicht, sie sammlen nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernähret sie doch, seyd ihr denn nicht viel mehr als sie? Wirf nur dein Vertrauen nicht weg. So sprechen sie nicht, aber wir, meine Geliebten, wollen also sprechen und mit dem Vorsatz, dem Herrn fest zu vertrauen, an unser Tagwerk gehen. Wenn wir aber wieder zur Andacht versammelt sind, dann wollen wir davon reden, worin das wohl seinen Grund haben mag, daß einige des Vertrauens sich schämen. Amen.

*Goetz*