Predigt, gehalten am Sonntag Quasimodogeniti

Steinkopf, Karl Friedrich Adolf – Predigt am ersten Sonntage nach Ostern über 1. Cor. 15, 3. 4.

ev. Prediger an der deutsch-evangelischen Gemeinde in der Savoy zu London.

Gebet.

Nimm unsern vereinigten Dank an, durch Leiden des Todes vollendeter Erlöser! daß du aus unendlicher Huld und Erbarmung für die gefallene Menschheit ihr zum Heil Mensch wardst, daß dein ganzes Erdenleben ein Pilgerwandel voll Mühe und Arbeit, und mit den mannigfaltigsten Aufopferungen und Lasten bezeichnet war; daß du bis zu den tiefsten Stufen der Erniedrigung dich herabließest und deinem Vater gehorsam wurdest bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze. Preis und Ehre sei deinem herrlichen Namen, daß dein erblaßter Leichnam bis zum dritten Tage in stiller Gruft schlummerte, und daß du die Gräber aller deiner wahren Gläubigen durch deine Ruhe im Schooße der Erde zur sanften Ruhestätte heiligtest; daß du aber als der Heilige Gottes die Verwesung nicht sehen konntest, dem Tod und Grab entrissen, triumphirend auferstandest. Gib, daß wir Dich, der um unserer Sünden willen dahingegeben, und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt ist, als den großen Ueberwinder des Todes, des Satans und der Hölle im wahren lebendigen Glauben umfassen, deine Lehre mit dem vollkommensten Vertrauen als rein göttlich aufnehmen, an keiner deiner Verheißungen Zweifeln, und deines versöhnenden Todes im Leben, Leiden und Sterben uns freudig getrösten.

Verleih uns aber auch Gnade, daß wir, erfüllt mit dem Drange einer dankbaren Gegenliebe, der Sünde muthig absterben und in einem neuen Leben des Geistes und der Gerechtigkeit wandeln. Dann wird der Tod uns nicht König des Schreckens, sondern Bote des Friedens und Engel des Trostes sein; dann wird selbst dem grauenvollen Dunkel des Grabes ein erheiterndes Licht entstrahlen; dann werden wir dem großen Auferstehungsmorgen getrost und hoffnungsvoll entgegengehen, und in die Triumphworte des Apostels einstimmen: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Grab und Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum Amen!

Text: 1. Cor. 15, 3. 4.

„Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, welches ich auch empfangen habe, daß Christus gestorben sei für unsere Sünden nach der Schrift; und daß er begraben sei und daß er auferstanden sei am dritten Tage, nach der Schrift.“

Auf drei große Thatsachen, als drei Hauptpfeiler des Christenglaubens richtet der Apostel die Aufmerksamkeit der Corinther, so wie der Bekenner des Evangeliums in allen Zeiten hin

  1. auf den Tod,
  2. die Begräbniß und
  3. die Auferstehung Christi.

Laßt uns bei diesen großen Thatsachen etwas näher verweilen, und sie zugleich in ihrem segensreichen Einfluß auf unsere Beruhigung und Besserung, auf unsern Trost und Hoffnung hier und jenseits des Grabes betrachten.

Folgende drei Sätze mögen uns zum Leitfaden unserer weiteren Betrachtung dienen:

  1. Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift, und sein Tod versüßt jedem seiner gläubigen Verehrer den Tod, welcher dem Nicht- oder bloßen Scheinchristen so furchtbar erscheint.
  2. Christus ist begraben worden, und seine Ruhe im Grabe erhellt den Blick der Christen in das so dunkle und schauervolle Grab.
  3. Christus ist von den Todten auferstanden, und seine siegreiche Auferstehung drückt auf die Person, die Lehre und das Wort des Erlösers das Siegel der Göttlichkeit, und ist sicheres Unterpfand unserer Auferstehung.

I.

Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift, und sein Tod versüßt jedem seiner gläubigen Verehrer den Tod, welcher dem Nicht- oder bloßen Scheinchristen so furchtbar erscheint.

Wenn unsere Stammeltern in ihrer ursprünglichen Unschuld geblieben wären, wenn sie die von ihrem Schöpfer und Herrn ihnen auferlegte leichte Probe treu und redlich bestanden, und jedem Verführungsanfall muthig und fest widerstanden hätten, so würden weder sie selbst noch ihre Nachkommen in Sünde, Noth und Tod versunken sein, sie würden nie die demüthigende Zerstörung ihrer irdischen Leibeshülle erfahren haben, sondern von einer Stufe der Glückseligkeit zur andern emporgestiegen sein. Kaum aber gaben sie der lockenden Stimme des listigen Verführers Gehör, kaum übertreten sie das Gebot ihres himmlischen Wohlthäters, so war auch der Schmuck des göttlichen Ebenbildes verscherzt, und der hohe Gottesfriede, der in ihrem Innern thronte, dahingeschwunden; Lüste und Leidenschaften fingen an, Leib und Seele zu zerrütten; Gewissensunruhe, Scham und Furcht, Arbeitslast, Ermattung und Schmerz, Krankheit, Noth und Tod folgten als traurige Begleiter der Sünde nach und verbreiteten über alle Nachkommen des ersten Adams unabsehbares Elend und Jammer. „Durch Einen Menschen (sagt die Schrift) ist die Sünde gekommen in die Welt, und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben.“ Diesem tiefen Verfall der gesammten Menschheit konnte weder Mensch noch Engel abhelfen. „Kann doch ein Bruder Niemand erlösen, noch Gott Jemand versöhnen, denn es kostet zu viel, ihre Seelen zu erlösen, daß er’s muß anstehen lassen ewiglich.“ Ja hätten sich selbst alle geschaffene Geister des Himmels zur Wiederaufrichtung des so tief versunkenen Menschengeschlechtes vereinigt, so würde ihre vereinte Macht und Weisheit zu seiner Rettung unzureichend gewesen sein. Nur Gott konnte Rath und Hülfe schaffen, und er that es. Gleich nach dem Sündenfalle unserer ersten Eltern verhieß er ihnen „des Weibes Samen,“ daß Er der Schlange den Kopf zertreten, des Teufels Werke zerstören, der zu Boden getretenen Unschuld aufhelfen, die Missethat versöhnen, das verschloßene Paradies wieder öffnen, und eine ewige Erlösung stiften sollte. Moses und die Propheten vereinigten sich alle, diesen der Menschheit bestimmten Erlöser näher zu beschreiben, und ihn seiner Person, seinem Charakter, Wort und Schicksale nach auf das genaueste zu schildern. Sie kündigten nicht nur an, daß er, der Herr vom Himmel, als Mensch von einer Jungfrau, aus Davids Familie, in seiner Geburtsstadt Bethlehem solle geboren werden, nicht nur, daß er als Lehrer und Wunderthäter unter seinem Volk auftreten, gesalbt mit dem heiligen Geiste den Elenden predigen, die zerbrochenen Herzen verbinden, den Gefangenen eine Erledigung und den Gebundenen eine Oeffnung verkündigen, sondern daß er auch Armuth, Schmach und Leiden aller Art erdulden, und in des Todes Staub gelegt, sein Leben zum Schuldopfer dahingehen, Vieler Sünden tragen, und für die Uebelthäter beten werde. Jahrtausende stand es an, bis der verheißene und von Tausenden sehnlichst erwartete Weltheiland erschien; als aber die Zeit erfüllet war, da sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz gethan, auf daß er die, so unter dem Gesetze waren, erlösete; damit wir die Kindschaft empfingen. Der große Davids und Gottes Sohn trat auf, und in seiner Person trafen alle die verschiedenartigen Merkmale zusammen, womit der prophetische Geist Jahrhunderte zuvor den Messias bezeichnet hatte. Zu Bethlehem von der Jungfrau Maria geboren, von seinem Vorläufer Johannes getauft, mit des heiligen Geistes Kraft ausgerüstet, trat er sein öffentliches Lehramt an, zog im jüdischen Lande umher, that wohl und machte gesund alle, die vom Teufel überwältiget waren, denn Gott war mit ihm. Sein Sinn war der reinste, sein Wandel der wohlthätigste, all sein Streben, Thun und Lassen bezweckte nur seines Vaters Ehre, und der Menschen Wohl – aber was war sein Lohn? – der schwärzeste Undank, die schnödeste Mißhandlung, die schrecklichste Verwerfung, ein Missethäter-Tod am Kreuze. Den (sagt der Apostel Petrus) haben sie getödtet und an ein Holz gehangen. Was jedoch der Menschen Frevel böse zu machen gedachte – das gedachte Gott gut zu machen, daß er thäte, wie es jetzt am Tage ist, zu erhalten viel Volks. Zwar die Juden in ihrer Verblendung und Bosheit hielten ihn für den, der geplaget, und um lästernder Anmaßung und eigener Missethat willen von Gott geschlagen und gemartert wäre, aber der göttlich erleuchtete Prophet setzt in seines Gottes und der Menschheit Namen hinzu: „Um unserer Missethat willen ist er verwundet, um unserer Sünden willen zerschlagen. Wir gingen alle in der Irre, wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg, aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. In völliger Einstimmung mit diesem prophetischen Ausspruche erklärt es Paulus für eine große, höchstwichtige und in ihren segensreichen Folgen unübersehbare Thatsache: Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift.“ In gleichem Geiste bezeugt der Apostel Petrus: „Christus hat einmal für unsere Sünde gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, auf daß er uns Gott opferte, und ist getödtet nach dem Fleische.“ Und gerade durch diesen freiwillig übernommenen Versöhnungstod hat Christus dem Tode die Macht genommen, und dem, welcher des Todes Gewalt hatte, dem Teufel, er hat diesem letzten Feinde den Stachel – (und dieser ist die Sünde) – ausgezogen.

Wer an Ihn wahrhaftig glaubt, erlangt durch seinen Namen Vergebung der Sünden, und ist ihm dies unschätzbare Kleinod geschenkt, und hat er – gerechtfertigt durch den Glauben – Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum; ist er Kind Gottes und künftiger Himmelserbe, so hat der Tod für einen solchen Begnadigten seine Schrecknisse verloren, statt sich vor ihm zu fürchten, blickt er ihm getrost ins Angesicht, statt vor seiner Annäherung zu zittern, bewillkommt er ihn als Freund und Befreier, wie Petrus jenen Himmelsboten, auf dessen Machtwort die Ketten ihm von seinen Händen fielen, und die eiserne Gefängnißthür sich öffnete, daß er dem Kerker entrissen, ins Freie hinaustreten konnte. dem ächten Gläubigen gereicht unter allen Leibes- und Seelenleiden schon das zum wahren Troste, wenn, er sich den Gedanken lebhaft vergegenwärtigen kann: „Mein Heiland litt auch einst – unendlich mehr, als ich je litt oder leiden könnte; er litt unschuldsvoll, still, gelassen, Gott vertrauend, stellvertretend, verdienstlich für mich;“ und sieht sich der Christ auf ein Kranken- und Sterbebette niedergelegt oder sonst mit einem plötzlichen und gewaltthätigen Tode bedroht, so ist es ihm eine unerschöpflich reiche Quelle der Erquickung, im Geiste nach Gethsemane und Golgatha sich zu versetzen, und seinen da mit dem Tode ringenden, in Nacht und Finsterniß verlassen am Kreuze schmachtenden, und den Geist in seines Vaters Hände befehlenden Erlöser, erblicken zu dürfen. „Mein Heiland erfuhr, was Sterben heißt, er wandelte im finstern Thale; er schmeckte von Gottes Gnaden für alle den Tod; als der gute Hirt ließ Er sein Leben für die Schafe, auch für mich; meine Sündenschuld trug Er an seinem Leibe auf das Holz; als der große Hohepriester und Mittler des neuen Bundes ist Er durch sein eigenes Blut einmal in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden.“

Die Schuld ist allzumal getilgt durch Christi theures Blut,
Daß keine mehr zu finden, die nun uns Schaden thut.

Und ist meine Schuld getilgt, so kann mir auch der Tod nicht schaden, statt mich für immer in seine Banden zu fesseln, ist er mir nur Uebergang ins Land der vollkommenen Freiheit, Hingang zum Vater, Aufnahme in sein himmlisches und ewiges Reich. Aber in welch einer ganz andern Gestalt erscheint der Tod dem Nicht- oder Scheinchristen, der entweder über alles, was Gott und göttlich ist, Zweifelnd, spottend, trotzend sich hinwegsetzt, oder der zwar noch den Schein eines gottseligen Wesens hat, aber seine Kraft verleugnet. Solch einem Menschen – fröhne er nun dem Unglauben oder Aberglauben – ist schon der Gedanke an den Tod erschreckend und entsetzend. Begegnet er einem Sarg, hört er die Todtenglocke läuten, oder bemerkt er ein Sinken seiner irdischen Hülle, so fängt er an zu zittern und zu beben. Ein Sclave der Sünde empfindet nicht selten das ganze Leben hindurch eine knechtische Furcht vor dem Tode. Bei manchen heidnischen Völkern ist solch eine peinliche Todesfurcht ein auffallender Charakterzug. Dieß war z. B. bei den Eskimos der Fall, ehe die Sonne des Evangeliums des Friedens ihre Todesnächte bestrahlte. Als aber ihr wohlthätiger Schimmer hie und da in die verfinsterte Herzen hineinzudringen anfing, und eine Frau, an den für unsere Sünden gestorbenen Heiland wahrhaft gläubig und seines himmlischen Trostes theilhaftig wurde, so verschwand diese knechtische Todesfurcht, und sie ging diesem letzten Feinde so heiter und getrost entgegen, daß ihre christliche Glaubensfreudigkeit auf ihre heidnische Landsleute einen unauslöschlichen Eindruck machte, so daß sie oft nachher ihr Grab besuchten, und sich zuriefen: „Hier liegt die Frau, die so froh und selig sterben konnte.“

II.

Der zweite Satz, der unsere Aufmerksamkeit verdient ist der:

Christus ist begraben worden.

Das Erdenleben unsers Herrn war eine Reihe von Mühseligkeiten und Leiden. Arm war sein Eintritt in unsere Welt, Verfolgung war das Loos schon seiner zarten Kindheit; er war Fremdling im fremden Lande; 40 Tage dauerte seine Versuchung in der Wüste; er mußte es auf das empfindlichste erfahren, was Wachen und Fasten, Hunger und Durst, Kampf und Anfechtung von außen und innen sei. Nachdem er sein öffentliches Lehramt angetreten hatte, so drängten sich tausende zu ihm hin, und oft war er mit Ansprüchen aller Art so überhäuft, daß er kaum Zeit zum Essen finden konnte. Tage lang brachte er lehrend und heilend, Nächte wachend und betend zu. Und als sich das Ziel seiner dornenvollen Bahn nahte, als er nach Gottes wundervollem Rathe den Händen seiner Feinde übergeben wurde, so rauschten Fluchen der Trübsal über seinem Haupte dahin, daß hie eine Tiefe und da eine Tiefe rauschte, da brach die Schmach ihm das Herz, da trug er – unter die Uebelthäter gezählet – sein Kreuz, da lastete die Schuld einer Sündenwelt auf ihm, da arbeitete seine Seele, da schmachtete sein Körper, da rief er erschöpft aus: „Mich dürstet,“ da konnte er mit Recht jedem einzelnen Sünder sowohl als dem gesammten Menschengeschlechte zurufen: „Mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden, und hast mir Mühe gemacht in deinen Missethaten. Ich, ich tilge deine Uebertretung um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.“

Nachdem er aber ausgekämpft war, der schwere Arbeits-, Leidens- und Todeskampf, nachdem das große Triumphwort „es ist vollbracht!“ seinem Mund entströmte, und sein Haupt sich sterbend am Kreuze neigte, da folgte Ruhe der Arbeit, Erquickung der Mühe, da wurde sein von tausend Qualen und Martern zerrissener Leichnam feindlicher Gewalt entzogen, und Freundeshänden übergeben, da wurde er still und zart unter Thränen wehmuthsvoller Liebe vom Kreuz herabgenommen, von Blut und Wunden gereinigt, in leinene Tücher mit Spezereien gebunden, und von einem edlen Joseph von Arimathia mit Beihülfe eines Nikodemus und der frommen Frauen in des Ersteren Gruft ehrenvoll beigesetzt. Das lärmende Toben seiner Feinde hörte auf, heilige Stille herrschte, der große Sabbath brach an, der Friede Gottes umschwebte das Grab; der erhabene Dulder ruhte nun sanft von aller seiner Mühe und Arbeit. Seine Ruhe war Ehre, und eben seine Ruhe in der Gruft war es zugleich, wodurch er das Grab zur sanften Ruhestätte für alle seine Gläubigen geheiliget hat. Da sollen alle mühseligen und beladene Pilger der Erde nach überstandener Bürde des Lebens, nach erduldeter Last und Hitze des Tages sanft ihren Todesschlaf schlummern, bis die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes ertönt. Da gilt jedem treuen Arbeiter im Weinberge des Herrn, jedem wackern Streiter Christi – in welch äußeren Stande und Lage er nun auch gewesen sein mag – der herrliche Zuruf, der in der Offenbarung Johannes sich zunächst auf die bezieht, welche in Abfalls- und Verfolgungszeit ihr Leben nicht lieb gehabt haben bis in den Tod, sondern Geduld und Glauben der Heiligen bewiesen:

„Selig sind die Todten, die im Herrn sterben, von nun an! Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

dem Unbekehrten und Unbegnadigten mag und muß freilich der Anblick des offenen Grabes dunkel und schauervoll erscheinen; mit seinem Leichname werden auch alle irdischen Pläne und Erwartungen begraben; der bekehrte und begnadigte Christ aber stimmt in die muthige Glaubenssprache des frommen Dichters ein:

Was fürcht ich noch des Grabes Schrecken?
Du schliefst auch einst im Grab! o Seelenfreund!
Mag sie doch meine Asche decken
Die Erde, wenn des Todes Nacht erscheint.
Der Gott, der dir das Leben wiedergab,
Walzt einstens auch den Stein von meinem Grab.

III.

Aber nicht nur Ruhe und Erquickung im Grabe folgte dem Kampfe des Erlösers, sondern auch herrlicher Sieg.

Nach dem Charfreitag und großen Sabbath kam das frohe Osterfest. Unmöglich war es, daß der Heilige Gottes von des Todes Banden festgehalten und ms Grab gefesselt die Verwesung sehen konnte. Nein, so gewiß das erfüllt wurde, was von dem Tod und Begräbniß des Messias in den Schriften der Propheten angekündigt worden war, eben so untrüglich mußte auch die Weissagung in Erfüllung gehen: „Er ist aus der Angst und dem Gerichte gerissen, wer will seines Lebens Länge ausreden.“ „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben, und in die Länge leben.“ Gestattet wurde es zwar seinen Feinden, den Tempel seines heiligen Leibes abbrechen zu dürfen, aber in drei Tagen richtete er ihn wieder auf. Kein schwerer Stein vor des Grabes Thür, kein darauf gedrücktes Siegel, keine Wache römischer Soldaten konnte den großen Hirten der Schaafe hindern, das Leben, das er von sich selbst gelassen hatte, zu der von ihm bestimmten Zeit wieder zu sich zu nehmen. Der Morgen des dritten Tages brach an, die natürliche Sonne strahlte mit erneuter Pracht, und mit ihr ging auch die große Geistersonne – Jesus Christus – in frischem Glanze auf. Ein Engel Gottes kommt vom Himmel herab – die Erde erbebt, der Stein ist hinweggewälzt, der große Todte wird lebendig, verklärt entschwingt er sich der Gruft, die Hüter erschrecken vor Furcht, sie sinken nieder wie todt, kaum kehrt ihr Besinnen zurück, so fliehen sie davon, und verkündigen alles, was geschehen war, den Hohenpriestern, die zu elenden Lügen und schändlichen Bestechungen ihre Zuflucht nehmen. Ein Himmelsbote bringt den früh zum Grabe kommenden Jüngerinnen die Trost- und Freudenbotschaft: „Fürchtet euch nicht; ich weiß, daß ihr Jesum den Gekreuzigten suchet; er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Bald nachher erscheint er ihnen selbst, begrüßt sie, und läßt durch sie seine trauernden Jünger begrüßen. Lebend zeigt er sich einer Maria Magdalena, einem Petrus – um diesem über seine Verleugnung tiefgebeugten Apostel persönlich Vergebung zuzusichern; er wandelte mit den nach Emmaus gehenden Jüngern, legt ihnen alle Schrift aus, und wird von Ihnen erkannt an dem, da er das Brod brach. Noch denselben Abend tritt er bei verschlossenen Thüren in den Kreis seiner zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden Apostel, ruft ihnen seinen Friedensgruß entgegen, und zeigt ihnen Hände und Füße. Nur ein Thomas fehlt, läßt sich durch keine Versicherungen seiner Mitapostel überzeugen, und geht eine ganze Woche vom Unglauben wie gefesselt in banger Unruhe dahin, bis der erbarmende Erlöser der finstern Nacht in seinem Innern durch das helle Licht seiner Erscheinung ein Ende macht. Der bange Zweifler erblickt den, welchen er noch immer für todt hielt, mit seinen eigenen Augen lebendig vor sich stehen; er vernimmt das Gnadenwort: „Reiche deinen Finger her, und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her, und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. – Er sieht, betastet, staunt, betet an, und ruft anbetend aus: Mein Herr und mein Gott. Noch mehr – von 500 Brüdern auf einmal wurde er gesehen, deren viele zur Zeit des Paulus noch lebten; „am letzten nach allen“ – setzt dieser große Zeuge der Wahrheit hinzu – „ist er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt gesehen worden; denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, als der ich nicht werth bin, daß ich ein Apostel heiße, darum, daß ich die Gemeine Gottes verfolgt habe.“ Daß Christus von den Todten auferstanden sei, ist demnach geschichtliche Thatsache, welche nicht etwa nur auf der Aussage einiger frommer Weiber beruht, die man der Leichtgläubigkeit beschuldigen möchte, sondern auf dem vereinten Zeugniß so vieler Jünger, welche selbst lange und bange Zweifelten und nur schwer zum Glauben sich bringen ließen; auf dem Zeugnisse nicht nur von Freunden, sondern selbst von Feinden, auf dem Zeugnisse himmlischer Friedensboten, ja auf der ausdrücklichen Erklärung dessen, der da ist der treue und wahrhaftige Zeuge, als er einem Johannes in Patmos im Lichtglanze seiner Herrlichkeit erschien, und diesem um des Wortes Gottes willen verbannten Apostel zurief: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war todt, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit, und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“ Und hat er nicht das kurz vor seinem Tode ausgesprochene große Verheißungswort: ich lebe, und ihr sollt auch leben“ sowohl an seinen ersten Jüngern als an Millionen seiner Verehrer in allen Zeitaltern der christlichen Kirche herrlich erfüllt? Hat er, der Neubelebte und Ewiglebende seine himmlische Lebenskraft nicht an und in ihnen und durch sie zum Heil und Segen für ganze Familien und Völker kräftig erwiesen? Hat er nicht seinen heiligen Geist über die Apostel ausgegossen, und die schwachen, furchtsam vor ihren Feinden sich verbergenden Jünger in die heldenmüthigsten Bekenner der Wahrheit verwandelt, daß sie ausgingen, und aller Orten unter Juden und Heiden getrost sein Evangelium verkündigten; und ihr lebend, zur Rechten Gottes sitzender Herr wirkte mit ihnen, und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen. Ja auch heute noch können Tausende von redlichen Verehrern seines. Namens aus eigener Erfahrung freudig es rühmen: „Jesus lebt! Auch wir haben seine lebendig machende Kraft und seinen himmlisch erquickenden Trost im Leben und Leiden erfahren.“

Ist es nun aber unwidersprechliche Thatsache, daß Jesus auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift, wie können denn welche – selbst in unsern Tagen – die Sprache der Vermessenheit sich erlauben: „die Auferstehung der Todten sei nichts.“ Daß es solche Verächter und Spötter der Auferstehung früherhin in älteren Zeiten gegeben habe, bezeugt Gottes Wort selbst. Schon die alten Sadducäer sagten es laut und unverholen, „es sei keine Auferstehung, noch Engel, noch Geist“ und als Athens Weltweise einen Paulus von der Auferstehung der Todten zeugen hörten, „da hatten es etliche ihren Spott.“ Kein Wunder denn, daß es auch in unsern Zeiten an solchen Zweiflern und Spöttern nicht fehlt. Aber was bezeugt Jesus – der Mund der Wahrheit – von solchen: „Ihr irret, und wisset die Schrift nicht, noch die Kraft Gottes.“

Derselbe Schöpfer, der den ersten Menschen aus Erdenstaub so schön und herrlich nach seinem Bilde schuf, vermag auch dem in Staub verwandelten Leibe erneutes Leben, Kraft und Schönheit wiederzugeben. Und sobald es geschichtlich erwiesen ist, daß auch nur Ein wahrhaft Todtgewesener erstanden sei, so ist eben damit erwiesen, daß, was wirklich geschehen ist, auch möglich sein müsse. Nun ist aber nicht nur Christi Auferstehung eine für jeden unbefangenen Wahrheitsfreund völlig beglaubigte Thatsache, sondern eben so gewiß ist es, daß er schon in den Tagen seines niedrigen Erdenlebens Todte erweckt habe, und daß auch seine Apostel nach seiner Himmelfahrt mit Macht von ihm ausgerüstet wurden, Verstorbene wieder ins Leben zurückzurufen.

Ich berühre einen andern Punkt. Ist Christus auferweckt worden durch die Herrlichkeit des Vaters, so hat dieser ihn vor Himmel, Welt und Hölle gerechtfertiget; er hat auf seine Person, seine Lehre und sein Wort das Siegel der Göttlichkeit gedrückt. Er hat es durch seine Auferweckung öffentlich und feierlich erklärt, daß Christus weder Verführer noch Missethäter, daß er vollkommen rein, unschuldig und heilig, ein großer Prophet und Wunderthäter sei, aber nicht nur das, sondern der längst verheißene Messias, sein Gesalbter und sein eingeborner Sohn, der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens, der Herr vom Himmel, Versöhner der sündigen Menschheit, ihr einiger Mittler, Fürsprecher und künftiger Richter. Seine Auferweckung von den Todten ist uns Pfand und Bürgschaft dafür, daß seine Lehre göttliche Lehre, daß jeder seiner Aussprüche Gottes Ausspruch, und eben darum untrügliche und allgemein annehmungswerthe Wahrheit sei. Nun hat er auch das klar und deutlich gelehrt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Mit einem feierlichen: „Wahrlich, wahrlich“ hat er es bezeugt: „Es kömmt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes gethan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Uebels gethan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“

Was nun Jesus so feierlich uns versicherte, und was seine Apostel in seinem Sinn und Geist uns vortrugen, das sollten wir billig in tiefster Demuth, Ehrfurcht und Bescheidenheit auf- und annehmen, fest und unbeweglich dabei verbleiben, und die beruhigende, bessernde und beseligende Kraft seines Evangeliums immer völliger zu erfahren uns bestreben. Aber nicht nur, was Christus lehrte, ist wahr und bleibt unerschütterlich fest bei allem Wechsel der Zeit und Welt, sondern auch Alles, was er in seines Vaters Namen that, litt und duldete, sein ganzes Erlösungs- und Versöhnungs-Werk ist durch seine Auferweckung von den Todten als ihm angenehm und vor ihm gültig anerkannt und bekräftigt worden.

Darum darf nun jeder ächtgläubige Christ den Schluß machen: „So gewiß mein Heiland von den Todten erstanden ist, so gewiß kömmt seine Versöhnung auch mir zu gut; sein ganzes Heil ist mein, und so gewiß wird einst der Tag anbrechen, da der Tod seine Beute wiedergeben muß, da die Gräber sich öffnen, da alle darin Verschlossenen neubelebt hervorgehen, vor dem Richterstuhle des erhabenen Weltenrichters versammelt, nach ihren Worten gerichtet, zu seiner Rechten oder Linken gestellt, und nach Leib und Seele wieder vereint entweder mit einem strahlenden Lichtkörper in das ewige Leben oder mit einem ihrem unseligen Zustande angemessenen Leibe zur ewigen Pein eingehen werden.

Welch ein Tag des Schreckens und Entsetzens für alle Ungläubige und Uebelthäter, aber welch ein Tag namenloser Seligkeit für alle wahre Gläubige und rechtschaffene Nachfolger des Erlösers. Dann wird dies Verwesliche anziehen das Unverwesliche, und dies Sterbliche die Unsterblichkeit.

Zittere – du in deinen Sünden sicher und sorglos dahinlebender Mensch und achte auf den freundlich ernsten Zuruf des Apostels: Wache auf, der du schläfest, und stehe auf von den Todten, so wird dich Christus erleuchten.

Du aber, begnadigter Christ, freue dich und frohlocke! unbeschreiblich herrlich ist das Loos, das deiner wartet. Darum seifest, unbeweglich und nimm immer zu im Werke des Herrn, sintemal du weißt, daß deine Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn. Trachte mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben. Speise, tränke und beherberge, bekleide, besuche und erquicke deinen Heiland in seinen hungrigen, durstigen, fremden, nackten, kranken und gefangenen Gliedern. In seinem Dienste scheu weder Gefahr, noch Roth und Tod. . Kämpfe den guten Kampf des Glaubens. Ergreife das ewige Leben. Solltest du auch um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen geschmäht und verfolgt werden, sei fröhlich und getrost, es wird dir im Himmel wohl belohnt, werden. Sollte innere Anfechtung deine Seele bestürmen, oder deine geschwächte Leibeshülle unter Schmerz und Krankheit schmachten und sinken, so demüthige dich unter die gewaltige Hand Gottes, trage still duldend deine Kreuzeslast, beharre bis an das Ende. Bald schlägt deine Erlösungsstunde. Bald ruhst du sanft im Grabe. Bald bricht er an der heitere Auferstehungsmorgen. Sieh ihm freudig entgegen. Sing es einem Klopstock nach:

Aufersteht, ja auferstehn wirst du,
Mein Staub, nach kurzer Ruh
unsterbliche Leben
Wird, der dich schuf, dir geben.
Hallelujah

Wieder aufzublühn werd ich gesäet;
Der Herr der Ernte geht;
Und sammelt Garben,
Uns ein, uns ein, die starben.
Gelobt sei Gott.

Tag des Danks! der Freudenthränen Tag!
Du meines Gottes Tag!
Wenn ich im Grabe
Genug geschlummert habe,
Erweckst du mich.

Wie den Traumenden wirds dann uns sein.
Mit Jesu gehe wir ein
Zu seinen Freuden,
Der müden Pilger Leiden
Sind dann nicht mehr.