Predigt, gehalten zu Pfingstsonntag

Scriver, Christian – Predigt am ersten hochheiligen Pfingsttage.

Vorbereitung

Es hat sich in vorigen Jahren eine gelehrte Gesellschaft zusammen gethan, die Humoristen benamet, welche eine Wolke zum Sinnbilde führen, die aus dem Meere herauf steigt, mit der Beischrift: Redit agmine dulci, das ist, die Dünste, welche von der Sonne aufgezogen werden, kommen in einem lieblichen Regen wieder zurück, damit anzeigend, dass das Studiren und die Arbeit, welche darauf verwendet wird, nicht ohne Nutzen sei, sondern es zu seiner Zeit wohl wieder einbringe. Es kann sein, dass sie zurück geseh’n in die Geschichte, welche sich zu den Zeiten des Königs Ahab begeben, da auf des Propheten Elias Bitte bei dürrer Zeit erstlich eine Wolke aufgeht aus dem Meere, wie eines Mannes Hand, darauf nachmals ein grosser Regen gekommen. Wir können Solches auch nicht unfüglich auf das gegenwärtige heilige Fest ziehen. Denn wir haben unlängst gehört, dass sich der Herr Jesus von dem Meer dieser Welt erhoben in einer Wolke, welche nun mit einem gnädigen Regen wieder zurückkommt durch Ausgiessung des hl. Geistes, und macht wahr, was David davon saget: Nun aber giebst du, Gott, einen gnädigen Regen, und dein Erbe, das dürre ist, erquickest du (Ps. 68,10).

Text Evang. Joh. 14,23-31.

Eingang

So Jemand fragt, welches die höchste Ehre in der Welt sei? Könnte man darauf antworten, dass in der Welt nichts Vortrefflicheres sei und Nichts so hoch geachtet, als die Seele, vornehmlich eines wiedergeborenen Menschen. Denn wer seine Seele irdischen Dingen unterwürfig macht, Der trachtet nicht nach hohen, sondern nach niedern Dingen. Wenn wir aber nach Meinung des gemeinen Mannes reden wollen, so werden wir ohne Zweifel die kaiserliche Würde für die höchste Ehre dieser Welt schätzen. Es sind aber viele Dinge, welche die Ehre dieser Welt verdächtig und unangenehm machen. Ein Mensch sei so hoch wie er will, so bleibt er dennoch ein Mensch. Wenn Einer auf einen hohen Turm steigt, ist er deswegen nicht grösser, als vorhin. Er hat Beschwerde im Hinaufsteigen; wenn er droben ist, muss er die Gefahr und den Schwindel fürchten und hat Nichts übrig, als dass er herabsteige oder herabfalle. Also ist es mit der Herrlichkeit der Welt beschaffen. Wenn er es auf’s Höchste gebracht hat, so bleibt er doch ein sündlicher, sterblicher Mensch, steht in Gefahr seiner Seele und muss doch endlich herabsteigen und sich in den Staub legen, und ist zu befürchten, dass Mancher aus der höchsten Ehre dieser Welt in die tiefste Hölle falle. Wir haben die Ehre dieser Welt anderswo verglichen mit dem Abendschatten, je grösser derselbe wird, desto näher er wieder dem Abgange kommt. Man könnte sie nicht unfüglich vergleichen mit dem Rauch, so von der Rauchpfanne aufsteigt, welcher eine Zeitlang einen lieblichen Geruch macht, bald aber wiederum vergeht, oder vielmehr dem gemeinen Rauch, wenn derselbe aufsteigt, beisst er in die Augen und hernach verschwindet er. Gewiss, wenn junge Leute wüssten, was für Sorgen, Mühe, Beschwerde und Gefahr Leibes und der Seele bei der weltlichen Lehre und Hoheit ist, man würde Mühe haben, sie dazu zu bringen. Damit wir aber auf die vorgetragene Frage antworten, so wollen wir einen Unterschied machen unter der Ehre vor den Menschen und der Ehre vor Gott. Die Ehre vor den Menschen gehört zur Eitelkeit und dem vergänglichen Wesen dieser Welt und kann bei den Gotteskindern, die das Unvergängliche suchen, in keine sonderliche Betrachtung kommen. Die Ehre vor Gott aber und von Gott ist, dass ich’s kurz sage, eine Vereinigung und Gemeinschaft mit Gott, die Kindschaft Gottes, die Gemeinschaft mit Christo Jesu, die Einwohnung des hl. Geistes, diese Ehre bringt keine Last, sondern Lust, sie ist nicht eitel und vergänglich, sondern ewig, nicht gefährlich, sondern gewiss und sicher. Diese Ehre haben der Kaiser Theodosius der Grosse und der König in Grossbritannien Karl I. Höher geschätzt als ihre kaiserliche und königliche Würde. Diese Ehre aber wird bei den meisten Menschen nicht gross geachtet, denn sie ist verborgen; das Reich Gottes kommt nicht mit äusserlichen Gebärden und grossem Gepränge. Gleich wie die Stiftshütte im alten Testament innerlich auf’s Köstlichste zugerichtet, äusserlich aber mit geringen Fellen und Decken belegt war; ja, gleich wie die Leviten das hl. Geräth trugen, aber in den Vorhang eingewunden: also haben auch die Kinder Gottes ihre Ehre, aber unter vielem Kreuz verborgen. Von dieser höchsten Ehre nun werden wir aus unserm Evangelio zu handeln haben. Gott helfe, dass es gereiche zu seines hl. Namens Ehre und unser aller seligen Erbauung um Christi willen! Amen.

Abhandlung

Zeuch ein, du werther Gast! Hier ist mein Herz und Brust,
Es soll dein Tempel sein, dein Himmel, Ruh‘ und Lust.

Man muss sich höchst verwundern über die Liebe Gottes, davon der Prophet Jesaias redet, dass er zugleich in der Höhe und im Heiligthum wohne und auch bei Denen, so zerschlagenen und demüthigen Geistes sind (Jes. 57,15.), oder, wie der hl. Apostel sagt, dass er will in ihnen wohnen und in ihnen wandeln (2. Cor. 6,16.), oder, wie unser liebster Heiland bald Anfangs des heutigen Festevangelii sagt, dass er bald zu ihnen komme und Wohnung bei ihnen mache. Ob nun wohl diese Materia und Sache sehr hoch ist, und die Wahrheit zu bekennen meinen Verstand weit übertrifft (denn es geht, als wenn ein Kind von königlicher Hoheit reden sollte), so wollen wir doch davon handeln, damit wir uns abgewöhnen, über irdische und nichtige Dinge uns zu verwundern und hingegen uns gewöhnen, himmlische und ewige Dinge zu verlangen.

Demnach haben wir zu erinnern: 1. dass solche hohe Feste nicht darum gefeiert werden, dass wir die blosse Geschichte wissen und wiederholen, sondern dass auch Solches an uns geschehe, was vor diesem Andern geschehen ist. Das hl. Pfingsfest muss uns auch die Gabe und Gnade des hl. Geistes bringen, es muss der edle Gast bei uns auch einziehen und einen Tempel und Wohnung bei uns anrichten. Es ist uns mit Erzählung und Anhörung der Geschichte von der Ausgiessung des hl. Geistes über die Apostel eben so Viel gedient, als wenn wir von den Reisenden hören, es habe anderswo geregnet, da auf unser Land nicht ein Tropfen gefallen ist. Diesem nach müssen wir wissen, 1. dass Gottes Wort und unser Christenthum dahin geht, dass unser Herz eine Wohnung Gottes und unser Leib und Seele eine Werkstatt und Tempel des hl. Geistes sei. Es ist Alles um’s Herz zu thun, welches die Quelle ist, daraus Alles fleusst, das Heiligthum und die innerste Kammer des Menschen. Zu dem Ende hat Gott den Menschen erschaffen, und als dieser Tempel durch des Teufels Trug verderbet war, hat die Liebe Gottes sich dahin bearbeitet, dass er möchte wieder aufgerichtet werden. Zu dem Ende hat der Sohn Gottes am Baum des Kreuzes sein Blut vergossen, dass er diesen Tempel heiligte. Denn Gott ist ein ewiges, vollkommenes, unendliches, lieb- und freudenreiches, wesentliches, mittheilendes Gut und hat Lust, im Herzen des Menschen zu wohnen, nicht um seinetwillen, sondern um des Menschen willen, dass er ihn seiner Liebe und Güte theilhaftig mache. Allein unser Her ist verderbt und durch des Teufels Trug entheiligt, der sich hinein geschwungen und diesen edeln Tempel verunreinigt hat; Gott aber hat diesen unreinen Gast hinaus gestossen und ist bemüht, das Herz wieder zu heiligen. Dahin zielet das Wort Gottes, die hl. Sacramente, das liebe Kreuz und alle Wohlthaten Gottes. Und Das ist’s, was ich so oft sage von der Erneuerung des Herzens. Denn von Natur ist unser Herz wie ein wüstes Haus, darinnen die Nachteulen und Fledermäuse wohnen, das voll Unreinigkeit und Finsterniss ist. Durch die Gnade Gottes aber, durch das Blut Jesu Christi und die Kraft des hl. Geistes wird’s erneuert, gereinigt, erleuchtet, geheiligt und zum Tempel und Wohnung Gottes gewidmet.

Wir müssen ferner wissen 2. wie das zugeht und wie wir dazu gelangen? Ich antworte: Gott muss hiezu den Anfang machen durch sein Wort, Gnade und Geist. Zu dem Ende hat er seinen Sohn in diese Welt gesandt. So fähet nun Gott an, durch sein Wort und Gnade, so in und durch das Wort wirket, an unserm Herzen zu arbeiten. Er bestrahlet und erleuchtet dasselbe durch sein göttliches Licht; das Wort aber thut Zweierlei, es entdeckt die Finsterniss und Gräuel unsers Herzens und zeiget uns Jesum Christum, als unsern Gnadenthron, von Gott vorgestellt, als den Heiland aller Menschen. Darauf fängt das Herz an, seinen Gräueln Feind zu werden, Christum zu erkennen, seine Verheissungen zu ergreifen und ihn brünstig zu lieben und von ganzem Herzen, mit allen Kräften ihm anzuhangen. Darauf folgt dann die Rechtfertigung durch den Glauben und die Vergebung der Sünden und hierauf die Vereinigung und Gemeinschaft mit Gott, oder die Einwohnung Gottes, dass Gott in einem solchen Herzen anhebt, sich als einen süssen Gott, mit Trost, Friede, Freude und Seligkeit zu erzeigen. Man muss also einen Unterschied machen unter der Wirkung Gottes und seiner Einwohnung. Gott klopft Anfangs an durch sein Wort, er buhlt um das Herz, wenn es dann nun seiner Gnade nicht widersteht, sondern nach Christo verlangt, denselben ergreift und umfängt, so nimmt es Gott zu seiner Wohnung an, das ist, er erklärt es für sein Kind, vergiebt ihm alle seine Sünde, heiligt und reinigt es, erleuchtet es, erfüllt es mit himmlischer Weisheit und Süssigkeit, stillt es mit seiner Liebe, erfreut es mit seinem Frieden und lässt es die Freude des ewigen Lebens kosten. Kurz, von einem gläubigen und gottseligen Menschen kann man sagen, dass er mit Gott vereinigt ist, nicht zwar durch eine persönliche, doch geistliche und wahrhaftige wesentliche Vereinigung; so wahrhaftig als ich sagen kann, dass in dem Herrn Jesu die Fülle der Gottheit gewohnt hat leibhaftig, so wahrhaftig kann ich sagen, dass in einem gläubigen Gliede Christi Gott wohne geistlich, doch wahrhaftig.

Wir müssen betrachten 3. was diese Einwohnung Gottes für Nutzen schaffe? Ich könnte mit einem Worte sagen: Sie ist ein Vorschmack und Anfang des ewigen Lebens. Lasset uns aber erwägen, was unser Evangelium uns diesfalls an die Hand giebt. Erstens ist aus dem, das gesagt wird „wir werden Wohnung bei ihm machen“ zu schliessen, dass Gott seine Wohnung herrlich und vortrefflich mache. Gott erfüllet eine Seele, darinnen er wohnt, mit Licht und Recht, mit seinem göttlichen Glanz und Herrlichkeit. Das ist gewiss, dass nichts Schöneres ist in der Welt als eine Seele, darinnen Gott mit seiner Gnade wohnt. Eine Leuchte, welche allenthalben mit Edelsteinen versetzt oder ganz aus Edelsteinen gemacht ist, wird nicht leuchten, wenn nicht das Licht seine Strahlen hineinwirft, und wenn Solches geschieht, so leuchtet sie desto heller. Wenn die Sonne durch ein schönes Glas ihre Strahlen wirft, so wird es immer schöner. Es reicht aber Dieses nicht zu, Dasjenige, was wir vorhaben, nach Würden zu erklären, weil die Seele sonderlich von Gott dazu gemacht und geschaffen ist, dass sie sein Tempel und Wohnung sein sollte; wenn wir aber Gott in seinem Tempel sehen könnten, würden wir aller Schönheit und Herrlichkeit der Welt vergessen. Und hieraus ist offenbar, wie thöricht Diejenigen handeln, welche auf die Schönheit des Leibes sehen und denselben mit allerlei irdischem Zierrath auszuschmücken beflissen sind, dabei aber ihrer Seelen vergessen. Mein lieber Mensch, willst du schön sein, so nimm deine Schönheit und deinen Schmuck von Gott, so werden sich alle heiligen Engel über dich verwundern. Ein gottseliger Lehrer (Arndt, vom wahren Christenthum 3, 4.) hat von dieser Sache sehr wahr gesagt: „Wer eine solche Seele sehen könnte, der sähe die allerschönste Kreatur und das göttliche Licht in ihr leuchten; denn sie ist mit Gott vereinigt und ist göttlich, nicht von Natur, sondern aus Gnaden. Und hingegen, wer eine Seele sehen könnte, die mit aller ihrer Liebe an den Kreaturen hängt, an des Fleisches Lust, Augenlust und hoffährtigem Leben und die sich durch Sünden mit dem Satan vereinigt, dies wäre ein gräulich Ungeheuer, scheusslicher, als der Teufel selbst“. Was nur schön und herrlich ist in der Welt, als die funkelnden Sterne, die lieblichen Blumen und köstlichen Edelsteine, das hat Gott also erschaffen, dass es von der Schönheit des Schöpfers zeugen sollte. So nun Gott den Dingen, die doch vergehen müssen, so viel Herrlichkeit gegeben, was sollte er nicht der Seele gegeben haben, welche er selbst erfüllt und darinnen er ewiglich wohnt. Und das wird die vornehmste Herrlichkeit des Himmels sein, dass Gott in den auserwählten Seelen sich spiegelt und sie mit seiner göttlichen Herrlichkeit und Klarheit erfüllt. Gleich wie es Einem auf Erden etlichermaassen eine Lust macht, wenn man allerhand Blumen sieht, also wird im Himmel eine sonderbare Freude entstehen aus Anschauung so vieler Seelen, welche alle voll göttlichen Lichtes, doch aber an Herrlichkeit und Klarheit unterschieden sein werden. Dieses müssen wir in dieser Welt glauben. Es ist die gläubige und mit Gott vereinigte Seele in dieser Welt einem Diamanten oder Rubinen gleich, der noch in seinen Schlacken lieget und nicht polieret ist, oder einem hellscheinenden Lichte, das mit einem Nebel umgeben ist. Dort aber wird sie in voller Klarheit leuchten, und Gott wird Alles in Allem sein. Hierauf zielt der hl. Johannes, wenn er sagt: Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm werden gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist (1. Joh. 3,2).

Ferner Zweitens: Gott lässt sich (wiewohl nicht äusserlich, doch innerlich) in einer gläubigen Seele merken und spüren. Kurz vor unsern evangelischen Textesworten sagt unser Heiland: Ich will ihn lieben und mich ihm offenbaren; und in unserm Text: Mein Vater wird ihn lieben. Damit stimmt der hl. Apostel überein, welcher sagt: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den hl. Geist (Röm. 5,5). Die Meinung ist diese, Gott giebt sich solchen Seelen mit seiner Liebe, Gnade und Süssigkeit zu erkennen, er lässt sie schmecken und sehen, wie freundlich er ist. Damit wir Solches desto besser mögen verstehen, so ist zu merken, dass zweierlei Erkenntniss Gottes sei, eine die in der Wissenschaft und im Buchstaben besteht, die andere in der Erfahrung und im Geist. Es habe ihrer Viele hören loben die Aepfel Sina’s wegen ihrer Süssigkeit und ihres Herz erquickenden Saftes, der aber weiss es recht, der sie gekostet und ihre Kraft in Durst und Mattigkeit empfunden hat. Also wissen ihrer Viele Gott nach dem Namen und Buchstaben, aber diejenigen Herzen, davon wir hier handeln, die haben Gottes Gütigkeit, Freundlichkeit, Trost, Freude, Kraft, Leben geschmeckt und wissen also aus innerlicher Erfahrung, wie ein gütiger, süsser, lieb- und trostreicher Gott er ist. Hiezu kommt die äusserliche Erfahrung, dass sie Gottes Hilfe und Beistand, Gottes Regierung und väterliche Fürsorge klärlich verspüren und daraus gleich mit versichert werden, dass sie sich zu Gott alles Guten verseh’n können. Ich will sagen, dass viererlei Erkenntniss Gottes sei, der Natur der hl. Schrift, der innerlichen Erfahrung oder Einwohnung und der äusserlichen Hilfe und Beistandes. Die weltlich gesinnten Herzen haben nur die beiden ersten, die göttlichen Seelen aber haben die beiden letzteren nebst den andern, und also haben sie die rechte Erkenntniss Gottes, welche nicht in blosser Wissenschaft, sondern in einem lebendigne, lieblichen, holdseligen, kräftigen Troste besteht, dass man die Süssigkeit, Freundlichkeit und Holdseligkeit im Glauben schmeckt und empfindet. Diese Erkenntniss haben leider heutiges Tages wenige Leute und doch sind um jener willen uns Gottes Wort und die hl. Sacramente gegeben. Daher ein alter Scribent (Arndt, a.a.O. 2,28.) gesagt hat: Es lässt sich in einer leeren, stillen, ruhigen (d.i. Gläubigen) Seele mehr empfinden, denn aussprechen, was Gott ist. Daher Paulus, als er in den dritten Himmel entzückt gewesen, sagt, dass er gehört habe unaussprechliche Worte; er hatte mehr geschmeckt von Gott, als er ausreden konnte, und ich finde nicht, dass jemals ein Engel sollte weitläufig von Gott geredet haben, weil nämlich nicht auszureden ist, was sie täglich schmecken, wenn sie vor Gottes Angesicht stehen und dasselbe schauen.

Allhier kann auch Drittens angeführt werden, was unser liebster Heiland in unserm Festevangelium sagt: Den Frieden lass ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Item: Der Fürst dieser Welt kommt und hat Nichts an mir. Denn Gott umgiebt seinen Tempel gleichsam mit einer feurigen Mauer und erzeuget sich herrlich darin (Zacha. 2,5.). Er verwahret denselbigen, wie Paulus sagt, der Friede Gottes bewahret (hält die Wache) in einem solchen Herzen (Phil. 4,7). Zwar der Satan lässt nicht nach, ein solches Herz anzufeinden, anzulaufen und zu bestreiten, er kann aber Nichts ausrichten; so wenig er Gott aus dem Himmel herunter stürzen kann, so wenig aus solchem Herzen. Er brüllet zwar manch Mal zu einem solchen Herzen mit schrecklichen Anfechtungen und Gedanken ein; allein, Gott spricht: Erschrick nicht und fürchte dich nicht, ich bin bei dir, du bist mein, ich habe dich erlöst. Darauf folgt alsdann eine herrliche Freudigkeit der Gläubigen und Versicherung der Seligkeit, davon Fleisch und Blut und die Vernunft Nichts weiss. Endlich kommt dazu Viertens die Heiligung und Regierung, davon unser liebster Heiland in dem Festevangelium sagt: Aber der Tröster, der hl. Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, derselbige wird euch Alles lehren und euch erinnern alles Dess‘, das ich euch gesagt habe. Gott bewahrt seinen Tempel vor Unreinigkeit, heiliget denselben von Tage zu Tage je mehr und mehr, erfüllet denselben mit Weisheit und Fürsichtigkeit. Denn Gott wohnet im Herzen als ein Hausherr in seinem Hause und herrschet über alle Begierden und bösen Lüste in allen Gliedern, als ein Gärtner im Garten, welchen er von dem aufschlagenden Unkraut immerdar reinigt und hingegen allerlei heilsame Gewächse hinein pflanzt; als ein Lehrmeister oder Professor in der Schule und lehrt die Geheimnisse der Schrift und des Reiches Gottes; als die Seele im Leibe, welche alle die Gliedmaassen lebendig macht, regiert und bewegt. Zwar kann nicht geleugnet werden, dass auch ein wiedergeborener und mit Gott vereinigter Mensch sündigen könne, insonderheit, wenn er etwas sicher ist und seinem Fleisch und Blut allzuviel nachgiebt und der Welt Neigungen folgt; es lässt sich aber dieser Zustand, davon wir handeln, nicht zu, dass er allzu gröblich sündige, in Sünden beharre und darinnen sicher sei. Daher Johannes sagt: Wer aus Gott geboren ist, der kann nicht sündigen, denn sein Same bleibt bei ihm und kann nicht sündigen, denn er ist von Gott geboren, d.i., wie Einige erklären, er kann und wird die Sünde nicht lassen in sich herrschen, der Sünde nicht dienen, nach dem Fleische nicht wandeln und ein gottloses Leben mit den Uebelthätern führen.

Aus dieser Betrachtung haben wir nun zu nehmen: 1. eine Aufmunterung, dass wir uns um dies Glückseligkeit bemühen sollen und das Christenthum, den Glauben und das Wort Gottes, die Liebe Jesu Christi nicht für schlechte und geringe Dinge achten. Ich habe oft gesagt, dass darum das wahre Christenthum und der Glaube schlechte Dinge sind für fleischliche Augen, weil wir nicht verstehen und nicht wissen wollen, was es für eine Herrlichkeit und Seligkeit mit sich bringt. Die Welt prahlt und prangt mit Gold, Silber, Perlen, Edelgesteinen und allerlei Moden, bunten und hohen Farben, mit hoher Ehre und Ansehen u.s.f. Da fallen die Herzen mit Haufen zu als die Fliegen auf ein glänzendes und hell polirtes Metall. Da meinen sie, den Himmel auf Erden gehascht zu haben; allein, meine allerliebsten Zuhörer, glaubet mir, dass mancher Leib heute mit köstlichem Schmuck prangt, dessen Herz eine Wohnung des Teufels ist. So thut doch nun Dieses, bekümmert euch von Herzen um das Wort Gottes und um die hl. Sacramente, haltet an am Gebet und übet euch in der wahren Gottseligkeit. Denn dieses sind die Mittel, dadurch der Glaube, die Liebe Jesu Christi in uns erweckt, vermehrt und erhalten wird; opfert Gott täglich euer Herz, hütet euch vor Sünden. Verlasst euch auch nicht auf den äusserlichen Gottesdienst, das Kirchengeh’n, Beichten u. dgl., dabei der innerliche versäumt und nicht beobachtet wird. Die Juden verliessen sich auf ihren Tempel, sprechend: Hier ist der Tempel des Herrn! (Jer. 7,4) und verliessen sich darauf, dass sie Gottes Volk wären, dass sie Gottes Gesetz halten alle Sabbather in ihren Schulen und es lesen, dass sie im Tempel opferten und die Ceremonien des Gesetzes, ja mehr als in denselbigen geboten war, in Acht nahmen. Indessen klagt Gott vielfältig, dass sie zwar mit ihrem Munde zu ihm nahen, aber ihr Herz fern von ihm sei (Jes. 29,13). Darum verwirft er ihren äusserlichen Gottesdienst und spricht: Bringet nicht mehr Speiseopfer so vergeblich. Das Räuchwerk ist mir ein Gräuel, der Neumonden und Sabbather, da ihr zusammen kommt und Müh‘ und Angst habt, der mag ich nicht. Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahreszeiten, ich bin derselbigen überdrüssig, ich bin’s müde zu leiden (Jes. 1,13.); und abermal: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag nicht riechen in eure Versammlung. Thue nur weg von mir das Geplärre deiner Lieder, denn ich mag dein Psalterspiel nicht hören (Amos 5,21). So gehet’s noch jetzt zu, die meisten unter den heutigen Christen lassen sich an dem äusserlichen Gottesdienste genügen, wenn sie nur alle Woche ein oder ein paar Mal in die Kirche gehen, zwei oder drei Mal zum Beichtstuhl und hl. Abendmahle sich finden, so sind sie nicht weiter bekümmert, wie es um das Innerliche stehe. Allein, mein Mensch, was nützt das Aeusserliche, wenn das Innerliche nicht vorhanden ist! Dein Herz ist die rechte Kirche, das Verlangen nach Gott, der lebendige Glaube, eine brünstige Liebe, eine fröhliche Hoffnung, ein gelassenes Herz, eine geruhige stille Seele, das sind die rechten Opfer. Ich verwerfe den äusserlichen Gottesdienst gar nicht, das sei ferne; ich will aber nicht, dass er von dem innerlichen soll getrennt sein. Zum Exempel, du hörst diese hl. Pfingstzeit über von dem hl. Geist, dass er sei nebst Vater und Sohne ein ewiger Gott, der sich in die Herzen der Menschen ergiesse. Das ist nun nicht genug, dass du Solches wisst und hörst, sondern du musst danach streben und darum beten, dass der werthe Gast und Geist sich mit deinem Geiste vereinige, in deiner Seele wohne, dieselbe mit allerlei Gottesfülle erfülle; kurz, du musst an Leib und Seele ein Tempel des lebendigen Gottes werden. Was hilft aller Schmuck, Kleider, niedliche Speisen ohne solche Einwohnung Gottes?

Lasset uns auch in Acht nehmen 2. einen Trost für die Gottseligen, die sich von Herzen Gott zum Heiligthum ergeben haben. Damit ich ihnen den Trost beibringen könne, so muss ich auf einigen Einwurf antworten. Ach, denkt manches fromme Herz, ich bin wohl nicht eine Wohnung Gottes, ich empfinde ja in mir nichts Göttliches und Himmlisches, ich bin ein armer, betrübter, verlassener Mensch; mein Christenthum ist lauter Schwachheit, mein Glaube ist wie ein glimmend Licht, ich habe keine brünstige Liebe, kann nicht andächtig beten, in meinem Herzen ist noch so viel Fleischliches und Sündliches, darüber ich sehr betrübt und traurig werde, habe dazu von Aussen meine Noth u.s.w. Ich antworte: Du gottseliges Herz musst wissen: Erstens, dass zweierlei Zeichen sind, dabei man die Einwohnung des hl. Geistes abmerken kann, einmal die innerliche Kraft und Süssigkeit Gottes und dann die Aufrichtigkeit des Herzens, das Verlangen nach Gott, das Seufzen, die Thränen, der Eifer in der Gottseligkeit u.s.w. Das Erste ist nicht alsobald vorhanden. Gleich wie Gott der Herr im alten Testament das Feuer zum Opfer einmal angezündet, welches nachmals immer hat müssen erhalten werden; also wirkt Gott auch in den Herzen der Gläubigen. Er giebt nicht allzeit seinen Kindern süssen Wen, Zucker und Honig zu essen und zu trinken; dies wird in den Himmel verspart. Wenn sich aber das Andere findet, kannst du wohl zufrieden sein. Gedenke Zweitens an Das, was Gott der Herr bei einem seiner Propheten sagt: Ich wohne bei Denen, die zerschlagenen und demüthigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemüthigten und das Herz der Zerschlagenen (Jes. 57,15). Zeitliche Trübsal und Widerwärtigkeiten sind wie die Decken, damit Gott sein Heiligthum verhüllet, wie der Zaun, damit Gott seinen Lustgarten verwahret. Läuft etwas Schwachheit bei Christen vor, will sie Gott nicht zurechnen. Er reinigt seinen Tempel und heiligt ihn täglich mit dem Blute Christi. Darum sei zufrieden und tröste dich mit dem Spruche des hl. Apostels: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines einigen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns Alle dahin gegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht Alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestoben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Lass uns freudig darauf schliessen:

Zeuch ein, du werther Gast! hier ist mein Herz und Brust,
Es soll dein Tempel sein, den Himmel, Ruh‘ und Lust.

Dem dreieinigen Gott, Vater, Sohn und hl. Geist sei Lob, Ehre und Dank gesagt, jetzt und in Ewigkeit. Amen.