Predigt, gehalten am 2. Sonntag nach Trinitatis

Hofacker, Ludwig – Daß des Menschen Sohn gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Text: Luc. 15,1-10.

Es naheten aber zu Ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie Ihn höreten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murreten und sprachen: Dieser nimmt die Sündern an, und isset mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dieses Gleichniß, und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er der Eines verlieret, der nicht lasse die neun und neunzig in der Wüste, und hingehe nach dem verlornen, bis daß er es finde? Und wann er es gefunden hat, so legt er es auf seine Achseln mit Freuden. Und wann er heim kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn, und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel seyn über Einen Sünder, der Buße thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen; oder welches Weib ist, die zehn Groschen hat, so sie der Einen verlieret, die nicht ein Licht anzünde, und kehre das Haus, und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? Und wenn sie ihn gefunden hat, rufet sie ihren Freundinnen und Nachbarinnen, und spricht: Freuet euch mit mir, denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte. Also auch, sage ich euch, wird Freude seyn vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße thut.

In unserem heutigen Evangelium stellt sich das menschenfreundliche, liebevolle Herz des Heilandes auf eine ausgezeichnete Weise vor unsere Augen. Gnade, Güte, Barmherzigkeit, Langmuth, zuvorkommende Geduld, das ist’s, was der Sünder nach unserem Evangelium bey dem Heilande findet, ein von Liebe gegen Sein Geschöpf brennendes Herz; das leuchtet aus den beyden Gleichnissen unsers heutigen Evangeliums heraus. Das Verirrte, das Verlorne zu suchen und zurecht zu bringen, das ist Seine Freude, das ist Seine Wonne.

Ich habe mir nun vorgenommen, in dieser Stunde eben über den Sinn des Heilandes, der sich zu den Verachteten, Bekümmerten, Verlornen herabläßt, eine Betrachtung anzustellen, und will in dieser Absicht mit euch von der großen Wahrheit reden:

Daß des Menschen Sohn gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

HErr JEsu! Du bist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Du Hirte der verlornen Schafe! ach, wie Viele werden auch unter uns seyn, die man noch zu den Verlornen rechnen muß! O suche, und mache selig auch uns! Nimm Dir unsre ganze Versammlung hin zum Eigenthum, zum Lohne Deiner Schmerzen, zum Ruhme Deines Sieges! Erbarme Dich unser! Amen.

„Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ So spricht der Treue, der wahrhaftige Zeuge; so predigt uns der Mund der Wahrheit selber, der nicht lügen kann. Er sagt es uns selber, was der Zweck Seines Kommen in diese Welt, der Zweck Seiner tiefen Erniedrigung, der Zweck Seiner Leutseligkeit und erstaunlichen Herablassung, Seines mitleidigen, gegen die Sünder so barmherzigen Betragens, der Zweck Seiner Worte, die Er geredet hat, der Zweck Seiner vielen sauern Tritte, der Zweck Seines dreiunddreißigjährigen Wandels auf Erden, der Zweck Seines Leidens und Sterbens sey: „Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Und das hat Er nicht nur einmal, sondern oft bezeugt: ja, es ist der Hauptsatz des ganzen Evangeliums. So bezeugte Er es Seinen Jüngern, als sie sich gerade über das Niedrige und Verlorene hinaufstellten (Matth. 18,1-11.); so bezeugte Er es hier Seinen Feinden, da sie sprachen: „dieser nimmt die Sündern an und isset mit ihnen.“ Ja freilich, sprach Er, thue ich Solches, „denn ich bin gekommen, ein Arzt der Kranken zu seyn, und nicht der Gesunden; ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen, und nicht die Frommen.“ So bezeugte Er es dem Zachäus, bey welchem Er einkehrte: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren: denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ So bezeugte Er es dem Nicodemus, welchem Er den Liebesrath Gottes gegen die Sünder auslegte: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch Ihn selig werde.“ – Und wie Er gepredigt hat, so predigten auch Seine Apostel; ja, es war dieses die Haupt-Absicht ihrer Aussendung in die Welt, daß sie der armen, gefallenen, verlornen Kreatur die erstaunlichen Friedensgedanken ihres Gottes über sie bezeugen, sie zur Buße rufen, und ihr sagen sollten: du arme, versunkene Menschheit! höre doch die angenehme, liebliche Botschaft: es ist Einer da, und dieser Eine ist dein Schöpfer und Erlöser! Dieser ist gekommen in die Welt, nicht um dich zu richten, sondern selig zu machen, selig zu machen das Aermste, Verachtetste, Verdorbenste, das der Hölle werth wäre! – O süßes Evangelium! wer kann’s genug preisen, oder es ausreden! wer kann die löblichen Thaten des HErrn aussprechen! Selig machen will Er, was verloren ist! –

Es ist aber auch nothwendig, daß das gepredigt, daß es ein Mal über das andere bezeugt werde, damit diese Kraft der Liebe unser arges, ungläubiges Herz überwinde; denn von Natur können wir das nicht glauben. Wir können wohl Vieles glauben von Natur; wir können glauben, daß Gott allmächtig sey, daß Er die Welt geschaffen habe, daß Er noch jetzt HErr der Welt sey, und sie regiere nach Seinem Rath; wir können eine Rechenschaft glauben, und daß Er einen Tag des Gerichts gesetzt habe für die Lebendigen und die Todten; wir können ein Leben nach dem Tode, einen Himmel und eine Hölle glauben; dieß Alles kann die Natur noch zur Noth glauben und fassen; – aber, daß des Menschen Sohn gekommen sey, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, daß Gott so große Friedensgedanken über uns habe, daß der eingeborne Sohn uns gegeben sey, damit wir durch Ihn leben sollen – das kann die Natur nicht fassen, wie es gefaßt seyn will, dazu bedürfen wir nothwendig die Kraft des Heiligen Geistes; denn dieses zu glauben, sind wir zu schwach, zu blind, zu untüchtig, zu verdorben, zu mißtrauisch und feindselig gegen unsern Gott. O großes Wunder, wenn in einem Menschen dieser selige und seligmachende Glaube aufgeht! Gestehet es nur selbst, ihr, die ihr’s erfahren habt, welche Gotteskraft dazu erfordert wird, daß der Mensch aus seinen finstern, mißtrauischen Gedanken gegen Gott herauskomme, und die Liebe Gottes über ihn, Seine erbarmende Liebe, Sein leutseliges, freundliches Herz, Seine vergebende Gnade, Seine mehr als mütterlich aufopfernde Treue über ihn glauben lerne! das ist wahrlich ein großes, heiliges Wunder! Ja freilich, so lange der Mensch in Sünden todt ist, und ruhig in seinem Tode fortschläft, und nach dem trachtet, das auf Erden ist, – so lange er noch nichts weiß und fühlt von Gottes Gerechtigkeit, und sich in seiner eigenen Gerechtigkeit und fromm seyn sollenden Elendigkeit spiegelt: so lange ist es ihm entweder eine gleichgültige, oder alte, sogar widrige Geschichte, daß der Menschensohn ein solch’ erbarmendes, grundgütiges Herz gegen Sünder, gegen verlorene Sünder habe; oder er meint vielleicht, er glaube es, aber er glaubt es doch nicht. Ganz anders aber ist es, wenn der Mensch sich einmal nach einer ganzen und wahren Vereinigung mit seinem Heilande bemüht, wenn er das theuerwerthe Wort von der geschehenen Erlösung und von den gnädigen Absichten Gottes über sich in sein Herz aufnehmen will, und nach diesem Worte der Gerechtigkeit und dessen Kraft hungert und dürstet. Wenn es da heißt: ich will mich aufmachen aus meinen Sünde, und zu meinem Vater gehen, – ach, da findet man, daß man es nicht glauben kann, da offenbart es sich in der Erfahrung, daß wir in das Herz Gottes nicht hineinblicken können, wie wir gerne möchten, da fängt es an, daß man seine Augen mit dem Zöllner nicht aufzuheben wagt; da meint man, der Sohn Gottes sey gekommen, daß Er die Welt richte, nicht, daß die Welt durch Ihn selig werde; da macht man gerne einen Moses aus Ihm, und kann in Sein mitleidiges Angesicht nicht hineinschauen, kann den Blick der Gnade nicht finden, sondern entdeckt in Ihm nur Zorn und Gericht. – Darum hat der Mensch die Hülfe des heiligen Geistes nöthig zur gänzlichen Umwandlung seines Wesens, zur Umbildung der innersten Gedanken seines Herzens.

Woher kommt dieser Unglaube, dieser Mangel an Fassungskraft? Das kommt her von dem Fluche des Gesetzes, der in unserem innersten Herzensgrunde eingeschrieben ist, und den noch kein Weiser dieser Welt hinausdisputiert hat, den alle Menschen in sich herumtragen, so lange sie ihre Kleider noch nicht gewaschen haben im Blute des Lammes, d.h. so lange sie noch nicht gläubig worden sind an die Versöhnung, die durch JEsum geschehen ist. Es kommt her von dem Fluche des Gesetzes, den freilich nur diejenigen recht zu fühlen bekommen, die sich in den Gehorsam der Wahrheit begeben; den aber nichts hinwegtilgen kann als das Blut Christi, das auf Golgatha geflossen ist, wie der Apostel sagt: „So der Ochsen und der Böcke Blut, und die Asche von der Kuh gesprenget, heiligt die Unreinen zu der leiblichen Reinlichkeit: wie viel mehr wird das Blut JEsu Christi, der sich selbst ohne allen Wandel Gott geopfert hat durch den ewigen Geist, unser Gewissen reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!“ (Hebr. 9,13. f.).

Liebe Zuhörer! Von Natur sind wir Alle Sünder, und haben ein böses Gewissen gegen Gott; wir fühlen es, und unser innerstes Gewissen kündigt es uns an, daß wir der Gerechtigkeit Gottes verfallen sind und das Leben verwirkt haben; daß, wenn es nach Recht gehet, der HErr nur mit strafendem Angesichte auf uns herniedersehen kann, und daß wir nichts mehr werth sind, denn daß wir von dem Angesichte des alleinheiligen Gottes als unreine, schnöde, gottesvergessene Kreaturen und Knechte auf ewig verstoßen würden. Dieser Fluch des Gesetzes ist in allen Menschen, wie sie von natur sind. Lasset euch nicht irren, wenn Solche, welche die Versöhnung noch nicht empfangen haben, sich eines guten Gewissens rühmen, und mit ihren Tugenden, mit ihrer Rechtschaffenheit und Rechtlichkeit hoch herfahren; lasset euch nicht irren, wenn sie sagen, sie haben Frieden und Ruhe, sie können mit getrostem Herzen dem Tode entgegengehen, sintemal sie auf der Welt gethan haben, was recht ist; lasset euch das nicht irren, es ist dem nicht also. Ja, es ist möglich, daß ein Mensch durch seine eigene Einbildung und Verstellung, und durch den Wahn und durch die falsche Religion seiner Zeit so verhörtet und eingewiegt wird, daß es ihm nicht mehr offenbar ist, welch’ ein Gericht in der Tiefe seiner Seele wohnt; es ist ja denkbar, daß ein Feuer mit so vielem Schutt überdeckt wird, daß man unter diesem kein Feuer mehr verborgen glaubt; wenn es aber nun doch herausbricht, so ist es nur desto furchtbarer. Es ist ja möglich, daß man einen tiefen Abgrund mit so morschen Brettern überdeckt, daß Niemand mehr siehet, ob hier ein Abgrund gewesen ist oder nicht; aber wie? wenn nun die Bretter unter den Füßen derer, die gerade in der größten Sicherheit darüber hingehen, zusammenbrechen? Ist denn der Abgrund nicht dagewesen, weil er zugedeckt war? Wird das Hinabstürzen nicht desto schrecklicher seyn? Liebe Zuhörer, lasset euch nicht irren; jeder Mensch hat ein göttliches Gericht in seinem Busen, das ihm den Tod, das ihm die Verdammniß ankündigt, das ihm den Zorn Gottes predigt! ein Gericht freilich, das Vielen, Vielen nicht offenbar wird in dieser Zeit, das aber nur um so schrecklicher dann hervorbrechen wird, wenn aller Wahn dieser Zeit, und alle Ueberkleidungen des Fleisches, und alles Geschwätz der Thoren, und alle Vertreibung der Langeweile, und alles Thun, Treiben, Jagen und Rennen der Menschen dieser Zeit, wie ein Nebel vor der Sonne wird verflogen, wie ein Rauch vom Sturmwinde verweht, wenn alles eitle Geräusch der Welt von der tiefen Stille der Ewigkeit wird verschlungen seyn! –

Du hast ein Gesetz der Wahrheit und Gerechtigkeit in dir, o Mensch, und da magst du darüber her lügen, so viel du willst, du magst sie mit dem Schutt der Heucheley und Zerstreuung bedecken nach deinem Belieben: Wahrheit, göttliche Wahrheit bleibt doch Wahrheit, und nur um so schrecklicher tritt sie dem Menschen entgegen, wenn er ihr lange Zeit ausgewichen ist, wenn er ihre Stimme lange Zeit überhört hat; da tritt sie ihm entgegen nicht im lieblichen Gewande der Versöhnung, sondern in furchtbarer Gestalt, im Gewande der rächenden Gerechtigkeit. Ach, ich bitte euch, achtet doch auf die Stimme der Wahrheit in eurem Innern, nehmet es doch nicht so leichtsinnig auf, wenn Gott durch euer Gewissen zu euch redet; höret Seine Stimme, so lange es „heute“ heißt, und laßt euch das nicht vom Taumel der Welt entrücken.

Wenn aber der Mensch anfängt, die Stimme in seinem Inneren zu hören, den Fluch des Gesetzes zu fühlen, seine Untreue, seine Blöße, seine Häßlichkeit und Schnödigkeit vor Gott zu erkennen; wenn er wahrhaftig zu sehen anfängt, daß er ein Sünder, d.h. ein dem Zorne Gottes bloßgestelltes Geschöpf ist, daß er unwerth, völlig unwerth ist aller Gemeinschaft mit Gott, ja, werth, in die Hölle gestoßen zu werden, – mit Einem Wort, wenn ihm durch das Gesetz die Sünde offenbar wird, dann ist es Zeit, dann ist es nöthig, ihm zu sagen: wisse, o Mensch, des Menschen Sohn ist nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern die Welt selig zu machen, und zu suchen, was verloren ist! – Denn nun treten seine Sünden und sein elendes herz als eine hemmende Scheidewand zwischen ihn und seinen Gott; er kann kein rechtes Zutrauen zu dem Erbarmen seines Schöpfers fassen, weil ihm sein Herz Zeugniß gibt, daß er dieses Erbarmens durchaus unwürdig ist, er kann fast nicht glauben, daß der Heiland ein so gnädiges Herz gegen Sünder, gegen verlorene Sünder habe; er meint immer, der HErr, wenn ER ihm auch im Ganzen vergeben sollte aus lauter Gnade, werde ihm doch im Einzelnen noch Manches nachtragen; – kurz, er hat kein Herz zu Seinem Erbarmer. Das ist ein unangenehmer Zustand; da geht es durch innere Anklagen und Entschuldigungen, durch Zutrauen und Mißtrauen, durch Betrübniß der Seele, durch Angst vor dem Tode und Gericht, und unter dem Allem wird der Fluch des Gesetzes nur noch mehr offenbar; man fühlt seinen Schaden immer tiefer, immer völliger; man entdeckt immer mehr, daß man von der Sünde durch und durch verunreinigt, vergiftet, vor Gott und Seinen Engeln verwerflich worden ist. – Und eben diesem Zustande, diesem Blick in ihr Elend suchen so manche auszuweichen! sie sind zu feig oder zu stolz dazu; darum unterdrücken sie jede leisere Regung des Geistes Gottes, sträuben sich, einen Blick in ihr Herz zu thun, sind namentlich nicht gerne in der Einsamkeit, suchen Zerstreuung um Zerstreuung, Zerstreuung im Beruf, Zerstreuung in der Haushaltung, in Besuchen und Ausflügen, in Gesprächen und Spielen, – nur damit der innere Bann nicht offenbar, damit ihre Seele nicht über ihren Jammer unruhig werde. Sie möchten gerne bleiben, was sie sind, hochmüthig und selbstgefällig, und der redliche Blick in ihr Inneres würde sie zur Buße, zur Demuth und Niedrigkeit führen, und das hassen sie. Aber, liebe Brüder, unser Elend muß Einmal an das Licht kommen; wir können diesem Blicke nicht ausweichen; es kommt ja der Tag der Offenbarung, wo Alles bloß und offen dasteht, und wo Jeder heulend erscheinen wird, der hier nicht Gnade und Balsam für seinen Seelenschaden erlangt hat im Blute JEsu Christi. –

So zeug’ ich denn; wer hört mir zu?
Wer hat im herzen keine Ruh’?
Wer weiß, wie tief die Sünde frißt,
Und daß er nichts als Sünde ist,
Und weiß sich keinen Rath, wo ein und aus,
Der höre zu, denn da wird etwas d’raus! –

Wo eine solche Seele ist, die den Fluch des Gesetzes fühlt, wo ein betrübter, zerschlagener Geist nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, hungert und dürstet, Solchen will ich predigen: Höre, höre! Dein Heiland ist gekommen; aber nicht als ein Moses, der von Neuem den Fluch predigte, nicht, daß Er die Welt richte, sondern, daß Er die Welt selig mache. Laß dieses große Evangelium von dem Geiste Gottes tief in dein Herz hineinschreiben; Er ist nicht gekommen, daß Er das, was ohnedem durch die Sünde und durch den Fluch des Gesetzes niedergedrückt ist, noch mehr niederdrücke, nicht dazu, daß Er das flimmende Tocht vollends auslösche, und das zerstoßene Rohr vollends zerbreche; nicht dazu, daß Er das Verwundete noch mehr zerschlage, das Erschrockene noch mehr schrecke, das Gebundene noch härter binde, an der zitternden Seele das Strafgericht Gottes noch schärfer ausübe, und die arme, gefallene Kreatur zerschmettere; ach, dazu ist Er nicht gekommen, – sondern Er ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist! –

Selig machen will Er. Höret’s doch, ihr Sünder; höret’s doch, ihr unseligen Geister, die ihr in eurem Mode-Christenthum, in eurer Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit, in eurer eigenen Tugend, in den Vergnügungen dieser Welt, in Augenlust, Fleischeslust und hoffärtigem Leben, in Kleidern, Schmuck und Putz, das doch ist wie ein Dampf, den der Wind zerstreut, – die ihr in solchen Dingen eure Seligkeit suchen, aber nicht findet! – Höret es: zu vergnügten, und nicht nur zu vergnügten, sondern zu seligen Menschen will euch Jesus machen; Er will die tiefen Gewissenswunden heilen als der Arzt; Er will das Gefallene aufrichten; Er will das unselige Reich des Teufels zerstören, und die Lämmer in seinem Busen sammeln, und die Schafmütter führen! Seligkeiten, lauter Seligkeiten trifft man bey dem Heilande an! Ach, nahe dich zu Ihm, liebe Seele! was nützen dir denn alle Dinge, darin du bisher dein Heil gesucht, aber nicht gefunden hast? Siehe, Er ist der Seligmacher! o mache dich auf zu Ihm, und werde Licht! Und wenn du schon Einiges von Ihm erfahren hast, so nahe dich Ihm je mehr und mehr; je näher du Ihm kommst, desto seliger wirst du! Selig machen will Er dich hier in der Zeit, daß du im Umgange mit Ihm, in Seiner Gemeinschaft schon jetzt Seiner Fülle genießest, und selig im Leiden, im Tode, in der langen Ewigkeit! Da geht es von Seligkeit zu Seligkeit! Seine Reichthümer nehmen nicht ab; Seine Gottesfülle thut sich immer herrlicher auf; du sollst erfüllet werden mit all’ dieser Gottesfülle! Das ist Seine Absicht mit uns; das sind die ewigen Friedensgedanken; ach, mit keiner Zunge ist’s auszusprechen, und kein Mund kann’s genugsam preisen! –

Ach, sprichst du, ich kann nicht zu Ihm kommen; ich bin von Diesem und Jenem gehalten; ich habe keinen Trieb, keinen Muth, kein Verständniß, keine Kraft dazu; ich habe so viel verbrochen und gesündigt; ich kann’s ja nicht glauben, daß ich kommen darf. – Nein, o Mensch, nicht also! Nicht für die Tugendhaften, nicht für die Rechtschaffenen, die Seiner nicht bedürfen, nicht für die Starken und Gesunden, die nicht nach Ihm fragen, – sondern für die Kranken, für die Schwachen, für die Sünder, für die verirrten Schafe ist Er erschienen; Er ist gekommen, zu suchen, was verloren ist. Und was sind das vor Leute? Das ist im Grunde das ganze Menschengeschlecht; das sind diejenigen, welche sich von dem Herrn verirrt haben, und haben sich verloren in Geiz, in Anhänglichkeit an das Irdische, in die Augenlust, Fleischeslust und Hoffart dieser Welt; ach, wegen dieser ist Er gekommen. Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte, und es verlöre sich Eines von ihnen, so läßt er die neun und neunzig in der Wüste, und gehet dem hundertsten nach, das verloren ist, bis er’s findet. So ist das Herz des Heilandes. Er wußte wohl, daß Er keine Gerechten auf Erden suchen dürfte, denn da wäre Er fehlgegangen; sondern auf die Sünder, auf das Verirrteste, Schwächste, Verwundetste, Elendeste, Vergiftetste, – darauf ist Sein Auge gerichtet, auf dich, armer Christ, der du dich in deinen eigenen Gedanken quälst, ist es gerichtet; auf dich, der du dich aller Gnade unwerth achtest; auf dich und auf mich, – denn wir sind ja von Natur Beide verloren. –

O ich Sünder, ich Verdammter,
Ich von Sündern Abgestammter!
Was wollt’ ich vom Troste wissen,
Wär’ mir dieses weggerissen:
Daß ich einen Heiland habe,
Dessen Blut mich Sünder labe? –
Besser wär’ es, nie geboren,
Als dieß Wort an mir verloren! –

Brüder, Schwestern, Mitverlorne ohne Ihn! aber von Ihm erkauft, habt ihr vernommen diese süße Botschaft des Lebens, daß Gottes Sohn gekommen ist, das Verlorne selig zu machen? Zu diesem Zweck hat Er den Thron des Vaters verlassen, dazu ist Er Mensch geworden, und in der Gestalt des sündigen Fleisches geboren, dazu hat Er die Noth der Erde getragen, und den Kelch des Todes getrunken, und ist auferstanden und aufgefahren über alle Himmel, – damit wir ein herz zu Ihm fassen, uns als verlorne Sünder in Seine Arme fliehen möchten.

Was hat Dich denn getrieben –
Aus Deinem Himmelszelt?
Nichts als Dein heißes Lieben,
Damit Du alle Welt
In ihren tausend Plagen
Und in der Jammerlast,
Die kein Mund kann aussagen,
so fest umfangen hast!

Ich lag in schweren Banden:
Du kommst, und machst mich los;
Ich stand in Spott und Schanden:
Du kommst, und machst mich groß,
Und hebst mich hoch zu Ehren,
Und schenkst mir großes Gut,
Das nicht sich läßt verzehren,
Wie irgend Reichthum thut.

O das ist erstaunlich! Die Ewigkeit wird’s verkündigen; es wird hinabdonnern in die tiefen Ewigkeiten von dem großen Heile der Sünder, daß Jesus, Gottes Sohn, gekommen ist, sie selig zu machen! Ein Seraph sagt es dem andern, ein Seliger ruft’s dem andern zu, und von des Thrones Stufen rufen sie es mit Hallelujah durch alle Himmel, daß das Lamm erwürget ist für die Sünder, und gekommen, zu suchen und selig zu machen das Verlorne! Der Apostel kann diese große Liebe nicht ergründen, noch gebührend schildern; der große Paulus verliert sich in der Länge, Breite, Tiefe und Höhe dieser Gnade und erstaunlichen Herablassung, und ruft aus: „O welch’ eine Tiefe! welch’ ein Reichthum!“ Und an einer andern Stelle weiß er’s nicht gewiß genug zu machen, und ruft: „Das ist je gewißlich wahr, und ein theuer-werthes Wort, daß Christus JEsus gekommen ist in die Welt, Sünder selig zu machen!“ – Ja, liebe Zuhörer, davon predigen alle Apostel, davon predigen die Himmel, und ich sollte nicht auch davon zeugen? Sollte denn dieses Wort, in eine schlafende Sünderwelt hineingerufen, nicht den Todten das Leben geben können? Sollten nicht Aller Füße sich aufmachen, dem Sünderfreunde, dem Freunde der Verlornen, zuzueilen? O wie freut es mich, daß auch alle meine verlornen Brüder und Schwestern von Ihm gesucht und selig gemacht werden können, daß Er uns Alle, uns verlornen Sünder, erkauft hat! Das kann ich brauchen, das können meine verlorenen Brüder brauche, daß ein solch’ hohepriesterlich treues Herz für uns Armen schlägt!

Dem Lamm ist nichts zu schlecht,
Ihr seyd Ihm Alle recht;
Was Niemand sonst kann leiden,
Was alle Menschen meiden,
Das darf zum Heiland kommen,
Und da wird’s angenommen.

O das freut, das freut mich! „Schauet an“ – sagt Paulus zu den Korinthern – „schauet an, liebe Brüder, euren Beruf: nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen; sondern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß Er die Weisen zu Schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß Er zu Schanden mache, was stark ist, und was unedel, was verachtet ist vor der Welt, und was da nichts ist, hat Gott erwählet, daß Er zu Schanden mache, was Etwas ist.“ Es ist mir sehr wichtig, daß den armen Geistern das theure Evangelium gepredigt wird, daß die hungrigen, blöden Geister satt werden sollen aus der Fülle JEsu Christi, und daß die satten, stolzen Geister nichts haben.

Aber ach, die todte Sünderwelt, was thut sie? nimmt sie dieses Wort, wie es denn seyn sollte, mit Freuden auf? Bebt sie in ihren innersten Gründen über diese Liebe und Erbarmung? Ist die ganze Welt voll von diesem großen Worte der Liebe des eingebornen Sohnes? – Nein, stolz und kalt hört sie es an, und wenn es ihr gesagt ist, so ist’s gesagt. Sie nehmens nicht an, die Kinder des Unglaubens; kaum haben sie’s vernommen, so ist’s wieder vergessen; dann gehen sie hin in ihre vorigen Irrwege und Lüste, als ob sie das nichts angienge. O schnöder Kaltsinn, womit man den Sohn des Vaters abfertigt! Man sollte ja glauben, Alles würde eilen, wenn von dem großen Erbarmer gezeugt wird, der die Verlorenen selig machen will; aber wer glaubt unserer Predigt, und wem ist der Arm des HErrn offenbar? Dem Einen ist’s zu gering und gemein, dem Andern zu hoch und schwer. Ist es auch recht, Ihn so von sich zu stoßen, und Sein theures Wort also mit Füßen zu treten? – Armer Mensch! wenn du den Heiland nicht suchst, – im Namen Gottes sey es dir gesagt, so gehst du verloren; nur wer Ihn gefunden hat, wird selig!

Woher kommt es doch, daß sich die Menschen so vergeblich zu JEsu rufen lassen, und Seiner nicht achten? das hat zweyerley Gründe.

Bei dem Einen ist es die Liebe zur Sünde; sie wollen eben aus ihrem finstern Kerker, darein sie sich verschlossen haben, nicht heraus; der Bann der Wollust, des Geizes, der Weltsorge, der Menschenfurcht und andere Sündenknechtschaft liegt schwer auf ihnen, und hält die elende Seele, den armen Willen gefangen. Lieber Mensch, ist es denn so lieblich und schön in deinem Kerker? gefällt es dir darin? Gehe doch heraus, mache die Kerkerthüre auf, und trete an das helle Sonnenlicht! – Aber sie wollen nicht; das Licht ist ihnen zuwider, weil sie an der Finsterniß ihre Lust haben. Da ist denn freilich nichts zu machen, Menschenworte helfen nichts, denn die Liebe zur Sünde ist zu groß; sagen muß und kann man es ihnen wohl, wenn sie aber durchaus nicht wollen, so bleiben sie Knechte des Todes und der Verdammniß. Nur Gott kann da noch wirken und retten.

Bey den Andern ist es der Stolz und der Hochmuth. Sie wollen keine Kinder werden, an welchen der Heiland Seine Freundlichkeit beweisen kann; keine Sünder seyn, welche Er erretten will. Ja, an solche überbildete, hochfahrende Sünder mag man hinreden, was man will, man mag sie bitten, so sehr man vermag, mag ihnen die Liebe und Herrlichkeit JEsu noch so deutlich vor Augen stellen: es ist ihnen Alles zu niedrig, zu gering, zu schlecht, zu gemein; sie sind zu groß, zu klug, zu reich, zu gelehrt, zu tugendhaft, zu edel, zu vornehm hiezu, daß ihnen das heilige Wort von dem Willen JEsu Christi zu ihrer Seligkeit sollte behagen. „Nein, nein“ – heißt es in ihrem Herzen – „hinweg damit“ Das ist etwas für das Volk, für den Pöbel, der nichts Besseres weiß, für die, so in den Zuchthäusern sitzen, das ist ein Zügel für den gemeinen Mann, daß er sich nicht empört, daß er fein stille in seinen Schranken bleibt, altes Fabelwerk, längst verschlungen vom Lichte der Aufklärung! Für die Denkenden gibt es etwas Besseres, ein denkender Mensch muß seine eigene Religion haben, und so haben wir“ – sagen sie – „auch unsere eigene Religion, wir wollen schon sehen, wie wir in den Himmel kommen; nur so wollen wir nicht, denn das kann kein vernünftiger Mensch glauben!“ – Du kannst’s nicht glauben, hochmüthiger Mensch? Ich sage dir: du willst’s nicht glauben, und der jüngste Tag wird’s offenbar machen, daß du zu hochmüthig gewesen bist, es zu glauben, daß du nicht gewollt hast. Meinest du, JEsus könnte dich nicht unter Sein sanftes Joch beugen, und Seine Gottesweisheit dir offenbar machen, wenn du wolltest? O gewiß, gewiß! Meinest du, du könntest Gott meistern in Seiner ewigen Weisheit und Gerechtigkeit, und mit deinem befleckten Gewand, mit dem armen Lichtlein deines stolzen Verstandes in Seinen Himmel dringen? Nein, Staubmensch, das kannst du nicht. Und wenn du es auch nicht glaubst, und dich weit über dieß Alles hinaus zu schwingen meinst, – siehe, Gottes Wort hat dich mit all’ deiner Weisheit und Hoffart längst beschrieben, und unter eine Gattung gebracht: „das Wort vom Kreuz ist eine thorheit Denen, die verloren werden.“ – Was wird doch der große Heiland einst zu Denen sagen, die sich nicht unter Sein sanftes Liebesjoch beugen wollten, die in ihrem Wahn, in ihrem hohlen, übermüthigen Mode-Christenthum, in ihren falschen Herzensgedanken einhergiengen, und darüber Seine ewige Erbarmung, das Blut des Kreuzes von sich stießen? Er wird zu ihnen sprechen am jüngsten Tage: „Jene, meine Feinde, die nicht wollten, daß Ich über sie HErr sey“ – die sich selbst beherrschen wollten – „bringet her zu mir, und hauet sie vor mir in Stücke!“ – (Luc. 10,27.). „Gehet hin“ wird Er sagen – „ihr Verfluchten“ – denn der Fluch ist ja noch auf euch – „in das höllische Feuer, das bereitet ist dem stolzen Teufel und seinen hochmüthigen Engeln!“

Gott lässet Seiner nicht spotten! Ich bitte alle diejenigen, welche nicht glauben wollen, daß JEsus gekommen sey, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, daß sie es doch glauben, daß sie Gott um Glauben anflehen. Denn es ist gewiß!

Verachtet man Gottes einigen Sohn,
So ist ja der verdiente Lohn,
Daß man unter’m Zorn muß liegen bleiben!
Denn solchen nur, die an JEsum glauben,
Ist Heil bereit!

Heute, so ihr diese Stimme höret, liebe Brüder und Schwestern, so verstocket eure Herzen nicht! Ich bitte euch um der Barmherzigkeit Gottes willen, lasset diese Stimme nicht umsonst an eure Herzen ergehen, und ergebet euch, Den zu lieben, der da heißet Immanuel, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist! –

Liebe Kinder, die ihr heute zum ersten mal das heilige Abendmahl feyert, sehet hin, wie freundlich, wie liebreich der Heiland gegen die Kinder ist! Ach, Er ist gekommen, auch euch selig zu machen. Sprechet zu Ihm: Lieber Heiland, Du bist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; ich flehe Dich an, mache auch mich selig. – Und desgleich die Eltern. –

Wer nur ein Sünder ist in seinem Wesen,
Und will aus eig’nen Kräften nicht genesen,
Und liegt vor JEsu Füßen als erstorben:
Von solchen ist kein Einz’ger noch verdorben.

Und wär’ er wie ein Bär: er wird zum Lamme;
Und wär’ er kalt wie Eis: er wird zur Flamme;
Und wär’ er todt wie Stein: er kommt zum Leben,
Und ihm wird Heil und Seligkeit gegeben!

Ja, liebe Zuhörer, es ist unaussprechlich wichtig für uns Alle, besonders auch für unsere Communikanten, daß des Menschen Sohn gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Der HErr schenke unsern armen Herzen Seinen Heiligen Geist, damit die Eitelkeit dieser Zeit, damit das Geschwätz und die Thorheit unserer Tage uns diesen göttlichen Schatz, diese köstliche Perle nicht aus unsern Herzen stehle, sondern daß sie uns bleibe, bis der Erzhirte kommt, der allen den Seinen die Krone der Gerechtigkeit, nämlich das ewige Leben, geben wird. Amen!