Andacht 11.7.2017

Als Christus im Fleische erschienen war, sprach Johannes der Täufer zu den Juden: „Er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennet“ (Joh. 1, 26.). Selbst die Jünger, die doch bekannten, daß sie geglaubt und erkannt hätten, daß er sei Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, hatten ihre Zeit, da sie der rechten Erkenntniß Christi noch mangelten. Darum sprach er zu ihnen: „Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater“ (Joh. 14, 4.). Und dem Philippus sagte er: „So lange bin ich bei euch, und du kennest mich nicht“ (Joh. 14, 9.)? – Kennen wir den Herrn Jesum Christum? – Du denkst vielleicht: „Das ist eine sonderbare Frage! Ich bin ja kein Heide oder Jude, sondern ein Christ, auf Christi Namen getauft, nach Christi Namen genannt, zur Erkenntniß Christi von Kind auf unterwiesen; wie sollte ich ihn denn nicht kennen?“ Antwort: „Wenn die Frage: kennest du den Herrn Jesum Christum? nicht mehr bedeutete als: hast du eine geschichtliche Kenntniß von ihm, von seiner Person, seiner Würde, seinem Leben, seiner Lehre, seinem Leiden, Sterben, Auferstehen und allem dem, was über ihn geschrieben steht? dann verwundertest du dich billig. Aber die Frage will mehr sagen. Es ist eine Frage nach deinem Glauben, deiner Hoffnung, deiner Liebe; nach dem, was dir Christus ist, und ob er dir alles das ist, was er dir nach dem Zeugnisse des Wortes Gottes zu deiner Seligkeit sein will und sein muß. Und weil ja leider viele Christen so gesinnet sind und wandeln, als wüßten sie nichts von ihm, so solltest du dich diese Frage nicht befremden, sondern zu der Gegenfrage erwecken lassen: „Woran merken wir, daß wir Christum kennen?“ Es steht aber geschrieben 1 Joh. 2, 3-6: „An dem merken wir, daß wir ihn kennen, so wir seine Gebote halten. Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in solchem ist keine Wahrheit. Wer aber sein Wort hält, in solchem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, daß wir in ihm sind. Wer da sagt, daß er in ihm bleibet, der soll auch wandeln, gleichwie er gewandelt hat.“ Das Halten seiner Gebote oder seines Wortes, und die Nachfolge seiner Fußstapfen, das ist es, daran merken wir, daß wir ihn kennen. Denn wer ihn kennt, der wird ihn lieben, und wer ihn liebt, der wird ihm anhangen, gehorchen und nachfolgen. Wenn man sich nach diesen Merkmalen unter den Christen umsteht, dann hätte Johannes der Täufer noch heutiges Tages Recht, zu vielen Christen zu sagen: „Er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennet!“ dann wird der Herr noch jetzt über viele nicht anders urtheilen können, als er über jene (Joh. 8, 19.) urtheilte: „Ihr kennet weder mich, noch meinen Vater.“ Aber lasset uns unser selbst wahrnehmen, ob wir uns selbst nicht täuschen, ob bei uns die gewissen Merkmale einer wahren Bekanntschaft und Gemeinschaft mit dem Herrn Jesu vorhanden sind. Und wo es da mangelt, da wollen wir uns treulich ermahnen, daß wir in Wahrheit andere es merken lassen: wir kennen ihn und sind von ihm erkannt, denn wir halten seine Gebote und thun, was vor ihm gefällig ist.