Predigt, gehalten am 6. Sonntag nach Trinitatis

Hofacker, Ludwig – Predigt am sechsten Sonntage nach Trinitatis.

Text: Matth. 6,19-34.

Ihr sollet euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen, und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen, und da die Diebe nicht nachgraben, noch stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib Licht seyn. Wenn aber dein Auge ein Schalk ist, so wird dein ganzer Leib finster seyn. Wenn aber das Licht , das in dir ist, Finsterniß ist; wie groß wird dann die Finsterniß selber seyn? Niemand kann zween Herren dienen. Entweder er wird einen hassen, und den andern lieben; oder wird einem anhangen, und den andern verachten. Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht für euern Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen! und euer himmlischer Vater ernähret sie doch. Seyd ihr denn nicht viel mehr denn sie? Wer ist unter euch, der seiner Länge Eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist als derselben Eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute stehet, und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte Er das nicht vielmehr euch thun? O ihr Kleingläubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? nach solchem Allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß Alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, und nach Seiner Gerechtigkeit; so wird euch Alles zufallen. Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.

Die größte und wichtigste Frage, die ein Mensch an sich machen kann, ist die: „Was soll meine vornehmste Sorge seyn in diesem Leben?“ Und die bekannte Antwort ist: „daß du haben mögest eine gewisse Hoffnung des ewigen Lebens“; wie der HErr in unserem Evangelium sagt: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit“; oder: „sammelt euch Schätze im Himmel“; oder: „Eins ist Noth.“ – Es läßt sich hiegegen nichts einwenden, denn es liegt theils im Gewissen des Menschen, theils in seinem tiefen Verlangen nach Glückseligkeit, so daß ein Mensch sein bestes Theil muthwillig wegwerfen oder wegbeweisen würde, wenn er nicht wenigstens eingestünde, dieß und nichts Anderes müsse der Hauptzweck und die Hauptsorge seines Lebens seyn. Das also ist die Bestimmung des Menschen, daß er das ewige Leben ergreife, und bey all’ seinem Thun und Lassen dieses Ziel im Auge behalte. – Die Welt aber verkehrt es geradezu; das irdische Leben und dessen Güter und Sorgen macht sie zur Hauptsache, das ewige Leben aber zur Nebensache; um das erstere gibt sie sich erstaunliche Mühe; das andere aber, meint sie, komme von selbst nach wie im Schlaf. Oder, wenn von einem Weltmenschen noch etwas Uebriges gethan wird, soll wenigstens die Sorge für das Himmlische und die Sorge für das Irdische neben einander herlaufen; Gott und der Mammon sollen das Herz mit einander im Frieden theilen, Geist und Fleisch einträchtig beysammen wohnen; und so bestrebt man sich, das möglich zu machen, was JEsus für unmöglich erklärt hat, gleichviel, ob man damit selig werden, oder verloren gehen werde. –

Wir reden daher heute unter Gottes Gnadenbeystand

  • I. von dem irdischen –
  • II. von dem getheilten – und
  • III. von dem himmlischen Sinne.

Ach, mache von den Eitelkeiten
Der Welt, o Herr, mich ganz befreit,
Und ziehe mich von allen Seiten
Zurück von der Vergänglichkeit,
Damit ich durch solch’ Stilleseyn
Zur wahren Ruhe kehre ein!

I.

Wir reden also zuvörderst von dem irdischen Sinne, oder von dem Sinne, welcher auf das Zeitliche, auf das Irdische und Vergängliche gerichtet ist. Wenn Einer sich Schätze sammelt auf Erden, wo sie doch die Motten und der Rost fressen, und wo, was die Motten und der Rost übrig lassen, von den Dieben kann gestohlen werden; wenn Einer also, wie der Heiland sagt, überhaupt seinen Schatz und sein Herz auf dieser Welt hat, so hat er einen irdischen Sinn. Wenn Einer sein Herz mit Sorgen der Nahrung beschweren läßt, und er geht früh und spät damit um: „was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden?“ oder er kann und mag seinem himmlischen Vater, der doch unsere Bedürfnisse weiß, den Magen und den Leib nicht anvertrauen, – er meint, ohne sein stetes Sorgen und Handthieren würde er darben oder verhungern müssen, und die Gottseligkeit helfe ihm hier nichts, er habe deßwegen auch nicht Zeit dazu, mit himmlischen Dingen umzugehen, – so ist er wie ein Heide; er hat einen irdischen Sinn, und lebt vom Staube der Erde; denn wie Luther sagt: „wer Gott seinen Leib nicht anvertrauen mag, wie kann er Ihm seine Seele anvertrauen?“ – Der irdische Sinn ist leider etwas sehr Gewöhnliches; der allergrößte Theil der Menschen, und auch der getauften Menschen, besteht aus solchen, die irdisch gesinnt sind; warum wäre sonst so viel unnöthiges Sorgen, so viel Rennen und Laufen und Jagen und Treiben, bald nach Geld und Gut, bald nach Freuden und Vergnügungen, bald nach Ruhm und Ehre? Warum wäre dieß Alles in der Welt, wenn nicht die Herzen der meisten Menschen an das Irdische und Sichtbare angefesselt, und vom Unsichtbaren und Göttlichen abgewandt wären? –

Aber warum gibt es so viele Menschen, die an der Erde hangen, und an das Sichtbare angekettet sind? – Ich möchte die Frage eher umkehren und sagen: warum gibt es noch Einige, die nicht an das Sichtbare gefesselt, sondern losgerissen und auf das Unsichtbare gerichtet sind? Diese Frage ist viel natürlicher als jene; denn das ist ein Wunder Gottes, wie denn auch die Kraft Gottes dazu erfordert wird, – ich sage, das ist ein Wunder der göttlichen Gnade, wenn ein Mensch losgetrennt ist vom Sichtbaren, und, um mich so auszudrücken, sein Angesicht stracks gen Jerusalem, nämlich auf das neue Jerusalem, das droben ist, hinrichtet. Das aber ist kein Wunder, wenn Menschen, Nachkommen Adams, am Staube kleben, und diesen Staub, woran sie kleben, lieben, und ihr armes Herz damit stillen und sättigen wollen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: unser armes Geschlecht ist ein gefallenes Geschlecht, in’s Fleisch, in’s Irdische, in die Nichtigkeit, in dieses vergängliche Leben hineingesunken, aus dem Paradiese, weil es dorthin nicht mehr taugt, auf diese arme, rauhe, stürmische Erde verstoßen; und auf dieser Erde nun will der getäuschte, verblendete Mensch sich Hütten bauen, daselbst zu wohnen, und auf immer zu bleiben, will sich Schätze sammeln da, wo nichts denn Armuth ist, will reich werden an Dingen, die ihm nur Beschwerlichkeit und Noth verursachen, will sich sättigen mit Wind, Luft, Rauch und Schaum, das ihm unter den Händen zergeht, und seinen Durst stillen mit vergiftetem Gewässer. Das, was Nichts ist, hält er für Etwas; das Sichtbare, das doch vergeht, sieht er für das Bleibende an, gründet seine Hoffnung darauf, und hängt sein Herz daran; das Unsichtbare aber, das da bleibet, hält er für Nichts.

Die Welt ist bezaubert für den natürlichen Menschen. Es liegt ein geheimer Zauber auf den Dingen dieser Welt, den der Erzlügner und Erzzauberer, der Teufel, darüber hingegossen hat, und wodurch er die in’s Fleisch gesunkenen Söhne und Töchter Adams fesselt, und wie mit eisernen Ketten festhält. – Welch’ ein Zauber liegt für den Habsüchtigen auf dem Besitz dieser oder jener Sache! – Wenn ich nur Dieß und Das noch haben könnte! wenn ich nur diesen oder jenen Vortheil mir noch verschaffte, wie glücklich wäre ich dann! – Ach, dann kommt die Einbildungskraft, und malt sich den Besitz einer solchen Sache als das Höchste, das Beste vor; man kann nimmer ruhen, man steht damit auf und geht damit nieder, bis man es hat; und wenn man es nun hat, ist man dann glücklicher? Nein, dann sucht der Mensch gleich wieder neue Dinge, in welchen er ausruhen will, und findet auch in diesen seine Ruhe nicht; und so geht es das arme Leben hindurch fort ohne Rast, – und wenn du viele Millionen zusammengescharrt hättest, du würdest doch nicht zufrieden seyn, du würdest noch mehrere Millionen begehren, und hättest du auch diese, so würde dir auch an diesen nicht genügen. Setze dir etwas noch so großes Endliches und Sichtbares als den Zielpunkt deines Strebens vor: das Größte, was du dir denkst, wird dich nicht sättigen können; und doch wünschest du es, doch stellt es sich dir als das höchste Gut vor dein Gemüth. Siehe, das ist ein lügenhafter Zauber, der vom Teufel und von deiner Leidenschaft darüber hingegossen ist. – Gleichermaßen ist’s mit der Ehre. Zu welchen Anstrengungen, in welche Verläugnungen hat schon die Ehre, der Ruhm, das Lob der Menschen, ein elender Nachruhm, ein freundlicher, huldvoller Blick von andern Mitmenschen, welche höher gestellt sind, – kurz Alles, was unserer Eigenliebe schmeichelt, – in welche Aufopferungen hat das schon den Menschen hineingetrieben! Und siehe einmal in dein eigenes Herz, in dein eigenes Leben hinein: hat dich’s nicht auch shcon mit einem besondern Zauber angelächelt: „o, wenn ich auf dieser oder jener Ehrenstufe stände! wenn meine Mitbürger, wenn die ganze Stadt, das ganze Dorf, wenn nur meine Nachbarn so und so von mir reden würden!“ – und was dergleichen Ausbrüche unseres Ehrgeizes und Hochmuthes mehr sind. Die Hoffnung, ein Kreuzchen, eine Verdienstmünze auf der Brust zu tragen, hat Manchen schon um Seele und Seligkeit, um das zeitliche Leben selbst gebracht. Die Aussicht auf einen gefeierten Namen, oder auf Beifall der Menge hat schon Manchen zu den ärgsten Künsten und Tücken verleitet, und seine Kraft dermaßen überspannt, daß er in einem steten Hochmuthstaumel hingefahren ist bis an’s Grab. – O es ist gewiß, Satan hat über die Gegenstände der menschlichen Leidenschaft einen besondern, trüglichen Schimmer ausgebreitet, und in diesen verführerischen Lügenketten leitet er die ganze Welt, ohne daß sie es merkt, auf dem breiten, luftigen Wege der höllischen Verdammniß zu. Was aber das Schlimmste ist, so wollen es die Menschen durchaus nicht anerkennen und fühlen, daß Solches die Stricke des Teufels sind; sie laufen gerne darin, und halten Andere für Narren, die nicht im nämlichen Elend, wie sie, begriffen sind; sondern mit Ernst, mit Furcht und Zittern trachten, wie sie der Welt entrissen, und das himmlische Kleinod erlangen mögen.

Das hat uns Adam’s Fall gebracht; das ist die Obrigkeit der Finsterniß, aus welcher keine Erlösung ist als durch den Sohn Gottes, welcher dazu kam, daß Er die Werke des Teufels zerstöre; das ist der irdische Sinn, welcher Jeglichen gefangen hält, der nicht wiedergeboren ist durch Christi Blut und Geist; der Sinn des Selbstbetrugs, des Scheins und der Lüge, der nur unglücklich und elend machen kann.

Dieß glauben freilich Diejenigen nicht, welche in diesem irdischen Sinne gefangen sind; sie halten sich, obwohl nicht immer, doch für glücklich; sie brüsten sich mit ihrer Thorheit, weil sie durch den Betrug des Teufels und der Sünde die Wahrheit gar nicht mehr erkennen; sie wissen nicht, daß sie so jämmerlich, so bedauernswürdig, in ihrem innersten Herzensgrunde so unbefriedigt und unglücklich sind; und das geht dann leider bey Manchen so lange fort, als dieses sterbliche Fleisch den Geist umhüllt, und das Gesundheitsgefühl, das Behagen am Wohlstande und Ueberfluß, oder der stete Umtrieb im täglichen Geschäft die innersten Regungen des Geistes betäuben, und nicht an’s Licht kommen lassen. Aber wehe, wehe, wenn erst die Ewigkeit das Seufzen deiner armen Seele aufdecken, und den Betrug und Zauber der Sünde dir klar und offenbar machen muß! –

Der treue Schöpfer hat es uns’rer Seele
Bey ihrem Ursprung eingesenkt,
Daß sie in dieser Leibeshöhle
Nach was Unendlichem sich lenkt.

Und diesen Zug des Geistes nach dem Unendlichen wird ja das Endliche und Vergängliche doch niemals stillen können. Das Element, in welchem unserer Seele allein wohl seyn kann, ist Gott, und nichts als Er, der lebendige Gott, nirgends finden wir sonst Ruhe; es ist unsere Natur, unsere ursprüngliche Bestimmung, in Ihm zu leben, zu weben und zu seyn; darum handelt jeder Mensch ganz gegen seine Natur, ganz unnatürlich, der sich in das Irdische und Vergängliche vertieft; darum ruft uns der HErr zu: „trachtet, trachtet nach dem Reiche Gottes!“ darum sagt uns Sein Wort allenthalben: „trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.“

O unglückliche bedauernswürdige Menschen, die am Irdischen hangen, und ihren Schatz auf Erden haben; welch’ ein hinfälliger, welch’ ein vergänglicher Schatz! die Motten und der Rost fressen ihn; die Diebe graben nach, und können ihn stehlen; es ist kein Bestand, kein Segen, kein Heil in ihm; es ist lauter Lüge, was der Teufel den armen Seelen vormalt, wenn er ihnen Wohlseyn, bleibendes Glück verheißt durch das, was in sich selbst zerfällt. Wie Mancher ist schon von großem Reichthum in die bitterste Armuth, wie Mancher von der höchsten Ehre in die tiefste Schande und Verachtung gerathen, da er sich diesem trügerischen Götzenbild irdischen Reichthums, irdischen Ruhms zum Dienst hingegeben hatte! Wer sich auf den Mammon, auf das Zeitliche verläßt, der geht gewiß zu Schanden. Darum ruft auch der Apostel Jakobus aus: „wohlan nun, ihr Reichen“ (er meint die Reichen, deren Herzen an ihrem Reichthum, wenn auch mit geheimen Banden, hangen) – „wohlan, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommen wird; euer Reichthum ist verfault, eure Kleider sind mottenfressig geworden, euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird euch zum Zeugniß seyn, und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in den letzten Tagen, – Schätze, nicht für den Himmel, sondern für die Hölle.“ –

Und wie verzweiflungsvoll ist es dann, wenn ein Mensch, der seinen Schatz, sein Herz auf dieser Welt gehabt hat, diesen Schatz im Tode verlassen, und in die Ewigkeit, darin er nie eine Stätte gesucht, hineingehen soll, während das arme Herz mit unauflöslichen Banden an diese Erde gebunden ist! Wie mag es dem reichen Manne gewesen seyn, dessen Feld wohl getragen hatte, und der nun im Blick auf seinen großen Vorrath zu seiner Seele sprach: „Liebe Seele, nun iß und trink’, du hast einen Vorrath auf viele Jahre“ – da nun die Donnerstimme des HErrn zu ihm kam: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und weiß wird seyn, was du bereitet hast?“ – Oder, wie mag es jenem Reichen gewesen seyn, der alle Tage herrlich und in Freuden nur für diese Welt gelebt hatte, da nun der Tod wie ein Gewappneter über ihn hereinbrach, seiner Freude ein Ende machte, und ihn fortriß mitten aus einem Leben voller Wollüste, voll sinnlicher Freuden, mitten aus der Welt, an die er angekettet war, hinaus in eine finstere, todte, schreckliche Ewigkeit hinein, wo er als ein armer, jämmerlicher Geist seiner unbeschreiblichen Feuerpein entgegen gieng? – Doch braucht man auch eben nicht reich zu seyn, um sein Herz an das Irdische zu hängen; wer seine Seele nicht an Gott übergeben hat, und an Gott seine alleinige Freude findet, der hat an der Welt, an ihrem Mammon, an ihren Lüsten, an ihrem eiteln, hochmüthigen Menschenruhme seine Freude; denn es ist unmöglich, daß ein Mensch an gar nichts seine Freude haben sollte; ist’s nicht an Gott, so ist’s gewiß an der Welt. –

Darnach prüfe dich, o Mensch, und siehe zu, wohin dein Herz sich neigt! O arme Seele, wenn du an das Zeitliche angekettet bist, – besinne dich, wo willst du hin? willst du mit allem Fleiß Gott, dein ewiges Erbtheil verwerfen? soll es geraden Weges zur Hölle gehen? Nein, kehre um zu Gott, kehre um zu deinem Heiland; Er, sonst Niemand, kann alle deine Ketten wie Fäden zerreißen, und Er wird es thun, wenn du wahrhaftig die Erlösung von Ihm begehrst. –

Was wird mich aller Reichthum trösten,
Wenn ich die Welt verlassen soll?
Und hätt’ ich gleich vom Allerbesten
Mein Haus und meine Tische voll;
D’rum laß mich, JEsu, Kraft und Zeit
Auskaufen für die Ewigkeit!

Das ist denn der irdische Sinn, das sind die elenden Folgen, das ist das Schicksal Derer, die an das Zeitliche und Vergängliche, sey es nun an zeitliche Güter, oder Freuden, oder Ehren, ihr Herz hängen. Aber nicht viel besser sind

II.

Diejenigen, die zwischen der Welt und Gott theilen wollen, die ein getheiltes Herz haben. Man hat Eindrücke von Gott und von Seiner Wahrheit, und will doch die Welt nicht verlassen; man hat wohl hin und wieder die Kraft des Evangeliums erkannt; man fühlt, daß es gut sey, dem HErrn sich zu ergeben, und nach Seinem Willen zu thun: aber der Same der Wiedergeburt, das Wort Gottes, ist unter die Dornen gefallen, und neben der Sehnsucht, selig zu werden, erheben sich mannigfaltige Absichten auf Reichthum, Ehre, Bequemlichkeit, sorgenfreies, angenehmes Leben, die man durchaus mit dem Trachten nach dem Himmel vereinigen möchte. Da bemüht man sich dann auf allerley Weise, seinen unlauteren Sorgen, seinen elenden Begierden einen ehrbaren, christlichen, pflichtlichen Anstrich zu geben, versteckt seinen heimlichen Geiz hinter dem Beruf, den man für Weib und Kinder, oder für das gemeine Beste zu betreiben habe; seine Sucht nach eiteln Zerstreuungen hinter die angebliche Pflicht, daß man seinen Verhältnissen gemäß leben, mit den Menschen freundlich und gefällig nach der allgemeinen Menschenliebe umgehen müsse, und durch Abziehung von solchen erlaubten Vergnügungen seinem Rufe schaden, ja wohl gar Aergerniß stiften könnte; vor seinen Ehrgeiz steckt man ein Feigenblatt, das man Ausbildung seiner Gaben, Gemeinnützigkeit und Eifer heißt! – – man hat wohl etwas von Gottesfurcht, aber es ist nicht die rechte, sondern ein knechtisches Wesen, weil man über dem Schalksauge ein böses Gewissen in sich trägt; man hört wohl gerne etwas Gutes, aber es haftet nicht; es ist keine lebendige Zustimmung, kein Wachsthum im Lichte, Leben und Erfahrung dabey; man vergißt es wieder schnell, und wenn man mit Frommen eine Weile fromm gewesen ist, lebt man mit den Kindern dieser Welt wieder weltlich; man hat wohl einige Sehnsucht nach Freiheit und Seligkeit, aber man wagt nichts dafür; man rechnet furchtsam nach, was man Alles dabey einbüßen, verlieren, verläugnen und erdulden müßte, wenn man sich ganz entschlöße, dem HErrn sich zu ergeben; man schilt sich einen Sünder, und nimmt auch einen Anlauf zur Buße; aber man haßt die Sünde nicht, und klagt oft über innerliche Feinde, mit welchen man, wenn man es genau besehen und redlich bekennen wollte, in der besten Freundschaft steht, die man wie einen Augapfel hütet. Man möchte gern Christo angehören, aber man kommt doch nicht zu Ihm, weil immer so viele andere Sachen zu bedenken und zu besorgen sind, daß man keine Zeit hat, mit anhaltendem Gebet anzuklopfen, und Ihn zu suchen, bis man Ihn findet. Da fallen zwischen einem solchen lauen, lahmen Willen genug Sünden und Elendigkeiten hinein, so daß es nie zur Kraft, nie zum Gedeihen kommt; man bleibt ein geschlagener, jämmerlicher, halbherziger Mensch, der wie ein Schilf hin- und herschwankt, und von all’ seinem eingebildeten Gottesdienst und Mammonsdienst nur Pein und Seelenplage einerntet. Denn Christus stimmt nie mit Belial. Es ist das ein Beweis, daß man Gott im Grunde nicht liebt, sondern nur die Welt, und es eigentlich mit Gott nur nicht verderben will, weil man das Gericht fürchtet. Ach, das ist ein großes Elend, eine gefährliche Lage, wobey man zwey Herren dienen will, und als ein Heuchler in der Welt hinlebt! Ein altes Lied sagt:

Bey dieser steten Dämmerung,
Wo Tag und Nacht vorhanden,
Wo weder Finsterniß genug,
Noch Licht genug entstanden,
Verfehlt die halbe Christenheit
Des rechtes Wegs zur Seligkeit!

Dieser Sinn ist dem HErrn sehr verhaßt. „Wie lange hinket ihr auf beyden Seiten?“ – sprach einst Elias zum Volke Israel, da es dem HErrn und dem Baal zugleich dienen wollte; und das gilt auch uns. „Wer die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.“

Es gilt hier kein halbirtes Leben;
Gott krönet kein getheiltes Herz;
Wer JEsu sich nicht recht ergeben,
Der macht sich selber Müh’ und Schmerz,
Und träget als verdienten Lohn
Hier Qual, und dort die Höll’ davon.

Zerreißet denn die morschen Schlingen, die auch am schönen Siegeslauf verhindern und zum Säumen bringen, und raffet euch von Neuem auf!

Auf, auf, verlaßt die falsche Ruh’!
Auf, auf, es geht dem Himmel zu!

Und so Jemand auch kämpfet, so wird er doch nicht gekrönet, er kämpfe denn recht. Die Schlafenden und Lauen werden nie den Himmel sehen, – nur die Himmlischgesinnten taugen in des Vaters Reich, nur die Gewalt anlegen, reißen es zu sich. –

Lasset mich noch einige Worte reden

III.

von dem himmlischen Sinne. Der Heiland spricht „sammelt euch Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen, und wo die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, so wird euch das Uebrige alles zufallen.“ Damit weiset Er uns auf den himmlischen Sinn, den wir uns schenken, in uns gründen, in uns befestigen lassen sollen durch den Geist und die Gnade Gottes.

Was ist denn dieser himmlische Sinn, von welchem wir reden? – Wenn einer nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit trachtet, wenn Einer mit Furcht und Zittern schafft, daß er selig werde, wenn Einer das Eine, was Noth thut, ergreift und festhält, wenn Einer mit dem Apostel Paulus sagen kann: „ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach Dem, was davorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziele, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo JEsu“; wenn Einer wie Hennoch ein göttliches Leben führt, und seinen Wandel im Himmel hat, und keine Freude mehr sucht in den Dingen dieser Welt, sondern sich nach dem Unvergänglichen und Ewigen sehnt: dann hat er einen himmlischen Sinn, dann erfüllt er das Gebot in unserm heutigen Evangelium, und ist einem Manne gleich, der sein Haus auf einen Felsen baut, wo es allem Regen, allem Gewässer, allen Stürmen Trotz bietet.

O, was ist es doch um einen solchen Himmelssinn für etwas Großes, Seliges und Seltenes! – Das, was man siehet, für Nichts achten, und das schätzen und lieben, was man nicht siehet; Gott in Christo anhangen durch den Glauben und die rechtschaffene Liebe, und sich weder durch die Blendwerke des Satans, noch durch die Verführungen und Lockungen der Welt, noch durch die Triebe und Reize des eigenen verderbten Herzens und Fleisches, – durch dieses Alles und durch Nichts, was in der Welt ist, sich abwendig machen lassen von einem ernsten, festen Gange zur Ewigkeit; unverwandt hinsehen auf das vorgehaltene Kleinod; JEsum Christum, den Gekreuzigten und Auferstandenen, immer im Gedächtniß haben, und sey es auch durch manche Trübsal, durch manchen Verläugnungsweg, dem Lamme nachfolgen, das uns geliebet, das uns berufen, das Sich für uns geopfert hat, – das heißt einen himmlischen Sinn haben, das ist etwas überaus Großes, wie es denn auch durchaus nicht in Menschenmacht steht; das ist etwas Seltenes, denn die Welt, der große Haufe, weiß, ja er ahnet nichts davon. Und doch ist dieser Weg des Trachtens nach dem Reiche Gottes der einzige Weg, worauf unsere Seele Frieden, wahren Seelenfrieden findet. Denn Gott hat dem Menschen die Ewigkeit in das Herz gegeben, und das tiefste Sehnen des Geistes kann Nichts stillen als allein Gott, und zwar der in Christo JEsu geoffenbarte Gott, den die Welt nicht kennet, nach dem aber doch jedes Menschenherz, sey es auch ihm selbst verborgen, sey es auch im Schlamme der Sünde wie versunken, ein geheimes und starkes Seufzen und Sehnen in seinem Grunde hat. O, es ist etwas Seliges um einen solchen himmlischen Sinn, der in seinem Schöpfer und Heilande lebt; ja, es ist der einzige Weg zur Seligkeit, denn alles Andere ist ja doch, wie jeder Mensch an seinem tiefsten Gefühl und in seinem Gewissen erkennen kann, nur ein schweres Joch, ein unseliges Element für die Seele. Ach, liebe Miterlöste, fühlet ihr nicht auch zuweilen die Schwere dieses Jochs,

Darunter das Herze sich naget und plaget,
Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget?

Merket ihr nicht auch zu Zeiten, wie ungesättigt, wie krank und elend euer Herz unter den Sorgen und Mühen des irdischen Sinnes ist, und wie selig ihr wäret, wenn Gott in Christo euer Leben, eure Liebe, euer Reichthum, euer Ein und Alles würde? Glaubet es, wahrlich nur in Ihm, nur in dem Gott, dessen Klarheit aus dem Antlitz JEsu Christi hervorleuchtet, ist Ruhe, ist Freude, wahre, bleibende, ewige Freude, eine Freude, von welcher man nicht mehr sagen muß, wie von den weltlichen Lüsten und Genüssen: „ach, es wird wieder ausgehen!“ – nein, eine Freude, die immer größer, immer herrlicher wird, immer mehr das ganze Wesen und Leben durchdringt, bis der lautere Strom der Herrlichkeit Gottes Seine Kinder durchgehen wird, und sie Ihn schauen können von Angesicht zu Angesicht.

Und wie geht es denn im Aeußerlichen solchen Seelen, die das Reich Gottes und die Nachfolge JEsu ihre Hauptsorge seyn lassen, werden sie wohl deßwegen im Aeußerlichen und Zeitlichen Mangel leiden? – Nein, sagt der treue, wahrhaftige Zeuge; wenn ihr nach dem Reiche Gottes trachtet und nach Seiner Gerechtigkeit, so wird euch da Uebrige Alles zufallen. „Der HErr gibt’s den Seinen schlafend“ (Ps. 127,2.), nicht, daß sie über dem Trachten nach dem Himmlischen ihren äußeren Beruf vernachläßigen müßten, vielmehr sollten sie gerade durch Treue in ihrem Beruf ihr Christenthum an den Tag legen; aber es ist nicht das ängstliche, das elende, begierige Rennen und Laufen nach dem Zeitlichen wie bey Denen, die ihren Schatz und ihr Herz auf Erden haben, nicht jenes Wichtigthun mit der Nichtigkeit und Vergänglichkeit, wie die Kinder dieser Welt es haben, die doch das Ewige nie betrachten und schätzen mögen. Das Herz der Christen ist nicht bey dem Irdischen: sie besitzen, als besäßen sie nicht, sie kaufen, als kauften sie nicht, sie sind reich, als wären sie nicht reich, – sie können Beydes, Mangel leiden und Ueberfluß haben, – denn ihr Sinn geht nach Oben, nach Dem, das da bleibet, wenn auch die Welt durch Feuer zergehen wird. O wie viel besser hat es ein Christ, der Alles aus der Hand Gottes, seines himmlischen Vaters, annimmt, als Einer, der alle seine Scheunen, alle seine Kisten und Kästen voll hat, aber den Heiland nicht liebt, und Gott nicht kennt! Wer aus und von dem Glauben lebt, ist viel reicher als der reichste Mensch, der keinen Glauben hat; denn dem Reichsten kann sein Vorrat genommen werden; sein Reichthum kann veralten; das Feuer, das Wasser, die Luft, – alle Elemente und Kräfte der Natur können ihn um seinen Schatz bringen; wer aber aus der Hand Gottes und vom Glauben lebt, dem geht es nimmermehr aus; denn – laß die Welt vergehen: Gott bleibet, und Gott ist reich! O, bedenke das, verzagter Mensch, der vor lauter Sorgen und Mühen nie zum Glauben und nie zum Frieden gelangt, – bedenke es: Gott ist reich, und hat es durch den Mund des lieben Sohnes verheißen: wer nach Seinem Reiche trachte, dem solle das Uebrige zufallen, es solle ihm im Aeußern nichts fehlen. Was wäre das auch für ein Gott und Vater, der uns himmlische Güter mittheilen wollte, und möchte unsern Leib nicht versorgen! Der die Lilien auf dem Felde kleidet, der die Vögel unter dem Himmel ernährt, und das Schreyen der jungen Raben hört, Der sollte es den Kindern fehlen lassen? Das kann ich nimmermehr glauben. Der uns den Sohn gegeben, und Seiner nicht verschonet hat, sollte Der uns mit dem Sohne nicht Alles schenken? Das Alles bezeuget uns ja der Mund der Wahrheit selber, und wer Ihn Lügen strafen will, der thue es; – ich nicht. – Freilich geht es auch bey Christen in dieser Hinsicht durch Glaubensproben, – aber es sind Glaubensproben für die Ewigkeit, selige, fruchtbringende Proben, welche man, wenn sie mit des HErrn Gnade überstanden sind, um Alles in der Welt nicht zurücknehmen oder ungeschehen machen möchte, – und ich frage mit dem Heilande jeden wahren Christen: hast du je Mangel bey Ihm gehabt? – Sie werden Alle sagen und rühmen: Nie einen! –

Selig ist, wer diesen himmlischen Sinn in seiner großen Wichtigkeit und Kraft sich ernstlich vor Augen stellt, und im stillen Hinblick auf die ewige, über alle Maaßen wichtige Herrlichkeit, welche Derer wartet, die nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen, nicht abläßt, dem HErrn um Seines Heiligen Geistes Licht und Gnade anzuflehen, bis sein Herz und Wille entschieden zu dem Einen, was Noth thut, sich gewendet hat. O ein Solcher wird’s ewiglich zu genießen haben, wenn die Welt mit ihren Knechten und Söldlingen längst im Rauch vergangen ist. Es ist auch uns nun dreyerley zur Wahl vorgelegt. Fragen wir unser Gewissen, zu welcher Parthey wir gehören wollen, damit sich Keiner verkürze! Amen!