Andacht 27.7.2017

„Den berufenen Heiligen.“ (Röm. 1, 7)

Wir sind gar sehr geneigt, die Heiligen der Apostelzeit als solche zu betrachten, die „Heilige“ wären in einer tiefern und ausgezeichneteren Bedeutung des Worts, als die andern Kinder Gottes. Alle sind „Heilige“, die Gott durch seine Gnade berufen, und geheiliget hat durch seinen Heiligen Geist; aber wir neigen uns doch zu der Vorstellung hin, die Apostel müssten ganz außerordentliche Leute gewesen sein, welche kaum einer ähnlichen Schwachheit, kaum solchen Versuchungen wären unterworfen gewesen, wie wir selber. Dennoch vergessen und verfehlen wir, wenn wir das meinen, die Wahrheit, dass, je mehr ein Mensch vor Gott wandelt und in Gott lebt, er umso mehr Anlass erhält, über sein böses Herz zu trauern, und je mehr ihn sein Meister in seinem Dienste zu Ehren zieht, umso mehr ihn Tag für Tag die Sünde kränkt und schmerzt, die aus dem Fleisch stammt. In der Wirklichkeit ist‘s so, dass, wenn wir den Apostel Paulus persönlich gekannt hätten, wir hätten denken müssen, es sei auffallend, wie gar ähnlich er den übrigen Gliedern der auserwählten Familie Gottes sei; und wenn wir mit ihm gesprochen hätten, so hätten wir sagen müssen: „Wir finden, dass seine Erfahrungen und die unsern fast dieselben sind. Er ist treuer, ernster, tiefer gegründet als wir, aber er hat mit denselben Trübsalen und Versuchungen zu kämpfen wie wir. Ja, er wird sogar in mancher Beziehung schwerer versucht als wir.“ Sehet darum die ersten Heiligen nicht an als solche, die der Schwachheiten und Sünden wären überhoben gewesen; und betrachtet sie nicht mit jener heiligen Scheu, die fast zur Anbetung wird. Ihre Heiligkeit ist auch uns erreichbar. Wir sind „berufene Heilige“, berufen von derselben Stimme, die sie zu ihrer hohen Berufung zog. Es ist jedes Christen Pflicht, mit Gewalt hindurchzudringen in den engern Kreis der Gemeinschaft der Heiligen. Darum wollen wir ihnen nachfolgen; wir wollen nachjagen ihrer Heiligung und ihrem Eifer. Wir haben dasselbe Licht, das ihnen leuchtete, die gleiche Gnade ist uns zugänglich, und warum sollten wir uns zufrieden geben, ehe wir sie im himmlischen Wesen des Gemüts erreicht haben? Sie lebten mit Jesu, sie lebten für Jesum, darum wuchsen sie wie Jesus. So wollen wir denn leben nach demselben Geist, nach dem sie lebten, und „aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender unsers Glaubens,“ so wird unsre Heiligkeit bald zum Vorschein kommen.