Andacht 29.7.2017

Lukas 6, 35.

„Euer Vater im Himmel ist gütig über die Undankbaren und Boshaftigen.“

Das ist ein merkwürdiger Spruch, weil so ausdrücklich gesagt ist, Gott sei gütig über die Undankbaren und Boshaftigen. Es ist eigentlich damit gesagt, daß im Grunde alle Menschen, auch die Besten, noch undankbar und boshaft seien. Denn beachten wir’s, daß das Wörtlein „auch“ weggelassen ist. Wohl kann man immer noch einen Unterschied machen, wie ihn der HErr in der Bergpredigt macht, da Er sagt: „Er lässet Seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, und lässet regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Aber warum, könnte man fragen, macht Gott keinen Unterschied mit Seiner Güte? Sicher darum, weil, wie unser Spruch uns belehrt, der Unterschied nicht so ist, daß an den Gerechten nichts von Ungerechtigkeit, an den Dankbaren nichts von Undankbarkeit, an den Guten nichts von Bosheit mehr wäre. Weil’s so ist, muß Gott auch die eigentlich Undankbaren und Boshaftigen mit segnen, wenn Er nicht Allen zusammen Seine Güte entziehen wollte, wie das bei allgemeinen Landplagen oft zu sein scheint.

Daß es auch den Besten noch fehlt, geben diese, wenn wir sie dafür halten, selber zu. Denn gerade sie fühlen sich stets beschämt, wenn Gott ihnen eine besondere Güte zukommen läßt, indem sie sagen, sie seien so viel Güte nicht wert. Prüfen wir uns doch genau. Wer ist frei auch nur von Bosheit? ich meine eben vom Ärgsten, welches ist die Bosheit. Wer hat nicht, auch wenn er noch so gut scheint, noch etwas Boshaftiges in sich? Wie oft muß man nicht auch bei den Besten noch verwundert sagen: „Wie? so kann’s der auch noch?“ Wenn daher Gott nach unsrer Bosheit aufhören wollte, gütig zu sein, was würde aus uns? Somit ist unser Spruch, daß Gott gütig sei über die Undankbaren und Boshaftigen, ein Trostspruch für uns, da wir erschrecken müßten, wenn es hieße: „Gott ist gütig über die Dankbaren, Guten und Unschuldigen.“ Wie zaghaft müßten wir da werden, auf die Güte Gottes zu hoffen!
Indessen ists doch, wie schon bemerkt, ein Unterschied. Die Einen sind, was sie Böses sind, mit Gleichgiltigkeit, Gewissenlosigkeit, Frechheit, Unbußfertigkeit; die Andern beugen sich über alles, was sie Böses an sich entdecken, und suchen sich zu reinigen. Den Letzteren wird Solches zur Gerechtigkeit gerechnet, so daß sie auch, unter Umständen, in besonderer Weise die Güte Gottes erfahren dürfen.

Wie aber machen’s nun wir gegen die Undankbaren und Boshaftigen? Können wir diesen vergessen, was sie gegen uns sind, und doch noch vorkommenden Falls ihnen Gutes tun? Nehmen wir uns doch in Acht, und bedenken wir, daß eben darum der HErr von der Güte Gottes gegen Undankbare und Boshaftige redet, daß wir als Kinder unsres Vaters im Himmel es Ihm nachmachen sollen. Darum schließt Er mit den Worten: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Um gütig zu sein, sollen wir nicht erst fragen, ob die Bedürstigen undankbar und boshaftig seien oder nicht, gleichwie der Vater im Himmel auch nicht darnach fragt, wenn Er gütig ist, – sollen vielmehr einfach da barmherzig sein. Ja, gerade gegen die Undankbaren und Boshaftigen müssen wir vorzugsweise gütig sein lernen, wenn eine gewisse Zucht nicht scheinbare Zurückhaltung erfordert. Denn fangen wir an, selbstgerecht unser Herz zu verschließen, dann wird die Zeit kommen, da Gott Sein Herz auch gegen uns verschließen wird. Denn „mit eben dem Maße, damit wir messen, wird uns gemessen werden.“

Mel. Wachet auf, ruft uns.
Gütigster JEsu, o wie gnädig,
Wie liebreich bist Du, wie gutthätig,
Selbst gegen Feinde, wie gelind!
Dein Sonnenlicht erscheinet allen,
Dein Regen muß auf alle fallen,
Ob sie Dir gleich undankbar sind.
Mein Gott, ach lehre mich,
Damit hierinnen ich
Dir nacharte.
JEsu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Daß ich auch gütig sei, wie Du!