Andacht 17.8.2017

Trachtet nach dem, was droben ist; nicht nach dem, das auf Erden ist.

Wenn man das, was der Apostel Col. 3,2. schreibt, bedenkt, und dann in die Welt hinein sieht, so muß man gestehen: die Menschen haben das Unterste zu Oberst gekehrt. Denn wie das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf, so ist es auch, so lange es nicht wiedergeboren ist, nur auf das Irdische gerichtet. Weide für Augenlust und Fleischeslust, irdische Schätze, weltliche Ehre und äußerliche Freiheit, das und der Art sind die Dinge, worauf die Menschen ihren Verstand und Scharfsinn üben, wobei sie Fleiß und Beharrlichkeit zeigen, und worin sie nicht leicht eine Uebertreibung kennen. Aber findet ihr Menschen denn wirklich in dem, das auf Erden ist, das was ihr darin sucht? Ihr suchet Freude, und findet Herzeleid; sucht Genuß, und findet Ueberdruß; sucht die Fülle, und findet Leere; ihr kostet hie und kostet da, und werdet doch nimmer satt. Ach suchet, was ihr suchet, sagt ein Mann, der es euch einst gleich gethan – aber es ist nicht da, wo ihr’s suchet. Suchet was droben ist. Denn Freude die Fülle und liebliches Wesen ewiglich ist nur in Gott zu finden. Aber freilich, ihr seid von Gott so fern, euch fehlt der himmlische Sinn und die Liebe zu Gott. Eben deßhalb aber schreibt der Apostel: „Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes.“ Erst dann, wenn ihr den kennet, der vom Himmel auf die Erde kam und eines Menschen Kind ward, um uns zu Gottes Kindern zu machen; wenn er durch seine im Leben, Leiden und Sterben bewiesene Liebe eure Herzen für sich eingenommen und gewonnen hat, daß ihr an ihm hanget, wie die Glieder am Haupte; wenn ihr durch seinen Tod der Sünde abgestorben und mit ihm auferstanden seid vom geistigen Tode: werdet ihr zu einiger Erfahrung dessen kommen, was er verheißen hat: „Wenn ich erhöht sein werde von der Erde, will ich sie alle zu mir ziehen.“ Sein Zug von oben nach oben im Herzen seiner Erlöseten, diese seine himmlische Anziehungskraft – das ist es, was dem menschlichen Trachten die rechte Richtung giebt, nämlich nach dem, das droben ist, Darum seht,

– daß ihr den Geist erhebt
Von den Lüsten dieser Erden,
Und euch dem schon jetzt ergebt,
Dem ihr beigefügt sollt werden.
Schickt das Herz jetzt dahinein,
Wo ihr ewig wünscht zu sein.

Diese Herzensrichtung soll man am Wandel sehen können. Mann soll es an dem Himmlischgesinnten gewahr werden, daß er in seinem Stande und Berufe, in allen seinen Verhältnissen, er sei nun reich oder arm, vornehm oder gering, alt oder jung, auf rechter Bahn bleibt, nicht bald hier, bald da auf die breite Straße hinübertritt, sondern in den Fußstapfen Christi einhergeht, durch die finsteren Thäler voll Glauben und Vertrauen, und über die steilen Höhen voll Muth und Vorsicht wandert, bei den Lustlägern dieser Welt sich nicht aufhält, und über das Vielerlei am Wege, das Ziel, das Einige Notwendige nicht aus dem Auge verliert. Solch ein Wandel ist der Welt heilsamer, als viele hundert Predigten über Christensinn und Christenwandel.