Andacht 20.8.2017

Mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.
Luk. 1,46.

Hanna, die Mutter des Propheten Samuel, und Maria, die Mutter unseres Heilandes, stehen in einer großen Aehnlichkeit miteinander. Beide waren sehr gedemüthigt, und konnten die Menschen durch ihr eigenes Beispiel lehren, wie Gott das Niedrige ansehe, die Hungrigen mit Gütern erfülle, und die Dürftigen aus dem Staub erhebe, s. 1 Sam. 2,5.7.8. Luk. 1,48.52.53.  Beide wurden nach der Traurigkeit mit einer großen geistlichen Freude überschüttet; wie dann Hanna 1 Sam. 2,1. betete: mein Herz ist fröhlich in dem HErrn, mein Horn (meine Kraft) ist erhöhet in dem HErrn. Mein Mund hat sich weit aufgethan über meine Feinde, denn ich freue mich Deines Heils. Maria aber sagte: meine Seele erhebt den HErrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Niemand ist würdiger, daß man sich seiner freue, als Gott unser Heiland, weil Er der Gütigste, der Freundlichste, der Mächtigste, der Herrlichste ist. Wir sind Geschöpfe; Er ist Gott: Niemand aber ist gut als der einige Gott. Wenn also Gott Sich dem Geschöpf mittheilt und von demselben als gut empfinden läßt, so kann es ohne innige Freude nicht abgehen. Wir sind sündhafte und nothleidende Menschen, Er aber ist der Heiland. Wenn nun der Heiland Sich dem Sünder offenbart, wenn Er an ihm thut, was dieser Sein Name bedeutet, wenn Er die Sünde bedeckt, die Noth wendet, oder wenigstens des Glaubigen Horn erhöhet, wie Hanna sagte, das ist, seine Geisteskraft vermehrt, daß ihm Alles, was er tragen muß, leicht wird, und wenn Er ihm überdieß einen Vorschmack und Vorblick von der himmlischen Wonne gibt, so kann man, wie David, zu Ihm sagen: Du erfreuest mein Herz, ob Andere gleich viel Wein und Korn haben. Die geistlichen Freuden währen freilich nicht an Einem fort, wie denn auch bei der heiligen Maria zu derjenigen Zeit, da wegen des Leidens Jesu ein Schwert durch ihre Seele drang, die Traurigkeit weit vorschlug, auch entstehen sie bei dem Einen sparsamer und seltener, bei dem Andern aber reichlicher und öfter, doch sollen sie einem glaubigen Christen nicht ganz ganz unbekannt sein; wie denn auch Paulus die Christen in seinem Brief an die Philipper, und sonderlich Phil. 3,1. 4,4. sehr herzlich dazu aufgemuntert hat. Niemand warte hiebei auf seine Würdigkeit, denn das Wort Heiland schließt dieselbe aus, und macht das Warten auf dieselbe unnöthig. Auch die heilige Maria, welche bei den allgemeinen Aussprüchen Röm. 3,23. 5,12. Gal. 3,22. keine Ausnahme machte, war aus Gnaden, was sie war, und hatte einen Heiland nöthig, dessen sie sich auch freute. Ein jeder Christ darf also mit ihr, ungeachtet ihres großen Vorzugs, im Geist Gemeinschaft haben, und, wie sie, wenn der Heilige Geist ihn dazu erweckt, sagen: mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Göttliche Traurigkeit ist etwas Gutes: die Freude im Heiligen Geist ist aber noch besser. Jene bereitet zu dieser. Jene hört auf, wenn der Sünder in den Himmel aufgenommen wird, wo alle Thränen von seinen Augen abgewischt werden, diese aber währet ewig. Gott lasse mich jene und diese in der Zeit meiner Wallfahrt, wie ich’s nöthig habe, erfahren, im Himmel aber diese ohne Aufhören empfinden. (Magnus Friedrich Roos)