Andacht 17.9.2017

Johannes 11. Die Grundbedingung für Geistesleitung ist auf der einen Seite, daß man nicht dahin eilt, wohin das Herz uns zieht, und daß wir auf der andern Seite nicht zurückschrecken vor den Gängen, die uns das Leben oder ein Stück Leben kosten, also uns gegen die Natur sind. Lazarus, Martha und Maria waren die Geschwister, bei denen der Herr sich, wenn irgendwo auf dieser Erde, zu Hause fühlte. Er hatte ja nicht, wo er sein Haupt hinlegen konnte, aber dort war er offenbar zu Hause. Dort wurde ihm gedient, und dort wurde ihm das Wort abgenommen und aufgenommen von Maria wie kaum irgendwo. Die Schwestern dachten natürlich, er werde sofort kommen, wenn er die Botschaft hörte: „Der, den du lieb hast, der liegt krank“. „Als er aber“, heißt es, „die Botschaft hörte, blieb er noch zwei Tage da …“ Warum noch zwei Tage? Dafür gibt es wohl keinen anderen Grund, als daß unser Herr wartete auf den Wink von oben. In diesem kritischen Augenblick, wo Lazarus todkrank lag, blieb er unentwegt wo er war, bis er Weisung und Wink vom Vater bekam. Und nun kommt gleich nachher die andere Seite. Als er sagte: „Laßt uns nach Judäa ziehen“, sprachen seine Jünger zu ihm: „Das letzte Mal wollten die Juden dich steinigen und nun. ..“ Die Schwestern konnten nicht begreifen, daß er nicht kam, die Jünger aber, daß er wieder nach Judäa wollte. Das sind äußere Gesichtspunkte, wie sie uns leiten, Jesus war von anderem geleitet.

Um es gleich zu sagen, es handelt sich nicht darum, daß wir unser Urteilsvermögen nicht gebrauchen und wir immer nurdarauf warten, daß eine Stimme uns sage: „Gehe!“ oder „Gehe nicht“. Als Kinder Gottes haben wir unser geheiligtes Urteilsvermögen zu gebrauchen. Wir haben uns heute zu fragen, was wir zu tun und zu lassen haben; wir haben zwar unser Programm, d. h. wir leben nicht in den Tag hinein, aber wir haben kein starres Programm – wir müssen bereitsein, uns vom Herrn jeden Augenblick korrigieren zu lassen. Wir müssen das Programm jederzeit dem Herrn zur Durchsicht und eventuellen Änderung vorlegen, aber in der vorläufigen Feststellung des Programms gibt es Pflichten, von denen wir wissen müssen, wann sie zu tun sind, und da gewinnen wir Sicherheit in der Erfahrung. Aber bei aller Erfahrung, Erwägung und Abwägung der Gründe, die für oder wider sein mögen, muß immer der Himmel offen bleiben, muß der Heilige Geist frei sein, uns einen Wink zu geben, wenn etwa ein Besuch nötiger sein sollte als ein anderer. Einerseits gilt es, sein geheiligtes Urteilsvermögen zu gebrauchen, andererseits des entscheidenden Wortes des Herrn zu harren. Wieviel von diesem Gange nach Bethanien abhing, sehen wir aus dieser Geschichte. Das war der letzte Tropfen in den Becher der Wut und des Hasses. Diese Auferweckung des Lazarus war es, die den hohen Rat zusammenbrachte – natürlich erregte die Sache Aufsehen. Viele von den Juden glaubten an ihn, und die Pharisäer und Sadduzäer sahen, wie ‚“ ihnen der Boden unter den Füßen wich. „Dieser Mensch tut viele Zeichen“, sagten sie sich. „Wie retten wir unsere Autorität und Stellung?“

Also, die Grundbedingung zur Geistesleitung ist, sein eigenes Leben nicht lieb haben bis in den Tod, und da, wo wir unser Urteilsvermögen gebrauchen, wie wir es immer tun müssen, da nicht in Rechnung nehmen, wieviel uns ein Schritt, ein Besuch, ein Gang kosten mag, uns unsererseits aber auch nicht hinziehen lassen in ein Bethanien, wo wir Heimatluft genießen, wenn Gott uns nicht hinruft, uns nicht den Weg öffnet. Für alle unsere Besuche, für Schwestern und Brüder, Knechte und Mägde des Herrn auf den verschiedensten Gebieten, für alle Beziehungen der Kinder Gottes untereinander ist es wichtig, daß man anderen nicht unnötig Zeit raube, sie nicht mit Bewußtsein belästige, aber auch nicht Kranke unnötig warten lasse, nicht diese oder jene Aufgabe beiseite schiebe, die uns etwas kostet und an die wir nicht gern heran wollen.

Da kommen wir immer wieder auf den Zusammenhang zwischen dem Werke des Geistes und dem Werke Jesu Christi.

Durch seinen Kreuzestod hat uns der Herr errettet, nicht nur von der Schuld der Sünde, sondern auch von der Gebundenheit an das Suchen des eigenen Lebens, der eigenen Ehre und Bequemlichkeit, daß wir nicht zurückbleiben, wo wir nach Gottes Willen hingehen sollten. In Christi Todesangst, in der am Kreuze vollbrachten Erlösung, die mir der Geist aufschließt, habe ich Macht, mein Leben nicht mehr lieb zu haben bis in den Tod und mich in allem zu fragen: „Herr, was willst du?“ – nicht: was paßt mir? Wo hätte ich mich am liebsten ausgeruht? Das ist Erlösung von den Banden des eigenen Lebens und des Suchens eigener Bequemlichkeit.