Andacht 20.9.2017

Man muß nicht nur überhaupt beten, sondern auch bei jeder vorhandenen Gelegenheit sich der Regierung Gottes anbefehlen; man kommt sonst in den Umständen doch immer unvermerkt auf das Eigene, auf Eigenwillen und Eigennutz.

Es ist ein Hauptfehler beim Gebet, hauptsächlich bei dem wegen eines bestimmten Anliegens, daß man immer weiterbetet und das Wort allein haben und nicht auf eine Antwort vom Herrn merken will. Wollte man ein wenig still und aufmerksam sein, dann würde man zwar keine Stimme, aber doch eine deutliche, gewisse und beruhigende Antwort vernehmen. Gott antwortet nicht mit Worten, sondern mit der Tat.

Zum Beten gehört auch das Aufmerken auf die göttliche Antwort. Wer das könnte, der würde manchmal sofort etwas vernehmen, während er sonst hinterher darauf schließt, daß dieses oder jenes eine Erhörung seines Gebets gewesen sei. Gott antwortet mit der Tat, wie es auch unter Menschen zu geschehen pflegt, daß man nicht mit einem Bettler verhandelt, sondern ihm eben ein Almosen gibt. Man ist darin noch weit zurück, daß man tüchtig wäre, die Antwort Gottes recht zu vernehmen. Man fehlt damit, daß man meistens nur immer seine Not vorträgt und nicht auch in der Stille aufmerkt; denn das Beten soll eigentlich eine Unterredung oder ein Gespräch mit Gott sein.

In schlaflosen Nächten ist es gut, in der Fürbitte dahin zu denken, wohin das Gemüt geleitet wird. Es ist selten ohne Grund. Wenn zwei gute Freunde zusammenkommen und eine gute Weile miteinander gesprochen und das Nötige ausgeführt haben, dann haben sie einander auch bei weiterem Zusammenbleiben lieb; doch kann es leicht geschehen, daß ihnen das Gespräch ausgeht. So kann es auch uns beim Umgang mit Gott gehen, daß zwar die Herzensneigung an ihm hangen bleibt, aber das weitere Gespräch mit ihm nahe zusammengeht.

Gebetsformeln sind etwas Köstliches; aber wenn einem durch sie das Herz bewegt worden ist, dann müssen sie weichen. Man kann sie auch aus dem Herzen oder von Herzen beten. Die immer aus dem Herzen beten wollen, geraten endlich doch auch auf Formeln, da eben immer bestimmte Gedanken vorkommen, und die Änderung der Worte macht weiter keinen Eindruck mehr. Es kommt mancher Mensch durch das ganze Leben, ohne daß er sich im Gebet einmal mit Ernst an Gott selbst gewandt hätte. Man befriedigt sich selbst mit einer gewissen Andacht und Aufmerksamkeit und findet das Herz Gottes nicht.

Es gefällt mir nicht, wenn es in Betstunden heißt: „Laßt uns also seufzen!“ Seufzen ist etwas, das den Menschen überkommt, wenn er am wenigsten daran denkt.

Die rechten, heiligen Beter sind etwas Seltenes; aber in der ganzen Welt trägt es doch etwas aus. Es steckt da oder dort in einem Winkel oder Loch ein Kreuzträger, der viel eifriger betet als manche, die in aller Freiheit, in Überfluß und Gemächlichkeit leben. Alle rechtschaffenen Beter sind Gott bekannt.

Ohne Worte kann ein Mensch sein Herz zu Gott erheben. Wiewohl dies auch eine Weile vonstatten geht, so schweifen doch die Gedanken gar bald aus, oder sie geraten in einen Schlummer. Wacht er des Morgens auf, dann werden fremde Einfälle am besten vertrieben und die Seelenkräfte aufgeheitert, wenn er mit David spricht: „Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken“ „Meine Seele ist stille zu Gott“ – „Wie der Hirsch schreit“. In dunklen, schlaflosen Nachtstunden ist es etwas Köstliches, wenn man sich an auswendig gelernte Gebete, Gesänge und Psalmen halten kann. Der Herr Jesus selbst hat mit seinen Jüngern den Lobgesang gesprochen, der aus etlichen Psalmen besteht, und am Kreuz hat er etliche Reden mit eben den Worten wiederholt, wie sie in den Psalmen stehen. Insofern könnte man den Psalter des Heilands Gebetbuch nennen.

Jeder Christ ist verpflichtet für das allgemeine Wohl zu flehen und zu bitten, und das um so viel mehr, je mehr Gott auf solches Gebet und Flehen der Gerechten sieht und je weniger die gottlosen und sichern Herzen die schwere Hand Gottes über sich erkennen wollen oder abzuwenden besorgt sind. Wer wollte sich dafür ausgeben, daß er nicht auch einigen Anteil habe an den allgemeinen Sünden, auf die die Strafe folgt, und somit, da er Holz zu dem Feuer des göttlichen Zorns herbeigetragen habe, nunmehr nicht auch schuldig sei, die Tränen der Buße zu tragen.

Die tiefsten und zartesten Gebete kommen in keinem Gebetbuch. Das sind Seufzer von Angst und von Freude, die sich nicht in menschliche Worte fassen lassen, aber hervordringen, wenn das Herz voll ist. Es schließt sich die ganze Kraft der Seele mit großem Ernst darin ein. Das Herz fühlt die Last und will sie abwälzen auf Gott. Die ganze Natur seufzt. Gott hört es. Auch wir, die wir zerknirscht sind über unser Elend, mögen seufzen aus Erbarmen über die Not des Nächsten. Christus hat auch einst geseufzt, an allem Anteil genommen und unser Elend angesehen als sein eigen. Kein Gebet, keine Träne und kein Seufzen ist verloren. Er wird’s geben!