Predigt gehalten am 21. Sonntag nach Trinitatis

Harms, Ludwig – Letzte Predigt

gehalten

am 21. Sonntage nach dem Fest der heiligen Dreieinigkeit ( 5. Nov.) 1865.

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und unserm HErrn Jesu Christo. Amen.

Text. Ev. Joh. 4, 47-54

Das ganze Evangelium, welches eben vorgelesen wurde, handelt vom Glauben, wie denn das in der Regel in allen Evangelien der Fall ist, daß vom Glauben gehandelt wird und vom Glauben gehandelt werden soll. Denn der Glaube ist eigentlich die Hauptsache von Allem, und steht namentlich mit dem neuen Bunde, mit dem Evangelio in so naher Verbindung, daß Alles was das Evangelium darreicht, nur durch den Glauben angenommen werden kann. Ein Christ, der nicht glaubt, ist wie ein Vogel, der nicht fliegen, wie ein Fisch, der nicht schwimmen kann und wie ein Licht, das nicht brennt. Darum heißen auch die Christen in der Bibel die Gläubigen und die Nichtchristen die Ungläubigen. Das was die wahren Christen von allen andern Leuten unterscheidet, ist der Glaube, und darum sagt der Apostel Paulus einst: Es geht von Glauben in Glauben, so daß der Glaube in der Weise das Lebenselement des Christen ist, daß in demselben gar kein Stillstand stattfinden kann, sondern daß der Glaube als etwas Lebendiges immer fortschreitet und zunimmt, wie ein Kind, das ein lebendiges Kind ist, immer wachsen und größer werden muß. Der stillstehende Glaube ist ein todter oder doch ein dem Tode naher; der wahre Glaube ist ein stets zunehmender, bei dem es geht aus Glauben in Glauben, d.h. aus einem kleinen Glauben in einen großen, aus einem schwachen Glauben in einen starken, bis er endlich das Ziel, die ewige Seligkeit, erreicht und dann das Glauben in Schauen verwandelt wird.

Wenn ihr nun dieses eben vorgelesene Evangelium andächtig durchleset, so findet ihr dreimal darin das Wort Glauben. Der Königische kommt im Glauben zu Jesu und spricht: HErr, komm hinab, ehe denn mein Kind stirbt; er geht hinweg von Jesu im Glauben in sein Haus, weil Jesus gesagt hat: Gehe hin, dein Sohn lebet; und zuletzt heißt es: Er glaubte mit seinem ganzen Hause. Es ist hier also die Rede von einem dreifachen Glauben und darum wollen wir auch heute mit Gottes Hülfe handeln

vom dreifachen Glauben.

Zuvor aber laßt uns beten: Lieber HErr Jesu, es steht geschrieben in Deinem heiligen Worte, daß ohne Glauben Dir niemand wohlgefallen kann, es steht geschrieben: Wer glaubt wird selig werden und wer nicht glaubt wird verdammt werden. Darum bitten wir Dich, HErr, vor allen andern Gaben, so gut und schön sie auch sein mögen, wolles Du uns diese Gabe geben, den wahren, aufrichtigen, lebendigen, immer zunehmenden Glauben, daß der unser ganzes Lebenselement werde, in dem wir leben, weben und sind. O HErr, wenn wir das so recht aus vollem Herzen sagen können, ich glaube, so bist Du ja mit Allem was Du hast, unser Eigenthum, dann haben wir Dich und Alles was Du hast. Ohne Glauben ist es ja unmögich, Dir zu gefallen, denn da haben wir nichts, als was wir von Natur sind, und das ist lauter Ohnmacht, Sünde und Schande und daran kannst Du keinen Gefallen haben. Darum bitten wir Dich, den wahren, lebendigen Glauben gieb uns, der immer im Zunehmen ist, und der erst dann aufhört, wenn er in Schauen verwandelt wird. Amen.