Predigt, gehalten am 2. Advent

Hofacker, Wilhelm – Am zweiten Sonntage des Advents.

Text: Röm. 14, 7-12.

Denn uns keiner lebt ihm selber, und keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem HErrn; sterben wir, so sterben wir dem HErrn. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des HErrn. Denn dazu ist Christus auch gestorben, und auferstanden, und wieder lebendig geworden, daß Er über Todte und Lebendige HErr sei. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du Anderer, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden Alle vor dem Richterstuhl Christi dargestellet werden; nachdem geschrieben stehet: So wahr als Ich lebe, spricht der HErr, mir sollen alle Kniee gebeuget werden, und alle Zungen sollen Gott bekennen. So wird nun ein Jeglicher für sich selbst GOtt Rechenschaft geben.

Die Todtenbetten, an welche wir theils an der Hand der Geschichte der Menschheit, theils aber auch als selbstthätige Augen- und Ohrenzeugen zu treten Gelegenheit haben, sind meistens reich an Belehrung, Warnung und Ermunterung, und die Eindrücke, welche unsere Gemüther bei denselben empfangen, gehören zu den unauslöschlichsten und unvertilgbarsten. Wie an ihnen die gänzliche Unmacht des Menschen und der furchtbare Fluch, den die Sünde in die Welt gebracht, im grellsten Lichte zu Tage tritt, so verherrlicht sich auf der andern Seite oftmals gerade hier die überschwengliche Gnade und Kraft Jesu Christi auf die erhebendste Weise, und wie nirgends sonst tritt bei denen, die da glauben an den Namen des Herrn Jesu, etwas von dem Adelsstern in’s Licht, den sie von Christo, dem Welt- und Todesüberwinder, an ihrer Brust zum Lehen tragen. Zu einem Beleg hiefür lasset mich heute zum Eingang der Predigt an ein fürstliches Todtenbett euch führen, an dem sich etwas von dem Spruch Johannis bewährt und kund thut, daß nämlich der Glaube der Sieg ist, der die Welt überwindet (1 Joh. 5,4.). Herzog Ulrich von Württemberg, derjenige, dem unser geliebtes Vaterland die Einführung der Reformation verdankt, lag todtkrank auf seinem fürstlichen Schloß zu Tübingen; er spürte, daß der HErr mit ihm zu Ende eile. Da berief er noch seine Diener und Räthe, und sprach zu ihnen: „Sehet zu, ihr Diener, der ich viel Schmerzen und Herzeleid zu meiner Zeit erlitten habe, und durch manchen Unfall und Noth gejagt und in dem Orden derer, die Christo das Kreuz sollen nachtragen, wohl geübt worden bin, – da lieg‘ ich jetzt in Gottes Gewalt, und will solcher Gestalten das Leben mit dem Tode vertauschen, daß mir Gott dadurch das ewige Leben soll geben und mich durch Christum erlösen; denn Gottes Wort wird ewig besteh’n, und wird eher Himmel und Erde vergeh’n. Dieß ist mein Zeichen hier gewesen.“ Mit diesem kräftigen Zeugniß auf der Lippe, mit diesem starken Trost im Herzen ging der gewaltige Mann hinüber aus der Zeit in die Ewigkeit, den Rettungsanker ergreifend, den er im Sturm der Zeiten als probehaltig erfunden, und der auch jetzt in den Todesnöthen nicht riß. Es thut wohl, aus fürstlichem Munde ein so ungeschminktes und körnigtes Glaubenswort zu vernehmen, und noch erhebender ist es, zu sehen, wie damit die Schrecken des Todes besiegt, die Dunkelheit der Ewigkeitsstraße gelichtet und der schwere und demüthigende Sterbensgang umgewandelt wurde in einen Siegesgang zu überirdischer Klarheit und unsterblicher Wonne. Christus allein ist mein Hort und Schild und Hoffnung im Leben und Tod – das war der Fels, auf dem sein früher so ungestümer und ungebrochener Geist Ruhe und Frieden gefunden hatte. In diesem Glauben wurde es ihm leicht, die Rechnung mit der Vergangenheit zu schließen, die Schauer der Gegenwart zu überwinden und seine von Todeswehen gepreßte Seele in die Hände des lebendigen Gottes zu befehlen, und zum Zeichen, daß sein Glaube nicht auf Sand erbaut sei, setzte er hinzu: denn Gottes Wort wird ewig bestehen und eher der Himmel und die Erde vergehen.

Blicken wir nun in unsere heutige Epistel hinein, so sehen wir auch einen Apostel Paulus für’s Leben und Sterben auf keinem andern Glaubensgrunde stehen; Christus ist ihm für Beides auch A und O, Anfang und Ende, Mittel und Zweck, und es ist wohl aus der Seele aller Gläubigen vom Anfang bis zum Ende herausgeredet, wenn er ausruft: „unser keiner lebt ihm selber, und keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem HErrn; sterben wir, so sterben wir dem HErrn; darum wir leben oder sterben, so sind wir des HErrn.“ Es ist nun der heiligen Schrift, als dem Buche aller Bücher, als dem Wort aus Gottes Munde eigen, in kleine und unscheinbare Worte die tiefsten und seligsten Geheimnisse einzuschließen, gerade wie am Meeresstrand in den unscheinbarsten Muscheln die herrlichsten und kostbarsten Perlen gefunden werden. So ist es hier; in den kurzen Sätzen, in welche hier Paulus sein Bekenntniß niedergelegt hat, liegt für ein begnadigtes Kind Gottes die edelste und kostbarste Perle seines Glaubens, seiner Freude, seiner Sehnsucht, seiner Hoffnung. Wir machen deßwegen zum Gegenstand unserer Betrachtung

Das schönste und einfachste Herzensbekenntniß eines begnadigten Kindes Gottes; es besteht aus drei Theilen:

  1. ich lebe dem HErrn,
  2. ich sterbe dem HErrn;
  3. lebend, und sterbend bin ich des HErrn.

I.

1) Ich lebe dem HErrn – so lautet der erste Theil des Glaubensbekenntnisses, das im Herzen eines begnadigten Kindes Gottes sich finden muß. Wie diejenigen, welche die Meere durchsteuern und den Ocean durchschiffen, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, eines Compasses bedürfen, der ihnen die rechte Richtung angibt und auch im Sturm und Wogengebrause die gerade Wasserstraße zeigt, die sie zu befahren haben, so ist dem Gläubigen mit dem einfachen Worte: ich lebe dem HErrn, ein Compaß auf die Lebensreise mitgegeben, der seinem Wesen die höchste und schönste Richtung mittheilt und ihm das erste und letzte Ziel vorsteckt. Jesus ist der Polarstern, dem seine Seele entgegensteuert; Jesus der Magnet, der ihn unwiderstehlich anzieht; Jesus der Zielpunkt, dem er immer näher und immer näher zu kommen trachtet. Sobald der Seele etwas klar geworden ist von der Liebe, womit Er uns bis in den Tod geliebt hat, sobald ein Lichtstrahl seiner Versöhnerstreue in das umnachtete und verfinsterte Herz gefallen ist, so kann man nicht anders, man muß Ihn wieder lieben, und Ihm zu leben, Ihm anzugehören mit Herz und Seele, Ihm zu huldigen im Wachen und Schlafen, Ihn zu preisen am Leibe und am Geiste, Ihn zu verherrlichen durch Reden und Schweigen, darauf geht nun das Dichten und Trachten, darauf das Verlangen und Sehnen, darauf das Ringen und Streben. Man möchte gern ein Lobopfer auf dem Altar seiner Liebe, ein reines Gefäß seiner Barmherzigkeit, ein heiliger Tempel seiner Herrlichkeit werden. Und darum ist auch der Entschluß: ich will dem HErrn leben, der mich geliebet und sich selbst für mich dahingegeben hat, der erste Hahnenschrei des besseren Lebens, das aus der Nacht des Todes zum Licht der Gnade ringt, und aus den Ketten und Banden der Finsterniß nach der Freiheit der Kinder Gottes sich sehnt. Aber wie schwer hält es meistens, bis dieser Entschluß geboren wird und zum Stand und Wesen kommt! Wie vielen andern Herren muß erst der Abschied gegeben und der Gehorsam aufgekündigt werden, bis der rechtmäßige und ebenbürtige HErr in seine Hohheits- und Herrscherrechte bei uns eingesetzt wird. Da ist der Herrendienst der Welt, bei dem bisher das Fleisch seine Weide und das verderbte Herz sein Genieß gefunden hat; und o wie schwer kommt man dazu, ihr aufzukündigen und ihren mißliebigen und spöttischen Urtheilen sich bloßzustellen, und die Schmach Christi zu tragen: „ich bin der Welt gekreuzigt und die Welt ist mir gekreuzigt“ (Gal. 6,14.). Da ist der Herrendienst des eigenen Ich, das uns mit Liebkosungen der Eigenliebe umgarnt und mit Vorspieglungen des Wohlgefallens an uns selbst geködert und berauscht hat – o wie schwer hält’s, bis man diese feinen und geheimen Bande nur merkt, und wie viel schwerer, bis man sie zerreißt und von sich wirft. Da ist endlich der Herrendienst des Teufels selbst, an den man bisher gar nicht geglaubt hat, den man deßwegen auch in seinem Herzen sein Werk ungehindert treiben und von dem man sich bisher mit verbundenen Augen gängeln und leiten ließ nach seinem Wohlgefallen; – o wie schwer hält es, jetzt auf einmal ihm den Krieg zu erklären und das verjährte Tyrannenjoch abzuwerfen und aus seinen Banden und Stricken sich loszuwinden, und mit Luther zu sagen: Strick ist entzwei und wir sind frei! Und doch muß es dahin kommen, wenn wirklich der neue Mensch zur Welt geboren und das Gottessiegel der Seele in Wahrheit aufgedrückt werden soll: ich lebe dem HErrn, und was ich lebe im Fleisch, das leb‘ ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet und sich selbst für mich dargegeben hat (Gal. 2, 20.); und doch muß es dahin kommen, daß man aller Welt mit dem Bekenntniß gegenübertritt: es wisse, wer es wissen kann, ich bin des Heilands Unterthan!

2) Und was ist denn nun die Frucht davon, wenn man also zu dem Heiland sich hält und mit Ihm sich also verlobt und vertraut? Keine andere, als daß man erfahren darf, daß man an Ihm einen HErrn hat, der seinesgleichen sucht im Himmel und auf Erden; und darum spricht der Gläubige mit einem Hochgefühl der Freude und Wonne: ich lebe dem HErrn! Hat er ja doch an Ihm einen allmächtigen HErrn, wer dürfte ohne dessen Willen ihm auch nur ein Haupthaar krümmen? Hat er ja doch an Ihm einen allweisen HErrn, wie könnte ihm deßhalb auch irgend etwas begegnen, das ihm nicht zum Besten dienen müßte? Hat er ja doch an Ihm einen starken HErrn, – wie dürfte er sich vor seiner eigenen Schwachheit fürchten, da Er zu ihm spricht: meine Kraft ist in den Schwachen mächtig? (2 Kor. 12,9.) Hat er ja doch an Ihm einen mitleidigen HErrn, wie sollte Er Gefallen daran haben, das glimmende Docht auszulöschen und das zerstoßene Rohr zu zerbrechen? Hat er ja doch an Ihm endlich einen getreuen HErrn, wie sollte er Ihm nicht kindlich vertrauen, daß sein Gottesspruch ewige Wahrheit bleibt: es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HErr, dein Erbarmer (Jes. 54, 40.)? Ja, mit diesem HErrn ist der Gläubige geborgen in freudereichen und in traurigen Tagen, in sonnenhellen und in stürmischen Zeiten, bei Anfechtungen von innen und von außen. Denn der HErr, dessen Worte ewige Geltung und Währung haben, spricht zu ihm: fürchte dich nicht; denn Ich habe dich erlöset, Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein; denn so du durch’s Wasser gehst, will Ich mit dir seyn, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen, und so du durch’s Feuer gehst, soll dich die Flamme nicht anzünden – denn Ich bin der HErr, dein Gott, der Heilige in Israel, dein Heiland (Jes. 43,1-3.).

Sollte bei solchen glorreichen Verheißungen nicht jedes Herz höher pochen und schlagen, und nicht jeder Mund gerne in jenes Losungswort einstimmen, das alle wackern Streiter und lebendigen Zeugen Christi zu dem ihrigen gemacht haben: lebe ich, so lebe ich dem HErrn? Ihr, die ihr bisher euch selber lebtet, und eurem eigenen Willen und eurem eigenen Fleisch und der Welt und dem Frohndienst der Eitelkeit und des vergänglichen Wesens, das von gestern her ist und morgen zerstäubt, was hattet ihr bisher für Frucht davon? Nicht wahr, eine Frucht, deren ihr euch entweder jetzt schon, gewiß aber am Tage der Offenbarung schämen müsset. O tretet herüber aus dem sauren und herben Dienste der Sünde, die endlich nur den Sold des Todes euch darbietet, tretet herüber in den Dienst der Gerechtigkeit Jesu Christi und preiset den HErrn, beides an eurem Leibe und an eurem Geiste, welche beide sind Gottes; die Welt vergeht ja mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes thut, der bleibet in Ewigkeit (1 Joh. 2,17.).

II.

Das erste und wichtigste Bekenntniß eines gläubigen Kindes Gottes ist: ich lebe dem HErrn. Aber unwillkührlich schließt sich daran das andere an, das nur eine Folge des ersten ist: ich sterbe dem HErrn.

1) Die Schiffer und Weltumsegler bedürfen nicht nur eines Compasses, der ihnen die rechte Richtung zeige und die gerade Wasserstraße weise, nein, sie haben auch eine Rettungsschaluppe nothwendig, die sie dann aussetzen, wenn das Schiff zu Trümmern geht, und sie Gefahr laufen, daß das Wellengrab sie in seinen feuchten Schooß aufzunehmen droht. Mit der Rettungsbarke aber segeln sie dann getrost in den Hafen ein, wenn sie auch an seinem Eingang das Schiff in die Fluthen untersinken sehen; denn sie sind gerettet, und Schiffe kann man neue bauen.

So, meine Lieben, gehen wir Alle einem Schiffbruche entgegen; früher oder später zerschellt unser Lebensschiff an einem Felsenriffe, – oft unversehens bekommt es einen Leck; oft bedarf es nicht einmal eines gewaltigen Stoßes: vor Alter und Schwäche fällt es nun selbst zusammen. Wie elend, wie verlassen, wie trostlos sind wir dann, wenn wir die Rettungsschaluppe nicht bei uns haben, die über das Grab des Todes und der Verwesung hinweg unsern Geist hineinflüchtet in den ewigen Friedenshafen! Aber siehe da! der Rettungsnachen ist denen, die in dem HErrn sterben, wohl ausgerüstet mit Allem, was zur Friedensfahrt dient, die Fahrt dauert nicht lange, und in dem Augenblicke, da sie vom Wrack ihres hinfälligen Leibes sich trennen, in demselben Augenblicke thut sich der himmlische Ruheport vor ihnen ans, wo sie bei dem HErrn seyn sollen allezeit.

Ich sterbe dem HErrn, spricht ein Kind Gottes, dieweil es weiß, daß Er im Rathe seiner Weisheit die Stunde bestimmt hat, in welcher unser Abschied erfolgen soll. Nicht Zufall und blindes Geschick waltet ja über dem Leben der Erlöseten Christi, sondern ein Rathschluß der ewigen Liebe; ihre Tage sind ja in das Buch Gottes geschrieben. Warum wollen wir also unser Herz uns zergrämen über der Ungewißheit, wann uns die Reihe trifft, da wir doch wissen, keine Stunde früher, keine Stunde später, als der HErr es beschlossen und der Rath seiner Liebe verhängt hat?

Ich sterbe dem HErrn, spricht der Glaube, und darum wirft er auch die Sorgen wegen der letzten Kämpfe auf den HErrn. Wir wissen nicht, welche Todesleiden unserer noch warten, welche Kämpfe der sinkenden Hütte wir noch zu bestehen haben, wie viele bange Nächte zu durchwachen, wie viel heiße Tage zu durchkämpfen sind; wir kennen das Leidensmaaß noch nicht, das uns zugemessen ist, und wir wissen, es ist bei manchen theuren Kindern Gottes groß, und der Tiegel ist heiß, darin ihr Glaube gereinigt und geschmelzt wird, wie das Gold, das durch’s Feuer durchläutert wird. Aber nur getrost! ich sterbe dem HErrn; meine Sterbenskämpfe sind von Ihm geheiligt, mein Leidensbecher wird von Ihm mir dargereicht, meine Trübsalsstunden werden von Ihm mir versüßt, ich sterbe dem HErrn!

Ich sterbe dem HErrn, spricht der Glaube, dieweil er nicht mehr der Welt und der Sünde zu sterben braucht, der er abgestorben ist, dieweil der Tod nicht mehr Sold der Sünde ist, nachdem, was Christus gestorben, er der Sünde gestorben ist (Röm. 6,10), und dadurch den Fluch hinweggenommen hat. Ich sterbe dem HErrn, der mich erlöst von allem Uebel, der mich errettet von der Hand meiner Widersacherin, meiner grimmigsten Feindin, aus der Gewalt der Sünde, und der Tod ist mir ein Friedensbote, der vor mir aufschließt den ewigen Hochzeitsaal, der mich kleidet in die Prachtgewänder seliger Unsterblichkeit, der mich bekränzt mit dem Diadem himmlischer Hoffnung, der mich krönet mit Glorie und Herrlichkeit. – Ich sterbe dem HErrn! Meine Seele gehört sein, Er wird sie bewahren; mein Geist gehört sein, Er wird ihn königlich schmücken; mein Leib gehört sein, Er wird ihn verklären; mein Weib und Kind gehört sein, Er wird sie ernähren; mein Geld und Gut gehört sein, Er wird’s versorgen; ich selbst gehöre sein, Er wird mich führen zu ewiger Wonne und Seligkeit.

So spricht der Glaube und hebt sein Haupt empor, dieweil er weiß, daß seine Erlösung naht; und wenn der Todesengel mit sanftem Flügelschlag zu seinen Häupten rauscht, so erzittert er nicht, sondern spricht: ich weiß, daß mein Erlöser lebt (Hiob 19, 25.); Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn (Phil. 1,21.); Er lebt und ich soll auch leben (Joh. 14,19.).

2) Meine Lieben, solche Sterbenskraft und Sterbensfreudigkeit kann der Glaube verleihen, der Glaube, der nicht sieht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. In solchem Glauben ist ein Stephanus die Todesstraße gewandelt, von dem geschrieben steht: sein Angesicht war wie eines Engels Angesicht (Apostelg. 6, 15.); in solchem Glauben haben viele hundert Märtyrer ihr Haupt auf den Todesblock gelegt, oder sind sie mit festem Schritt auf den Scheiterhaufen gestiegen, um in Flammensegeln und mit Feuerrossen aufwärts zu fahren; in solchem Glauben haben viele edle Zeugen auch in unsern Mauern schon ihre Zuversicht im Tode bekräftigt und besiegelt, also daß Paulus von ihnen sprechen kann: sehet ihr Ende an und folget ihrem Glauben nach (Hebr. 13,7.)! Und wenn sie auch nicht Alle mit der gleichen Freudigkeit, mit demselben Freimuth, mit derselben Heiterkeit den letzten Gang angetreten haben, wo der Hoffnungsgrund gut gelegt worden, hat sich’s ausgewiesen auch in dem Todessturme, daß ihr Haus auf einem Felsen ruhte. Das Glaubenshaus ist nicht gefallen, sondern hat ausgedauert auch im Todesweh, und auf ihre Gräber konnte die Inschrift gesetzt werden: der Leib zerstäubt, das Leben bleibt dem Lebensfürsten einverleibt.

Verlangt euch nicht auch nach einem solchen Glaubcnsende? Suchet es nicht in der Welt, – im Tode wendet sie sich von euch ab und läßt euch allein; suchet es nicht im eigenen Werk und eigener Gerechtigkeit; leget ihr euer Leben in diese Wagschale, so heißt es: ihr seid gewogen und zu leicht erfunden (Daniel 5, 27.)! suchet es nicht bei der falsch berühmten Kunst und Modereligion unserer Tage: ich habe noch keinen, der ihr gehuldigt hat, freudig sterben sehen. Suchet es bei dem, der gesprochen hat: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14, 6.); Er ist der Weg, wenn die Fußstapfen der Lebenden uns verlassen, Er ist die Wahrheit, wenn die Lügengewebe der Welt in ihr Nichts zerstäuben; Er ist das Leben, wenn der Rachen des Todes uns angähnt, und sein Wort bleibt ewige Wahrheit: Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh. 11,25.)

III.

Ich lebe dem HErrn, ich sterbe dem HErrn, so lautet das Glaubensbekenntniß eines Kindes Gottes. Aber es fehlt noch der Schluß: lebend und sterbend bin ich des HErrn.

Wie vor einem Adler, der sich in die Sonnenhöhen emporschwingt, auch ein stundenlanger Weg, den er vor seinem Blicke ausgebreitet sieht, zu einer Spanne zusammenschrumpft, so schrumpft vor dem freien, großartigen Geistesblicke eines Paulus die Spanne Zeit, die unser Leben und Sterben hienieden umfaßt, zusammen. Unser Leben hienieden umfaßt nur Jahre und Jahrzehnte; und wenn’s lange währt, – was ist doch sein ganzer Inhalt gewesen? Deßwegen kann unser Herz sich dabei nicht beruhigen; es kann nur ruhen, wenn es weiß: du bist im Leben und Sterben des HErrn.

Und wie freundlich kommt diesem Wunsche, des HErrn zu seyn, – diesem Wunsche, den unser unsterblicher Geist hegt und in sich trägt, die heilige Schrift entgegen: das Wort Gottes sagt uns von einer Erwählung vor Grundlegung der Welt, von Planen der Liebe über uns, die in alle Ewigkeit sich erstrecken; sie sagt uns, daß wir erwählt seieu von Anfang an (Eph. 1, 4.), aber auch, daß wir bei dem HErrn seyn sollen allezeit (1 Thess. 4,17.); der Maßstab der Zeit verschwindet, es gilt nur den Maßstab der Ewigkeit. Und so dürfen wir uns denn flüchten in die Friedensburg einer unaussprechlich seligen und unendlichen Ewigkeit nach dem Worte Christi, der gesprochen hat: Meine Schafe hören meine Stimme, und Ich kenne sie und sie folgen mir, und Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen und Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen; denn Ich und der Vater sind eins (Joh. 10, 27-30.)

Lasset sie deßwegen nur herankommen – die Welt mit ihren Anerbietungen, mit ihren Lockspeisen, mit ihren Einladungen; ihr Schmeicheln und ihr Versuchen darf uns nicht bestricken. Wir wissen, daß das Wesen der Welt vergeht, wir aber sind des HErrn Eigenthum in Ewigkeit. Lasset auch Leiden auf uns zustürmen, und Anfechtungen über uns hereinbrechen! auch die Leiden dieser Zeit verlieren ihren Stachel; denn wir wissen:

Alles Ding währt seine Zeit,
Aber seine Lieb‘ in Ewigkeit.

Lasset endlich auch das Licht unseres Glaubens sich verdunkeln, und die Leuchte unserer Hoffnung erlöschen – dennoch sprechen wir: der HErr hat nur auf Augenblicke sein Angesicht vor mir verborgen, aber mit ewiger Gnade will Er sich meiner erbarmen (Jes. 54, 7. 8.); und wenn wir auch jetzt Traurigkeit haben, wir werden uns dennoch freuen, und jene Freude soll Niemand von uns nehmen; denn es bleibt dabei: wir leben oder sterben, so sind wir des HErrn! und damit kann man harren, bis man ihn von Nahem sieht, bis das Perlenthor der Ewigkeit sich öffnet; denn ich bin’s gewiß, daß weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, weder Leben noch Tod mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu (Röm. 8, 38. 39.). O daß dieser Glaube auch unser Glaube wäre, daß auch wir sprechen könnten: Herr Jesu, Dir leb‘ ich, Dir leid‘ ich, Dir sterb‘ ich; Dein bin ich todt und lebendig, mache mich, o Jesu, ewig selig. Amen.