Andacht 26.12.2017

Lukas 2,11

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.

Ich höre die wundersame, befremdliche Botschaft, daß der Sohn Gottes geboren ist, daß Er sich alles seines göttlichen Glanzes und Wohlseins entäußert hat, daß sich der Herrscher über Himmel und Erde in den engen, elenden Kerker des menschlichen Leibes und irdischen Lebens einschloß, um unsertwillen. Wundersame, befremdliche Botschaft! rufe ich noch einmal, – wärest du nicht so gewiß, so über alle Täuschung und allen Irrthum gewiß, ich müßte an dir zweifeln! – Aber warum eine so unerhörte, unbegreifliche und dazu freiwillige Erniedrigung? Die Botschaft selbst sagt es: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Der Sohn Gottes kommt also darum auf diese Erde herab, um uns ein Heiland, ein ärztlicher Helfer zu sein! Wie? Bin ich denn krank, daß ich eines Arztes bedarf, der mich heile? Ist denn das ganze Menschengeschlecht krank, von einem Ende der Erde bis zum andern, daß es eines so außerordentlichen Helfers bedarf? Und – wenn auch meine und aller Menschen Seele unvollkommen, fehlerhaft, gebrechlich und krank ist, ist es denn so arg? Sind denn unser Aller Seelen so todtkrank, bis zum gänzlichen Verderben? Und – gesetzt auch – giebt es denn dann sogar keinen Helfer und keine Hülfe bei uns selbst und auf der weiten Erde, daß der Arzt unserer Seele vom Himmel herab steigen muß; daß, selbst da, unter allen großen und herrlichen Wesen, gerade das größte und herrlichste des Himmels sich so tief erniedrigen muß, um uns zu retten? Wie furchtbar muß es dann mit meiner Seele stehen, daß es durchaus solcher Mittel bedarf, und daß keines sonst mehr hinreicht! – Das hätte ich nicht geglaubt, daß es so schlecht mit mir stände, da ich immer wähnte, es stände so gut mit mir! Das hätte ich nicht geglaubt, daß mir so gar nichts helfen kann, als diese staunenswerthe Erniedrigung des barmherzigen Gottessohnes, da ich immer bisher gedachte, ich könne mir selbst helfen! – Wie war ich so verblendet über den Zustand meiner Seele! Wie wenig habe ich mich selbst gekannt, da ich mich doch so gut, so gar genau zu kennen meinte! Ich muß mich besser kennen lernen! Großes, zermalmendes Wort: „Lerne dich selbst kennen,“ wie tief und umfassend, wie schwer bist du, wie schreckbar der entarteten Seele! Wirft schon die bloße Botschaft der Menschwerdung des Sohnes Gottes so ein helles Licht auf meine vorher verdunkelte Seele: was werde ich erst entdecken und erfahren müssen an mir selbst, wenn ich mich noch weiter untersuche und beleuchte mit dem nachfolgenden Worte und Beispiel des Mensch gewordenen Sohnes Gottes, der, vom Himmel gekommen, am besten wissen muß, was zum Himmel und zur Seligkeit führt!