Bengel, Johann Albrecht - An Pfarrer Hofholz zu Zavelstein.

Da mein College Zeller auf einer Gesundheits-Reise begriffen ist, so habe ich heute für ihn gepredigt. Bey der Vorbereitung sind mir einige Gedanken beygegangen, die auf die Erklärung des prophetischen Sinners der Gleichnißreden des HErrn leiten können, und die ich zu weiterer Prüfung hier mittheilen will.

Man theilt gewöhnlich die Berufenen in Juden und Heiden, aber der heutige Text (Luc. 14, 16-24.) hat 1) die zuvor Geladenen,, 2) die auf den Straßen und Gassen der Stadt, 3) die auf den Landstraßen und an den Zäunen; und wie bey diesen drey Gattungen das Recht auf die große Mahlzeit so unterschieden ist, daß es bey der ersten Gattung größer als bey der andern, und bey der andern näher als bey der dritten ist, so steigt dagegen die Macht der Berufung also, daß es bey der ersten nur heißt: „saget“, bey der zweiten: „führet sie herein“, und bey der dritten: „nöthiget sie herein“. Wer sind nun die an den Landstraßen und Zäunen? Wir Heiden von der Apostel Zeiten her? Antwort: Das sagen diejenigen, welche die erste Gattung nur auf die Pharisäer, und die andere auf die Zöllner deuten: aber es kann nur auf die gehen, die, nachdem das Haus schon voll worden, sollen berufen werden, damit es ganz voll werde. Es folgt also meines Erkennens, daß ein ausgezeichnetes Nöthigen der Heiden zur Theilnahme am Reiche Gottes für die von Judäa weiter entfernten Völker noch bevorstehe. Indeß sollen wir das Nöthigen nach dem Maaß der Gnade, die uns gegenwärtig ist, nicht sparen. In dem Leben der Gläubigen ist sehr beweglich zu lesen, wie der sel. Schad auf seinem Krankenbette, als dieses Evangelium vorgekommen, so sehnlich gewünschet, daß er noch einmal predigen könnte; er wollte das Wort: „Es ist noch Raum da“, dem Volke vorhalten.

Quelle: Burk, J. F. - Der Christenbote

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