Bengel, Johann Albrecht - Die Hilfe, durch die wir unser Sündenelend loswerden können.

Predigt, gehalten in Tübingen (1711)

Text: Apostelgeschichte 2, 40

Paulus legt ab ein schönes Zeugnis von der allgemeinen Liebe Gottes, die er selber herrlich erfahren hat, wie er 1. Timotheus 2, 4 sagt: „Gott will, daß allen Menschen geholfen werde“. Gott hat alle Menschen zum ewigen Leben erschaffen. Nachdem durch einen Menschen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, haben wir das Recht dazu verloren. Der barmherzige Gott aber hat seinen Sohn zum Mittler gegeben. Weil Jesus für alle gestorben ist, will Gott, daß alle an ihn glauben und durch den Glauben wieder selig werden. Eine schöne Probe und ein herrlicher Beweis hierfür findet sich in unserm Text, da Petrus diesen allgemeinen Willen Gottes besonders der Gemeinde zu Jerusalem, zugleich aber auch uns anbietet. Laßt uns daher betrachten:

Die Hilfe, durch die wir unser Sündenelend loswerden können.

1. Wer hat diese Hilfe nötig?

Es ist bekannt, daß unser Text der herrlichen Pfingstpredigt entnommen ist, die Petrus in Jerusalem gehalten hat, und daß es die Juden gewesen sind, zu denen er gesprochen hat: „Laßt euch helfen!“ Die Juden waren Gottes Volk des Eigentums, das er angenommen und erwählt und dem er sein Wort anvertraut und gezeigt hatte. Sie hatten den Bund der Beschneidung und manche große Vorzüge. Man sollte also denken, sie hätten keines ändern bedurft, da sie Hilfsmittel genug hatten. Ja, da sie auch Christi Predigten selbst gehört und seine Wunder gesehen hatten, so hätte man meinen können, sie hätten die Hilfe nicht nötig gehabt, deren alle Menschen für ihre Seelen bedürftig sind. Da nun zu ihnen gesagt wird: Laßt euch helfen! so schließen wir, daß alle Menschen in solchem Elend stecken, in dem sie der Hilfe höchst bedürftig sind; denn die Verdammnis ist allgemein nicht nur wegen der angebornen Erbschuld, sondern auch wegen der daraus entspringenden vielfältigen Übertretungen, so daß wir alle gefangen und unter die Sünde verkaufte Sklaven sind. So war es bei den Juden, und so ist es auch bei uns, solange wir nicht durch den lebendigen Glauben an den Sohn Gottes frei werden. Unser äußerlicher Gottesdienst kann uns dabei so wenig helfen wie den Juden. Wir haben zwar das Wort Gottes, die reine Lehre, die wahre Kirche, die unverstümmelten Gnadenzeichen, das ordentliche Predigtamt, und dies alles ist als eine ausgezeichnete Gnade Gottes zu betrachten; denn es sind die Mittel, durch die wir zur Erkenntnis Gottes, zum Glauben an Christus, ja zur Seligkeit angeleitet werden. Solange wir jedoch in unserem rohen Herzenszustand verharren, ist uns noch nicht geholfen, sondern es heißt noch immer: „Laßt euch helfen!“

Es waren noch nicht drei Wochen vergangen, seitdem der Heiland gelitten hatte, als Petrus zu den Juden sagte: „Laßt euch helfen!“ Er zeigte ihnen dabei an, wie es nicht genug sei zu wissen, daß Jesus für sie gelitten habe, sie sollen auch darauf bedacht sein, durch den Glauben wirklich in den Genuß der Seligkeit zu kommen, die Christus ihnen erworben hat.

So ist es auch jetzt noch. Wir verlassen uns so gerne darauf, daß Christus für alle Menschen und also auch für uns gestorben sei und daß er uns erlöst und gewonnen habe; und das ist gewißlich wahr. Durch eine bloße Vorstellung davon ist uns aber noch nicht geholfen. Die sich am mutigsten auf ihren Heiland verlassen, sind oft am übelsten daran, weil ihr Vertrauen nur eine fleischliche, fanatische Einbildung ist. In Summa: Solange unser Herz noch keine rechtschaffene Buße erfahren hat, solange es noch nicht zum rechtschaffenen Glauben und der daraus fließenden Dankbarkeit gelangt ist, solange ist uns noch nicht geholfen, wenn wir auch Tag und Nacht in der Kirche säßen oder immerdar auf den Knien lägen.

2. Wie und auf welche Weise widerfährt uns diese Hilfe?

Es ist eine überaus herrliche Hilfe; denn das Wort ist herrlich, durch das sie beschrieben wird: „Laßt euch selig machen!“ Wer erst selig gemacht werden soll, der ist noch unselig. Ach, wir sind freilich unselige Leute, solange wir unsre Sünden noch nicht los geworden sind; denn da sind wir Knechte der Sünde, die uns gefangen hält, und sind unter dem Fluch des Gesetzes, unter dem Zorn Gottes. Unser Gewissen ist entweder voll Schrecken oder, was noch gefährlicher ist, voll Brandmale. Wir haben keine Zuversicht und Liebe zu Gott, und wir dürfen ihn daher auch nicht anrufen. Solange wir hienieden leben, müssen wir Knechte sein, und nach diesem Leben haben wir nichts Gutes zu hoffen; denn die Hölle ist solchen Leuten gewiß (Rom. 2, 9). Wir sind noch Kinder des Zorns und dem Leben Gottes entfremdet. Wir sind Kinder des Teufels und seiner Mitgenossen. Der Tod herrscht über uns, und die Welt reißt uns mit ihren bösen Beispielen ins Verderben hin wie mit einem gewaltigen Strom. Lauter Finsternis ist in uns, vor uns und über uns. So groß nun die Not ist, in der wir stecken, so groß und noch viel größer ist die Hilfe, die uns Gott erzeigt. So unselig wir sind, so selig will uns Gott machen, wenn wir nämlich auf diese Seligkeit achten wollen. Ja die Hilfe, die Petrus hier im Namen Gottes den Juden anbietet, beschreibt uns Christus aufs herrlichste, wenn er, wie er vorher Petrus unter die Juden gesandt hat, so Paulus unter die Heiden sendet, „aufzutun ihre Augen, daß sie sich bekehren von der Finsternis zu dem Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, um zu empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe samt denen, die geheiligt werden durch den Glauben“ (Apg. 26, 18).

Welch eine große Hilfe und Seligkeit! Da wird einem solchen Menschen die vollgültige Gerechtigkeit des Sohnes Gottes geschenkt und zugerechnet, ja durch ihn wird er selber zu einem auserwählten, lieben Kinde des himmlischen Vaters gemacht, und mit diesem Kindesrecht erlangt er Anteil an dem herrlichen Erbe Gottes samt allen Heiligen und darf zugleich in solchem kindlichen Geist sich immer zu Gott nahen und ihn als Vater anbeten, weil er los ist vom bösen Gewissen. Wie ein solcher Mensch vorher ein Sklave der Sünde gewesen ist, so wird er jetzt ein seliger Knecht der Gerechtigkeit, über den weder Sünde noch Tod, weder Teufel noch Hölle Gewalt hat. Er kann jederzeit in einem freudigen Geist und in der Kraft des Herrn einhergehen und braucht sich vor nichts zu fürchten. Er ist tüchtig gemacht zum Erbteil der Heiligen; er ist nicht mehr ein Gast und Fremdling. In Summa: Gott ist eines solchen Menschen Teil. Seht, das ist die große Seligkeit und Hilfe, die uns Christus wirklich erworben hat. Es kommt nun nur darauf an, daß wir seine hilfreiche Hand ergreifen und uns durch sie aufrichten lassen; denn dazu hat er seine Diener gesetzt, daß sie uns zur Seligkeit anleiten.

Wir haben auch das Wort und die Sakramente. Wir kennen also die Hilfsmittel und den Weg, darauf zu wandeln. Wir müssen uns dessen mit allem Ernst und Eifer bedienen. Wie geschieht das? - Antwort: Tut Buße! Eine rechtschaffene, gründliche Herzensbuße ist es, durch die uns geholten wird. Ihr muß eine rechte Zerknirschung des Herzens vorausgehen. Von jenen Juden heißt es: „Es ging ihnen durchs Herz“. Sie sprachen: „Was sollen wir tun?“ Petrus machte ihre Herzen bereit durch die Darstellung der schweren Sünde, die sie an Christus begangen hatten, und durch die Schilderung des heiligen Nutzens aus dem Leiden Christi. Dadurch wurden ihre Herzen gleichsam so verwundet und durchbohrt, daß sie im Innersten erschraken, an sich, ihrem Tun und Wirken verzagten und sich darum sorgten, wie sie ihre Sünden möchten los werden. Dies, o Mensch, muß auch bei dir vorgehen. Obwohl du nicht wirklich mit deiner Hand den Sohn Gottes umgebracht hast, so mußt du doch erkennen, daß du ihn durch deine Sünden gekreuzigt hast, mußt deswegen erschrecken, dich vor dem erzürnten, heiligen Gott fürchten und fragen: Was soll ich tun? Du mußt also bereit sein, dich deinem Gott ganz und gar zu überlassen und es ihm völlig anheimstellen, was er mit dir anfangen wolle. Eine solche Verwundung des Herzens besteht nicht nur in einem faulen, trägen Gedanken, sondern der Mensch wird wohl inne: da und da habe ich gesündigt. Da sucht er keine Feigenblätter; es fällt da alles Vertrauen auf äußerliche Werke und eigne Tugend weg, so daß der Mensch nur tragt: Was soll ich tun, daß ich selig werde?

Die Forderung: „Tut Buße!“ verlangt eine wahrhaftige, rechtschaffene, gründliche Änderung des Herzens und des Sinnes, die durch Betrachtung des göttlichen Gesetzes und des menschlichen Gewissens, durch ein tiefes Erbeben vor dem Gericht des erzürnten Gottes, durch herzliche Bekümmernis über die durch uns betrübte Liebe und Treue Gottes entsteht, so daß der Mensch sich dadurch vor Gott demütigt, sich als die untüchtigste Kreatur erkennt, die würdig ist aller Strafe und Ungnade. Da wird alle frühere Sicherheit, alles frühere Vertrauen auf sich selbst zu Boden geschlagen. Darauf folgt, daß der Mensch im Namen Christi die Vergebung seiner Sünden sucht und begehrt und ihn als seinen Mittler anruft. Durch solche Erkenntnis wird der Mensch gerecht, und durch solchen Glauben empfängt er die Gabe des Heiligen Geistes, der ihn nun regiert, erinnert, straft, ermahnt, belehrt und tröstet. So wird dem Menschen geholfen. Da werden ihm alle Sünden geschenkt, welchen Namen sie haben mögen; denn Christus ist gekommen, die Sünder selig zu machen. Es liegt nur daran, daß wir die Sache recht angreifen. Dazu gehört, daß wir wissen,

3. woher die Hilfe kommt.

Dies lehrt uns der Text. Es heißt: „Laßt euch helfen!“ und nicht: Helft euch! Der Mensch ist so verderbt, daß er sich selbst nicht helfen kann; daher wird dieses Wort Gott allein zugeschrieben. Bekehrung ist ein Werk, das Gott allein in uns wirkt (Apg. 2, 47). Der Mensch kann sich nicht helfen, wohl aber Gottes Werk in sich selbst zerstören. So wenig ein Schlafender sich selbst aufrichten, ein Toter sich selbst erwecken, ein Blinder sich selbst das Licht geben, ein Gefangener sich selbst befreien kann, so wenig kann der Mensch sich selbst von seinen Sünden helfen. Darum laßt es doch nicht auf eigne Kräfte ankommen! Gott allein kann uns helfen.

Wen sein Herz überzeugt, daß ihm noch nicht geholfen sei, der trage doch sogleich die Sache Gott vor und bitte ihn um die Gnade seines Geistes. In seiner Kraft müssen wir es anfangen, und wenn er es in uns anfangen will, dann müssen wir uns seiner Führung völlig überlassen, ihm stillhalten, unsern Schaden aufdecken lassen und sein Werk nicht stören. Hält doch ein unvernünftiges, wildes Tier, selbst ein Löwe still, wenn es in einen Dorn getreten ist und ihm ein Mensch den Dom ausziehen will. Warum sollten wir nicht auch gern mit uns anfangen lassen, was Gott. will? Es ist nicht unseres getreuen Gottes Schuld, wenn uns nicht geholfen wird; denn er will ja alles an uns tun und fordert nichts von uns, als daß wir ihm nicht widerstreben, sondern uns seiner Pflege überlassen. Er will, daß allen geholfen werde; darum kann er mit allem Recht zu den ungehorsamen Kindern sagen: „Ihr habt nicht gewollt.“ So rufe ich denn auch euch jetzt zu: „Laßt euch helfen.“ Warum wollt ihr sterben? Warum wollt ihr euch nicht mit Gott versöhnen lassen? Seht, eben jetzt will Gott auch euch helfen! Ach, gebraucht diese Zeit dazu! Wer weiß, wie lange seine Hand zum Frieden gegen euch ausgestreckt ist? Möchte auch dieses Wort wenigstens von einigen unter euch angenommen werden wie das Wort des Petrus! Möchten auch am heutigen Tage einige Seelen Christus und seiner Gemeinde zugetan werden! Fürwahr, ihre Namen würden heute in das Buch des Lebens eingezeichnet werden. Seht, jetzt sucht euch die Gnade heim! Folgt ihrem Zug! Gehorcht ihrer Stimme! Besprecht euch nicht lange mit Fleisch und Blut! Seht nicht auf die Menge der Ungehorsamen! „Laßt euch helfen!“ Laßt euch selig machen, ihr Unseligen! Laßt euch nicht nur einen Augenblick von Sünden abhalten, sondern bemüht euch, zur Lebenskraft zu kommen und dabei euer Leben lang zu verharren! Nicht nur zu den Zeiten des Petrus, sondern auch jetzt noch kann Christus selig machen, die durch ihn zu Gott kommen (Hebr. 7, 25), und am Ende von allem Übel erlösen

„So wahr ich lebe“, spricht dein Gott,
„mir ist nicht lieb des Sünders Tod;
vielmehr ist dies mein Wunsch und Will',
daß er von Sünden halte still,
von seiner Bosheit kehre sich
und lebe mit mir ewiglich“.
Dies Wort bedenk, o Menschenkind,
verzweifle nicht in deiner Sünd'!
hier findst du Trost und Heil und Gnad',
die Gott dir zugesaget hat,
und zwar mit einem teuern Eid.
O selig, dem die Sünd' ist leid!

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