Boos, Martin - Vom Predigen des Gesetzes

An einige Glieder seiner Gemeinde, die ihn baten, er solle um des Friedens willen Gesetz predigen.

Also Gesetz soll ich Euch predigen, und Christum verläugnen? Haben das die Apostel (Apg. 4, 17. und 23.) gethan? Lest auch Apg. 6, 40. ff. Ich habe mich schon besonnen, was ich dem hohen Rathe für diesen Fall sagen werde. Ich will Christum 1) als Heiland, 2) als Lehrer der Heiligkeit, 3) als Beispiel derselben predigen, d.i. den ganzen Christum. Erlaubt Ihr mir das, so gehe ich wieder zurück; wo nicht, so erlaubt es mir mein Gewissen nicht.

Wollt Ihr denn nur einen halben Christus? Ihr wisset nicht, daß hinter Eurer Bitte viel Eigenliebe, Ehr- und Selbstsucht steckt. Ihr wollt um Christi willen nicht vor aller Welt zu Schanden werden, wie Er's für uns ward, wie es alle seine Jünger wurden, und ich schon einige Mal werden mußte. - Wenn der rechte Eckstein oder Grundstein schon in Alle gelegt wäre, so könnte ich Eure Bitte auf ein halb Jahr etwa erhören; aber derweil werdet Ihr Gläubigen krumm am rechten Fuße, und die Ungläubigen werden nicht gerade.

Sonst hast Du Deinen Satz prächtig aus der Schrift bewiesen; aber das streite ich Dir gar nicht ab, daß man auch Gesetz predigen und halten soll. Die Frage ist, ob ich aus vergänglicher Ehrliebe Christum verläugnen oder ihn Dir und Allen nur halb predigen darf. Willst Du einen einfüßigen, verstümmelten, verkrüppelten und vermoseten Christus? Und darf ich das um Deiner und meiner Ehre willen? Darauf gieb Antwort. Sollen wir nicht Alles opfern, und uns lieber selbst einen Fuß ausreißen, als ihm?

Quelle: Bodemann, Friedrich Wilhelm - Gesammelte Birefe an, von und über Martin Boos

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