Brenz, Johannes - Auslegung des Spruchs Christi Joh. 14,6. u. 7

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Wenn ihr mich kennet, so kennet ihr auch meinen Vater. Und von nun an kennet ihr ihn und habt ihn gesehen.

Dieser Spruch ist der vornehmsten Sprüche einer der ganzen heiligen Schrift, und wohl werth, daß er auf einen eignen Tag und durch eine sonderliche Predigt gehandelt werde. Es werden aber hier dem Herrn Christo drei Titel und Namen gegeben: 1. Weg, 2. Wahrheit, 3. Leben; die muß man auf's fleißigste betrachten und ansehen.

Weg

Erstlich wird Christus der Weg genannt. Was für ein Weg? Ein leiblicher und weltlicher, darauf man gen Rom oder gen Babylon gehet? Nein, er ist ein geistlicher Weg, darauf man zu Gott dem Vater gehet. Denn also leget Christus sich bald selbst aus, da er spricht: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ich, spricht er, bin der Weg, wohin? zu welchem Menschen? in welche Stadt? in welches Land? Man redet hier nicht davon, was man für Wege auf Erden wandern soll, sondern wie man soll zu Gott dem Vater kommen in den Himmel. Zu Gott dem Vater aber kommen ist Gott recht erkennen, vor Gott gerecht sein, Gott recht anrufen, in Gottes Geboten oder Beruf wandeln, den Tod überwinden, in Gott ewig leben und ewige Seligkeit erlangen. Welches ist denn der Weg, dahin zu kommen, und solche große Güter zu erlangen? Kein anderer, denn der, der allhier saget: Ich bin der Weg. Durch dieses eine Wort werden zerrissen und verwüstet alle andere Wege, die die Menschen zu Gott, zur Gerechtigkeit, die vor Gott gilt und in's Himmelreich zu kommen, sich erdacht haben. Denn als die Kinder Israel aus Egypten in's Land Kanaan zogen, meinten ihrer Viele unter ihnen, es wäre der rechte Weg zu Gott und in's Himmelreich zu kommen, sonderlich dieweil Gott ihnen auf demselben Wege das Gesetz gab. Dieser Weg aber, ob er wohl nicht umsonst gewesen ist, so hat er doch an sich selbst die Kinder Israel nicht in den Himmel zu Gott, sondern nur in's Land Kanaan geführt. Hernach als der Tempel gebauet war zu Jerusalem, meinten viele abergläubische Leute, der Weg zum Tempel wäre der rechte Weg zu Gott, zur Gerechtigkeit und in's Himmelreich. Aber dieser Weg hat auch wohl seinen eignen Nutzen und Gebrauch gehabt, aber es ist der Weg nicht gewesen, durch welchen die, so darauf wandern, Gerechtigkeit und Seligkeit erlangen. Im 5. Buch Mose am 5. Kapitel stehet geschrieben: Weicht nicht zur Rechten noch zur Linken, sondern wandelt auf dem Wege, den euch der Herr euer Gott geboten hat, auf daß ihr leben möget und es euch wohl gehe. Hier verstehen die Juden durch das Wort Weg, das Gesetz Mose, und meinen, die Werke des Gesetzes seien der Weg, dadurch man vor Gott gerecht wird und ewiges Leben verdienet, wenn man darauf gehet. Ob aber wohl das Gesetz zu vielen und nicht geringen Dingen nutz und noth ist, so sind doch die Werke des Gesetzes, wie sie von den Menschen geschehen, nicht vollkommene Gerechtigkeit vor Gott. Denn das Gesetz, wo nicht etwas anderes dazu kommt, führt mehr in Sünde und Hölle, denn zur Gerechtigkeit und in den Himmel, denn es zeiget die Sünde an und macht sie noch größer, und verdammt also, und tödtet die Menschen. Die Heiden haben so viel Wege in den Himmel erdacht, als viel Götter und Gottesdienst sie erdichtet haben. Die Heuchler in der Christenheit halten nicht allein die Werke, so Gott in seinem Gesetz geboten hat, für den Weg in den Himmel, sondern alles was sie selbst ordnen und erdichten, als: Messe, Wallfahrten, Mönchsorden, Rosenkränze und dergleichen Narrenwerk. Die Türken halten die Ordnung und Gesetze ihres Mahomeds für den rechten Weg zu Gott und in den Himmel, die Wiedertäufer meinen, das sei der Weg in den Himmel, wenn sie alle ihre Güter verkaufen, mit sich nehmen und ziehen in's Mährenland. Aber diese Wege, die die Juden, Heiden, heuchlerischen Christen, Türken, Wiedertäufer erdacht haben, führen die Leute nicht in den Himmel, sondern in die Hölle. Der einige, rechte und gewisse Weg zu Gott dem Vater und in den Himmel ist unser Herr Jesus Christus, der allhier von sich selbst sagt: Ich bin der Weg, und solch sein Zeugniß ist wahrhaftig. Denn erstlich geben dem Herrn Christo Zeugniß, daß er der Weg sei, ewiges Leben zu erlangen, die heiligen Propheten. Im Jesaia spricht Gott von Christo: Ich habe dich zum Bund unter das Volk gegeben, zum Licht der Heiden, daß du sollst öffnen die Augen der Blinden, und die Gefangenen aus dem Gefängniß führen, und die da sitzen in Finsterniß aus dem Kerker und an einen andern Ort. Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, daß du seist mein Heil bis an der Welt Ende. Darnach, so hat er, der Herr Christus Jesus, der Sohn Maria, auch mit vielen himmlischen Zeichen bewiesen, daß er sei wahrhaftig der Christus, von dem die Propheten geweissagt haben, daß also sein Zeugniß wahrhaftig und gewiß ist. Wie ist aber Jesus Christus der Weg zu Gott und ins Himmelreich? ##ist er derhalben der Weg, daß er hat das Gesetz ausgelegt und uns gute Werke gelehret, und sich selbst zum Exempel, wie man recht leben soll, vorgestellt? Er ist in dem Theil wohl uns auch nütze gewesen, er wird aber derhalben nicht der Weg genannt, daß er das Gesetz gelehret hat und sich selbst zu einem Exempel des Lebens vorgestellt. Denn das Gesetz war zuvor durch Mose gegeben und durch die Propheten genugsam ausgelegt, und mehret dazu die Sünde und tödtet. Sein Exempel, ob es wohl vollkommen genug war, so können doch die Menschen nicht ihm vollkommen nachfolgen. Darum aber ist er der Weg, daß er Gottes eingeborner Sohn ist und hat menschliche Natur und alle menschliche Schwachheit an sich genommen, und durch sein Leiden und Sterben unsere Sünde ausgetilgt und uns mit Gott seinem Vater versöhnet, daß uns derselbige zu Kindern und Erben annimmt, die mit ihm Gemeinschaft aller himmlischen Güter haben sollen. Also ist Christus der Weg, Gott zu erkennen und das himmlische Erbe zu erlangen.

Nun müssen wir weiter anzeigen und lehren, wie man recht auf solchen Weg kommen und darauf bleiben und gehen müsse, denn die Heuchler rühmen sich auch, sie erkennen Christum für den Weg, sie kommen aber nicht recht darauf und bleiben nicht recht darauf. Sie glauben nicht, daß Christus wahrhaftig die Sünde ausgetilgt habe, sondern meinen, das Verdienst ihrer Werke tilge die Sünde. Christus richte nach dem Verdienst der Werke, das heißt aber nicht Christum, sondern die Verdienste der Werke für Wege halten. Denn also gehen wir recht auf dem Wege, welcher Christus ist, wenn wir Christum in einem solchen Glauben annehmen, daß wir glauben, er sei allein der, so unsere Sünde ausgetilgt und uns mit Gott versöhnet habe, also, daß wir nicht um unserer, sondern allein um Christi Verdienst willen Kinder und Erben Gottes werden. Wer solchen Glauben hat, der gehet recht auf dem Wege zur Seligkeit, welcher Christus ist. Von ihm, spricht Petrus, zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfahen sollen. Das sei genug von dem ersten Namen und Titel Christi: Weg. Nun wollen wir auch den andern besehen, der da heißt:

Wahrheit

Es sind mancherlei Wahrheiten. Die Kunst, die man nennt die Mathematik, hat ihre eigene Wahrheit, aus ihren Rechnungen und Demonstrationen. Das weltliche Regiment, die Haushaltung haben auch ihre eigene Wahrheit. Von diesen Wahrheiten aber wird hier nicht geredet, sondern von der Wahrheit, die uns wahrhaftige und ewige Seligkeit bringt. Und läßt sich ansehen, Christus rede allhier von den Ceremonien des Gesetzes Mose, denn in denselben waren die Beschneidung, Sabbath, die levitischen Opfer, Unterschied der Speisen und andere äußerliche Ceremonien, welche die Unverständigen für rechte Gottesdienste hielten, dadurch man Gottes Gnade verdiene und zu Gott und in's Himmelreich käme. Nun sind wohl solche Opfer zu seiner Zeit nicht vergebens gewesen, sondern haben ihren eigenen Nutz und Gebrauch gehabt, aber sie sind nicht die Wahrheit gewesen, sondern allein ein Schatten, Bedenkung und Anzeigung der Wahrheit. Sie dienen, spricht der Apostel, dem Vorbilde und dem Schatten der himmlischen Güter; und an einem andern Ort: das Gesetz konnte nichts vollkommen machen, und wird eingeführet eine bessere Hoffnung, dadurch wir zu Gott nahen. Jesus Christus allein ist die Wahrheit, die durch dieselben Gottesdienste angezeigt und bedeutet worden ist, durch welche wir wahrhaftig zu Gottes Gnade und Erbschaft aller göttlichen Güter kommen, denn Gottes Gnade kann Niemand, denn durch Christum und um Christi willen erlangen. Niemand kann Gottes Barmherzigkeit recht erkennen und sich auf dieselbe verlassen, denn durch Christum und um Christi willen. Nämlich, so er glaubet, daß Christus allein unsere Versöhnung, Gerechtigkeit und Erlösung sei. Darum ist auch Christus allein die Wahrheit, das ist das wahrhaftige rechte Opfer, das uns mit Gott versöhnet hat und um welches willen Gott alle die an Christum glauben, für seine Kinder und Erben erkennt. Darnach wird auch Christus gegen die zeitlichen, leiblichen Güter, Wahrheit genannt. Denn Reichthum, gesunder Leib, langes Leben, große Gewalt, herrlicher Name sind wohl schöne Gaben Gottes, die man mit rechtem Glauben brauchen soll. Es sind aber nicht die rechten, wahrhaftigen Güter, sondern sind oft ihrem Herrn der höchste Schade. Christus allein ist die Wahrheit, das ist das rechte wahre Gut, welches den, der es hat, recht und ewig selig macht. Darum, so sollen wir nicht gedenken, wir haben ihm genug gethan, wenn wir uns befleißigen, Reichthum und Ehre dieser Welt zu erlangen, sondern der thut recht, was ihm zugehöret, der sich befleißiget, daß er den Herrn Christum durch den Glauben aus seinem heiligen Evangelio erlange. Der dritte Titel, so Christo gegeben wird, ist:

Leben

Im dritten Buch Mose stehet geschrieben: Ihr sollt meine Satzung halten, und meine Rechte; denn welcher Mensch dieselben thut, der wird dadurch leben. Und als Moses dem Volke das Gesetz hatte vorgelesen, sprach er: Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen, ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählst und du und dein Samen leben mögest. An diesen Oertern wird das Leben das Gesetz genannt, daher gedenken die Heuchler, sie erlangen das Recht und wahre Leben vor Gott, wenn sie die Werke des Gesetzes thun. Nun ist's wohl war, daß der Mensch aus dem Gesetze das Leben erlanget, so er es vollkommen erfüllt. Es kann es aber kein Mensch vollkommen erfüllen. Denn das Gesetz, spricht Paulus, ist geistlich, ich bin aber fleischlich unter die Sünde verkauft. Und an einem andern Ort: Fleischlich gesinnet sein, ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal es dem Gesetze Gottes nicht unterthan ist, denn es vermag es auch nicht. Darum kann der Mensch aus dem Gesetz und seinen Werken das Leben nicht erlangen, allein Jesus Christus ist unser Leben, denn wer an ihn glaubt, der ist erstlich vor Gott gerecht, welches denn das rechte Leben ist. Von dem spricht David: Dem die Uebertretung vergeben ist, dem die Sünde bedeckt ist. Zum andern wird er im Tode erhalten, daß er nicht verdirbt. Zuletzt wird er auch vom Tode auferwecket zum ewigen Leben. So soll man nun das Leben nirgend anderswo suchen, denn in Jesu Christo unserm Herrn, durch den Glauben. Man soll auch nicht allein sich befleißen, dieses zeitliche Leben zu erhalten, sondern vor allen Dingen dieses rechte und ewige Leben. Aus dem allen kann man wohl verstehen, was das sei, so folget: Niemand kommt zum Vater denn durch mich; kennet ihr mich, so kennet ihr auch meinen Vater. Denn weil Christus allein der Weg zum Vater ist, so kann man wohl ermessen, daß Niemand Gott erkennen kann, wie gnädig und barmherzig er sei, denn durch Christum; daß auch Niemand Gott angenehm und gefällig werden oder sein kann, denn um Christi willen, und daß Niemand auf Gottes Barmherzigkeit trauen könne und seinen Namen anrufen, denn durch Christum. Und in Summa: daß Niemand in diesem zeitlichen Leben Gott dienen kann, oder aus diesem Leben in die Erbschaft der himmlischen Güter kommen, denn durch Christum. Das müssen wir wissen, betrachten, bedenken, und thun. Denn zu drei Dingen sind wir von Gott berufen. Erstlich, daß wir recht glauben; zum andern, daß wir gehorsamlich gute Werke thun; zum dritten, daß wir das Böse geduldiglich leiden. Wenn wir aber Christum wohl lernen als den Weg, die Wahrheit und das Leben erkennen, so haben wir einen rechten Glauben, welches der rechte Gottesdienst ist, den wir Gott thun können. Wir werden auch durch solche Erkenntniß entzündet, seinem Beruf gehorsam zu sein und seinen Willen zu thun, weil er uns mit solchen großen Wohlthaten überschüttet, und alle Trübsal und Noth geduldiglich zu leiden um seinetwillen, weil wir wissen, daß er bei uns sein will mit seiner Hülfe und Gnade. So sollen wir nun diesen tröstlichen Spruch nimmermehr aus unsern Herzen kommen lassen, sondern allen Fleiß vorwenden, daß wir mit stetigem Betrachten desselben den Glauben in uns entzünden, und uns in unserm Beruf halten, daß wir durch unsern Herrn Jesum Christum ewige Seligkeit erlangen, der mit dem Vater, Sohn und heiligen Geist lebet und regieret immer und ewiglich. Amen.

Quelle: unbekannt - Geistliche Wasserguelle

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