Fliedner, Theodor - Römische Irrlehre vom Ablaß

(am 31. Oktober zu lesen)

An die Irrlehrer von der abgöttischen Verehrung der Heiligen schließt sich die eben so schriftwidrige und seelenverderbliche römische Irrlehre vom Ablaß. Diese hängt mit der ersteren genau zusammen, ja ist teilweise aus derselben entstanden, und hat durch ihre himmelschreiende Gottlosigkeit die Christenheit endlich so empört, daß die Glaubens-Reinigung und Kirchen-Verbesserung durch Luther usw. im 16. Jahrhundert dadurch zunächst veranlaßt worden ist.

Der evangelische Leser wird daher hier noch die Widerlegung dieser Irrlehre vom Ablaß aus der heiligen Schrift sowie eine kurze Geschichte ihrer Entstehung gerne vernehmen.

Die römische Irrlehre vom Ablaß besteht in Folgendem: Manche Menschen hätten so viele Sündenstrafen abzubüßen, daß ihre ganze Lebenszeit nicht hinreiche, die schuldige Genugtuung zu vollenden, wenn sie auch noch so fleißig in Bußwerken sich übten. Nun sei aber durch das überschwengliche Verdienst Christi und durch die überflüssigen Verdienste der Heiligen ein großer, unerschöpflicher Schatz von guten Werken vorhanden, und Christus habe der Kirche die Befugnis erteilt (Mat. 18,18; Joh. 20,23), denen, die Fleiß in Bußwerken beweisen, einen Teil der pflichtmäßig zu leistenden Bußwerke und Genugtuungen zu erlassen, indem sie das Fehlende aus jenem unerschöpflichen Schatz ergänze.

Zur Gewinnung eines solchen Ablasses (Nachlasses) sei erforderlich, daß man die bei Ausschreibung des Ablasses durch den Papst und die Bischöfe vorgeschriebenen guten Werke verrichte. Zu diesen guten Werken gehöre im Allgemeinen die Ablegung einer gültigen Beichte, dann einige besonders bestimmte Werke, z.B. eine Zahl Gebete für die Ausbreitung der katholischen Kirche, für die Ausrottung der Ketzereien oder Teilnahme an kirchlichen Unternehmungen, an der Mission für die Heiden, an dem Bau von Kirchen u.dgl..

Ja, der Papst und die Bischöfe verkündigen in ihren Ablaßschreiben (Ablaßbullen) nicht bloß Nachlaß einiger zur Genugtuung für die Sünden nötigen Bußwerke, sondern schenken sogar die Vergebung aller Sünden denen, die die vorgeschriebenen Werke verrichten. So heißt es in der päpstlichen Ablaßbulle vom Jahre 1825 wörtlich: „Wir haben uns entschlossen, von der Gewalt Gebrauch zu machen, welche Uns von oben her verliehen worden, und die Quellen der himmlischen Schätze zu öffnen, welche durch das Verdienst unseres Herrn Jesu Christi, durch die gebenedeite Jungfrau, seine Mutter, und die Heiligen angewachsen, und die auszuteilen Uns der Urheber der Menschen die Macht verliehen hat. Wir schenken und gewähren die Gnade in dem Herrn, die Vergebung und den vollkommenen Ablaß aller ihrer Sünden den Christen, welche in der Jubiläumszeit wahrhaft bußfertig und reuevoll beichten, sich durch die h. Communion stärken und andächtig, wenigstens einmal im Tage, dreißig Tage nacheinander, oder absatzweise die Kirchen des heil. Petrus und des heil. Johannes vom Lateran und der heil. Maria Majora besuchen, und Gott inbrünstige Gebete opfern werden für den Glanz der katholischen Kirche, die Ausrottung der Ketzereien, die Einigkeit der katholischen Fürsten, das Heil und die Ruhe des christlichen Volks.“

Ja, die römische Kirche hat, wenigstens durch Stillschweigen dazu, den noch immer nicht öffentlich gemißbilligten Unfug gutgeheißen, den einzelne Ablaßprediger sich erlaubten, indem sie nicht bloß die Bußwerke, sondern die Sünden selbst für Geld, sogar im Voraus, erließen. - Tetzel hat diesen gräßlichen Unfug selbst getrieben, wie sogar katholische Schriftsteller zugestehen. Dies Verfahren Tetzels ist aber von der römischen Kirche noch nie ausdrücklich und in gültiger Weise verworfen. Ähnliches ist also noch stets zu erwarten (Tob. 4,11; Sir. 3,33). Widerlegung der Irrlehre vom Ablaß

Die ev. Kirche muß diese Irrlehre vom Ablaß auf's Entschiedenste verwerfen, aus folgenden Gründen:

1. Diese Irrlehre beruht auf der falschen, schriftwidrigen römischen Lehre, daß Christus nur genuggetan habe für die Strafen der Erbsünde, nicht aber auch für die Strafen der eigenen Sünden der Menschen.

Aber die heilige Schrift lehrt, daß Christus leidend und sterbend beides, die Schuld und Strafe der Erb- und der eignen Sünde der Menschen, und zwar zeitliche und ewige getragen und getilgt, und vollkommen für alle Sünden und Strafen genug getan hat. „Er ist um unserer Missetat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf etc.“ (Jes. 53, 5.7) „Auf daß er für alle den Tod schmeckte.“ (Heb. 2,9). „So einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben.“ ( 2. Kor. 5,14). „Tod, ich will dir ein Gift sein, Hölle, ich will dir eine Pestillenz sein.“ (Hos. 13,14). „Der Tod aber ist der Sünde Sold (Strafe)“ (Röm. 6,23). - Auch ist's ein Widerspruch, daß zwar die Schuld, aber nicht die Strafe getilgt sei, da alles Übel und Leiden nur durch das Bewußtsein der Schuld als Strafe empfunden wird. Wie Christus die Schuld trug, so trug er auch, im Bewußtsein dieser übernommenen Schuld, in seinem Leiden die Strafen aller Menschen, und hat vollkommen dafür genug getan. (Heb. 10,10-14; 1. Joh. 1,7)

2. Diese Irrlehre vom Ablaß beruht auf der falschen schriftwidrigen römischen Lehre, daß man für die Strafe seiner eigenen Sünde selber genugtun müsse und könne, also durch Verdienst der Werke gerechtfertigt werde.

Da die heilige Schrift aber lehrt, wie im vorhergehenden Nr. 1 gezeigt ist, daß Christus. wie für alle Schuld, so auch für alle zeitliche und ewige Strafen aller Menschen vollkommen und überschwenglich genug getan, so wird durch die römische Lehre von der eigenen Genugtuung das heilige, allgenugsame Verdienst Jesu Christi aufs schändlichste geschmälert und gelästert.

Die heilige Schrift lehrt sodann aufs deutlichste, daß der Mensch durch Verdienst der Werke gar nicht gerechtfertigt werden kann, sondern bloß aus Gnaden, durch den Glauben, ohne Verdienst der Werke (Röm. 3, 21-26 und 4, 3-8; Eph. 2,8.9; 1. Pet. 1,13). Die Gnade, wenn sie durch irgend etwas erworben und verdient werden muß, hört auf, Gnade zu sein, weil Gnade und Verdienst sich einander völlig ausschließen (Röm. 11,6).

3. Diese Irrlehre vom Ablaß beruht auf der falschen, schriftwidrigen römischen Lehre, daß der arme, sündige Mensch sich sogar noch überflüssiges Verdienst, mehr Verdienst, als er für sich nötig habe, erwerben könne.

Die heilige Schrift lehrt das Gegenteil (Luk. 17,10). Paulus erklärt auch Gal. 3,21 klar und bestimmt, daß kein Gesetz gegeben sei, durch dessen Erfüllung könne der Mensch zum Leben kommen, könne die Seligkeit verdienen; er bleibt mit seinen Leistungen immer weit hinter dem Gesetz sowohl des Gewissens als des Moses zurück. Nur die verheißene Gnade Christi könne selig machen.

4. Diese Irrlehre untergräbt und vernichtet alle Sittlichkeit, allen Eifer und Fleiß in der Heiligung, wie die Geschichte des Ablasses zur Zeit Tetzels und später beweist.

Vgl. Augsburg. Confession Art. 12 von der Buße und Art. 25 von der Beichte.

Quelle: Fliedner, Theodor - Buch der Märtyrer

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