Heliand - 49 - Des Lazarus Erweckung.

Nun hör ich, daß zu Christ gekommen waren
Boten aus Bethania, die dem Gebornen Gottes
Sagten, sie seien von zwei Frauen gesendet,
Maria und Martha, den minniglichen beiden,
Den wonnesamen, ihm wohlbekannten.
Sie waren Schwestern, die er selber längst
Im Gemüthe minnte ihres milden Sinnes
Und guten Willens wegen. Der Wahrheit nach ließen sie
Ihm von Bethanien entbieten, wie zu Bett ihr Bruder
Lazarus läge, an dessen Leben sie verzweifelten.
Sie baten, daß ihm Christ der allwaltende käme,
Der heilige, zu Hülfe. Wie er nun hörte
Von dem Siechen sagen, da sagt' er sogleich:
„Lazarus liegt auf dem Lager nicht
Unheilbar zum Tode: nur des Herren Preis
Soll da gefördert werden; ihn gefährdet es nicht.“
Da säumte dann noch der Sohn des Herrn
Zwei Nächte und Tage bis die Zeit genaht war,
Da er wieder zu Jerusalem die Judenleute
Versuchen wollte, wie er Gewalt besaß.
Zu den Gesellen sagt' er, der Sohn des Herrn,
Daß er jenseits des Jordans die Juden wieder
Besuchen wolle. Da versetzten sogleich
Die guten Jünger: „Wie begehrst du so dahin,
Mein Fürst, zu fahren? Ist doch nicht fern die Zeit,
Wo sie deiner Worte wegen dich wollten
Mit Steinigung strafen: und unter das störrische
Volk willst du fahren? Da sind der Feinde viel,
Der übermüthigen.“ Aber Einer der Zwölfe,
Thomas versetzte, der treffliche Mann:
„Tadeln wir sein Thun nicht,“ sprach der theure Degen,
„Oder wehren seinem Willen, sondern weilen bei ihm,
Dulden mit dem Dienstherrn: das ist des Degens Ruhm,
Daß er seinem Fürsten fest zur Seite stehe
Und standhaft mit ihm sterbe. Stehn wir all ihm bei,
Folgen seiner Fahrt, laßen Feiheit und Leben
Uns wenig werth sein, wenn wir im Volk mit ihm
Erliegen, dem lieben Herrn: dann bleibt uns noch lange
Bei den Guten guter Nachruhm.“ So wurden die Jünger Christ,
Die edelgeborenen, einmüthigen Sinnes
Dem Herrn zu willen.

Da sprach der heilige Christ
Zu seinen Gesellen, entschlafen sei
Auf dem Lager Lazarus. „Dieß Licht verließ er,
Entschlief selig. Ohne Säumen laßt uns nun
Ihn wieder erwecken, daß er diese Welt schaue,
Dieß Licht, und lebe. So wird euch der Glaube dann
Noch ferner gefestigt.“ Da fuhr über die Flut
Der gute Gottessohn, bis er mit den Jüngern
Nach Bethanien kam, der Geborne Gottes
Mit seinem Gesinde, wo die Schwestern beide
Maria und Martha bekümmerten Gemüths
In Schmerzen saßen. Versammelt waren da
Von Jerusalem der Judenleute viel:
Die Weiber wollten sie mit ihren Worten trösten,
Daß sie so nicht jammerten über des Jünglings Tod,
Des Lazarus Verlust. Wie nun der Landeswart
Dem Gehöft entgegen gieng, da ward des Gottessohns
Kommen dort kund gethan, der Kräftige wäre
Draußen bei der Burg. Die beiden Frauen
Waren es wohlzufrieden, daß der waltende Christ,
Das Friedenskind Gottes, zu ihnen gefahren kam.
Es war ihnen wahrlich der Wünsche gröster,
Die Kunst des Herren, und Christi Wort
Wieder zu hören. Weinend gieng da
Die trauernde Martha, mit dem Mächtigen
Worte zu wechseln. Zu dem Waltenden sprach sie
Aus harmvollem Herzen: „Wärst du, o Herr,
Der Nothhelfer Bester, uns näher gewesen,
Guter Herr und Heiland, ich hätte den Harm nun nicht,
Die bittere Brustbeschwer: mein Bruder wär nicht geschieden,
Lazarus, aus diesem Licht, er möcht uns noch leben
Des Geistes voll; obgleich ich zu dir, o Herr,
Lichthell glaube, der Lehrer bester,
Was du auch verlangen willst von dem erlauchten Herrn,
Daß es gleich dir giebt Gott der allmächtige,
Deinen Wunsch gewährend.“ Da gab der waltende Christ
Ihr zur Antwort: „Laß dir im Innern nicht
Die Seele verdüstern. Sagen will ich dir
Mit wahren Worten, und wenden mag es nichts:
Dein Bruder soll auf Gottes Gebot
Durch des Herren Kraft sich erheben vom Tode
In seinem Leichnam.“ Sie sprach: „Den Glauben hab ich gänzlich,
Daß es also werden wird, wenn diese Welt endet,
Und jener mächtige Tag über die Menschen fährt,
Daß er dann auch von der Erde wird auferstehen
Am Tage des Gerichts, wenn vom Tod erweckt
Durch die Macht Gottes die Menschengeschlechter
Sich von der Rast errichten.“ Da sprach der reiche Christ,
Der allmächtige zu ihr mit offenen Worten,
Er selber wäre der Sohn des Herrn,
Das Licht und das Leben, und der Leute Kindern
Die Auferstehung. „Nie sterben wird
Und sein Leben verlieren, der da glaubt an mich,
Ob auch die Erdensöhne ihn mit Erde bedecken,
Ihr tief ihn vertrauen, doch scheint er nur todt:
Das Fleisch ist ihr befohlen; doch frei der Geist
Und die Seele gesund.“ Da versetzte sogleich
Das Weib die Worte: „Du bist des Waltenden Sohn,
Der allmächtige Christ: das mag man erkennen
Wahrlich an deinen Worten, du hast Gewalt durch Gottes
Heiligen Rathschluß über Himmel und Erde.“

Da kam der Edelfraun die andre gegangen,
Maria die trauernde, der in Menge folgten
Die Judenleute. Zu Gottes Gebornem
Sagte sie schmerzenvoll, wie ihr voll Sorgen war,
Voll Harm das Herz, wie herb ihr Jammer
Um Lazarus Verlust, des lieben Mannes.
Mit Schluchzen weinte sie bis dem Sohne Gottes
Das Herz gerührt ward: heiße Thränen
Entwallten dem weinenden. Zu den Weibern sprach er dann:
„Nun leitet mich hin, wo Lazarus liegt
Der Erde befohlen.“ Ein Fels lag über ihm,
Ein schwerer Stein gedeckt, Der Sohn des Herrn gebot,
Die Last zu lüften, daß er die Leiche sähe,
Den Todten schaute. Da trieb ihr Herz
Marthen vor der Menge zu dem Mächtigen zu sprechen:
„Guter Herr,“ begann sie, „wenn man vom Grabe höbe
Den starken Stein, so stiege Gestank auf,
Unsüßer Geruch, denn sagen mag ich dir
Mit wahren Worten all sonder Wahn,
Der Tag und Nächte vier schon ward er befohlen
Der Erd im Grabe.“ Doch Antwort gab
Dem Weibe der Waltende: „Wahrlich ich sage dir,
Wenn du glauben wolltest, so würdest du bald
Erkennen können die Kraft des Herrn,
Gottes große Macht.“ Da giengen Etliche
Und huben den Stein ab. Da sah der heilige Christ
Hinauf mit den Augen, und sagten dem Ewigen
Dank, der diese Welt schuf, „daß du mein Wort erhörst,
O Herr des Sieges, denn sicher weiß ich,
Du thust es immer. Ich aber thue dieß
Vor diesem großen Judenvolke,
Daß sie in Wahrheit wißen, daß du in die Welt mich sandtest
Die Leute zu lehren!“ Dann rief er Lazarus an
Mit starker Stimme, und hieß ihn auferstanden
Aus dem Grabe gehn. Da kam der Geist zurück
In des Liegenden Leichnam: er rührte die Glieder
Und wand sich empor unterm Gewand, denn bewunden war er noch,
In Leichentücher gehüllt. Da ließ ihm helfen
Der waltende Christ: Leute kamen
Ihm das Gewand zu entwinden. Wonnig erstand
Lazarus zu diesem Licht. Ihm war Leben verliehen,
Des anerschaffenen Alters zu genießen
Fürder in Frieden. Da freuten sich beide,
Martha und Maria. Das mag kein Mann dem andern
Beschreiben und sagen, wie die zwei geschwisterten
Frauen frohlockten. Viele nahm es Wunder
Der Judenleute, da sie ihn vom Grabe sahen
Gesund erstehen, den Siechthum hingerafft,
Den sie todt vertraut, der Erde tief,
Den Lebenslosen, daß er nun leben dürfte
Heil in der Heimat. So mag der Himmelkönig,
Die gewaltige Gottesmacht, einem Jeden der Menschen
Die Seele befreien, ihm wider der Feinde Drang,
Der Heilige, helfen, dem er seine Huld verleiht.

Da ward manchem Manne das Gemüth zu Christ
Hingewandt, das Herz, als sie sein heilig Werk
Da selber sahen, denn so war nie geschehen
Ein Wunder in der Welt.

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