Hofacker, Ludwig - Predigt am dritten Sonntage nach Trinitatis

Von dem niedrigen, gebeugten Sinne, den der HErr in die Herzen Seiner Kinder pflanzt.

Text: 1. Petr. 5,5-11.

Haltet fest an der Demuth. Denn Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demüthigen gibt Er Gnade. So demüthiget euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, daß Er euch erhöre zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werfet auf Ihn; denn Er sorget für euch. Seyd nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe, und suchet, welchen er verschlinge. Dem widerstehet fest im Glauben, und wisset, daß eben dieselbigen Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. De Gott aber aller Gnade, der uns berufen hat zu Seiner ewigen Herrlichkeit in Christo JEsu, Derselbige wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen. Demselbigen sey Ehre und Macht, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Wir haben so eben einige herrliche, namentlich für Leidende erquickende Sprüchlein gelesen: wenn wir nur das Einzige betrachten: „der Gott aller Gnade, der uns berufen hat zu Seiner ewigen Herrlichkeit in JEsu Christo, Derselbige wird diejenigen, die hier im Glauben eine kleine Zeit leiden, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen“, - o, was liegt in diesem Worte für ein Herz, das gerade in diesem oder jenem Leiden gefangen liegt, für ein Herz, das in diesem oder jenem Zweifel steckt. O, wie erquickend ist da ein solches Sprüchlein, weil dadurch die Fülle und der Reichthum der Gnade Gottes dem Herzen klar und lebendig gemacht wird. Aber wie Viele oder vielmehr wie Wenige unter uns werden wohl seyn, denen die heutige Abend-Lection wichtig und eindringlich geworden ist? Ich will es euch sagen, warum das bey so Wenigen der Fall war. Es kommt daher, weil so Viele den Anfang derselben: „haltet fest an der Demuth“, nicht beobachten, weil wir so gar hohe Gedanken und Begriffe von uns selber im Herzen haben. Darum können solche herrlichen Worte sich an unserem Herzen nicht anlegen, wie sie sich nach dem Willen des HErrn anlegen sollten. Und deßwegen will ich unter dem Beistande Gottes nach Anleitung unserer heutigen Epistel Einiges reden

Von dem niedrigen, gebeugten Sinne, den der HErr in die Herzen Seiner Kinder pflanzt.

Ich werde

I. Einiges von dem niedrigen, gebeugten Sinne reden;
II. Zeigen, wie der HErr diesen Sinn in die Herzen Seiner Kinder pflanze.

HErr JEsu! Du pflanzest so gerne in die Herzen der Deinigen solche Gedanken, die Dir wohlgefallen. Ach, wir bitten Dich, zerbrich unsere hoffärtigen Herzen und alle die hohen Gedanken, die etwa noch in unserem Herzen sind; zerstöre alle Hoffart, und gib uns ein kleines, gebeugtes, ein von Deinem Tod und Schmerz gänzlich hingenommenes Herz.

Herrscher herrsche, Sieger siege,
König brauch’ Dein Regiment;
Führe Deines Reiches Kriege,
Mach’ der Sklaverey ein End’!
Laß doch aus der Grub’ die Seelen,
Durch des Neuen Bundes Blut;
Laß uns länger nicht so quälen,
Denn Du meinst’s mit uns ja gut.

Ach ja, HErr JEsu, erhebe unsere Kräfte; schlage alle Hoffart nieder; laß uns doch recht klein werden, damit Du aus uns etwas machen mögest zum Lobe Deiner herrlichen Gnade! Amen.

I.

Wenn wir die heutige Epistel betrachten, so muß es uns auffallen, daß sie ganz genau in Verbindung mit dem heutigen Evangelium steht. Dieses enthält nämlich den Anfang der sogenannten Bergpredigt. Und wie beginnt denn der Heiland dieselbe? „Selig“ spricht Er, - „selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr.“ Was versteht Er aber unter solchen geistlich armen Leuten? Arm ist derjenige, welcher das nicht besitzt, was er zu seinem Unterhalte haben und besitzen sollte; und geistlich arm ist der, welcher mit Demuth und Beugung erkennt und fühlt, daß ihm das fehlt, was zum geistlichen, göttlichen Leben dient, was er sich aber von dem großen Gott erbitten darf und soll. Solche geistlich-armen Leute stellt der Heiland bei Seinen acht Seligpreisungen oben an, und macht damit die geistliche Armuth zur Pforte, durch die man in das Himmelreich eindringen kann. Denn Niemand kommt in das Reich Gottes ohne Anerkennung seiner Hülfsbedürftigkeit und Sündhaftigkeit. Das ist das Fundament, auf welches alle andern Tugenden, die der Heiland dort die Geistlich-Armen selig preist, so preist Petrus die Demüthigen selig, wenn er spricht: „den Demüthigen gibt Gott Gnade“; was dasselbe ist wie jener Ausspruch: „selig sind die Geistlich-Armen.“ Denn wo Gnade ist, da ist Seligkeit, und wo Seligkeit ist, da kommt sie nur aus der Gnade.

Es haben die Menschen schon manches Gute ersonnen. Wenn man die Schriften der alten Heiden liest, so findet man viele vortreffliche Anweisungen zum rechtschaffenen Leben. Auch die Weltweisen in unsern Tagen haben manches Brauchbare zu Tage gefördert, und manche Sätze aufgestellt, die auch wahre Christen sich wohl merken dürften; aber ein solches Wörtlein hat doch noch Keiner aus seinem Geiste herausgeboren, wie das Wort des Heilandes am Anfange der Bergpredigt, und das Wort Petri: „den Demüthigen gibt Gott Gnade.“ Dieß war, bis es Gott den Menschen offenbarte, eine verdeckte, vor ihrem Geistes-Auge verhüllte Sache. Daß die Wahrheit, daß die Gerechtigkeit und das göttliche Leben mit der Armuth im Geiste, mit einem niedrigen, gebeugten Sinne anfange: dieß haben die Weisen dieser Welt nicht gefunden. Und as ist auch sehr natürlich; denn die menschliche Natur strebt immer in die Höhe, statt in die Niedrigkeit. Aber durch das Wort und den Geist ist es nun offenbar, daß ein niedriger, gebeugter Armersündersinn eigentlich das erste Erforderniß zu der Gnade Gottes ist; daß das göttliche Leben mit solchem Sinne anfängt, mit solchem Sinne fortgeht und wächst, und mit solchem Sinne endigt. Mit diesem Sinne beginnt ein neugebornes geistliches Kind seinen Lauf, seinen Glaubenslauf; und mit diesem Sinne legt ein alter Streiter JEsu Christi, der sich müde gearbeitet hat im Dienste seines Gottes, seine Füße zusammen, und schickt sich an, einzugehen in das ewige Königreich seines HErrn mit keinem andern Gedanken, als daß er ein unwürdiger, armer Sünder sey, und aus purer Gnade Theil habe am Erbtheil der Heiligen im Lichte. Und wenn er nicht in diesem Sinne seine Arbeit verläßt, und etwas zum Voraus zu haben glaubt um seiner Arbeit oder um seiner Treue willen, so ist er verwerflich vor den Augen Gottes. Aber gerade das ist ein Hauptgrund, warum das Evangelium so Vielen zur Thorheit, zum Aergerniß, zum Gifte wird, mit welchem sie sich den Tod hineinessen, ja zum Geruch des Todes zum Tode, weil sie es wohl fühlen: hier geht es auf lauter Demüthigungen hinaus, auf das Nichtswerden, auf das Verzagen an sich selbst. Das ist aber der stolzen Natur unerträglich; darüber stutzt sie; davor ergreift sie die Flucht; das ist ihr eckelhaft und widerlich. – Was ist denn aber nun unter einem niedrigen, gebeugten Sinne zu verstehen? Es ist dieß nicht eine geistliche Niederträchtigkeit, wie Viele meinen, die keinen geistigen Verstand haben, da man sich selbst schlechter machen will, als man selbst glaubt, daß man sey, und vor Gott und Menschen ein gewisses niederträchtiges, schmeichlerisches Wesen annimmt, in welchem keine Wahrheit ist. Ach nein, im Gegentheil, ein Christ hat bey aller Beugung und Armuth des Geistes im Glauben einen königlichen, gegen Satan, Welt und Sünde trotzigen Geist, nicht einen Trotz und Hochmuth, wie ihn die Kinder dieser Welt in ihrer Thorheit ausüben, sondern einen göttlichen Trotz im Glauben an den allmächtigen HErrn, nicht im Vertrauen auf sich selber, sondern auf den Arm und die Kraft und den Geist und das blut Dessen, vor welchem alle Widersacher sind wie Spreu, die der Wind zerstreuet, und die Stoppeln, die das Feuer verzehrt, und der gesagt hat: „In der Welt habt ihr Angst; aber seyd getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Dieser niedrige, gebeugte Sinn ist also kein niederträchtiges, heuchlerisches, unwahres, gemodeltes, formirtes Wesen; es ist aber auch nicht das, was die Welt Höflichkeit und Bescheidenheit nennt, unter welchen oft der größte Hochmuth verborgen liegt, obgleich diese äußern Tugenden bisweilen Demuth genannt werden von denen, welche keine geistlichen Augen haben; sondern dieser Sinn besteht darin, daß Gott dem Menschen in die Tiefen des Herzens durch Seinen Geist kleine Gedanken von sich selber, wahrhaft bußfertige Gedanken schenkt, so daß man die Menge und Größe seiner Verschuldigungen kennt und empfindet, auch sich seines verdorbenen Herzens-Zustandes, seiner von der Sünde gänzlich durchfressenen und zerstörten adamischen Natur bewußt ist, ohne darum zu verzagen; sondern als ein ganz armer, von allem Guten entblößter Mensch nur an der Gnade, an dem ewigen Erbarmen Gottes, an dem Opfer, das einmal vollendet ist, klebt, und auf diesem als auf dem einzigen Grunde seiner Seligkeit bloß und lauterlich niedersinkt. Dieß ist im Allgemeinen der Zustand eines Menschen, von dem man mit Wahrheit sagen kann: er hat einen niedrigen, gebeugten Sinn.

Es ist wahr, diese wahre Niedrigkeit und Beugung des Geistes ist ein Haupt-Charakter derer, die im neuen Bunde der in Christo geoffenbarten Gnade Gottes theilhaftig worden sind; doch auch schon im alten Testamente war es eine Eigenschaft derer, die Gott zu seinen Zöglingen erkoren hatte. Wenn wir z.B. an Abraham, den heiligen Mann Gottes, denken, so hören wir, wie er zu Gott sprach: „ich habe mich unterwunden, mit Dir zu reden, obgleich ich nur Staub und Asche bin vor Dir.“ O, wie sehr beschämt Abraham, der das Licht des Neuen Bundes noch nicht hatte, durch diese Anerkennung seiner Nichtigkeit vor Jehovah so viele Christen, die mit Unehrerbietigkeit und oft im Leichtsinn über Gott und göttliche Dinge raisonniren, als ob Er einer ihres Gleichen wäre, ohne daran zu denken, daß sie Staub und Asche, und von gestern her sind; ja, die da glauben, es müsse Gott eine Ehre seyn, wenn sie mit Ihm reden und zu Ihm beten. Wenn wir an Jakob denken, so hören wir ihn, als er über den Jordan gieng, sagen: „ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir, Deinem Knechte, gethan hast.“ Wie klein ist er da gegen den großen barmherzigen HErrn! Auch David hatte diesen niedrigen, gebeugten Sinn. Bei der Abholung der Bundeslade sprach er: „ich will noch geringer werden, und will niedrig seyn in meinen Augen; ich bin am liebsten im Dienste meines HErrn.“ Und im Blicke auf die Führungen Gottes, der ihm anstatt des Hirtenstabes einen Scepter in seine Hand gegeben hatte, rief er aus, sich demüthigend vor dem HErrn: „wer bin ich, HErr, HErr! daß Du an mich gedenkest? eine Hand voll Asche; ich bin’s nicht werth, daß Du Dich meiner annimmst.“ Und eben so sind die Psalmen voll von solchen Bekenntnissen, die aus wahrhaft kleinen Gedanken, welche die Verfasser von sich selbst hatten, herausgeflossen sind. Aber hauptsächlich ist dieser gebeugte, niedrige, zerschmolzene Sinn eine Eigenschaft der Kinder des Neuen Bundes. Der große, heilige Apostel Paulus, bekennt da von sich selber: er sey der vornehmste unter allen Sündern; aber ihm, dem geringsten unter allen Heiligen, sey Barmherzigkeit widerfahren. Wie klein ist doch hier der große und heilige Paulus, und wie groß ist Gott in Seiner Liebe und Barmherzigkeit! Wir dürfen nicht glauben, als ob Paulus so geredet hätte, wie man eine nichtssagende Formel ausspricht; nein, es gieng dieß aus der Aechtheit, aus dem tiefsten Gefühl seines Geistes hervor; denn er hielt sich in Wahrheit für den vornehmsten unter allen Sündern. Ach, wie sehr beschämt der heilige Paulus die unheiligen Christen, die immer nur an Andern zu tadeln haben, und sich für besser halten als mache Andere, und große Gedanken von sich in ihrem Herzen tragen, und meinen Wunder, was für Leute sie seyen; sie halten sich für fromme, für gute, vortreffliche Leute, und Paulus, der heilige Paulus, der Länder und Meere durchreist hatte, um dem Heilande Seelen zu gewinnen, Paulus, der sagen konnte: „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz“; der auftreten und sprechen konnte: „so lebe nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir; denn was ich lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, Der mich geliebet hat“; - Paulus, der Leib, Seele und Leben und Alles, was er hatte, dem Lamme, das geschlachtet war, willig hingab aus lauter Liebe, Paulus erklärt es öffentlich und schreibt es in die Welt hinein, nicht mit verstellter Demuth, sondern in völligem Ernste: „ich bin der vornehmste unter allen Sündern.“ Wer hat nun das Wahre? Paulus oder die selbstgerechten Christen? Wer hat den Heiligen Geist? Paulus oder sie?

Große Gedanken, die ein Mensch von sich selber hat, beziehen sich auf diese Gedanken, auf was sie wollen an Menschen, auf seinen Verstand, auf seine Kraft, auf seine Frömmigkeit, - alle solche Gedanken sind dem HErrn, Der allein erhaben ist, und vor Dem Alles wie Nichts ist, ein Greuel; sie sind Ihm verhaßter als die meisten Sünden; Ehebruch und Mord und Dieberey sind keine solche Greuel in den Augen Jehovah’s, als die Hoffart in dem Herzen eines Sünders; „denn“ – spricht der Apostel – „Gott widerstehet den Hoffärtigen.“ Es mag Einer fast in Sünden stecken, in welchen er will, so kann er in einer geschickten Stunde von dem HErrn doch noch gefaßt, und als ein Brand aus dem Feuer gerettet werden; aber nicht so die Hoffärtigen; diesen muß Gott widerstehen. Wie schrecklich ist aber das, wenn Gott einem Menschen widersteht! Gewöhnlich ist nur der Mensch der Feind Gottes, und Gott ist des Sünders Freund und suchet seine Seligkeit, und es jammert Ihn seiner; aber nicht so bey dem Hoffärtigen. Diesem tritt der HErr selber feindselig entgegen. Aber schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen, und „wer mag bestehen vor Seinem Zorn?“ Warum aber widerstehet denn Gott den Hoffärtigen? Antwort: alle anderen Sünden treten nicht so geradezu der Majestät Gottes entgegen wie diese Sünde. Die Hoffart aber ist eine schnurgerade Entgegensetzung gegen Gott. Der HErr ist allein Etwas, und alles Andere ist nur etwas durch Ihn. So aber Einer für sich selbst etwas seyn will, so will er sich Gott gleich machen, so will er den großen, majestätischen Gott vom Throne stoßen, so tritt er in Gemeinschaft mit dem ersten Feinde Gottes, dem der HErr widerstehet bis jetzt, und dem Er widerstehen wird in Ewigkeit. Was ist aber für ein Gericht über die Teufel ergangen, die sich wider Seine göttliche Majestät empört hatten? Ihr könnet es im Brief Judä lesen. Was wird aber für ein Gericht ergehen über die Menschen, die noch geringer sind als jene, wenn sie sich Gott gleich setzen, und groß seyn wollen ohne Ihn! Ja wahrhaftig, die Hurer und Ehebrecher werden eher in’s Himmelreich kommen als die rechtschaffenen Leute, die sich in ihrer Selbstgerechtigkeit gefallen, und ihre Sünde nicht erkennen. Denn obgleich diese nicht äußerlich sündigen wie jene, so stehen sie desto mehr in innerem Streite gegen Gott, oft ohne daß sie es selber wissen. Liebe Zuhörer! ich will damit kein Polster den Sündern, den Hurern und Ehebrechern unterschieben. Denn von ihnen gilt, wenn sie sich nicht bekehren: „draußen sind die Hurer und die Ehebrecher“; sie werden so gut ausgeschlossen vom Abendmahl des Lammes als die selbstgerechten Pharisäer, die auch keine Buße gethan haben. Aber ein Wunder, ein doppeltes Wunder der Barmherzigkeit Gottes ist es, wenn ein frommer und tugendhafter und guter Mensch sich das Verderben seines Herzens offenbaren, und sich durch den Geist von Oben beugen und demüthigen läßt.

Vielleicht aber möchten Manche seyn, die sprächen: hoffärtig, selbstgerecht, hochmüthig bin ich nicht; ich bin eingezogen, ich bin bescheiden und demüthig gegen Gott; ich halte mich für einen Sünder. Andere Sünden habe ich an mir, aber diese nicht. O, daß ich könnte dem Blinden die Augen aufthun, und deiner Seele ein Licht aufstecken, daß du nicht im Tode entschliefest! O blinder Pharisäer, gibst du nicht damit selbst zu, daß ein Götze der Augenlust, der Fleischeslust und des hoffärtigen Wesens in dir ist? Woher stammen denn deine meisten Sünden und Ungerechtigkeiten? Ist’s nicht aus der Hoffart, welche die Wurzel des Unglaubens ist? Siehe, daher kommt es, daß du dich so lange mit dieser oder jener Sünde schleppen mußt; daher kommt dein Geiz, dem du den Lauf lässest; daher kommt deine Wollust, in der du lebst; daher kommt es, daß du nicht los werden kannst, so sehr dich das Wort und der Geist Gottes dazu auffordern, ob du es gleich anerkennen mußt, daß du los werden könntest und solltest. Du willst nicht los werden. Und warum willst du nicht? Darum, weil dein Herz so voll Unglauben an den Heiland ist, weil du den HErrn Jesum nicht lieb hast; denn hättest du Ihn lieb, wie könntest du in dem leben, weßwegen Er gestorben ist? Warum ist aber dein Herz so ferne vom Glauben und von der Liebe zu Ihm? Darum, weil du ein hoffärtiger Wurm bist, der sich in seiner Schnödigkeit elendiglich aufbläht, und das Gesetz Gottes nicht über sich anerkennen will. In dieser deiner Empörung und Aufblähung lässest du nun deine Sünden nicht als Sünden gelten. Deinen Geiz nennst du Sparsamkeit, deine Wollust erlaubte Vergnügungen, deinen weltlichen Sinn Schwachheit des Fleisches, dein todtes und ungläubiges Herz soll dennoch ein gefühlvolles Herz heißen. Ja, du bist im Stande und sprichst: o wüßten es nur die Leute, wie viel Gutes ich an mir habe; man verkennt mich überall. Und wenn du endlich deine Sünden nicht mehr läugnen kannst, so sprichst du: wir sind eben Alle Sünder; die Vollkommenheit ist nicht zu Hause auf Erden. Siehe, du armer hoffärtiger Wurm, wie du dich bemühest, mit allerhand Lappen deiner eigenen Gerechtigkeit dich auszuschmücken; wie du dich sträubest, dem göttlichen Gesetze über dir Recht zu geben. Ach, daß du dir deine Selbstgerechtigkeits-Lappen einmal herunterziehen ließest, und den Muth hättest, dich in deiner Nacktheit und Blöße zu sehen, wie dich das Wort und der Geist Gottes hinstellen als einen fluch- und verdammungswürdigen Sünder, der die Hölle tausend Mal verdienst hat, dann könnte dir geholfen werden; aber das willst du nicht; dazu bist du zu hoffärtig. Darum wirst du wohl, so du anders so bleibest, zu dem Oberhaupt der hoffärtigen Geister, zu dem Satan in die Hölle fahren müssen. Ach, es macht freilich Schmerzen; es gehört Herz und Muth dazu, wenn man in die Tiefen seines Herzens, in den Abgrund seiner Sünden hineinblicken will. Davor erschrecken auch so manche guten Seelen, und weichen dem Geiste Gottes aus, wenn Er sie hineinschauen lassen will in die innere Werkstätte ihres sündigen Herzens. Sie bekommen wohl Unruhe; aber statt daß sie ihr Raum geben und das göttliche Licht durchdringen lassen bis in die verborgensten Kammern des Herzens, helfen sie sich damit, daß sie zu einem Buche greifen, und suchen ihre Unruhe wegzusingen und wegzubeten. Denn es fehlt ihnen an dem Muth, sich beugen und erniedrigen zu lassen.

Die tiefste Wurzel im menschlichen herzen, das, was eigentlich das göttliche Leben verzehrt und vertrocknet, den geistlichen Tod in den Menschen hineinbringt und nährt, ist der Stolz und die Selbstgerechtigkeit. Wer das noch nicht erkannt und gesehen hat, der ist noch mit geistlicher Blindheit geschlagen, und hat noch nicht den hundertsten Theil des A im christlichen A-B-C gelernt. Darum fängt das Werk Gottes in den Herzen der Menschen mit Demüthigung an, und darum ist es ein so großes Werk, wenn in einem Menschen geringe Gedanken von ihm selbst gepflanzt werden, wenn ein Mensch, ein stolzer hochmüthiger Sünder, ein armer Sünder wird. Dieses ist ein größeres Wunder als alle Wunder, die in der Bibel vorkommen. Denn wer sich selber schon in’s Herz geblickt hat, der muß bekennen: bey Menschen ist dieß unmöglich, nur bey Gott ist es möglich, nur bey Dem, welcher, wie Er, die Welt erschaffen hat, also auch eine neue Schöpfung im Menschen zu Stande bringen kann; nur bey Dem, dessen eigentliches Geschäft es ist, die Werke des Teufels zu zerstören. Nur bey diesem ist’s möglich, diese giftige Wurzel in dem Herzen eines Sünders auszurotten, und wahre Demuth, einen wahren Armensündersinn in diesem stolzen Herzen zu pflanzen. Wo aber ein wahrhaftiger Armersündersinn, eine wahrhaftige Niedrigkeit und Armuth des Geistes in einem Menschen Platz genommen hat, wo man aufgehört hat, selber etwas Gutes zu können und zu vermögen, wo man seine eigene Schwäche und Erbärmlichkeit in dem rechten Gottes-Lichte zu erblicken angefangen hat, und von dem elenden Selbstbetrug zurückgekommen ist, daß man sich selber viel mehr zutraut als dem Heilande – da ist auch eine Grundlage gelegt, aus welcher alle Tugenden, alle Kraft zur Ueberwindung der Welt, alles rechtschaffene Wesen in Christo JEsu, jeder sichere Hoffnungsblick in die Zukunft und in die Ewigkeit hervorkeimt, kurz, auf welcher Alles, was göttlich und wahrhaftig ist, wächst und gedeiht durch die Gnade Gottes. – Ein hoffärtiger Mensch weiß gar nicht, was alle diese Dinge besagen; erst ein armer Sünder bekommt das rechte Geistes-Licht in diese Wahrheiten, und hat auch die Kraft, dieselben in die That und Wahrheit einzuführen. Es ist freilich ein wunderbarer Weg, daß alle Bekehrung und Heiligung von der Demuth anheben, und von Demüthigung zu Demüthigung fortgehen soll. Aber es ist doch so; denn der HErr führet die Seinen wunderlich. Fraget nur einmal einen ergrauten Christen: wie weit er seit zwanzig Jahren in der Heiligung gekommen sey? Er wird euch antworten: nun nach zwanzig Jahren seines Christenlaufes sey er ein größerer Sünder als vorher. Und das ist auch natürlich. Wenn ein Mensch in einem finstern Zimmer sitzt, und es ist darin viel Staub, und herrschet darin große Unordnung und Verwüstung, so kümmert ihn die Sache nicht viel; denn er sieht und weiß es ja nicht. Wird aber mit einem Lichte hineingeleuchtet, so erschrickt er, wenn er die Unordnung und Verwüstung in seinem Zimmer gewahr wird; und wenn es noch heller wird und der Tag anzubrechen beginnt, da erkennt er mit immer mehr steigendem Befremden und Schrecken, wie verworren es in seiner Umgebung aussieht; und wenn endlich die Sonne selbst in das Zimmer scheint, so sieht er jedes Stäublein, das sich hier findet. Sehet, so kommt ein armer Sünder zu immer tieferer, ja endlich zur tiefsten Erkenntniß seiner Sünden; so leuchtet das Licht der Gnade hinein bis in die geheimsten Winkel des Herzens, und zeigt ihm den verborgenen Greuel der Sünde. Ihr dürfet nicht glauben, daß ein solches Kind Gottes nach zwanzig Jahren größere und gröbere Sünden begehe als zuvor. Ach, das sey ferne! Da würde er ja den HErrn zum Sündendiener machen; - sondern sein Herz wird ihm immer mehr aufgedeckt, daß er immer besser erkennt, was Gott zuwider ist, und meidet,

Was ihn und seinen HErrn will trennen,
Und nicht gönnen,
Daß Leib und Seel’ in laut’rer Liebe brennen.

So bekommt ein armer Sünder die Kraft, ein Ueberwinder der Welt zu seyn, und in dem erfunden zu werden, was Petrus in der Epistel den Seinigen zuruft. „Alle eure Sorge werfet auf den HErrn“ – sagt er – „denn Er sorget für euch.“ Ein hoffärtiger, stolzer Sünder wird von dieser Ermahnung nichts wissen wollen. Kommt eine Trübsal über ihn, - denn es gehet auch bey ihm nicht ohne Leiden ab, - so will er sie selbst ausfechten, oder er will sie sich vom Nacken schütteln; denn es ist erstaunlich, welch’ einen unbeugsamen Nacken ein solcher stolzer Sünder hat. Seine Sorgen nur auf den HErrn zu werfen, das versteht nur ein Sünder, der von der Barmherzigkeit Gottes täglich lebt. Denn ein Solcher hat seinem Gott und HErrn das Größere, er hat Ihm seine vergiftete, verdorbene Seele im Glauben anvertraut, die Sorge für sein ewiges Heil auf Ihn geworfen, warum sollte er Ihm das Geringere, die zeitliche Sorge nicht anvertrauen? Ein Solcher weiß es und kann es glauben: mein Vater sorget für mich; denn er hat die Barmherzigkeit Gottes in Christo JEsu erkannt, und macht das Wohlgefallen Gottes gegen Ihn nicht mehr von sich selber, von seinem eigenen Verhalten abhängig, sondern von dem ewigen Liebesgrund, von der ewigen Liebe des Vaters in dem Sohne, die vor aller Zeit gewesen und in der Zeit erschienen ist.

„Seyd nüchtern und wachet“ – so fährt der Apostel fort – „denn euer Widersacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe, und suchet, welchen er verschlinge; dem widerstehet im Glauben.“ So lange ein Mensch noch in der eigenen Gerechtigkeit stehet, so lange kann er gar nicht auf die rechte Art nüchtern seyn und wachen; denn er ist ja noch im Träume und noch gar nicht recht zu sich selber gekommen, und wenn er sich anstrengt, so ist’s ein elendes, jämmerliches, mühevolles Leben. Was aber den Teufel anbetrifft, so ist es gewiß, daß der Satan seine Haupt-Bollwerke in einer solchen Seele hat; denn sie ist gefangen; sie ist gefällt; Satan ist seines Sieges gewiß, noch ehe er seine Reizungen und Lockungen angefangen hat. Ein selbstgerechter Sünder hat ja keinen völligen Glauben, wie kann er widerstehen? Er steht ja nicht auf dem Grunde der Versöhnung, kann nicht überwinden durch des Lammes Blut, kann sich, wenn ihm der Teufel zusetzt, nicht verkriechen in seinen Erbarmer; er ist ja noch in halbem Einverständniß mit ihm, noch halb oder ganz in seinem Reiche. Ein armer, gebeugter Sünder kann wohl überwinden, denn er sucht ja seine Kraft nicht in sich selber, sondern er verläßt sich lauterlich auf die Kraft Gottes; und Die, welche auf Gott harren, werden nicht zu Schanden; zu Schanden aber müssen werden die losen Verächter. Ein armer Sünder macht nicht viel Umstände mit dem Teufel, wenn er von ihm angefochten wird, er schlägt sich nicht lange mit ihm herum, was nichts als Uebermuth und Vermessenheit ist, sondern er hat sich schon so an seinen Erbarmer gewöhnt, daß er nichts mehr ohne denselben thun kann. Er nimmt den Satan mit an seinen gewöhnliches Plätzchen; er nimmt ihn mit zum Kreuze auf Golgatha; er hält allen seinen Anläufen und Anfechtungen das vor, was dort für alle armen Sünder geschehen ist, und da fliehet der Satan. Denn das Kreuz Christi ist ihm ein Dorn im Auge; das kann er nicht aushalten. Und sollte er auch fragen: was hast du für ein Recht an dieses Opfer, das geschehen ist? du darfst dich desselben nicht getrösten; - und wollte ihm den letzten Anker seiner Hoffnung wegdisputiren, so weiß ein armer Sünder keine Ursache, warum er sollte an Christum ein Recht haben, als das, daß er ein armer Sünder und Christus ein Heiland für die Sünder ist.

„Der Gott aber aller Gnade“ – so fährt Petrus fort – „der uns berufen hat zu Seiner ewigen Herrlichkeit in Christo JEsu, derselbige wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen.“ O liebe Zuhörer! in Leidens-Zeiten, namentlich in schweren Leidens-Zeiten, da wird Manchem sein Grund offenbar; da sind schon manchem seine Bauwerke und hohen Paläste, die er aufgerichtet hat, seine Gerechtigkeit, auf die er sich heimlich verlassen hat, und die ihn zu nichts Ganzem kommen ließ, eingestürzt; und wohl dem Menschen, dem sie hienieden noch einstürzen, so lange noch Gnadenzeit und Frist gegeben ist, einen Grund zu legen, der stehen bleibt auch am Tage der Offenbarung. Denn wer jene morschen Gebäude sich hienieden nicht einreißen läßt, den werden sie am Tage des Gerichts in ihrem Sturz begraben, und mit sich in’s Verderben reißen. Nicht so der Christ, der nicht auf sich und auf irgend etwas in ihm selber seine Hoffnung gebaut hat; wenn auch die Wogen der Trübsal daherbrausen, so fällt damit sein Grund noch nicht um.

Er hat ja einen Grund gefunden,
Der seinen Anker ewig hält.

Es ist ein Grund, der hineinreichet in das Inwendige des Vorhangs, und da wird er wohl unangetastet bleiben. Gerade durch Leiden wird dieser Grund nur immer fester, immer unbeweglicher; denn wer sich also auf den HErrn verläßt, der lernt je mehr und mehr eine frohe Aussicht gewinnen in die Ewigkeit, und wegzublicken über die kleine Zeit der Anfechtung und des Streits, und so wird er geläutert und geschmolzen und gediegen und vollbereitet. O seliger Stand, keine Kraft in sich und doch alle Kraft im HErrn zu haben; in sich nichts als Sünde, in Christo nichts als Gerechtigkeit zu finden; ein armer Sünder zu seyn, und doch in der Hoffnung und im Glauben ein Erbe und Kind des ewigen Lebens. Ja, ein Gott, Der so große Dinge thun kann, der ist es wohl würdig, daß man mit Petrus ausruft: „demselbigen sey Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Dieß ist ein Anklang aus der andern Welt; so tönt es im Himmel vom Munde der oberen Gemeinde: „Gott und dem Lamme sey Lob und Ehre und Preis und Gewalt und Weisheit und Reichthum und Stärke von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Das kann aber ein selbstgerechter, ungebeugter Sünder nicht mit vollem Herzen nachsprechen; nur ein armer, durch das Blut JEsu gewaschener Sünder kann dieß; denn dieser wird dankbar; er nimmt die Gaben Gottes nicht als Schuldigkeit von Seiten Gottes, sondern als unverdiente Gnade dahin, und genießt sie mit Beugung und Danksagung, weil er weiß, daß er aller dieser Gnaden-Beweise seines Gottes nicht werth ist.

Ihr sehet, wie viel auf einen gebeugten, niedrigen armen Sündersinn ankommt, und wie viel in ihm liegt. Doch wollen wir jetzt noch

II.

kurz die Frage beantworten: wie der HErr einen solchen Sinn in die Herzen zu pflanzen pflege? Der Heiland gebraucht dabey verschiedene Mittel; so bald es aber zu etwas Ganzem bey einem Menschen kommen soll, so kann nur Ein Mittel ganz und vollständig helfen. Bald sind es die täglichen Umstände, die Leiden und Führungen des Lebens, wodurch Er einen Menschen klein und niedrig macht. Es gibt freilich starke Geister, die meinen, sie werde kein Unfall niederwerfen; ja, treffe sie auch ein Leiden, welches auch nur seyn möge, ihre Charakter-Festigkeit werde dadurch nicht gebeugt werden. Aber, lieber Freund! es können Zeiten kommen, wo du dich demüthigen mußt. Glaubst du das nicht? Meinest du, du werdest mit deinem aufgeblasenen Sinne dich hinaussetzen können über alle Leiden und Führungen Gottes, ohne deinen eisernen Nacken beugen zu dürfen? Schon jetzt ist die Sprache deines Herzens eitel Desperation; denn du weißest es wohl, daß Zeiten und Tage kommen, wo du der gewaltigen Hand Gottes nicht mehr ausweichen kannst, wo du dich unter sie demüthigen mußt. Doch freilich, durch Leiden ist noch Keiner ganz geschmolzen und klein gemacht worden in seinem Herzen; es kann der Seele durch Leiden Manches offenbar werden; aber ein armer Sünder ist in Seinen Augen noch Niemand durch Leiden geworden. Zu der Anerkennung, daß man eine elende Kreatur sey, haben schon Manchen die Leiden gebracht, und es ist dieß auch eine Demüthigung unter die gewaltige Hand Gottes; aber die Lappen der Selbstgerechtigkeit haben die Leiden noch Keinem herabgerissen. Da muß der Geist Gottes durch das Gesetz und das Evangelium das Meiste thun. Wenn das Gesetz, als ein Spiegel und Richter der Gedanken, vor die Seele tritt, und seine züchtigende und verdammendte Stimme erhebt, da erschrickt wohl das Herz, und fängt an, nach Trost zu suchen und nach Rettung zu fragen; aber wie die Erfahrung lehrt, auch der Fluch des Gesetzes ist nicht im Stande, den Sünder ganz zu entkleiden; ja, es geschieht öfters, daß er, je schärfer ihn die kalte Luft des Gesetzes anweht, die Lappen seiner eigenen Gerechtigkeit nur um so fester hält, und wird ihm der eine entrissen, nur um so heftiger nach dem andern greift. Denn nur die Sonne des Evangeliums kann den Sünder ganz entkleiden von allem Eigenwerk, und dahin bringen, daß er nackt und bloß zu den Füßen Christi niedersinkt. Saget an, was hat denn einen Paulus so sehr gebeugt und demüthig gemacht? Das Gesetz der Pharisäer? Nein, das süße Wort des Evangeliums, „daß JEsus Christus in die Welt gekommen ist, Sünder selig zu machen“, unter welchen er als den vornehmsten sich bekannte. Ja, wenn der Geist der Wahrheit eine Seele in den Rath Gottes hineinblicken läßt, in das ewige Erbarmen des Sohnes Gottes, wenn Er einer Seele das verspeite und entstellte Angesicht des Weltheilandes und Seine Wunden zeigt, wenn Er sie auf Golgatha führt, und die Marter, Angst und Pein ihres großen JEsus vor Augen malt: das schmilzt das starre Herz, das dringt durch Mark und Gebein und durch Seele und Geist, das macht niedrig und klein, und gibt

Ein von Seinem Tod und Schmerz
Gänzlich hingenomm’nes Herz.

Ach, Sünder! könnte ich euch den HErrn in dieser Gestalt vor Augen malen, und ließet ihr euch Sein Kreuz und Seinen Namen in eure Herzen hineinschreiben mit dem Griffel des Heiligen Geistes: so ließet ihr auch alle eigene Gerechtigkeit fahren, und kann könnte Er euch Sein Heil offenbaren.

Nun denn –

1. Weil die Worte Wahrheit sind:
Daß man nichts bey Gott gewinnt,
Nichts durch des Gesetzes Werke,
Nichts durch eig’ne Kraft und Stärke,
Nichts durch Einsicht und Verstand,
Nichts durch eine milde Hand.

2. Nichts durch eig’nes Heiligseyn,
Wenn’s gleich nicht nur Augenschein,
Sondern treu gemeinet wäre,
Auch nicht durch die reine Lehre,
Daß kein Tugendbild die Gnad’
Näher als der Sünder hat.

3. So ist dieß der leicht’ste Rath,
Es bestärkt ihn auch die That;
Man fällt JEsu zu den Füßen,
Und sagt nichts von Thun noch Büßen;
Sondern spricht zum Menschensohn:
Bin ich etwa nicht Dein Lohn?

4. Hast Du etwa mich allein
Nicht erkauft, um Dein zu seyn?
Da Dir Deine Müh’ und Frohnen
Ein unzählbar Heer soll lohnen:
Würd’st Du doch auch meiner so,
Und ich wieder Dein recht froh!

5. Also, wie kommt man dazu,
Daß man in der Gnade ruh’;
Daß man nicht nur nicht verderbe,
Sondern auch den Segen erbe?
Das erfordert zweierley:
Daß man arm und Sünder sey.

6. Arm, das heißt, man siehet sich
Elend, blind und jämmerlich,
Und weiß selbst auf keiner Ecke,
Wie man seine Blöße decke;
Armuth stellt sich selber ein:
Doch man muß auch Sünder seyn.

7. O ihr Menschen! sucht’s nicht weit;
Eure Kält’ und Fremdigkeit
Gegen Jesum, seit der Jugend,
Macht den Strich durch alle Tugend;
Diese Grund-Verdorbenheit
Zeigt euch, daß ihr Sünder seyd.

8. König JEsu! das ist wahr,
Alles das ist sonnenklar;
Eines fehlt der armen Taube,
Nur das einz’ge Wörtlein: Glaube!
Ohne den kriegt Niemand Ruh’:
Und wer theilt ihn aus als Du?

9. Nun, ich weiß, mein arm’ Gebet
Wird vom Heiland nicht verschmäht.
Seine Armuth, Seine Thränen
Soll’n den Weg zum Heil mir bahnen.
Ich will kindlich weinen geh’n,
Bis mir ewig wohl gescheh’n.

Amen!

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