Hofacker, Ludwig - Predigt am Gedächtnißtage des Apostels Andreas.

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Text: Röm. 12,1-5.

Ich ermahne euch, lieben Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sey, welches sey euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Verneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sey der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gottes-Wille. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, Jedermann unter euch, daß Niemand weiter von sich halte, denn sich’s gebühret zu halten; sondern daß er von ihm mäßiglich halte, ein Jeglicher, nachdem Gott ausgetheilet hat das Maaß des Glaubens. Denn gleicher Weise, als wir in Einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerley Geschäfte haben; also sind wir Viele Ein Leib in Christo, aber unter einander ist einer des Andern Glied.

Der Zweck aller Offenbarungen Gottes an die Menschen, sowohl in der Natur, als auch in Seinem Worte, sowohl im Alten als auch im neuen Testament, steht in den Sprüchen Salomo’s geschrieben. „Gib mir, mein Sohn, dein Herz, und laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen.“ Unser Herz will der HErr haben, das heißt: Uns selbst. Auf dasselbe weist auch der Heiland hin, wenn Er zu den Pharisäern spricht: „Gebt Gott, was Gottes ist.“ Das Herz sollen sie Gott ergeben, weil es Ihm gehört. Der HErr macht Anspruch auf unsere Herzen, Er ist unser Schöpfer und Erlöser, Er hat uns von Kindes-Beinen an beschützt, ernährt und gekleidet, Er hat uns täglich so viele Wohlthaten erwiesen, und viel Gutes uns erzeigt an Leib und Seele. Darum kann Er mit Recht von uns verlangen, daß wir Ihm unser Herz, das heißt: uns selber übergeben. So war es auch im Alten Testament. Wie oft ließ Er Seinem Volke sagen: Ich bin es, der euch aus der Zwingherrschaft erlöset, und durch so viel Wunder und Zeichen Mich als euren Gott bewiesen habe, Ich bin der einige Gott, darum sollt ihr keine andern Götter neben Mir haben, darum sollt ihr Mir dienen und gehorchen, und Mich lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe. Und so ist es auch im Neuen Testamente, ja noch mehr. Denn im Neuen Bunde wird uns ja verkündigt, daß der Sohn Gottes in diese Welt gekommen sey, daß Gott das Theuerste, was Er hatte, Seinen eingebornen Sohn, dahin gegeben habe, in eine Sünderwelt hinein hingegeben, bis zum Tod am Kreuz. Darin liegt nun aber eben die stärkste Verpflichtung für uns, dem HErrn uns ganz und gar zu ergeben, und Ihn zu lieben mit der Liebe, womit Er uns geliebet hat, das heißt, von ganzem herzen und aus allen Kräften. „Das thue ich für dich“ – ruft uns im Neuen Bunde unser Gott zu – „was thust du für Mich?“ Davon redet nun auch in unserem Texte der Apostel, wenn er seine Leser auffordert, „sie sollen ihre Leiber begeben zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sey, welches ein vernünftiger Gottesdienst ist.“ Deßwegen will ich reden zu euch:

Von der völligen Uebergabe des Herzens an den HErrn JEsum.

Lieber Heiland! Du kannst von Rechtswegen unsere Herzen von uns fordern. Ach, was hast Du für uns gethan, zu unserem Trost und zu unserer Freude; Du bist selber in die Welt gekommen, und hast Dein Leben für uns in den Tod gegeben, und willst nichts dagegen als unsere Herzen. Aber Du weißt auch, wie abgeneigt wir sind, sie Dir ganz und gar zu überlassen, daß wir lieber andern Götzen nachwandeln als Dir, dem lebendigen Gott.

Höchster Priester, der Du Dich
Selbst geopfert hast für mich.
Laß doch, bitt’ ich, noch auf Erden
Auch mein Herz Dein Opfer werden.

Nimm und tödt’ und schlachte hin
Meinen Willen, meinen Sinn,
Reiß’ das Eig’ne aus dem Herzen,
Soll’s auch seyn mit tausend Schmerzen.

Ich bring’ Dir zum Opfer dar,
Leib und Seel’ auf Dein’n Altar;
O Du allerliebste Liebe!
Wenn doch nichts zurücke bliebe. Amen!

Liebe Zuhörer! Ein begnadigter Jünger des Heilandes, der im vorigen Jahrhundert lebte, sagte einmal in einem Liede:

HErr! fließt ein Tropfen Bluts durch meiner Adern Bach,
Der nicht Dein eigen ist, den treffe Deine Rach’.

Das heißt keck, das heißt entschieden, das heißt ganz gesprochen. Freilich könnte man daran sich stoßen, und denken: Ach, wenn das zum Seligwerden erforderlich ist, wenn eine solche Gesinnung die Gesinnung eines Jüngers Christi seyn muß, wer kann da noch selig werden? wer möchte es da wagen, dem Heiland nachzufolgen, wenn dieß zur rechtschaffenen Nachfolge JEsu gehört? So möchten etwa schüchterne Seelen denken. Die Vernunfts-Geister und Weltlinge aber möchten dabey denken: diesem Manne ist es mit jenem Worte nicht Ernst gewesen; er hat es eben in einem Aufschwung der Phantasie oder in einem Anflug von geistlicher Hitze gesagt; es ist übertrieben und verstiegen: denn wenn man nüchternen Sinnes, wenn man nicht gerade in einem dichterischen Träume begriffen ist, kann man nicht so reden. Liebe Zuhörer, was wollen denn wir zu diesem Ausspruch sagen? Ist es so; soll das die Gesinnung eines Jüngers Christi seyn, oder ist es nicht so? Ich muß euch sagen: ich glaube, daß dieser Mann recht gesprochen, und den Sinn des Heilandes getroffen hat. Er wollte nicht sagen, daß er ohne Sünde sey, daß er keinen alten Menschen mehr an sich habe, sondern von brennender Liebe gegen den Heiland war er so durchdrungen und hingenommen, daß er nichts mehr für sich selbst zu seyn wünschte, sondern allein in seinem HErrn und meister, JEsu, seyn und wirken wollte. Aus dieser brennenden Liebe gegen den Heiland nun floß es heraus, daß er jeden Tropfen Bluts in den Abgrund der Hölle verwünschte, der nicht für Christum in seinen Adern flöße. Das ist der ächte Sinn gegen den Heiland. Denselben fordert auch der Apostel Paulus in unserer Abend-Lection: „so ermahne ich euch nun, um der Barmherzigkeit Gottes willen, daß ihr euch selbst begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sey, welches sey euer vernünftiger Gottesdienst.“ Er bittet ja hier die Römer, daß sie sich Dem, der sie zuerst geliebet hat, williglich und ganz und gar aufopfern, und so Sein ganzes Eigenthum werden möchten auf Zeit und Ewigkeit. Es ist im Grunde dasselbe, was er an die Korinther schreibt: „Christus ist darum für Alle gestorben, auf daß Die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern Dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“ Es ist also ganz christlich geredet, und wollte Gott, der Geist Gottes gäbe uns Allen die ganz gleichen Gedanken in das Herz:

HErr! fließt ein Tropfen Bluts durch meiner Adern Bach,
Der nicht Dein eigen ist, den treffe Deine Rach’.

Wenn man freilich die Welt fragt, so weiß sie von einem ganz andern Wege, von einem ganz andern Christenthum, von einem Christenthum, wobey der alte Mensch seine völlige Nahrung findet, von einem Christenthum, das, wenn es hoch kommt, aussieht wie Christenthum, aber etwas ganz Anderes ist, nämlich Heuchelwesen und todtes Wesen.

Todtes Werk, historisch Wesen
Ist’s, das sich die Welt erlesen,
Und für ihren Christus hält.

Das ist die gangbare Münze in der Welt; aber das rechtschaffene Wesen in Christo, die völlige Uebergabe des Herzens an Ihn, ist eine Ausnahme. Gehet einmal herum von Haus zu haus, fraget einen Menschen um den andern: Höre lieber Mensch, welches ist denn der rechte Weg, sein Leben nach dem Willen Gottes einzurichten, was gehört denn zum wahren Christenthum, zu der rechten Art, Gott zu dienen? Höret nur, ihr werdet die verschiedenartigsten Antworten bekommen. Einige werden sagen: das wahre Christenthum besteht darin, daß man ein stilles, friedliches Leben führt, Niemand beleidigt, mit Jedermann, so viel an einem ist, Frieden hält. Wenigstens läßt sich diese Ansicht mancher Menschen erschließen aus den Urtheilen über die Verstorbenen. Wie oft muß man es hören: Dieser Mensch ist gewiß selig; und fragt man: Warum? Antwort: weil er Niemand etwas zu Leide gethan hat, er konnte kein Thierlein beleidigen. Dieß macht also selig, dieß ist der ächte und wahre Gottesdienst. Ob einer sein Leben lang ein unbekehrter, unbegnadigter Mensch, ein Feind des Heilands gewesen sey; ob er die verborgenen Lüste seines Herzens genährt, oder bekämpft und verläugnet habe durch die Kraft Christi; ob er zur Ehre Dessen, der ihn erschaffen und erlöset hat, habe leben wollen; ob er dem alten Menschen abgestorben sey, und das Fleisch gekreuziget habe sammt den Lüsten und Begierden; ob er als ein blutarmer Sünder sich unter das Kreuz Christi gelegt, und hinüber gegangen sey in die andere Welt, nicht im Vertrauen auf sich selbst, sondern auf die freie Gnade in Christo – darauf kommt es, wie sie meinen, gar nicht an, darnach wird nicht gefragt. Das Ganze ist: Er hat Niemand beleidigt, also ist er selig. Bedenket doch dieses unvernünftige „Also.“ Man sollte denken, also ist er ein ordentlicher Mensch, ein guter Bürger gewesen, aber sie machen daraus: also ist er selig. Wisset ihr, was der Heiland zu Seinen Jüngern gesagt hat: „Es sey denn“ – sagt Er – „eure Gerechtigkeit besser denn der Schriftgelehrten, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Aber eben diese Schriftgelehrten führten ein gar ruhiges Leben, gehorchten der Obrigkeit, ließen sich äußerlich nicht viel zu Schulden kommen; aber bey all’ dieser Stille waren sie die aufgebrachtesten Feinde des Heilands, verfolgten Ihn, und brachten Ihn zuletzt an’s Kreuz. Bey all’ ihrem stillen, ordentlichen, eingezogenen, friedlichen Leben waren sie eben doch Feinde Christi und unselige Leute.

Andere meinen, das wahre Christenthum und der rechte Gottesdienst bestehe darin, daß man so viel als möglich Gutes thue. Das wäre schon recht, wenn es recht verstanden würde. Aber worin besteht dieses Gutes-thun? Da geben sie etwas Geld von ihrem Ueberflusse her für die Armen oder wohlthätige öffentliche Anstalten, die sie unterstützen, oder sie thun andere Dinge, die ihnen nicht sauer werden, und darin meinen sie, bestehe der wahre Gottesdienst, bey welchem einem der Himmel nicht fehlen könne. Dabey kann man denn freilich seinem Fleische vollen Raum lassen; dabey kann man gar gut seinem Vergnügen und seine Bequemlichkeit nachhängen, dabey kann man geizig und eigenliebig seyn, ein Ehebrecher, ein Schlemmer und Trunkenbold. Das Alles kann man seyn, und doch dabey Gutes thun; es ist dieß ganz bequem, man legt sich auf seine Gutthaten hin als auf ein Ruhekissen, und bringt sein Gewissen, wenn es aufwachen will, bald wieder zum Schweigen, und denkt: die Leute haben Recht, du bist ein Menschenfreund, und hast ein gutes Herz, deine Fehler und Sünden hast du zwar auch wie andere Menschen, aber um deines guten Herzens willen wird es Gott nicht so genau bey dir nehmen. Aus solchen Gedanken entspringen dann Aeußerungen, wie ich unlängst in einem Buche las, in welchem als der sicherste Weg in den Himmel das bezeichnet wird, daß man den Armen recht viel Gutes thue. Ich habe mich sehr verwundert über dieser Sprache, denn gibt es etwas Widersinnigeres als diese Behauptung? Die armen Leute wären dabey am bedauernswürdigsten, weil sie die Paar Gulden oder Thaler nicht besitzen, um den Himmel damit zu erkaufen. Wisset ihr, was der Apostel Paulus schreibt? „Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts, ein tönend Erz, eine klingende Schelle.“

Wenn ihr wieder Andere fragen würdet, wie führt denn ihr euer Christenthum? so würden sie, wenn sie ehrlich antworteten, ungefähr so sprechen: ich gedenke auf folgende Weise selig zu werden, und führe deßwegen mein Christenthum also: ich betrachte fleißig das Wort Gottes, und habe meine Freude daran; wenn ich des Morgens aufstehe, so gehe ich nie an die Arbeit, ich habe denn zuvor mit meinen Hausangehörigen den Morgensegen gelesen, und ebenso lege ich mich nie zur Ruhe des Nachts, ich habe denn meinen Abendsegen gelesen; ich gehe alle Sonntage in die Kirche, wo möglich nicht bloß einmal, sondern zwey Mal; alle Vierteljahre gehe ich zum Tische des HErrn, und lasse mir meine Sünden, die sich etwa wieder angehäuft haben, ausstreichen und vergeben. Das ist meine Art, wie ich Gott diene, und ich glaube, es ist die rechte Art. Liebe Zuhörer! das ist der rechte Pharisäers-Geist. Wie steht es denn um’s Herz? Hast du auch Liebe zu Gott darin? Hast du auch den Heiligen Geist darin, dringet dich auch die Liebe Christi, ist dein Christenthum auch Kraft und Leben, ist es dir auch darum zu thun, daß alle deine Werke, Worte und Gedanken möchten nach dem Willen und Wohlgefallen Gottes seyn, Gott verherrlichen und preisen? Ich glaube nicht, daß Solches bey dir der Fall war, denn, wenn es der Fall wäre, so würdest du auf solch’ äußeres Werk keine so große Zuversicht setzen. Frage dich doch, ob das nicht bey dir eintrifft, was ein Jünger Christi aus eigener Erfahrung sagte:

Da ich meint’, ich wär’ ein Christe,
Auch davon zu reden wüßte,
Brauchte Kirch’, Altar dabey,
Sange, Gut’s den Armen thate,
Keine grobe Laster hatte,
War es doch nur Heucheley.

Denn bey all’ diesen guten Uebungen kann man doch des rechten Weges verfehlen, kann man doch einen ungebrochenen, unbußfertigen, ungeheiligten Sinn in der Welt herumtragen, bey dem Allem kann man doch dem Geiz und der Fleischeslust völlig die Zügel lassen, und in den Wegen der Ungerechtigkeit sich umtreiben, mit andern Worten, man kann ein Christ scheinen, und sich selber für einen halten, und doch kein Christ seyn.

Hier mit den Wölfen heulen,
So lang’ man kann;
Dort mit den Schafen theilen,
Das geht nicht an.

Andere, wenn man sie über den rechten Gottesdienst befragt, antworten: Man muß sich der Tugend befleißigen. Das ist ganz recht, vorausgesetzt, daß sie wissen, was sie sagen; denn in unserer Zeit ist das Tugend-Geschwätz und das Tugend-Geschrey aufgekommen, ohne daß man recht wußte und gehörig erfahren konnte, was denn diese Tugend sey. Aber wie soll ich es denn angreifen, möchte ich diese Leute fragen, wenn ich mich der Tugend befleißigen und weihen will, ich finde ja so viele Hindernisse in mir, so viele Unlust zur Tugend, und so viele Lust zum Bösen, so wenig Neigung zum Guten, und so viel Neigung zur Sünde, was soll ich machen? Dafür wissen sie sogleich einen Rath; lege, sagen sie, alle Tage eine Untugend ab, du darfst nur eine um die andere ablegen, so wirst du frey und tugendhaft werden, und wenn du so fortfährst, wirst du zuletzt ganz los, und rein und gut seyn. Gewiß, man kann keinen thörichtern Rath geben, als dieser ist, und ich achte, daß Die, welche so sprechen, noch niemals auch nur den geringsten Versuch gemacht haben, das auszuführen, wozu sie rathen, denn wo sie es nur mit einem Finger angerührt hätten, so hätten sie finden müssen, daß es höchst ungereimt ist, also zu rathen. Die Sünde ist kein Kleid, das man aus- und anziehen kann nach seinem Belieben; sie steckt viel tiefer; ihre Wurzeln sind mit unserem innersten Geistesleben verwoben; ja, wenn Einer sein ganzes Leben damit zubrächte, aus eigener Kraft von einer Sünde los zu werden, so würde es ihm nicht gelingen, und er müßte bekennen, daß er vergeblich gearbeitet und seine Zeit unnütz verschwendet habe. Ich will den Fall setzen, du wolltest die Eigenliebe aus deinem herzen ausrotten, und es gelänge dir, meister zu werden über die großen Ausbrüche derselben, und du brächtest es aus eigener Kraft, was aber unmöglich ist, so weit, daß du keinen Gefallen mehr an dir selber hättest, was würde die Folge davon seyn? Antwort: du würdest einen Gefallen daran haben, daß du keinen Gefallen mehr an dir hast, daß du es so weit gebracht hast in der Ertödtung deiner Eigenliebe, und so würde das zweite Uebel ärger denn das erste; denn vorher warest du ein hochmüthiger Sünder, nun wärest du ein hochmüthiger und eigenliebiger Sünder, nun wärest du ein hochmüthiger und eigenliebiger Heiliger, und diese sind ein größerer Greuel vor Gott als jene. Aber versuch’ es nur einmal, weihe dich der Tugend nur eine Woche lang in wahrhaftigem Ernst und mit Aufrichtigkeit gegen dich selbst. O! wenn die Leute, welche so viel von der Tugend reden, nur einmal ernstlich versuchten, das in’s Werk zu setzen, was sie reden, so könnten sie noch zur Erkenntniß der Wahrheit, zur Erkenntniß ihrer Jämmerlichkeit und ihres Elends, und zur Erkenntniß der Allgenugsamkeit Christi gelangen, und vielleicht auf diese Art zu einer wahren Bekehrung hindurchdringen.

Welches ist denn nun aber der wahre, der vernünftige Gottesdienst? Das sagt uns der Apostel in unserem Texte, wenn er uns zuruft, daß wir ein reines, heiliges, lebendiges, ein Gott wohlgefälliges Opfer werden sollen. Nicht dieses oder jenes sollen wir verläugnen; nicht dieses oder jenes sollen wir dem HErrn zum Opfer bringen, sondern uns selbst. Liebe Seele, dich selbst will der Heiland haben, und zwar ganz und gar zum völligen Eigenthum haben; es ist also nicht damit ausgerichtet, daß du Ihm hin und wieder das Opfer des Gebets darbringst; es ist nicht damit ausgerichtet, daß du um Seinetwillen Manches unterlässest, was du bisher beliebt hast, daß du dem großen Gott, dem du ja angehörst mit Leib und Seele, mit ein paar Wohlthaten, die du den Armen erweisest, abfertigst, im Uebrigen aber dein Eigenes suchst; es ist damit nicht ausgerichtet, daß du im Seinetwillen Manches unterlässest, was du bisher geliebt hast, daß du dem großen Gott, dem du ja angehörst mit Leib und Seele, mit ein paar Wohlthaten, die du den Armen erweisest, abfertigst, im Uebrigen aber dein Eigenes suchst; es ist damit nicht ausgerichtet, daß du dich eines frommen, tugendhaften Wandels befleißigst, sondern Er will dich selbst; Er will, daß du als Sein Eigenthum, als Sein Leibeigener auf der Welt lebest, daß du dich einzig Seiner rühmest, daß dein Leben einzig zu Seiner Ehre gereiche, und wenn du auch sündigen, und aus dieser Liebespflicht herausfallen solltest, daß du trauerst und dich betrübst, nicht darüber, daß du gegen dich selbst, sondern gegen deinen HErrn gesündiget habest. Das soll unsere Gesinnung, das unsers Herzens Wunsch, unsere Begierde, unser Seufzen seyn, daß wir, wir mögen aufstehen oder niedergehen, wir mögen wachen oder schlafen, wir mögen gehen oder sitzen, wir mögen leben oder sterben, Dem zur Ehre seyen, der uns geliebet hat. Das war der Sinn des Apostels Paulus, wenn er spricht: „So lebe nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir, denn was ich lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, Der mich geliebet und Sich selbst für mich dargegeben hat.“

Aber wie – so regt es sich da vielleicht in manchem Herzen – darf man sich denn der Welt, wenn man sein Herz Christo übergeben hat, gar nicht mehr gleich stellen? Sollte es denn nicht möglich seyn, daß ich dem HErrn diente, und doch dieses und jenes beybehielte, von was mein Fleisch und mein alter Mensch sich so ungerne trennt, muß ich denn alle meine Lieblings-Neigungen hergeben, meine liebste Lust zerbrechen, soll ich denn JEsum mehr lieben als mich selber? Das wäre doch hart. Ja, lieber Zuhörer, ja, lieber Mensch, mag es dir hart vorkommen oder nicht; im Reiche Gottes gilt nur Eines, ein: _ Entweder, Oder. – Entweder Christus oder Belial, Gott oder Teufel, Tod oder Leben, der Welt rein ab und Christo an, so ist’s gethan. Wenn ein König in den Krieg ziehen wollte, und er würde unter seinen Kriegern Leute haben, die im heimlichen Einverständniß mit seinen Feinden sind, würde er das so hingehen lassen können? nein, wenn Krieg ist, so muß er Entschiedenheit fordern, entweder für die eine oder für die andere Seite; Neutralität ist hier nichts nütze. Liebe Zuhörer, es herrschet Krieg seit 5000 Jahren und drüber zwischen dem Reich des Lichts und dem Reich der Finsterniß; entweder gehören wir mit dem Herzen dem Einen an, oder dem Andern. JEsus Jehovah ist aber ein eifriger Gott, und will Seine Ehre keinem Andern geben, noch Seinen Ruhm den Götzen, deßwegen ließ Er schon dem Volke des Alten Bundes durch den Propheten Elias sagen: „Wie lange hinket ihr auf beyden Seiten? Ist Jehovah Gott, so wandelt Ihm nach, ist’s aber Baal, so wandelt ihm nach.“ Und so läßt Er auch durch Seinen Knecht Johannes dem Volke des Neuen Bundes sagen: „Das habe ich wider dich, daß du weder kalt noch warm bist, aber du bist lau; ach, daß du kalt oder warm wärest, weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, so will ich dich ausspeyen aus meinem Munde.“

Aber, fragt vielleicht Einer: wie komme ich doch zu dieser völligen Uebergabe meines Herzens an JEsum, wo nehme ich Kraft her, ganz mir selbst zu entsagen, und Ihm mich aufzuopfern als ein williges Opfer? Diesem antworte ich: bey den Menschen ist es unmöglich, aber bey Gott sind alle Dinge möglich. Der Heiland sagt zu Seinen Jüngern: „Wenn aber Er, der Tröster, kommen wird, so wird Er mich verklären in euch.“ Wenn dieses Geheimniß dir geoffenbaret wird durch den Heiligen Geist, so wirst du es können und gerne thun. Wenn ein Mensch verlegen wird über sich selber, und seine bisherigen Stützen brechen ihm morsch zusammen, und seine Sünden werden ihm schwer und gehen über sein Haupt, und es geht an ein ernstliches Fragen bey ihm, ob auch für ihn noch ein Heiland vorhanden sey, durch den er Barmherzigkeit erlangen könne, sehet, ein Solcher ist auf dem geraden seligen Wege, zu einer völligen Uebergabe seines Herzens an JEsum. Denn, wenn er Barmherzigkeit gefunden hat bey Dem, der Keinen von sich stoßt, so wird er um dieses großen, unaussprechlich theuren Fundes willen, um dieser Perle willen, Alles verkaufen, was er hat. Dann steht die Uebergabe des Herzens an JEsum vor seiner Seele nicht mehr als ein hartes Müssen, sondern als ein seliges Dürfen; dann klagt er nicht mehr, wie schwer und unmöglich es sey, sondern freut sich darüber, daß er ein gänzliches Eigenthum des Heilandes werden, und zu Seiner ehre leben darf in dieser Welt.

O liebe Brüder und Schwestern, sehet JEsum an in Seiner großen Liebe zu uns. Er ist ein Opfer geworden für mich, sollte es nicht auch der Wunsch meines Herzens seyn, ein Opfer zu werden für Ihn? Er hat Sich dahin gegeben für mich (dieß ist ein tiefes, ein inhaltsschweres Wort), Er hat nichts für Sich behalten, Sich ganz und gar vergessen um meinetwillen, und ich sollte Seiner vergessen, sollte nicht mich williglich Ihm zum Lobopfer übergeben? Er ist für mich in den Todesstaub gelegt worden; Er hat für mich Schmach und die tiefste Erniedrigung erduldet, und ich sollte noch meine Eigenliebe pflegen, und groß und angesehen werden wollen in der Welt, in der Er so verachtet war, ich sollte nicht alle ehrgeizigen, alle eiteln, elenden Gedanken in den Abgrund der Hölle verfluchen? Er hat Sein Haupt dargereichet; Sein Haupt war voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, und ich sollte noch daher fahren mit hochmüthigen Gedanken, und meinen Kopf und meinen Nacken stolz und unbiegsam tragen in dieser Welt? Er hat so viele Marter und Pein an Leib und Seele erlitten, und ich sollte mich in Wollust waiden, und gute Fleischestage suchen? Seine Hände wurden Ihm durchgraben, und ich sollte die meinigen machen zu Waffen der Ungerechtigkeit? Seine Füße wurden Ihm durchbohrt, und ich sollte mit den meinigen die Wege des Unfriedens und des Verderbens wandeln? Er ward nackt und bloß an’s Kreuz erhöhet, und ich sollte in Pracht und Eitelkeit prangen? Er hat eine ewige Gerechtigkeit erfunden mit so bittern Schmerzen, und ich sollte Ihm noch Seinen Ruhm rauben, und eine eigene Gerechtigkeit aufrichten wollen? Ach nein, Alles sey in den Staub getreten, verachtet und für Koth geachtet um Seinetwillen. O wem der Geist Gottes einen Blick auf da Kreuz JEsu Christi öffnet, der ist gestorben und begraben mit dem Heiland der Sünde nach, und auferwecket dem Geiste nach, daß er mit Ihm in einem neuen Leben wandelt, daß er keinen Gefallen mehr an sich selber haben, sondern Ihm ganz allein zu Seiner Ehre, zu Seinem Wohlgefallen, zu Seiner Freude leben will, durch die Kraft seines Todes und Seiner Auferstehung.

Freilich, wenn man sich so mit dem Heiland verlobt, und sich Ihm zum ewigen Eigenthum verschrieben hat, ist der Kampf damit noch nicht beendiget. Denn der Kampf dauert fort, so lange diese Hütte steht, und der geistige Mensch muß täglich erneuert werden, täglich auf’s Neue als ein Gott wohlgefälliges Opfer dargebracht werden. Aber nun kann man es thun; nun thut man es gerne; man weiß, für was man lebt; man schreitet vorwärts, freudig und getrost auf diesem königlichen Wege. Was man dabey genießt, was das Herz dabey empfinden darf, welchen Frieden des Gewissens, welchen Trost der Seele, das weiß freilich die Welt nicht, und ist verborgen mit Christo in Gott.

Ein Tröpflein von den Reben
Der süßen Ewigkeit
Kann mehr Erquickung geben
Als dieser eitlen Zeit
Gesammte Wollustflüsse.
Und wer nach jener strebt,
Tritt unter seine Füße,
Was hier die Welt erhebt.

„Gib mir, mein Sohn, dein Herz!“ Das ganze Herz verlangt der Heiland von uns. Nichts ist aber erbärmlicher, nichts elender, nichts jämmerlicher als ein halbirtes Herz, ein getheiltes Christenthum. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Wenn man der Sünde entsagen und doch nicht ganz entsagen will, wenn man dem Heiland leben und doch nicht ganz leben will, wenn man möchte und mag doch nicht; dabey ist Unsegen und jämmerlicher Selbstbetrug. Siehe, daher kommt es, daß du oftmals keinen Frieden, keinen Trost, keine Erquickung im Herzen hast; heute im Himmel, morgen in der Hölle, heute froh, morgen betrübt ist. Dieß kommt Alles daher, weil JEsus und Seine Gerechtigkeit und Liebe noch nicht verklärt ist in deinem Herzen, weil du dich noch nicht zum völligen Lohn Seiner Schmerzen Ihm ergeben hast.

Nun, meine Liebe, was wollen wir denn thun? Ich dächte doch, JEsus wäre es werth, daß wir von Ihm alle andern Götzen in unsern Herzen stürzen ließen, auf daß Er als der alleinige König unser Inneres zu Seinem Tempel und Heiligthum erwählete. Ich achte, das sollte unser tägliches Gebet seyn, daß JEsus verklärt werde in unsern Herzen, daß wie Er unser seyn will, ungetheilt und ungeschmälert, ganz unser mit allen Seinen Gnadenschätzen, auch wir Sein ganzes ungetheiltes Eigenthum seyn und bleiben möchten. Ach, suchet Ihn doch, so lange Er zu finden ist; bittet Ihn um einen ernstlichen Willen; denn ein Wille, der durch den Geist Gottes geboren ist, bricht durch Stahl und Stein, ja selbst durch satanische Riegel und Schlösser. Wer ist weise, wer ist klug, wer lässet sich sagen, wer lässet sich rathen, wer macht sich auf? Wer ein Eigenthum des HErrn JEsu seyn will, der stimmt mit ein, wenn ich jetzt für mich und für euch also zu Ihm bete:

Ach, HErr JEsu! ich bitte Dich für mich und für Alle, die hier versammelt sind, laß uns doch Alle ganz Dein Eigenthum werden und bleiben. Großer JEsus! was hast Du an uns Armen verwendet, wie viel Gnade hast Du uns erzeigt, also, daß wir sie nicht aussprechen und genug preisen können. Aber thue nun auch diese Barmherzigkeit an uns, befestige unsere zum Theil noch sehr unbefestigten, unmündigen Herzen, daß wir allein auf Dich, den wahren Grund, bauen, und Dir zu Ehren, der Du es ja allein werth bist, leben, leiden und sterben.

Ach, erheb’ die matten Kräfte,
Daß sie sich doch reißen los,
Und, durch alle Welt-Geschäfte
Durchgebrochen, stehen bloß.
Weg mit Menschen-Furcht und Zagen,
Weich’ Vernunfts-Bedenklichkeit,
Fort mit Scheu für Schmach und Plagen,
Weg des Fleisches Zärtlichkeit.

O gib uns Allen einen rechten Trieb und Eifer, nur Dir allein zu leben, nur allein Deine Nachfolger in dieser Welt zu seyn, damit du uns an jenem Tage als Deine Kinder vor Deinen Vater stellen kannst mit Freuden. HErr, hilf uns um Deiner Liebe willen! Amen.

1)
30. November
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