Hofacker, Ludwig - Predigt am Sonntage Quasimodogeniti

Von der Ueberwindung der Welt durch den Glauben

Text: 1. Joh. 5,4–13.

Denn Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Wer ist aber, der die Welt überwindet, ohne der da glaubet, daß JEsus Gottes Sohn ist? Dieser ist es, der da kommt mit Wasser und Blut, JEsus Christus, nicht mit Wasser allein, sondern mit Wasser und Blut. Und der Geist ist es, der da zeuget, daß Geist Wahrheit ist. Denn Drey sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist; und diese Drey sind Eins. Und Drey sind, die da zeugen auf Erden: Der Geist und das Wasser, und das Blut, und die Drey sind beysammen. So wir der Menschen Zeugniß annehmen, so ist Gottes Zeugniß größer; denn Gottes Zeugniß ist das, das er gezeuget hat von Seinem Sohne. Wer da glaubet an den Sohn Gottes, der hat solches Zeugniß bey Ihm. Wer Gott nicht glaubet, der macht Ihn zum Lügner; denn er glaubt nicht dem Zeugniß, das Gott zeuget von Seinem Sohne. Und das ist das Zeugniß, daß uns Gott das ewige Leben hat gegeben, und solches Leben ist in Seinem Sohne. Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Solches habe ich euch geschrieben, die ihr glaubet an den Namen des Sohnes Gottes, auf daß ihr wisset, daß ihr das ewige Leben habet, und daß ihr glaubet an den Namen des Sohnes Gottes.

„Was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“; - das sind großartige, majestätische Worte des Apostels. Wer faßt sie? wer kann ihren herrlichen Sinn erwägen und genugsam bedenken? Die Welt überwinden, die Welt, deren fast unbezwinglicher Kraft, was vom Fleische geboren ist, es heiße, wie es wolle, nimmermehr widerstehen kann; die Welt, mit welcher wir von Natur in tausend Dingen zusammenhänge, die von tausend Seiten her unser armes Herz fesselt und in ihre Bande schlägt; die Welt, aus deren Gefangenschaft schon viele arme Geister, die den rechten Weg nicht kannten, sich auf diese oder jene Art, oft mit großen Aufopferungen herauswickeln wollten, und es nicht vermocht haben, diese Welt zu überwinden, sagt der Apostel, sey eine Eigenschaft des Glaubens, und zwar eine solche Eigenschaft, daß in dem Glauben sie schon überwunden sey. Dieses Wort des Apostels ist wohl der Mühe werth, daß wir mit unsern Gedanken länger dabey verweilen, und ich will deßwegen in dieser Stunde zu euch reden:

‚‘Von der Ueberwindung der Welt durch den Glauben.‘‘

Die Ueberwindung der Welt ist etwas, den natürlichen Kräften des Menschen gänzlich Unmögliches. In der Welt leben und sie doch überwinden, besitzen als besäße man nicht, haben als hätte man nicht; genießen als genöße man nicht, seinen Wandel in der Welt führen und doch ein Bürger des oberen Jerusalems seyn; sich mit dem beschäftigen, was auf Erden ist, und doch suchen, was droben ist; Treue im Kleinen beweisen, und doch Alles, was von der Welt ist, für Nichts achten, und unter seinen Füßen halten; sein Herz rein bewahren vor dem Argen, und seinem Heilande ein durch nichts gefesseltes, allein in Ihm sein ganzes Glück suchendes Herz darbringen: das ist Etwas, das der Tausendste nicht weiß, nicht faßt, nicht einsieht, das viele tausend Wollüstlinge und Sklaven Satans, viele tausend gefangene Geister für eine Thorheit, ja, für die höchste Schwärmerey halten, das aber doch Weisheit und wohlgefällig ist vor dem Vater der Ewigkeiten, wohlgefällig vor Dem, welcher uns vorangegangen ist in Ueberwindung der Welt, vor Dem, von welchem nur Die gekrönt werden, die überwinden durch des Lammes Blut, und die ihre Kleider weiß und rein zu halten suchen bis auf den Tag JEsu Christi.

Ach, es möchten vielleicht nicht gar Viele unter uns seyn, welche in rechtem Glauben die Welt überwinden. ja, wenn es ausgerichtet wäre mit einer großen und gewaltigen Sprache, die man führt, wo man sich rühmet, über manche Dinge, in welchen der Bruder gefangen ist, weit hinaus zu sehen, und den Bruder, der in Diesem oder Jenem gefangen ist, unbarmherzig richtet; oder wenn es damit ausgerichtet wäre, daß man sich vor groben Ausschweifungen in Acht nimmt, dabey aber seinen Lieblings-Neigungen blindlings folgt; oder wenn es damit gethan wäre, daß man sich mehr wie vorher von dem Wesen dieser Welt absondert, daß man weniger Gemeinschaft mehr pflegt als vorher mit den Dingen, mit den Vergnügungen, Lustbarkeiten und Freuden dieser Welt, mit dem, was in ihr für groß und angenehm gehalten wird; daß man sich mehr in die Stille zurückzieht, mehr in Geräuschlosigkeit seinem Gott zu dienen sucht als vorher, oder wenn das die Welt überwinden hieße, daß man eine Sünde durch die andere austreibt, einen Teufel durch den andern; oder, daß, wenn man alt wird und krank, man keine Freude mehr hat an dem, was man vorher geliebt hatte, nicht mehr an der Eitelkeit, nicht mehr an dem Dienste des vergänglichen Wesens; wenn das die Welt überwinden hieße, so möchten ja viele Ueberwinder unter uns seyn, so möchte es ja Viele geben, welche der Erscheinung unseres Heilandes mit aller Freudigkeit entgegen sehen könnten, um von Ihm die Krone des Lebens zu empfangen, die der HErr, der gerechte Richter, allen Denen geben wird, welche Seine Erscheinung lieb haben. Aber dieses Alles heißt nicht die Welt überwinden; zwar können alle diese Punkte, die ich berührt habe, als liebliche Anfänge dieser großen Sache, die man Ueberwindung der Welt heißt, zu Grunde liegen; aber das Ganze, das Rechte ist es noch nicht.

Die Welt mit ihrem Wesen hat vorzüglich eine zweyfache Weise, wie sie eine Christen anzugreifen und zu fällen sucht, sie kommt an unser Herz mit Lust und mit Furcht. „Alles, was in der Welt ist“ – sagt der Apostel – „nämlich der Augen Lust, und des Fleisches Lust und hoffärtiges Wesen, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.“ Augenlust nennt er hier als Etwas, womit die Welt locke und an das Herz der Kinder Gottes zu kommen suche; und o! wer weiß es nicht, was in diesem Worte liegt? Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, wie die Dinge dieser Welt, die irdischen, elenden, in der Zeit erscheinenden und mit der Zeit vergehenden Dinge durch die Augen mit einer gewissen Zauberkraft auf die Seele wirken? Wer weiß es nicht, wie Satanas durch die Dinge dieser Welt, die er unsern Augen vorführt, ein Gift in unsere Seelen hineinhaucht, ein Gift, das oft nur unter großen Geburtsschmerzen wieder ausgelöscht werden kann durch die Kraft des Blutes Christi? Wer weiß es nicht, wenn er jemals auf sich und sein Seelenheil Rücksicht genommen hat, wie nöthig ein Christ hat, täglich zu bitten:

Halte, halte meine Augen,
Holder Freund, in dieser Zeit,
Daß sie nichts zu sehen taugen
Als den Tag der Ewigkeit.

So geschwind, so unversehens ist dieses Auge angefaßt und in Dinge hinein zerstreut, die nicht für den Tag der Offenbarung taugen. Denn aus der Augenlust zieht der Geiz und die Wollust und die meisten Sünden ihre Hauptkraft. Nun, liebe Zuhörer, habt ihr die Augenlust überwunden? – Nicht so, daß ihr nicht mehr davon angefochten würdet; denn so weit bringt es kein Mensch in dieser sündigen Hütte, aber steht ihr in täglicher Ueberwindung, in täglichem Siege darüber? Ist es euch darum zu thun, daß eure Seele nicht mehr durch diese Dinge angesteckt, befleckt und verunreiniget werde? Oder wie? lässest du deinen Augen noch mehr oder minder freien Lauf, lässest du sie umher gleiten, wohin die Lust sie lockt und reizt?

Fleischeslust ist die zweite Falle, welche die Welt dem Herzen stellt. Ach, das ist es ja, wonach die Welt vorzüglich hascht; das suchet sie ja mit all’ den Anstalten, die sie trifft, das suchet sie ja mit allem Rennen und Jagen, mit ihren Lustgelagen, mit ihren Partien, mit all’ ihren Eitelkeiten, das suchet sie Jahr aus Jahr ein, Tag und Nacht, und wird nimmer satt, und kann zu keiner Genüge kommen; denn das elende Fleisch und sein Gelüste soll seine Nahrung finden, dem Fleische muß auf feine oder grobe Weise geschmeichelt werden. Soll ich darüber noch Vieles sagen? Ich werde es nicht thun, ihr wisset Alle, was darunter verstanden ist, ihr wisset, daß darunter Alles begriffen ist, was die Gelüste oder Gelüstlein des Fleisches kitzelt, habe es nun Namen, welche es wolle; und wahrlich, unsere sinnliche Zeit hat es weit darin gebracht, immer wieder neue Arten der Fleischeslust zu schaffen, immer schönere Namen ihr zu geben. Es fragt sich nur darum, ob wir davon los sind, ob wir nicht in feinerer oder gröberer Fleischeslust stecken, ob wir Ueberwinder sind? Ach, mein Gott! wie manche Seele möchte hier gegenwärtig seyn, die hierin gefangen liegt, wie Mancher, dem sein Bauch mehr oder weniger sein Gott ist. O ihr armen Geister, die ihr der Fleischeslust dienet, feiner oder gröber, sehet JEsum an, sehet, was eure Sünde angerichtet hat, wie Ihm Sein Fleisch gegeißelt und gezüchtigt, Sein heiliger Leib zerrissen und verwundet, das ganze Gericht der Sünde an Ihm hinausgeführt wurde. ihr lebet mit der Welt in Lust und Freude, und Er mußte in Todesqual Sich verzehren. Ach, welche Schuld ladet ihr auf euch, wenn ihr JEsum mit euren Wollüsten täglich noch kreuziget, welche schreckliche Saat wird aufgehen in der Ewigkeit, wenn es an euch wahr wird, daß, „wer auf das Fleisch säet, vom Fleisch das Verderben erntet!“

Und was soll ich vom hoffärtigen Wesen sagen? So elend die Welt ist, so wenig sie hat, was das Herz sättigen kann, so jämmerlich ihre Freuden sind, so schnell Alles, was darin ist, seiner Endschaft entgegen reist, so gewiß es ist, daß die die elendesten Thoren sind, welche in der Welt und in ihrem Wesen und in der Eitelkeit dieser Zeit ihre Nahrung suchen – ach, es sind ja nichts als Träber; wie willst du denn deine unsterbliche Seele damit abfertigen, und mußt du nicht von hinnen, thörichter Mensch? – So gewiß dieß Alles ist, so nimmt sich doch die Welt so viel noch heraus, daß sie ihren Jammer herauszuheben, herauszuschmücken sucht; er soll etwas gleich sehen, man soll meinen, er sey etwas Rechtes; daher der hoffärtige Zauber, womit sie sich einkleidet und umhüllt, und ihre Anhänger fesselt und besticht. Ach wie werden diese armen betrogenen Geister erschrecken, wenn die arme Welt entkleidet, und ihr ihr hoffärtiger Zauber genommen wird! wie werden sie erstaunen über der inneren Erbärmlichkeit der Dinge, an welche sie ihre Seligkeit verkauft hatten! O, du magst noch so hoffärtig seyn, und dich noch so sehr erheben, und deinen armen Leib noch so sehr schmücken, und dir einbilden, was du willst: es kommt ein Tag, ein großer Tag, an welchem alle deine Hoffart als erbärmliche Larve dir von deiner wahren Gestalt herunter fällt, und da dastehen wirst, wie du bist. Nun, lieber Zuhörer, bist du etwa frey vom hoffärtigen Wesen? hast du es überwunden? lebst du in der Demuth Christi? Sind dir die hohen Augen und stolzen Geberden und ein hoffärtiges Herz ein Greuel, den du fliehest? Geht es dir wie David: „ich will noch niedriger werden in meinen Augen?“

O wie selig wärest du, wenn du so die Welt überwunden hättest! Das wäre etwas, worüber du dich noch in der Ewigkeit freuen könntest; das wäre eine Saat für jene Ernte, welche würdig wäre, in die Scheunen des himmlischen Vaters versetzt zu werden, während die Welt sammt ihren Aergernissen dem Feuer wird übergeben werden. Diese Welt selbst mit ihrem Wesen aber hat sehr verschiedene Arten und Seiten. Es gibt eine Welt in und außer uns; es gibt eine gelehrte, es gibt eine feine und gebildete, und es gibt eine honette und ehrbare Welt, es gibt eine Handelswelt, und jede dieser Arten hat ihre besonderen Seiten, in welcher ein Jünger und Nachfolger des Heilandes überwinden muß. In der gelehrten Welt herrscht der Verstandes- und Wissens-Hochmuth; sie nehmen Ehre von einander, und geben Gott die Ehre nicht; in der feinen und gebildeten Welt herrscht die Lüge, die feine Lüge, die Schmeicheley, die feinere oder gröbere Wollust, das Schönthun und Freundlichseyn in das Gesicht hinein, während das Herz ganz andere Dinge in sich beweget; in der ehrbaren Welt herrscht der Stolz auf gute Werke und Tugend, die Scheinheiligkeit, das Brüsten auf seine Rechtschaffenheit; in der Handelswelt, welche überall anzutreffen ist, wo es sich um das Mein und Dein handelt, herrschen allerhand Vortheile und Künste, die man gebraucht, um sich sein Gut zu vergrößern, um sich reich zu machen und Schätze zu sammeln. Aber sey es nun eine Welt, welche es will: Welt ist Welt und bleibt Welt, und muß überwunden werden, wenn man nicht mit der Welt will verloren gehen. Ach, mein Gott! das Verderben ist groß, größer als man glaubt. Denn alle diese Welt, wie sie ist, liegt im Argen; sie nimmt aus dem Argen, aus dem Satan, aus dem Abgrunde ihre Kraft und ihr Wesen, und wenn es oft auch unschuldig aussiehet, so ist doch diese anscheinende Unschuld mit Kraft aus dem Abgrunde, mit der Schlange Art und List und Bosheit beflecket, und nur um so gefährlicher, je geheimer und süßer das Gift ist, mit dem sie uns in die Fersen sticht. Aber gesetzt auch, du habest dieß Alles überwunden, du habest aus der Gnade Christi heraus durch Einfalt, durch Demuth, durch Liebe und Sanftmuth, durch Keuschheit und Geduld der Welt Art überwunden, habest die Schlange unter den Füßen, und werdest nicht mehr von derselbigen vergiftet: so ist noch eine Welt, lieber Mensch, eine Welt in dir, eine Welt in der Einbildungskraft und Phantasie, und das ist eigentlich die gefährlichste Welt, diese innere Welt, dieser Markt des Herzens, dieses Getriebe der Gedanken und Empfindungen, diese Bilder und Phantasieen, welche der Seele vorschweben, welche aus der Eigenliebe, aus dem Geiz und der Wollust, - aus dem Herzen emporsteigen. Dieß ist eigentlich der gefährlichste Feind, ohne den der äußere Feind nichts wäre. O in diese giftigen Grundlagen des eigenen Herzens schleicht sich dann die äußere Welt mit ihrer Annehmlichkeit und ihrem Reich erst recht ein, macht die Lust erst recht rege, und wenn dann die Lust erst recht rege und lebendig ist, sucht sie dich, auch wenn du schon manchen Sieg davon getragen hast, wieder zu fällen. Das ist die Welt, die innere und äußere Welt, die von der Hölle entzündet ist, aus dem Abgrunde und aus der Hölle ihre Kraft nimmt; und was kann dieses Alles anders ausgebären als höllische, satanische Dinge, wie sie ja am Tage sind in dieser Welt? Aber du sprichst: Solches kann ich nicht glauben, so schlimm ist die Welt nicht, das ist zu hart von der Welt gesprochen, wenn es so wäre, wer wollte denn selig werden? und es ist auch nicht so; wenn ich die Welt unbefangen und nicht mit grellen Augen ansehe, so finde ich’s ganz anders. Lieber Mensch! das glaube ich dir schon, denn die Welt ist dein Element, sie hat dich schon gefangen, du bist ihr Sklave, versuch’s nur einmal, frey zu werden und zu überwinden, da wirst du finden, mit welcher Kette du gebunden bist, mit Ketten, die nur Christus zerreißen kann. O laß dir doch die Augen öffnen. Ein durch die Gnade Gottes hellgemachtes Auge siehet mehr in dem Wesen und Treiben der Welt als nur bloße unschuldige Freuden und Vergnügungen; ein hellgemachtes Auge sieht, daß mit dem Allem der Arge seine Gewalt ausübt über die Herzen der Menschen, und sie in seinen Stricken gefangen hält. Oder sollte die Schrift lügen, wenn sie sagt: „die Welt liegt im Argen?“ man muß hier stets auf Schlangen gehen, die einem in die Fersen zu stechen, und einem von ihrem Gift etwas beyzubringen suchen. O wie Viele möchten auch unter uns seyn, welchen der HErr das zu sagen hätte: „es sind wenige Namen zu finden, die nicht ihre Kleider besudelt haben.“ Und wenn dir die Welt nichts mehr anhaben kann durch Schmeicheleien und Lockungen, so wird sie dich verspotten und verachten, sie wird die allerhand Namen geben, sie wird dir dein Leben sauer machen, und dich in Zorn, Haß, Hader, Angst, Furcht, Zweifel, Unglauben und Lieblosigkeit bringen wollen.

Was heißt denn nun die Welt überwinden? Das heißt nicht anders, denn einen Sinn haben, der über allen diesen Dingen oben steht, der nicht darin gefangen, sondern los ist von diesen Ketten, und auch, wenn sie sich an ihm wird fest machen wollen, diese Anzüglichkeiten und Anhänglichkeiten durch die Kraft Christi zerreißt. Nicht, daß man aus der Welt gienge, und sich in eine Einöde oder in sein Kämmerlein verschließen müßte; denn dieß wäre nicht überwinden, dieß hieße die Flucht ergreifen; und würdest du denn nicht auch in deine Einöde oder in dein Kämmerlein deine innere Welt mitnehmen? Die Welt überwinden ist etwas ganz Anderes. man ist in der Welt, und ist doch nicht darin, man lebt in der Welt, aber man läßt sich doch nicht fangen; man besitzt und besitzt doch nicht; man hat und hat doch nicht; man arbeitet und vertieft sich nicht darein; man sorgt, aber man läßt sein herz nicht davon einnehmen; man geht mitten durch ein unschlachtiges und verkehrtes Geschlecht dahin, aber Jerusalem zu; man hält das Wesen dieser Welt für nichts und unter seinen Füßen, man ist Bürger einer höh'ren Stadt und sucht das Zukünftige. O da mögen die Andern um einen herum treiben, was sie wollen: der Sinn der Christen geht anders wohin; er überwindet im Geist und Glauben weit die alte Nichtigkeit – und so überwindet man Tag für Tag und Jahr für Jahr, und schreitet in der Kraft Gottes als ein Pilgrimm und Fremdling, der hienieden keine bleibende Stätte hat, dem oberen Vaterlande zu, wohin die Begierde gehet, wohin der Sinn stehet, wohin einzugehen man sich sehnet Tag und Nacht; und wenn man je da oder dort gefället wurde, so richtet man sich wieder auf, und fängt’s bey’m Alten an – mit Einem Wort: man ist in der Kraft Christi ein unbesiegbarer Streiter, bis der HErr einen erlöset aus allem Streit und aus aller Noth, und zu Sich nimmt in Sein himmlisches Reich.

Das heißt die Welt überwinden, und das ist freilich ein größerer Sieg, als wenn man die ganze Welt durchzöge, und eroberte die ganze Welt durch die Kraft seiner Waffen und das Blut der Menschen. So hat überwunden JEsus Christus, unser Heiland: Er war wohl in der Welt, aber Er war doch nicht von der Welt. Sie ist habsüchtig und geizig, und hält auf irdische Schätze; Er hatte nicht, da Er Sein Haupt hinlegte; die Welt ist hoffärtig und stolz; Er aber war sanftmüthig und von Herzen demüthig, Er erniedrigte Sich selbst, und nahm Knechtsgestalt an; die Welt ist wollüstig und frech; Er aber war heilig und rein, und hat nicht das Wohlleben gesucht, sondern hat Seinen Thränenlauf durch diese Welt unter Gebet und Flehen mit starkem Geschrey vollendet; die Welt pflegt das Fleisch, Er aber hat Sein Fleisch dargegeben; und weil ER so mit Seinem göttlichen Sinn unbefleckt hindurchgegangen durch diese arge Welt, und von keiner Versuchung des Satanas gefällt worden, konnte Er Sich dem Vater darstellen als ein reines Lamm und Opfer, als einen reinen Hohenpriester; darum konnte Er sagen: „ich habe die Welt überwunden.“ Wie aber Christus in der Welt war, so sollen auch wir in der Welt seyn. Zwar werden wir nicht unbefleckt hindurchkommen, denn wir haben das Sündengift in uns von Natur; aber hat Er überwunden, so können auch wir durch Seine Kraft, so sollen auch wir überwinden; hat Er Sein Angesicht stracks nach Jerusalem gewendet, so können und sollen wir es auch so machen; weil Er’s gethan hat, so haben wir jetzt keine Entschuldigung mehr, wenn wir’s nicht auch thun; denn der Dulder auf Golgatha ist vorangegangen, und wir sollen nachfolgen Seinen Fußstapfen. Das ist unsere Pflicht, unsere höchste Schuldigkeit; wer das nicht thut, der geht auf dem breiten Wege, dem ewigen Verderben entgegen, und wird verderben und muß brennen. Ja, liebe Zuhörer! „die Welt vergehet mit ihrer Lust“, und Die, so in der Welt ihre Lust gehabt und nicht überwunden haben, werden mit ihr vergehen, sie seyen, wer sie seyen, denn bey Gott ist kein Ansehen der Person.

Aber du sprichst: wie mach’ ich’s doch? ich möchte wohl; schon so lange bestrebe ich mich, komme aber nicht dazu; kaum habe ich angefangen, so liege ich schon wieder darnieder. Siehe! da gibt dir unsere heutige Abend-Lection die schönste Anweisung: „Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet.“ In diesem Glauben, d.h. in dem durch die Wiedergeburt gewirkten Glauben, nicht in dem todten Glauben – denn diesen hat auch die Welt, die doch verloren geht – in jenem Glauben liegen alle Kräfte zum Ueberwinden schon bereit; wer solchen Glauben hat an den Sohn Gottes, der hat schon die Welt überwunden, er schreitet von Ueberwinden zu Ueberwinden, von Kraft zu Kraft, da geht es nicht mehr zurück, sondern vorwärts, und so fort bis zum völligen und reichlichen Eingang in das himmlische Reich JEsu Christi. So haben überwunden schon Viele, die bereits vor dem Throne des Lammes stehen, sie haben überwunden durch des Lammes Blut, sie haben überwunden damit, daß sie an Christum glaubten, in diesem Glauben des Sohnes Gottes lebten, in diesem Glauben kämpften, und es also hielten, wie es in einem Verse heißt:

Fällt mir etwas Arges ein,
Denk’ ich gleich an JEsu Pein,
Die erlaubet meinem Herzen,
Mit der Sünde nicht zu scherzen.

O was ist’s doch um eine Seele, die solchen Glauben hat, so am Heiland hängt, und aus Seinem Tod und Leiden alle Kraft ziehet zum Ueberwinden! Da höret das todte, historische, kraft- und saftlose Wesen, da höret der Kopf- und Schul-Glaube auf, und der neue Glaube, mit andern Worten: das Leben aus Gott, der Sohn Gottes selber durchdringt die Seele mit lauter Lichtkräften, mit himmlischer Kraft zum Sieg in dem Streite. „Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben, wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ Sollte nicht diese einzige Wahrheit alle Finsterniß, allen Kopf- und Maul-Glauben in den Herzen der Menschen zerstören, und die armen Seelen, die sich auf ihren todten Glauben etwas zu gut thun, auf das Eine, was Noth thut, aufmerksam machen? Liebe Seele, hast du den Sohn Gottes? Lebt Christus in dir? Lebt Seine Liebe in dir? Kannst du sagen: „in meines Herzens Grunde Dein Nam’ und Kreuz allein funkelt alle Zeit und Stunde, d’rauf kann ich fröhlich seyn?“ Wenn es nicht so ist, warum weinst du nicht so lange vor diesem großen Gott, bis du Ihn hast? Siehe, daher kommt es, daß du die Welt nicht überwinden kannst – daher, daß du noch so viel Gefallen an dir und deinen todten Werken, an der Welt und ihrer Gesellschaft, an dem eiteln und lästigen Jammer dieser Zeit, an diesem und jenem hast; daher kommt es, weil du nicht den rechten Glauben hast, weil du ohne Christus in der Welt bist. Warum bemühst du dich aber nicht um diesen großen Gott? warum ist dieß nicht deine Hauptsache? Ach, du arme, betrogene Seele! wie lange soll’s denn noch so währen? wie lange willst du noch auf beyden Seiten hinken? wie lange in einem ungewissen Zustande seyn? warum wirfst du dich nicht auf deine Kniee und sprichst: Ach, mein JEsu! ich möchte gerne selig seyn, ich möchte gerne bekehrt seyn, und weiß nicht, wie ich’s machen soll, fühle auch dazu keine Kraft und Tüchtigkeit in mir! JEsu, hilf Du mir! ach, Du Sohn Gottes, erbarme Dich meiner! – aber wenn man freilich nicht will, wenn es dir ein heimliches Vergnügen bleibt, in der alten Nichtigkeit fortzufahren, wenn man insgeheim im Einverständniß nicht will zerstören lassen; wie kann da geholfen werden? Da wird es nicht dazu kommen, daß man mit dem Apostel einstimmt: „unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet.“

Ich weiß nicht, ich meine, es sollte doch ein Jedes einen rechten Ueberdruß bekommen an dem vergänglichen Wesen dieser Welt. Saget doch, die ihr die Welt lieb habt, gesteht es doch! seyd einmal ehrlich! ist es denn wirklich so viele Freude? habt ihr denn jemals auch nur Eine vergnügte Stunde in der Welt und ihrem Wesen gehabt, Eine recht vergnügte Stunde? Ist es denn so angenehm, auf der breiten Straße zu wandeln, und eine edle Gnadenzeit zu verträumen, verspielen, verlachen, verscherzen, versorgen, tödten? Gesteht es einmal! Nicht wahr, es ist doch nicht so angenehm? Nicht wahr, es ist doch wahr, was die Schrift sagt: „der Gottlose hat viel Plage?“ – Und was wollt ihr machen, wenn euch euer Haus über dem Kopfe zusammenstürzt? wenn es auf einmal heißt: es brennt! es ist keine Errettung? Ihr Gottlosen, ihr Liebhaber der Welt, ihr armen betrogenen Seelen, die ihr die Welt noch mitnehmen und doch auch Gott dienen Wollt, ihr schnöden Sünder, du ehrbare, du honette Welt, du gebildete Welt, die du meinst Christum entbehren zu können, was wollt ihr doch um Gottes willen machen, wenn die Welt zusammenstürzt? Ihr Verächter der Gnade, wohin wollt ihr dann? die Berge und Hügel um Hülfe anrufen, daß sie über euch fallen sollen? Ach, dann ist’s zu spät, zu spät! denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Ach, was werden dir dann deine Schätze, was werden dir deine Kleider, was wird dir dein Vergnügen, was werden dir deine Gesellschaften und Gesellschäftlein an jenem Tage nützen, wenn das Alles ganz hinter dir liegt als ein längst vergangener Nebel? Oder meinet ihr, es werde euch etwas Besonderes gemacht werden? Meinet ihr, um dieser oder jener Eigenschaft willen werdet ihr dem Gericht Gottes nicht unterworfen werden? Mit nichten! denn vor Gott gilt kein Ansehen der Person, gilt nichts als ein durch Wiedergeburt gewirkter Glaube, der Glaube, der die Welt überwindet und durch Liebe thätig ist. O meine armen Mitbrüder! arme betrogene Seelen! Ach, daß euch doch die Augen aufgiengen! daß euch doch das Jammern des Vaterherzens Gottes (Luc. 15,20.) über euren elenden Zustand als ein Pfeil in euer Herz führe! Ach, daß ihr euch doch retten ließet! Lasset euch doch retten, thut es doch dem Heilande zu Gefallen, daß ihr das Verdienst Seines Leidens annehmet, und euch selig machen lasset. Aus Jammer über die arme Welt, über dich, Seele! hat der Vater Christum in die arge Welt gesendet; aus dem nämlichen Grunde Ihn den Leiden des Todes übergeben, aus dem nämlichen Grunde gehet Er der armen Seele nach; ist Er dir nicht auch schon nachgegangen, verirrtes, verlorenes Schäflein? was muß für ein Jammer in dem Herzen Gottes über dich seyn! Aus diesem Grunde lässet Er dir auch heute Seine Gnade anbieten: du sollst nur kommen! Aus dem nämlichen Grunde hat Er so viele Zeugnisse hingestellt, das Wasser der Taufe, das Blut, das Abendmahl, den Geist, das Wort, das Zeugniß von Ihm, das auch heute ertönet. Ach, es ist nichts als erbarmungsvolle Liebe, nichts als Liebe: ER bedarf unser nicht, und doch will Er uns haben, doch will Er uns selig machen! O ein Herz voll Gnade, voll Erbarmen, voll Liebe, wo kannst du in der Welt so etwas finden? Und doch willst du nicht kommen? willst nicht annehmen, was dich selig machen kann? willst diese Liebe Gottes mit Füßen treten, und die vergängliche Lust der Welt höher achten als diese ewige Liebe deines Gottes? Schaue doch, was du thust! Ach, laß doch deine Härtigkeit durch diese Liebe überwinden und erweichen! Wenn ein Mensch, dem du eine große Summe schuldig wärest, du hättest aber nicht zu bezahlen, dir diese Schuld schenkte, und würde dich noch obendrein inständig bitten, daß du doch die Quittung annehmen solltest! nicht wahr, das würdest du für Güte halten? Aber was ist das gegen die Güte Gottes, der nicht nur den Schuldbrief zerrissen und an’s Kreuz Seines Sohnes geheftet, sondern der auch die Zeugnisse darüber vor aller Welt Augen aufgestellt, und die Welt, die Welt, die Ihm feind ist, zum Glauben rufet und locket, und rufet weit und breit: Ich will nicht, daß Jemand verloren gehe, ihr müsset nicht verloren gehen, ihr könnet gerettet, es kann euch geholfen werden zum Leben, es gibt einen Heiland für alle Welt! Christus ist hier, der für euch gestorben und auferstanden ist. Haltet euch an Ihn, lasset euch versöhnen durch Ihn! In Ihm ist das Leben; wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht! – Wer dieß Zeugniß annimmt, das Gott gezeuget hat von Seinem Sohne, der versiegelt es: daß Gott wahrhaftig sey; wer dieß Zeugniß annimmt, der erlangt das ewige Leben in seinem Herzen, das Leben des Sohnes Gottes, und überwindet die Welt, er überwindet weit um Deß willen, der ihn geliebet hat. Wer aber überwindet, dem rufet der HErr zu: „dem will ich geben mit mir auf meinem Stuhl zu sitzen, wie ich überwunden habe, und bin gesessen mit meinem Vater auf Seinen Stuhl. Liebe Seelen! was hinket ihr noch auf beyden Seiten? Sehet doch an diese Belohnung! Wer Ohren hat, zu hören, der höre und merke! was Gott verheißen und bereitet hat Denen, die überwunden haben durch des Lammes Blut, und durch das Wort ihres Zeugnisses, und die ihr Leben nicht geliebet haben bis in den Tod. Amen!

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