Hofacker, Wilhelm - Am ersten Sonntage des Advents.

(Erste Predigt.)

Singet Gott, lobsinget seinem Namen! machet Bahn Dem, der da sanft herfährt; denn Er heißet HErr (Ps. 68,5.): mit dieser Aufforderung des Psalmisten begrüße ich euch an diesem ersten Morgen des neu angebrochenen Kirchenjahrs. Ein jedes neues Kirchenjahr schließt Ursachen genug in sich, Gott zu singen und zu lobsingen seinem heiligen Namen; auch wir haben Ursache dazu an dem heutigen Tage. Der HErr hat uns in dem Kirchenjahr, das jetzt hinter uns liegt, reichlich aus der Fülle seines Gnadenworts gespeiset und getränket, Er hat das Manna des Geistes uns dargeboten und das Wasser des Lebens aus dem Felsen, der mitfolgte, geschenkt; ja wie wir gesegnet wurden in irdischen Dingen, wie wir darüber vor acht Tagen (bei unserm Herbstdankfeste) rühmen durften, so hat Er uns auch gesegnet mit geistlichen Gaben in himmlischen Gütern durch Christum. Und nun soll uns in einem neuen Kreislauf von Sonn- und Festtagen der Rath zu unsrer Seligkeit dargelegt, nun sollen uns auf's Neue die Wunder seiner Liebe erzählt, auf's Neue die Großthaten seiner Barmherzigkeit verkündigt werden. Auf's Neue soll auf uns fallen der Thau der göttlichen Gnade, auf's Neue uns bestrahlen die Freundlichkeit und Leutseligkeit Jesu Christi, auf's Neue sich uns mittheilen die Gabe des heiligen Geistes. Sollten wir da nicht Gott singen und lobsingen seinem heiligen Namen?

Aber nicht vergessen wollen wir, daß der Psalmist hinzusetzt: machet Bahn Dem, der da sanft herfährt, denn Er heißet HErr. Es liegt noch so Vieles in bunter Unordnung vor unsers Herzens Thüre durcheinander; es gibt noch so Vieles Höckerichte an uns, was noch nicht geebnet, noch so vieles Unrechte, was nicht aus dem Wege geräumt ist. Es hindert dieß den vollen Durchbruch seiner Gnade, den vollen Genuß seiner Liebe, die volle Entscheidung für sein Reich. Da muß Bahn gebrochen werden Dem, der da sanft herfährt, der da heißet HErr. Er ist und heißt HErr, und könnte deßwegen mit gewaltigem Scepter uns zerschmettern und mit eiserner Ruthe uns züchtigen. Aber Er fährt sanft daher; Er kommt demüthig und sanftmüthig; Er kommt nicht, um zu verderben, sondern um zu segnen. Darum kommt, wir wollen Ihm Bahn machen, wir wollen Ihm entgegengehen; laßt uns Ihm singen und loben seinen heiligen Namen. Lasset uns den ersten Vers des 80. Liedes anstimmen:

Preis und Dank, Herr Jesu, Dir,
Daß Du in die Welt gekommen,
Daß zu Deinem Volk auch wir
Gnadenvoll sind angenommen.
Wer Dich kennet, lobt erfreut
Dich, Du Herr der Herrlichkeit.

Gebet.

Text: Ev. Matth. 21, 1-9.

Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen gen Bethphage an den Oelberg, sandte Jesus seiner Jünger zween, und sprach zu ihnen: Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und bald werdet ihr eine Eselin finden angebunden, und ein Füllen bei ihr; löset sie aus und führet sie zu mir. Und so euch Jemand etwas wird sagen, so sprechet: der HErr bedarf ihrer; so bald wird er sie euch lassen. Das geschah aber Alles, auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig, und reitet aus einem Esel, und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. Die Jünger gingen hin, und thaten, wie ihnen Jesus befohlen hatte; und brachten die Eselin, und das Füllen, und legten ihre Kleider darauf, und setzten ihn darauf. Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweige von den Bäumen, und streueten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohne Davids; gelobet sei, der da kommt in dem Namen des HErrn! Hosianna in der Höhe!

„Gelobet sei, der da kommt im Namen des HErrn, Hosianna in der Höhe!“ so rief das Volk, das vorausging und nachfolgte, als Jesus, der König Israels, feierlich in die alte Königsstadt seines Ahnherrn Davids einzog. Gelobet sei, der da kommt in dem Namen des HErrn, so hallte es wieder auf dem ganzen Straßenzug, ans welchem Jesus sich zum Tempel hindurchbewegte. Jesus kam wirklich im Namen des HErrn, des HErrn, der Himmel und Erde gemacht hat; Er kam im Namen des großen Monarchen, der alle Dinge traget mit seinem allmächtigen Wort und Alles in Allem erfüllet; Er kam im Namen des alten Bundesgottes Israels, der sein Volk heimsuchte und ihm nun aufgehen ließ die Sonne der Gerechtigkeit und des Heiles; Er kam als der König, den Gott eingesetzt auf seinem heiligen Berge, von dem schon Jesaias geweissagt, daß die Herrschaft auf seiner Schulter und sein Name seyn werde Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewig Vater, Friedefürst (Jes. 9, 6.). JEsus ist gekommen im Namen des HErrn! Aber der, der gekommen ist, der ist zugleich noch im Kommen begriffen; Er hat's ja verheißen: „Ich will wieder kommen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll Niemand von euch nehmen;“ Er hat gesprochen: „wer mich liebt, den wird der Vater lieben und Ich und der Vater werden kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Ja, wie er gekommen ist im Fleisch, so kommt er allezeit im Geist. Wir gehen; alles Menschliche geht und vergeht; wir kommen und alsobald gehen wir auch; aber Jesus kommt, um zu bleiben, Jesus kommt, und zwar immer gewaltiger, immer mächtiger, immer merkbarer, bis er endlich sichtbar kommt, und aus dem Dunkel seiner Verborgenheit hervortritt, bis auf's Neue der frohlockende Jubelruf erschallt: „Gelobet sei, der da kommt im Namen des HErrn, Hosianna in der Höhe!“ Jesus ist in beständigem Kommen begriffen; und deßwegen wollen wir betrachten:

Wie Jesus, der im Fleische gekommen, fortwährend noch komme im Geist.

Wir fragen:

  1. Zu wem kommt er?
  2. Mit welcher Absicht?
  3. Mit welchem Erfolg?

I.

1) Das Kommen Jesu im Fleisch ging zunächst das Volk Israel, und nach unsrem heutigen Evangelium zuvörderst die Hauptstadt desselben, Jerusalem, an. Es war kein einladender Ort, dieses Jerusalem, für den kommenden Heiland. Zwar war es eines großen Königs Stadt; zwar war sie durch die herrlichsten Großthaten Gottes bezeichnet; zwar war die Stätte, auf der sie stand, durch die Fußtritte der heiligsten Männer des alten Bundes verherrlicht; hier hatte ein Melchisedek, der König von Salem, gewohnt, der Priester des Höchsten, der Himmel und Erde besitzt, hier hatte auf Moria Isaak als Schlachtopfer gezittert und ward durch die Hand des HErrn gerettet; hier auf Zion hatte David die Königsburg erbaut; und dort hatte Salomo den Tempel mit seinen goldenen Zinnen und Kuppeln erhöht; Propheten und Heilige aller Art waren hier gewandelt und hatten auch in dieser Nähe ihre Grabesstätte gefunden. Aber dennoch war dieses Jerusalem für das Kommen Christi kein einladender Ort; Heiden wandelten jetzt darin und hatten ihr feindliches Lager neben dem Tempel aufgeschlagen; Pharisäer wandelten darin, die mit Menschenwitz das Wort des HErrn verfälschten und ihres Herzens Schnödigkeit unter dem Gewande gleißnerischer Ehrbarkeit verbargen; Sadducäer wandelten darin, die die Grundsätze des frechsten Unglaubens feil boten. Laster aller Art, Sünden und Gräuel furchtbarer Art hatten darin ihren Sitz aufgeschlagen; ja selbst der Tempel war zum Kaufhaus und zur Mördergrube geworden. Eine solche Stadt lag vor den Augen Christi, als er den Oelberg herabblickt.

Jerusalem ist das Bild der Welt im Großen. So liegt die Menschheit da vor den Blicken des erhöhten Menschensohnes, der noch jetzt zu ihr kommt mit seinem Wort, mit seinem Geist, in seinen Sakramenten. Ach es ist kein einladender Anblick. Zwar war die Menschheit ursprünglich ein Juwel in der Krone des großen Gottes; zwar ist die Menschheit der Gegenstand der liebevollsten Fürsorge des gütigen Schöpfers; zwar ist die Welt der Schauplatz der größten Thaten und Wunder seiner barmherzigen Liebe, - aber sie ist tief gesunken, weit herabgekommen, in einen unermeßlichen Abgrund des Verderbens gestürzt; da gibt es heidnisch gesinnte Seelen, die das Lager ihrer Lüste im Angesichte des großen Gottes aufzuschlagen sich nicht scheuen; da gibt es pharisäisch gesinnte Herzen, die sich mit dem Mantel der Ehrbarkeit bedecken, obwohl sie gleich übertünchten Gräbern sind, innen voll Moders und Todtengebeine; da gibt es Weltlinge und Sadducäer, die da sprechen: lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir todt; da sind Sünder aller Art und der verschiedensten Gattung, große und kleine, geheime und offenbare, freche und verzagte; mit einem Worte, die Erde ist zur Behausung der Sünde und des Verderbens geworden. Und zu einer so argen Welt sträubt sich der HErr nicht, immer noch im Geiste zu kommen; einer also im Argen liegenden Welt naht er noch allezeit im Geist; einer solchen im Verderben gefangenen Welt kehrt er dennoch nicht den Rücken, auf ihr ruht noch das Auge seiner wehmüthigen Liebe; über sie hat er noch Friedensgedanken; gegenüber von ihr ist der Brunnen seiner Erbarmung noch nicht vertrocknet.

Das ist das ewige Erbarmen,
Das alles Denken übersteigt,
Das sind die offnen Liebesarme
Deß, der sich zu den Sündern neigt,
Dem allemal das Herze bricht,
Wir kommen oder kommen nicht.

2) Doch wenn wir die Sache in Wahrheit näher betrachten, so war es doch nicht eigentlich das ganze Jerusalem, das ganze Israel, zu dem Jesus kam. Sein Kommen galt zwar Allen, aber nicht Alle hatten Theil daran. Deßwegen sagte auch der Prophet: „saget der Tochter Zions,“ d. h. saget der Kirche des Alten Testaments, saget denen, die in den Fußstapfen des Glaubens Abrahams wandeln, saget denen, die auf den Trost Israels warten, denen, die da seufzen: ach, daß die Wolken rissen und die Hülfe aus Zion erscheinen möchte! denen galt es hauptsächlich: „siehe, dein König kommt zu dir.“ Hat ja doch der Herr Jesus selbst gesagt: die verlorenen Schafe aus dem Hause Israel, die da verschmachtet seien und keinen Hirten haben, zu denen sei er gesendet von seinem himmlischen Vater (Matth. 15, 24.).

So kommt Jesus noch jetzt zwar zur ganzen Welt, aber in der Welt hat Er sein Zion, auf das er hauptsächlich sein Augenmerk richtet. Das sind die, die nach Ihm seufzen und nach Ihm schmachten, das sind die, die sich in ihrer Armuth und Blöße erkennen und darum nach einem mächtigen Helfer sich sehnen; das sind die, die den Fluch der Sünde empfinden und fühlen, daß sie ihn nicht von ihrer Seele wegzutilgen vermögen; das sind die, die keinen Frieden in der Welt und in sich finden und darum nach seinem Frieden hungern und dürsten; das sind die, die keine Kraft zum Guten, keinen Muth und keine Freudigkeit in sich haben, in seinen Wegen zu wandeln, und doch in allen Stücken ihm wohlgefällig werden möchten; das sind die, die da nichts haben, aber eben darum nur wünschen, Ihn zu haben und zu besitzen. Sind solche arme, ausgeleerte, vom Selbstvertrauen entkleidete Seelen unter uns, - denen gilt das Wort: dein König kommt zu dir. Er ist dein König, Er hat dich erschaffen, Er hat dich erlöst, Er hat dich erkauft, Er hat dich erwählt; Er ist dein und du bist sein; Er kommt zu dir, ja Er kommt zu dir, du darfst dich nicht ängstigen: wie soll ich zu Ihm kommen? wie soll ich Ihn mir wohlgefällig machen? nein, Er kommt zu dir, du wirst dieses hohen Besuchs, dieser hohen Gnade gewürdigt. Er kommt zu dir, du gehörst zu dem auserwählten Volk, dessen König Er ist; du gehörst zu dem königlichen Priesterthum, dessen Hoherpriester voll Mitleid und Erbarmen Er ist; du gehörst zu der erkorenen Braut, der Er sich vertrauen will in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit (Hos. 3, 19.). Ja, ja,

Die Wächter Zions schreien:
Der Bräutigam ist da;
Begegnet Ihm in Reihen
Und singt Hallelujah!

II.

1) Mit welcher Absicht Jesus in's Fleisch, und mit welcher Absicht er nach Jerusalem kam, das zeigt uns schon sein Aufzug. Nicht, um Jerusalem zu strafen und im Sturm zu erobern und zu züchtigen für seine gehäufte Schuld, die freilich nun bald voll werden sollte; nicht, um mit gewaltigem eisernem Scepter über das Volk zu herrschen und mit eiserner Ruthe sie zu züchtigen, nicht mit dem Donner seiner Gerichte und seiner Strafen kam Er. Nicht auf dem kriegerischen Streitroß mit Waffengewalt und Hellebarden, nein, als Friedenskönig zog er daher, Friedenspalmen zur Rechten und zur Linken, Friedenspsalmen von Mund zu Mund hervorrufend. Er kam als Helfer, als Heiland, als Seligmacher, als Freund der Sünder, als Erbarmer und als Friedensfürst. Und Er kam nicht mit leeren Händen; Er kam, um Alle, die Ihn aufnahmen, zu Gottes Kindern zu machen; Er kam, um den Gefangenen eine Erlösung den Blinden eine Erleuchtung, den Zerschlagenen einen ewigen Himmelsfrieden zu bringen. Er kam als der Sanftmüthige und von Herzen Demüthige.

So kommt Er noch jetzt zu uns im Geiste. Nicht, um die Blitze seiner Gerechtigkeit auf uns zu schleudern, nicht, um uns an den Felsen seiner Gerichte zu zerschmettern, nicht, um die Schuld und Missethat der Väter heimzusuchen an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied; nein, Er kommt als Helfer, als Seligmacher; unser Heil will Er, unsern ewigen Frieden sucht Er; und sehet, welche herrlichen Güter in seiner Hand sind, Er hat Gaben empfangen für die Menschheit, Gaben für die Abtrünnigen. Und wie die irdischen Könige, wenn sie festlich irgendwo ihren Einzug halten, dann auch königlich ihre Hand aufthun, so will auch Er seine milde Hand aufthun, damit Er uns segne aus seiner Fülle mit himmlischen Gütern und geistlichen Segnungen. Ach, wer begreift diese selige Absicht seines Kommens? Wer stellt sich mit mir vor diesen König? Wer hebt seine Hände auf zu Ihm und fleht: da bin ich, ich bin arm, du kannst mich reich machen durch Deine Huld; ich bin elend und sündig, du kannst mich herrlich und selig machen durch Dein Blut; ich bin sterblich, Du kannst mir ewiges Leben schenken.

Komm, ach Jesu, komm! segne Dein Erbe und thue wohl Deinen Knechten!

2) Und fragt man nun nach dem Grunde dieses Kommens, nach der Ursache, die Jesum getrieben hat, in's Fleisch zu kommen und heute nach Jerusalem einzuziehen? O Er hätte wohl mögen Freude haben, aber Er erduldete das Kreuz und achtete der Schande nicht, ja, ob Er wohl wußte, daß Er verstoßen werden würde von seinem Volk und seinen Obern, daß Er Undank statt Dank, Haß statt Liebe ernten würde, ja, ob Er gleich wußte, daß Er in sechs Tagen den schmachvollen Tod des Missethäters sterben würde, dennoch trat Er nicht zurück, dennoch kam Er zu Jerusalem, und was war der Grund davon? Er sagt es uns: „Niemand hat größere Liebe, denn daß er sein Leben läßt für seine Feinde“ (Joh. 15,13). Liebe war's, daß Er den Kelch trank, den sie Ihm voll bitterer Galle in Jerusalem einschenkten; Liebe war's, daß Er sich taufen ließ mit jenen Trübsalsströmen, die über sein Haupt gingen; Liebe war's, daß er am Kreuze noch rief: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie thun!“ Liebe war's, daß Er bis zum Erblassen, bis zum letzten Hauch, den Kampf auskämpfte bis zum Sieg.

Und fragen wir nun: was ist denn der Grund, daß Er noch jetzt die Welt trägt mit Geduld und Erbarmen, daß Er noch jetzt zu ihr kommt und an die Thüre pocht, daß Er noch jetzt seine Gnade und seinen Frieden aller Welt anbieten läßt, obgleich verstoßen von Vielen, obgleich verachtet von Andern, obgleich geringgeschätzt von den Meisten? Warum wird Er nicht müde, auch zehn Mal zurückgestoßen, doch das elfte Mal wieder zu kommen? Das ist seine Liebe; seine Liebe will unsre Seligkeit; seine Liebe weint, wenn wir nicht bedenken, was zu unserm Frieden dient; seine Liebe will, daß allen Menschen geholfen werde und alle zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Und diese seine Liebe ist langmüthig, sie kann warten und zusehen; diese Liebe ist barmherzig, sie kann verzeihen und vergeben; sie ist treu, der Sünder kann sie verlassen, aber sie verläßt den Sünder nicht; sie ist unerschöpflich, denn wer will sie ergründen, wer sie erschöpfen?

Ja, ihr Sünder, die ihr grau geworden seid ohne Bekehrung, Er liebt euch, darum steht ihr noch aufrecht; ihr Sünder, die ihr wohl wißt, was Er will, aber Ihm ausgewichen seid, er liebt euch; ihr jungen Sünder, die ihr eure Tage dem Fleisch, der Welt, dem Teufel zu heiligen den Anlauf nehmet, Er liebt euch, sonst wäret ihr wie Sodom und Gomorra.

Könnet ihr diese Liebe verachten, diese treue, nachgehende? ach, verachtet sie nicht, es könnte euch reuen; es könnte einmal wie ein Gebirge auf euch die Schuld hinstürzen: diese Liebe habe ich vertändelt, verscherzt, dieser Liebe mich entzogen; und dann könnte euch um Trost bange seyn und euch nichts mehr übrig bleiben, als ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuers^ das die Widerwärtigen verzehren wird.

III.

1) Welchen Erfolg das Kommen Jesu in's Fleisch hatte, das erzählt uns die Geschichte, und auf den ersten Anblick ist er nicht erfreulich. So erzählt uns unser Textkapitel sogleich nach unsrem heutigen Evangelium, in Jerusalem haben die Hohenpriester sich darüber entrüstet gezeigt, daß die Kinder noch im Tempel schrieen: Hosianna dem Sohne Davids! und haben an Jesus sich gewendet mit der Frage: Hörest du, was diese sagen? Sie hätten gern Jedermann den Mund gestopft, der ein Wörtlein zur Ehre Christi sagt; Andere seien durch den Aufzug aufmerksam geworden und haben gefragt: Wer ist der? Dann aber gingen sie wieder ihres Wegs; Andere freilich nahmen thätigen Antheil am Willkomm, der ihm zu Theil wurde, aber von diesen waren nachher Manche, die auch wieder schrieen: Kreuzige, kreuzige Ihn!

Sonach erscheint der Erfolg höchst unerfreulich. Und freilich, so ist's bis auf den heutigen Tag. Jesus kommt noch allezeit, aber was ist der Erfolg? Da gibt es Manche, die, wie dort die Pharisäer, gerne wünschten, daß Stille über Jesum herrschen möchte, denen Alles zu viel ist, sobald sich Begeisterung, Entschiedenheit für Christum regt. Da gibt es Andere, die zwar fragen: wer ist der? aber wenn ihre Neugierde befriedigt ist, auch wieder ihres Wegs gehen an ihr Geschäft. Da gibt es wieder Andere, die zwar teilnehmen an einer schnellen, fliegenden Begeisterung für Gottes Sache, aber es kühlt sich ab, und ändert sich der Wind, so ändert sich auch ihre Lebensfahne. Es gibt auch Solche hier, denen viel zu viel von Christo gepredigt worden ist, die gern Anderes von hier aus gehört hätten; es gibt Solche, welche aus Neugierde sich schon das Zeugniß von Jesu gefallen ließen; aber war diese befriedigt, so gingen sie auch ihres Wegs; und auch Solche gibt es, die geschwind sich begeistern lassen, aber es läßt wieder nach, sie sind wetterwendisch; der Erfolg ist insofern also etwas Unerfreuliches. Doch er ist

2) auch erfreulich. In Jerusalem war es, wo Christus seine Gemeinde sammelte; da suchten gar Manche seine Bekanntschaft und Gemeinschaft; da kam ein Nikodemus des Nachts; und als sein Tod Alle muthlos machte, da traten diese stillen Verehrer Jesu hervor vor der Welt; da sammelt sich der Haufe nach der Auferstehung; da wurden am Pfingstfest Christo Kinder geboren, wie der Thau aus der Morgenröthe; und Viele von denen, die gerufen hatten: Hosianna, - sie riefen jetzt: ihr Männer, lieben Brüder, was sollen wir thun?

So begründete das Kommen Christi seine Gemeinde. Und noch jetzt, wenn Jesus kommt und eine Seele ihn aufnimmt, da wird sie hinzugezählt zu der Gemeinde Jesu Christi, da wird sie ein Glied an seinem Leibe, eine Rebe am Weinstock, ein Pfeil in seinem Köcher; sie hat das Höchste erreicht, sie ist wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

O meine Lieben, daß das Kommen Jesu in diesem Kirchenjahr bei uns Allen diese Wirkung haben möchte! Daß wir Alle hineingebunden würden in das Bündlein der Lebendigen! Daß namentlich bei den lieben Kommunikanten, die dem Tisch des HErrn nahen, einmal eine feste Sache würde: ich und mein Haus wollen dem HErrn dienen. Dann würde Christus bei uns bleiben für und für bis an der Welt Ende.

Jesu, komm' doch selbst zu mir
Und verbleibe für und für;
Komm' doch, werther Seelenfreund,
Heiland, den mein Herze meint;
Dich alleine, Gottes Sohn,
Heiß' ich meine Krön' und Lohn,
Du für mich verwund'tes Lamm
Bist allein mein Bräutigam.

Amen.

Quelle: Hofacker, Wilhelm - Predigten für alle Sonn- und Festtage

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