Hofacker, Wilhelm - Am Christfeste.

Erste Predigt

Gebet.

Lobend und preisend kommen wir heute vor Dein Angesicht, Du Gott aller Gnade, Du Vater der Barmherzigkeit: Du hast Großes an uns gethan, deß sind wir fröhlich, - Du hast uns geschenkt den eingebornen Sohn, Deines Herzens werthe Kron'; Du hast uns herniedergesendet den Aufgang aus der Höhe, dessen Ausgang von Ewigkeit her gewesen ist - Du hast uns aufgehen lassen die Sonne Deiner Gerechtigkeit mit dem Heil unter ihren Flügeln. O, habe Dank für Deine unaussprechlich große Gnade, deren Reichthum Du vor uns aufgethan hast; habe Dank dafür, daß Du uns unter dem Todesfluch der Sünde nicht liegen liessest, sondern ein Horn des Heils uns aufgerichtet hast, das unser Licht, unsere Freude, unser Trost, unsere Kraft, unser einziger Halt im Leben und Sterben ist.

Ja, Preis Dir, denn das bist nur Du, Du unser gütiger Immanuel, Du unser einziger Mittler und Friedefürst, der Du Mittel und Rath zu finden wußtest, mit unseren Dir entrissenen Seelen Dich dennoch wieder zu verbinden, der Du Dich nicht geweigert hast, von Deinem ewigen Herrschersitze in den Staub der Niedrigkeit herabzusteigen und Knechtsgestalt anzunehmen, und unser Blutsverwandter und Bruder zu werden, - der Du sogar in die Krippe der Selbstentäusserung und in den Schoos der Armuth und in die Windeln des Elends Dich legen ließest, auf daß wir durch Deine Armuth reich und durch Deine Erniedrigung zur Herrlichkeit erhoben würden.

O gib, daß wir diese Deine große Liebe und Huld fassen, verstehen, bewundern und anbeten lernen, ziehe uns hinweg von allem Sichtbaren, Zeitlichen und Vergänglichen, und lenke dagegen unsere Sinne und unsern Verstand auf das Geheimniß Deiner wunderbaren Sünderliebe, damit wir davon hingenommen und zerschmolzen an Deiner Krippe Dir Lob und Dank und Anbetung darbringen, und mit dem seligen Eindruck Deiner erlösenden, segnenden Liebe an unserer Lebensstraße weiter ziehen, und glaubend, liebend, hoffend der Stunde harren, bis wir gewürdigt werden, in den Chor der vollendeten Gerechten und aller himmlischen Heerschaaren einzustimmen, die Dir Ehre und Preis und Lob und Anbetung darbringen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Text: Luk. 2, 1-14.

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausgieng, daß alle Welt geschätzet würde. Und diese Schatzung war die allererste, und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und Jedermann gieng, daß er sich schätzen ließe, ein Jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Heerde. Und siehe, des HErrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HErrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der HErr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge du himmlischen Heerschaaren, die lobeten GOtt, und sprachen: Ehre sei GOtt in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

Du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel ein Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist: mit diesen Worten der Weissagung hat der Prophet Micha. (5, 1.) schon siebenhundert Jahre vor ihrer Erfüllung auf das kleine, unscheinbare Bethlehem hingewiesen, und es als die heilige Geburtsstadt des ewigen Gottessohnes verherrlicht, der dort in der Fülle der Zeiten in die sichtbare Ordnung der Dinge eintreten, und als Retter und Heiland sich erweisen sollte. Und von jener Zeit an ruhte auch das Auge eines jeden gläubigen Israeliten mit besonderem Wohlgefallen an dieser Stadt der Sehnsucht und der Hoffnung; im Dämmerlicht des alten Bundes, unter dem Joch des Gesetzes, verstoßen vom Heerd seiner Väter, und umgeben vom Druck seiner Dränger, thut es dem Volke wohl, einen festen Punkt zu haben, an den sich die Erwartungen einer bessern Zukunft anknüpfen, von dem aus die Erquickungszeit vom Angesicht des HErrn sich, wenn auch gleich in nebelgrauer Ferne, als ein Licht der Freude aufdämmern sah; und manches bekümmerte Gemüth sprach sich beim Blick auf Bethlehem Muth und Geduld ein, und sagte wohl zu sich selber: harre aus und schau nach Bethlehem, dort liegt das Städtchen auf seiner stillen Höhe, - von dort soll dir kommen, der dein Helfer und dein Erlöser sei, - die Hütte ist ihm schon bereitet, - das Gebäude ist schon für ihn gebaut, darinnen er erscheinen soll denen, die in Finsterniß sitzen und im Schatten des Todes.

Und siehe! diese Hoffnung ist nicht zu Schanden geworden. Aus Bethlehem ist gekommen, der in Israel ein HErr sei, dessen Ausgang von Ewigkeit her gewesen ist; und wie die Väter des alten Bundes voll Hoffnung und Sehnsucht dorthin blickten, so blicken wir voll Dank und voll Freude auf jene Stätte hin, wo unsere Freude und unser Heil entsprungen ist. Die Pilger, die nach dem gelobten Lande ziehen, und die heiligen Stätten in Jerusalem besuchen, die der Fußtritt des Sohnes Gottes geweiht hat, sie unterlassen es niemals, auch noch hinauszugehen nach dem stillen freundlichen Bethlehem, um mit sinnendem Geiste und dankbarer Freude an der Stelle persönlich und leiblich zu verweilen, wo, Christus als helle Gnadensonne mit dem ersten Morgenstrahl die Erde begrüßt hat. Wir wollen ihrem Beispiel folgen, nicht durch Reise über Land und Meer, aber mit dem Flug der Sehnsucht und der Freude, nicht durch leibliche und persönliche Gegenwart, aber im Geiste jene Stätte begrüßend, denn sie ist ein heiliges Land, und die Tiefen der Gottheit haben sich dort aufgeschlossen. Das wollen wir unserem Glauben noch mehr zu verdeutlichen suchen.

Die Geburtsstätte Jesu zu Bethlehem ist eine heilige Stätte für den Glauben.

Sie stellt uns

  1. an die geöffnete Himmelspforte;
  2. an die Wiege der erneuerten Menschheit;
  3. vor den Friedensbogen des ewigen Gnadenbundes.

Du Gott der Wahrheit, du Vater der Barmherzigkeit! heilige uns in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Amen.

I. Die Geburtsstätte des HErrn zu Bethlehem ist ein heiliges Land; denn sie stellt uns an die wiedergeöffnete Pforte des Himmels.

1) In unserem Festevangelium geht es wunderbar, herrlich und himmlisch zu; die Kräfte der unsichtbaren Welt haben sich in Bewegung gesetzt, die herrlichen Bewohner des Himmels thun ihre Nähe kund; nicht blos Ein Engel des HErrn tritt hervor Mit der Botschaft des Friedens und der Freude, nein, die Menge der himmlischen Heerschaaren läßt sich sehen und hören, um ihre Theilnahme an dem herrlichen Ereigniß an den Tag zu legen, das auch mit Menschen- und mit Engelzungen nicht würdig genug gepriesen werden kann. Die Pforte des Paradieses ist also aufgethan, die seligen Bewohner des Himmels strömen heraus, die Kluft zwischen Himmel und Erde ist ausgefüllt, die Engel neigen sich freundlich zu den Menschenkindern, und grüßen sie als Genossen Eines Reichs mit dem Gruß der Liebe und des Friedens. Und somit sehen wir hier gerade das Gegentheil von dem, was am Tage des Fluches geschah, da der HErr die Erde verfluchte um des Menschen willen, da er die Pforte des Paradieses verschloß um seiner Missethat willen, und den Cherub mit dem Flammenschwert davor stellte, und sein Angesicht in die Zorngewitter seiner Gerechtigkeit verhüllte. O wie traurig zog da der gefallene Mensch seine Straße von der Pforte hinweg, die hinter ihm sich schloß; o wie reumüthig senkte sich sein Blick zur Erde; o wie viel heiße Thränen netzten da seine Wangen, und wie blieb ihm nur Ein Trost in seiner Trübsal, nur Ein Licht in seiner Dunkelheit, nur Ein Stab auf seiner rauhen Pilgerbahn: das Wort der Verheißung vom Weibessaamen, von dem, der der Schlange den Kopf zertreten, die verschlossene Pforte wieder öffnen und das Flammenschwert des Cherubs wieder in die Scheide stecken werde! Diese Schrift ist heute erfüllt. Die Riegel des Fluchs sind zurückgeschoben, die Schlösser sind gebrochen, die Pforte des Lebens ist wieder aufgegangen. Denn ein Kindlein ist durch sie hindurchgeschritten, vor dem alle Engel sich neigen, und ihre Schwerter zu Boden sinken; ein Immanuel ist erschienen, ein Friedensfürst ist geboren, der die Kluft zwischen Himmel und Erde auszufüllen, der den alten Hader zwischen Gott und den Menschen zu schlichten, den Rachen der Hölle zu stopfen, den alten Bann der Sünde, der auf der Menschheit lag, zu lösen, und die verstoßenen Kinder zurückzuführen weiß in die offenen Arme eines gnadenreichen Erbarmers. Nun wissen wir, warum die Himmlischen in so freudige begeisterte Bewegung kamen, nun wissen wir, warum sie mit ihrem Hallelujah zu den höchsten Höhen hinaufstiegen, nun wissen wir, warum die arme Erde da unten auf einmal ihres Glanzes und ihrer Herrlichkeit voll wurde. Und nun wissen wir, was auch wir heute zu thun, worüber wir uns zu freuen haben, nämlich darüber, daß uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, daß wir einen Heiland haben, der vom Kripplein bis zum Grabe, ja bis auf den Thron, da man ihn ehret, uns, den Sündern zugehöret.

2) Die Himmelspforte ist geöffnet. Aber ebendarum ist uns auch jetzt der Zugang aufgeschlossen zu allen Gütern des Himmelreichs. Durch die Vertreibung aus Eden haben unsere Eltern den Zugang zum Holz des Lebens verloren. Kümmerlich mußten sie sich nähren von ihrer Hände Arbeit; Dornen und Disteln trug ihnen ihr Acker und Unkraut ihre Felder. Ist das nicht ein recht augenscheinliches Bild auch von dem kümmerlichen Leben des inneren Menschen das wir von ihnen ererbten, - vom Leben des Menschen, der dem verlorenen Sohne gleicht und den Zugang zu Gott nicht wieder gefunden hat? Es ist ein kümmerliches Leben ohne den Zugang zu Gott. Muß nicht unsre Seele fort und fort darben und hungern nach dem Brod des Lebens, so lange sie Christum noch nicht gefunden hat? Muß sie nicht elend sich mühen auf dem Acker der Sünde und der Uebertretung? Und siehe! sie erntet Dornen des bösen Gewissens statt Aehren der Freude, sie pflückt Disteln der Schuld und der Verdammniß statt Blüthen des Friedens und ewigen Lebens. Darum ist es ein kümmerliches Leben, wo der Himmel verschlossen ist. Aber siehe! sie soll aufgehen, die Himmelsthüre; in der Menschwerdung ist uns die Pforte aufgeschlossen zu Allem, was unsre Seele laben, unsern Geist nähren, uns Leben und unvergängliches Wesen verschaffen kann. In der Menschwerdung Christi ist uns der Zugang aufgeschlossen zu dem Vaterherzen Gottes: der uns den Sohn geschenkt hat, sollte der uns mit ihm nicht Alles schenken? der sein Herz in solcher Liebe zu uns neigte, daß Er auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, - wie sollte der nicht alles Gute uns gönnen? Und du, armes Menschenherz, du willst manchmal zweifeln, daß dein Gott Gedanken des Friedens und der Gnade über dich hat? Du willst vergessen, daß er dich geliebt hat, ehe der Welt Grund gelegt war, daß er dir Christum geschenkt hat, ehe du noch geschaffen warst, daß er dich erlöst hat, da du noch ein Feind warst?

Fasse es zu Herzen, schreibe dirs in dein Gewissen: also hat Gott die Welt geliebt, wie sollte Er dich nicht auch lieben, wie sollte Er nicht auch deine Sünden dir vergeben und heilen alle deine Gebrechen? Da, in der Menschwerdung Christi ist uns der Zugang aufgeschlossen zu der Freundlichkeit und Leutseligkeit unseres Gottes; nicht in weiter Ferne, in heiliger Abgeschiedenheit, in unnahbarer Herrlichkeit, thronet der Ewige: nein, Er kann sich herablassen, Er kann sich zu den Sündern neigen, Er kann voll milder und liebender Huld zu ihnen sich herabbeugen: das hat Er in der Menschwerdung Christi bewiesen. Da ist Er in der Hülle der Menschheit umhergewandelt, und hat sich uns gleich gestellt, - und allen Glanz und alle Herrlichkeit, alle Majestät, die uns zurückschrecken könnte, abgelegt. Da hat Er uns in sein Innerstes hineinschauen lassen, hat die Gedanken seines Friedens geoffenbart: und du, armes schwaches Menschenherz, willst nicht mit all deinem Jammer, er mag so groß oder so klein seyn, als er will, zu deinem Gott und Heiland kommen, du stehst scheu und schüchtern zurück, während Er sich in himmlischer Huld zu dir neigt? Du trauest ihm nicht zu, daß Er größer ist, als dein Herz, und Er kennet alle Dinge, - o fasse Muth, dein Gott ist ein leutseliger, ein freundlicher, ein barmherziger Gott! - In- der Menschwerdung Christi endlich ist uns auch der Zugang eröffnet zu der Fülle aller Gnaden und alles Lebens; denn seine Menschheit wurde gleichsam die heilige Röhre, durch welche der Brunnen des Lebens, der in Gott und aus Gott ist, sich über die Menschheit ergießt; hier ist das Wasser der Vergebung der Sünden, auf das ewiglich nicht mehr dürstet, hier ist das Wohlgefallen des Vaters, der uns angenehm gemacht hat in dem Geliebten; hier ist der Becher des Friedens und der Freude im heiligen Geiste, der ewiglich strömet; hier sind die Lebenskräfte der Erneuerung nach Leib, Seele und Geist; hier ist Erquickung für die Müden, hier ist Trost für die Trauernden, hier ist Balsam für die Verwundeten, hier ist Leben für die Sterbenden; hier Auferstehung für die Entschlafenen; hier das herrliche Ebenbild, in welches die Menschheit wieder erneuert und gestaltet und verklärt werden soll von einer Klarheit zu der Andern. Mit Einem Worte: Christus ist das Leben, das Leben ist erschienen: wir aber sollen herzunahen und schöpfen Gnade um Gnade.

II.

1) So stellt uns die Geburtsstätte Jesu an die geöffnete Himmelspforte; aber sie stellt uns zweitens auch an die Wiege der erneuerten Menschheit. So herrlich und majestätisch der HErr auch von göttlicher und himmlischer Seite aus in die Welt eingeführt wurde, so niedrig und armselig war seine Geburt von menschlicher und irdischer Seite ans bestellt. Arme Fremdlinge und Pilgrimme, die nach weiter Reise endlich müde und matt beim Ziele ihrer Wallfahrt anlangen und vergebens an die Thüren des überfüllten Bethlehems pochen, sind die Pflegeltern des wunderbaren Ankömmlings; ein mit genauer Noth aufgefundener Stall, in dem sonst die Thiere ihren Bergungsort fanden, ist die Wohnstätte, in welcher Er an das Licht der Welt tritt; und eine Krippe ist seine Wiege. Entbehrung aller Art, Niedrigkeit und Armuth bezeichnen die erste Stunde seines Lebens und Alles ist wie darauf berechnet, ihn in der Gestalt der größten Hülflosigkeit, der höchsten Entäusserung, vor das Auge unseres Geistes zu stellen. So ziemte es sich aber gerade für den, der der Stifter und Stammvater eines neuen Geschlechts und der zweite Adam für die erneuerte Menschheit werden sollte. Herrlich und mit äußerem Glanz umflossen trat der erste Adam auf den Schauplatz der irdischen Welt; erst nachdem durch die vorangegangene Schöpfung von fünf Tagen ihm seine Stätte bereitet und alles zu seinem Empfang gerüstet war, erschuf ihn das göttliche „Werde!“ als vollkommenen Mann; ohne die Schwachheit und Bedürfnisse des Kindesalters fühlen, und die Stufen des Mannesalters nach und nach ersteigen zu müssen, stand er alsobald da, fertig und vollkommen; und siehe! alle Geschöpfe dienten ihm und waren ihm unterwürfig, und wo er hinwandelte, da erschien er als Herr und König der ganzen sichtbaren Schöpfung. So war's aber dem nicht beschieden, der in der Gestalt des sündigen Fleisches kam, und von unten herauf dienen und entbehren und verleugnen und Gehorsam beweisen und das Verlorne suchen und das Verderbte wiederherstellen sollte. Beim ersten Menschen gieng es von der Höhe in die Tiefe, vom Reichthum in die Armuth, von der Herrlichkeit zur Niedrigkeit, vom Leben in den Tod. Beim Zweiten geht es rückwärts aus der Tiefe zur Höhe, aus dem Tod zum Leben, aus der Armuth zum Reichthum, aus der Niedrigkeit zur Herrlichkeit, aus der Schmach' zur Majestät.

Denn dieß ist der alleinige Weg, auf welchem uns geholfen werden konnte, dieß das alleinige Mittel, wodurch unser Heil nach, dem Rathschluß der ewigen Weisheit begründet und ausgeführt werden sollte; dieß die alleinige Straße, die zum Paradiese zurückführen konnte. Christus mußte werden der Unwertheste, auf daß wir bei Gott zu Ehren kämen, - Christus mußte werden der Verachtete, auf daß wir angenehm würden durch den Geliebten, - Christus mußte arm werden, auf daß Er uns durch seine Armuth reich machte; Christus mußte für uns ein Fluch und ein Fegopfer werden, auf daß wir zu Gnade kämen. Nur durch diesen seligen und herrlichen Tausch, da Christus unsre Erniedrigung auf sich genommen, können wir seiner Herrlichkeit theilhaftig werden. Aber ebendarum können wir nur mit tiefem Erstaunen und mit heiliger Liebe bei der Krippe zu Bethlehem verweilen, weil uns dort die Weisheit des unerforschlichen Gottes auf Schweigen gebietende Weise entgegentritt. Denn wunderbar sind die Wege Gottes und unbegreiflich seine Gerichte; wer hat des HErrn Sinn erkannt, und wer ist sein Rathgeber gewesen?

2) So stehen wir bei der Krippe an der Wiege der erneuerten Menschheit. Aber dort offenbart sich auch die Wiege des neuen Menschen, der in einem jeden Einzelnen zur Welt geboren werden soll. Nicht herrlich und vollkommen tritt der neue Mensch in's Leben; nein, er muß auch von unten anfangen, und durch mancherlei Mangel, Armuth und Elend aufsteigen, und nur auf diesem Wege kann er ein vollkommener Mann werden in dem Maße des vollkommenen Alter's Christi. Ach wenn Christus geboren werden soll, wie ungern macht man ihm Platz; wenn er ein Unterkommen sucht, wie lange wird Er da im Menschenherzen weiter und weiter geschickt; wenn Er an die Thüre pocht, wie mögen ihn die Wenigsten aufnehmen in ihre Gemächer; und wenn dann eine Seele ihn erkennt, und das Leben, das aus Gott ist, empfängt, ach, wie arm, wie verlassen liegt oft dieser Säugling da; wie ist es doch ein so niedriges Hütten- und Herzensdach, das Er zu seiner Geburtsstätte erwählt hat! Wie muß Er oft noch lange mit der Krippe sich begnügen, in welcher noch gar anderes Unedles seine Nahrung sucht! Wie gering und schwach ist noch die Erkenntniß, wie armselig die Erfahrung, wie ungelenk der Wille zum Guten! Aber Heil der Seele, die wenigstens Etwas von ihm erfahren, wenigstens doch ihm in sein Angesicht geschaut und Herz und Hände hat willig finden lassen, ihn zu beherbergen, zu bewirthen und aufzunehmen! Mag die Erkenntniß auch schwach sein, - sie wird wachsen; mag die Erfahrung noch sehr armselig sein, - sie wird sich bereichern; mag der Wille auch noch schwach und unkräftig sein, - er wird sich kräftigen; denn wo Christus in einer Seele lebt, da erweist Er gar bald seine göttliche Gestalt, und trotz allen Elend's, das die Seele verspürt, trotz aller Armuth, die sie drückt, trotz aller Mängel und Gebrechen, die sie empfindet, leuchtet ihr doch die Freundlichkeit Gottes entgegen, der Glaube wächst, die Liebe entzündet sich. Ja wenn auch noch viel Schwachheit und Armuth dabei ist, kann man doch auch schon von einer solchen Seele sprechen: stehe, eine Hütte Gottes bei den Menschen (Offenb. Joh. 21,3.). Er will in solchen Seelen wohnen und wandeln, - Er will ihr Gott und sie sollen sein Volk seyn. O daß doch für uns Alle der heilige Tag des Geburtsfestes unseres HErrn auch eine solche herrliche Geburtsstätte des innern Menschen werden möge, damit der Glaube geboren werde und die Hoffnung ihr Haupt erhebe!

III. So stehen wir bei der Krippe in Bethlehem an der Wiege der erneuerten Menschheit im Großen und Einzelnen.

Aber das Festevangelium führt uns noch einen Schritt weiter, und läßt uns hinantreten unter den Friedensbogen eines ewigen Gnadenbundes. Ihr erinnert euch Alle der herzerhebenden Geschichte von Noah, als er nach langer Wasserfahrt austrat aus dem Schiff auf dem Gebirge Ararat, und dem HErrn einen Altar errichtete zum Dank und zum Preis für die erlangte Errettung. Da ließ ihn derselbe in den Wolken den Bogen des ewigen Friedens erblicken, und gelobte es ihm, daß nicht aufhören solle Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht; und Er daran ein Zeichen haben solle seiner ewig treuen und unveränderlichen Gottesgnade.

Steht nicht auch über der Krippe zu Bethlehem ein solcher Friedensbogen aufgerichtet, dessen helles Licht noch jetzt in unser Auge leuchtet? Was sollte denn die Klarheit des HErrn, die die Hirten umleuchtete, was sollte der Glanz, der in der Mitternachtsstunde über ihnen aufgieng, der umnachteten Welt dollmetschen und verkündigen? Gewiß nichts Anderes, als das theuerwerthe Wort: es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht mehr weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen (Jes. 54,10.). Die Engel wenigstens haben dieses Zeichen der Gnade Gottes so verstanden, - ja, diesen ewigen Friedensbund zwischen Gott und den Menschen, haben die Engel besungen, wenn sie das Wort anstimmten: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und an den Menschen ein Wohlgefallen!

Ja, nachdem nun einmal der ewige dreieinige Gott in Christo Fleisch und Blut an sich genommen hat, - seitdem auf diese Weise Gottheit und Menschheit in Eines vereinigt ist und Er so die Menschheit in der Person Christi auf den Thron der Majestät und Herrlichkeit erhoben hat, so ist es unmöglich, daß Er nicht seine heiligen und seligen Gnadenabsichten an ihr zum Ziele führte; es ist unmöglich, daß Er das begonnene Werk ihrer Erneurung, Verherrlichung und Verklärung einstellen oder gar liegen lassen könnte. Jetzt besteht fest der Gnadenbund Gottes: das Band Gottes, - es ist ja durch die innigen Bande des Leibes und Blutes zusammengeknüpft; so gewiß Christus Fleisch und Blut an sich genommen, so gewiß Er Mensch wurde und an Geberden als ein Mensch erfunden wurde; so gewiß muß noch aus der Menschheit Etwas werden zum Lobe der herrlichen Gnade; und wie der Mensch am Anfang dastand als der Schmuck der ganzen sichtbaren Schöpfung, als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, - so muß endlich der Leib Christi dastehen, befaßt unter ihm, dem Haupte, und erneuert zu unvergänglicher Schönheit, Würde und Herrlichkeit. Mag auch der Satan noch sein Wesen haben in den Kindern des Unglaubens; mag auch noch viel Unfriede und Zwietracht durch die Welt toben: der wird sein Werk vollenden, der es angefangen, - dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden.

O wie darf sich der Glaube freuen, bis der prophetische Lobgesang: Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen, - dann in seine vollkommene Erfüllung gegangen sein wird, wenn Friede aus Erden und im Himmel herrscht, wenn das Wohlgefallen des dreieinigen Gottes auf aller Kreatur ruhen, und Gott sein wird Alles in Allem. Dahin zielt durch die Menschwerdung Christi der ganze Reichsplan Gottes; denn von ihm, und durch ihn, und zu ihm sind alle Dinge, - ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Quelle: Hofacker, Wilhelm - Predigten für alle Sonn- und Festtage

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