Hus, Jan - An einen Freund.

Heil von Jesu Christo. Theuerster Freund! Ihr wisset, daß Paletz1) zu mir sprach: „sieh nicht auf die Schmach eines Widerrufs, sondern nur auf das Gute, was dir aus demselben erwächst.“ „Ist denn,“ erwiederte ich ihm, „die Schmach der Verdammung und der Verbrennung größer als die der Abschwörung? Wie kannst du also glauben, daß es eine falsche Schaam: sei, welche mich zurückhält? Aber sage mir, wenn man dir fälschlicher Weise Irrthümer beimäße, was würdest du thun? Würdest du sie abschwören?“ „Das würde in der That hart sein,“ erwiederte er, und weinte. Wir sprachen noch manches Andere.

Michael Nausis, der arme Mensch, war etliche Male vor dem Kerker mit den Deputirten. Und da ich bei den Deputirten war, sprach er zu den Wächtern: wir werden nun mit Gottes Hülfe diesen Ketzer in Bälde verbrennen, wegen dessen ich viele Gulden auszubezahlen hatte. Wisse aber, daß ich keine Rache begehre, sondern daß ich sie Gott anheimgestellt, und bete zu ihm inbrünstig für diesen Menschen.

Noch ermahne ich, daß Ihr mit den Briefen vorsichtig seid. Michael hat auch Anstalt getroffen, daß nun niemand mehr ins Gefängniß eingelassen wird, auch die Frauen der Wächter nicht. Heiliger Gott, wie weit erstreckt der Antichrist seine Gewalt und Grausamkeit! Doch wird, hoffe ich, seine Gewalt abgekürzt, und seine Härte im gläubigen Volke weiter offenbart werden.

Der allmächtige Gott wird die Herzen seiner Gläubigen stärken, die er sich vor der Welt erwählte, daß sie die unverwelkliche Krone der Ehren empfangen sollen. Und mag der Antichrist noch so sehr wüthen, er wird doch nichts vermögen wider Christum, der ihn mit dem Geist seines Mundes tödten wird, wie der Apostel sagt. Alsdann wird die Creatur befreit werden vom Dienste der Eitelkeit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, wie der Apostel sagt (Röm. 8, 21) und anfügt: wir sehnen uns bei uns selbst auch nach der Kindschaft und warten auf unsres Leibes Erlösung (V. 23). Jenes Wort unsres Heilands tröstet mich sehr: „selig seid ihr, so euch die Menschen hassen, und euch absondern und schelten euch, und verwerfen euern Namen als einen boshaftigen um des Menschensohns willen: freuet euch alsdann und hüpfet, denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel“ (Luc. 6, 22. 23): ein guter, ja der beste Trost! Freilich ist es, wenn auch nicht schwer zu verstehen, so doch schwer auszuführen, nehmlich in solchen Trübsalen sich zu freuen.

Diese Regel hielt auch Jacobus fest (mit den andern Aposteln), da er sagt: „achtet es eitel Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallet, und wisset, daß euer Glaube, so er rechtschaffen ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll feste bleiben bis aus Ende“ (Jac. 1, 3-5). Fürwahr, es ist nicht so leicht, unter den mancherlei Prüfungen sich ungestört zu freuen und sie als eben so viele Gegenstände der Freude zu betrachten. Es ist leicht davon zu reden und es vorzustellen, aber schwer es zu erfüllen. Selbst der, welcher der Geduldigste, der Unerschrockenste war, er, welcher wußte, daß er am dritten Tage wieder auferstehen, daß er durch den Tod über seine Feinde siegen und seine Auserwählten erkaufen würde, war nach dem letzten Mahle im Geist voll Unruhe und sprach: „meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“ Von ihm heißt es auch: er fing an zu trauern, zu zittern und zu zagen (Luc. 22, 40). Ein Engel half ihm in seiner Todesangst, da blutiger Schweiß von seinem Körper rann. Aber in seiner Todesangst sprach er zu seinen Jüngern: „euer Herz erschrecke nicht, es zittere nicht vor der Grausamkeit der Gottlosen, denn ich bin ewig mit euch, damit ihr sie überstehet.“ Angesichts dieses herrlichen Führers und Königs hatten seine Streiter einen großen Kampf, gingen durch Feuer und Wasser, und wurden gerettet, und haben die Krone empfangen von dem Herrn, von welcher Jacobus sagt: selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfahen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Dieser Krone wird mich der Herr, das hoffe ich fest, sammt Euch, Ihr muthigen Kämpfer für die Wahrheit, und sammt Allen, die den Herrn Jesum Christum, der für uns gelitten und uns ein Vorbild gelassen hat, daß wir nachfolgen sollen seinen Fußtapfen, treulich bis aus Ende lieb haben, theilhaftig machen. Er hat leiden müssen, wie er selbst sagte, und wir müssen leiden, damit die Glieder mit ihrem Haupte leiden, da er sagt: „will mir jemand nachfolgen, der verläugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ O göttlicher Heiland, ziehe uns nach dir! Schwach, wie wir sind, können wir dir nicht folgen, so du uns nicht zu dir ziehest. Stärke meinen Geist, daß er bereit und entschlossen sei! Das Fleisch ist schwach; deine Gnade komme mir zu Hülfe, stehe mir bei und begleite mich! Denn ohne dich vermögen wir nichts und sind unfähig, um deines Namens willen einem grausamen Tode Trotz zu bieten. Gib einen willigen Geist, ein unverzagtes Herz, rechten Glauben, feste Hoffnung und völlige Liebe, daß wir für dich mit aller Geduld und Freudigkeit unser Leben dahingehen. Amen. Geschrieben im Gefängniß, in den Ketten, am Abend vor Johannes dem Täufer, welcher im Gefängnisse starb, weil er die Bosheit der Gottlosen verdammt hatte, und der den Herrn Jesum Christum für uns bitten wolle. Amen.

Quelle: Renner, C. E. - Auserlesene geistvolle Briefe der Reformatoren

1)
Stephan Palec gehörte früher unter die vertrauten Freunde von Hus, wie z. B. Andreas von Böhmisch Brod, Stanislaw von Znaim und ward hernach einer seiner erbittertsten und gefährlichsten Gegner.
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