Kierkegaard, Sören - Die Krankheit zum Tode - Zweiter Abschnitt - Verzweiflung ist die Sünde

A. Verzweiflung ist die Sünde

Sünde ist: daß man vor Gott (oder mit der Vorstellung von Gott) verzweifelt nicht man selbst, oder verzweifelt man selbst sein will. Sünde ist also die potenzierte Schwachheit oder der potenzierte Trotz: ist die Potenzierung der Verzweiflung. Worauf der Nachdruck liegt, ist: vor Gott;daß die Vorstellung von Gott dabei ist, macht die Sünde dialektisch, ethisch, religiös zu dem was die Juristen „qualifizierte“ Verzweiflung nennen würden.

Obgleich in diesem Abschnitt, besonders unter A, kein Raum oder nicht die rechte Stelle für psychologische Beschreibungen ist, mag doch hier als das dialektische Grenzgebiet zwischen Verzweiflung und Sünde das charakterisiert werden, was man eine Dichterexistenz mit Richtung auf das Religiöse nennen kann; eine Existenz, die mit der Verzweiflung der Resignation etwas gemein hat, nur daß die Vorstellung von Gott dabei ist. Eine solche Dichterexistenz wird (wie man aus der Verbindung und Stellung der Kategorien sieht) die eminenteste Dichterexistenz sein. Christlich betrachtet ist (trotz aller Ästhetik) jede Dichterexistenz Sünde; die Sünde: daß man dichtet statt zu sein; daß man sich nur in der Phantasie mit dem Guten und Wahren beschäftigt, statt existentiell danach zu streben es zu sein. Die Dichterexistenz von der wir hier reden ist darin von Verzweiflung verschieden, daß sie die Vorstellung von Gott bei sich hat oder vor Gott ist; sie ist aber ungeheuer dialektisch, so daß sich die dunkle Ahnung daß sie Sünde ist nur sehr schwer zu einem klaren Bewußtsein ihrer Sündhaftigkeit durchringt. Ein solcher Dichter kann einen sehr tiefen religiösen Drang haben, und die Vorstellung von Gott ist in seine Verzweiflung mit aufgenommen. Er liebt Gott über alles; Gott ist ihm in seiner heimlichen Qual sein einziger Trost; und doch liebt er die Qual und will sie nicht aufgeben. Er will so gern vor Gott er selbst sein; nur in Bezug auf den festen Punkt worin sein Selbst leidet will er verzweifelt nicht er selbst sein / und verzweifelt er selbst sein. Während er hofft daß die Ewigkeit ihn von seiner Qual befreien wird, kann er sich hier in der Zeitlichkeit, wie sehr er auch darunter leidet, nicht entschließen sie fahren zu lassen / indem er sie als integrierenden Bestandteil seines Selbst übernähme und sich im Glauben darunter demütigte. Und doch bleibt er im Verhältnis zu Gott, und dies ist seine einzige Seligkeit; es würde ihm das Schrecklichste sein Gott entbehren zu sollen: „das wäre zum Verzweifeln“. Und doch erlaubt er sich eigentlich, aber vielleicht unbewußt, Gott ein wenig anders zu dichten als er ist, etwas mehr wie einen ärztlichen Vater, der dem einzigen Wunsche des Kindes schließlich doch nachgibt. Wie einer der durch eine unglückliche Liebe zum Dichter wurde, das Glück der Liebe preist, so wird er der Dichter der Religiosität. Er hat eine unglückliche Liebe zu Gott. Er versteht es dunkel, als seine ihm von Gott gestellte Aufgabe, daß er diese seine Qual aufgebe; und so glaubt er das dann auch zu tun, so gut es einem Menschen möglich ist / indem er sie von sich fernhält und dadurch gerade festhält. Denn dass er sie wirklich aufgäbe, indem er sie gläubig auf sich nähme, das kann er nicht, d.h. das will er schließlich nicht; oder hier endet sein Selbst in Dunkelheit. Doch wie jenes Dichters Schilderung der Liebe, so hat dieses Dichters Schilderung des Religiösen einen Zauber, einen lyrischen Schwung, wie ihn die Schilderung keines Ehemannes und keines Frommen hat. Was er sagt ist auch nicht unwahr, durchaus nicht; was er schildert ist gerade sein glücklicheres, sein besseres Ich. Er ist in seinem Verhältnis zum Religiösen ein unglücklicher Liebhaber; das heißt: er ist kein Glaubender, sondern hat nur das dem Glauben vorangehende, die Verzweiflung, und in ihr ein brennendes Verlangen nach dem Religiösen. Seine Kollision ist eigentlich diese: ist er der Berufene? ist der Pfahl im Fleisch ein Zeichen davon, daß er zu etwas Außerordentlichem gebraucht werden soll? ist das mit dem Außerordentlichen was er geworden ist vor Gott ganz in der Ordnung? oder ist der Pfahl im Fleisch das, worunter er sich demütigen soll um das allgemein Menschliche zu erreichen? / Doch genug hiervon; ich kann mit dem Nachdruck der Wahrheit sagen: zu wem rede ich? Um solche psychologischen Untersuchungen in nter Potenz, wer kümmert sich darum? Die „Nürnberger Bilderbogen“ die die Pfarrer malen kann man besser verstehen; die gleichen täuschend allen und jedem, und geistig verstanden haben sie mit nicht eine Ähnlichkeit.

Erstes Kapitel - Stufen des Selbstbewußtseins (das Selbst vor Gott)

Im vorigen Abschnitt wurde eine beständige Steigerung im Selbstbewußtsein nachgewiesen: erst fehlte noch ein Wissen davon daß man ein ewiges Selbst hat; dann kam das Wissen, daß man ein Selbst hat worin doch etwas Ewiges liegt; und innerhalb dieses Wissens wurden wieder Steigerungen nachgewiesen. Diese ganze Betrachtung muß nun eine neue dialektische Wendung bekommen. Die Sache verhält sich so. Die Steigerung des Selbstbewußtseins mit der wir uns bis jetzt beschäftigt haben findet innerhalb der Bestimmung statt „das menschliche Selbst“, oder „das Selbst, dessen Maßstab der Mensch ist“. Aber eine neue Qualität bekommt das Selbst dadurch, daß es das Selbst Gott gegenüber ist. Dieses Selbst ist nicht mehr das bloß menschliche Selbst, sondern ist, was ich in der Hoffnung nicht mißverstanden zu werden das theologische Selbst, das Selbst vor Gott nennen möchte. Und welch unendliche Realität bekommt doch das Selbst nicht, wenn es sich dessen bewußt wird daß es vor Gott da ist, wenn es ein menschliches Selbst wird dessen Maßstab Gott ist! Ein Hirte der (wenn das möglich wäre) Kühen gegenüber ein Selbst ist, ist ein sehr niedriges Selbst; ein Herrscher der Sklaven gegenüber ein Selbst ist, desgleichen. Und eigentlich sind diese beiden kein Selbst: es fehlt das Maß. Das Kind, das bisher nur die Eltern zum Maß hatte, wird ein Selbst, indem es als Mann den Staat zum Maß bekommt; aber welcher unendlich Akzent fällt auf das Selbst, wenn es Gott zum Maß bekommt! Das Maß für das Selbst ist immer: was das ist, demgegenüber es ein Selbst ist; das ist aber wieder die Definition von „Maß“. Wie man nur gleichartige Größen addieren kann, so ist jedes Ding qualitativ das womit es gemessen wird; und was qualitativ sein Maß [Maalestok] ist, ist ethisch sein Ziel [Maal]; und das Maß und das Ziel ist qualitativ das was das Ding ist / außer in der Welt der Freiheit, wo einer doch, wenn er qualitativ nicht ist was sein Ziel und sein Maß ist, diese Disqualifikation selbst verschuldet haben muß. Doch bleibt Ziel und Maß dann doch Ziel und Maß: nur daß sie jetzt offenbar machen, daß jener Mensch nicht ist was sein Ziel und Maß ist.

Es war ein sehr richtiger Gedanke, auf den eine ältere Dogmatik so oft zurückkam, während sich eine spätere Dogmatik so oft darüber aufhielt, weil ihr Verständnis und Sinn dafür fehlte / es war ein sehr richtiger Gedanke, ob er auch zuweilen verkehrte Anwendung fand: daß die Sünde dadurch etwas so Furchtbares werde daß sie vor Gott sei. Damit bewies man die Ewigkeit der Höllenstrafen. Später wurde man klug und sagte: Sünde ist Sünde; die Sünde wird dadurch nicht größer daß sie gegen Gott oder vor Gott ist. Sonderbar! Selbst die Juristen reden von qualifizierten Verbrechen; selbst die Juristen machen einen Unterschied, ob ein Verbrechen z.B. gegen einen Beamten oder gegen einen Privatmann verübt wird, machen einen Unterschied in der Strafe für einen Vatermord und einen gewöhnlichen Mord.

Nein, darin hatte die ältere Dogmatik recht: die Sünde wird dadurch unendlich potenziert daß sie gegen Gott geschieht. Der Fehler lag darin daß man Gott wie etwas Äußeres betrachtete, und anzunehmen schien man sündige gegen Gott nur zuweilen. Aber Gott ist nicht etwas Äußeres wie etwa ein Polizeibeamter. Worauf man zu achten hat ist, daß das Selbst eine Vorstellung von Gott hat, und dann doch nicht will wie Gott will, also doch ungehorsam ist. Auch sündigt man vor Gott nicht nur zuweilen. Jede Sünde geschieht vor Gott; oder besser: was die Schuld zur Sünde macht, ist, daß der Schuldige das Bewußtsein hat daß er vor Gott steht.

Die Verzweiflung potenziert sich nach dem Maße des Selbstbewußtseins; das Selbst aber potenziert sich nach dem Maß für das Selbst; und es potenziert sich unendlich, wenn das Maß Gott ist. Je mehr Vorstellung von Gott, um so mehr Selbst; je mehr Selbst, um so mehr Vorstellung von Gott. Erst wenn ein Selbst, als dieses bestimmte einzelne Selbst, sich dessen bewußt ist daß es vor Gott steht, erst dann ist es das unendliche Selbst; und dieses Selbst sündigt dann vor Gott. Darum ist die Selbstsucht des Heidentums, trotz allem was man von ihr sagen kann, doch lange nicht so qualifiziert wie der Christenheit wenn sich auch da Selbstsucht findet; denn der Heide hat sein Selbst nicht vor Gott. Der Heide und der natürliche Mensch haben das nur menschliche Selbst zum Maß. Daher kann man wohl recht haben, wenn man von einem höheren Gesichtspunkte aus das Heidentum in Sünde liegen sieht; aber die Sünde des Heidentums war eigentlich die verzweifelte Unwissenheit um Gott, um das Da-sein vor Gott: „Sie waren in der Welt ohne Gott.“ Daher ist es auf der anderen Seite wahr daß der Heide nicht im strengsten Sinne sündigt; denn er sündigt nicht vor Gott, und alle Sünde geschieht vor Gott. Es ist gewiß auch manchem Heiden gelungen untadelig durch die Welt zu kommen; und das gelang ihm dann gerade deswegen, weil seine pelagianisch leichtsinnige Anschauung ihn rettete; aber dann ist seine Sünde eben diese pelagianisch leichtsinnige Auffassung. Wiederum ist gewiß schon mancher gerade durch eine strenge Erziehung im Christentum in Sünde gefallen, weil ihm die ganze christliche Anschauung, besonders in der früheren Zeit seines Lebens, zu ernst war; aber dann ist doch wieder diese tiefere Vorstellung von dem was Sünde ist eine Hilfe für ihn.

Sünde ist: daß man vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein will, oder daß man vor Gott verzweifelt man selbst sein will. Aber ist diese Definition, mag sie sonst auch ihre Vorzüge haben (und darunter den allerwichtigsten, daß sie die einzige schriftgemäße ist; denn die Schrift bestimmt die Sünde immer als Ungehorsam): ist sie nicht doch zu geistig? Darauf ist zunächst zu antworten: eine Definition der Sünde kann nie zu geistig sein (außer sie werde so „geistig“, daß sie die Sünde abschafft); denn Sünde ist eben eine Bestimmtheit des Geistes. Und dann: weshalb sollte sie zu geistig sein? Weil sie nicht von Mord, Diebstahl, Unzucht u. dgl. redet? Aber redet sie denn nicht davon? ist das nicht auch eine Eigenwilligkeit gegen Gott, ein Ungehorsam der seinem Gebote trotzt? und wenn man bei der Rede von der Sünde nur von solchen Sünden redet, vergißt man so leicht, daß solches alles fehlen und doch das ganze Leben Sünde sein kann: Eigenwilligkeit, die entweder geistlos unwissend darüber bleibt oder frech unwissend darüber sein will, in welch unendlich tieferem Sinne ein menschliches Selbst hinsichtlich jedes seiner geheimsten Wünsche und Gedanken Gott in Gehorsam verpflichtet ist; Mangel an Feinhörigkeit im Auffassen und an Willigkeit im Befolgen jedes geringsten Winkes, durch den Gott andeutet was sein Wille mit diesem Selbst ist. Die Sünden des Fleisches sind Eigenwilligkeit des niederen Selbst; aber wie oft wird nicht ein Teufel mit Hilfe des anderen ausgetrieben, so daß das Letzte schlimmer wird als das Erste? Denn so geht es ja gerade in der Welt zu: erst sündigt ein Mensch aus Schwachheit und Gebrechlichkeit; und dann (ja dann lernt er vielleicht seine Zuflucht bei Gott suchen, so daß ihm zum Glauben verholfen wird, der von aller Sünde rettet; aber davon reden wir hier jetzt nicht), dann verzweifelt er über seine Schwachheit und wird entweder ein Pharisäer, der es verzweifelt zu einer gewissen legalen Gerechtigkeit bringt, oder stürzt er sich verzweifelt wieder in die Sünde.

Die gegebene Definition umfaßt jede denkbare und jede wirkliche Form der Sünde; und sie hebt richtig das Entscheidende hervor: daß Sünde Verzweiflung ist (Sünde ist nicht die Wildheit des Fleisches und Blutes, sondern die Zustimmung des Geistes dazu); und daß sie vor Gott ist. Als Definition ist sie eine algebraische Formel. In dieser kleinen Schrift wäre es nicht an seiner Stelle und wäre außerdem ein Versuch der mißlingen müßte, wenn ich die einzelnen Sünden beschreiben wollte. Die Hauptsache ist hier bloß, daß die Definition wie ein Netz alle Formen umfasse. Und daß sie dies tut, kann man auch sehen wenn man sie durch die Definition des Gegensatzes der Sünde kontrolliert, des Glaubens; auf welchen ich in dieser ganzen Schrift wie auf ein sicheres Seezeichen hinsteuere. Glaube ist aber, daß sich das Selbst, indem es es selbst ist und sein will, sich selbst durchsichtig sich gründet auf Gott.

Es ist aber oft genug übersehen worden daß der Gegensatz zur Sünde keineswegs die Tugend ist. So kann die Sünde nur auffassen, wer nicht weiß daß alle Sünde vor Gott geschieht, wer sich deshalb mit einem bloß menschlichen Maßstab begnügt, wer also überhaupt nicht weiß was Sünde ist; also der Heide außerhalb und innerhalb der Christenheit. Nein, der Gegensatz zur Sünde ist der Glaube; daher es Röm. 14, Vers 23 heißt: „Alles was nicht aus Glauben kommt ist Sünde.“ Und dies gehört zu den entscheidendsten Bestimmungen des ganzen Christentums, daß der Gegensatz zur Sünde nicht die Tugend ist sondern der Glaube.

autoren/k/kierkegaard/kierkegaard-die_krankheit_zum_tode/die_krankheit_zum_tode_zweiter_abschnitt.txt · Zuletzt geändert: von aj