Krafft, Johann Christian Gottlob Ludwig - Christus, unsere Weisheit - Erste Predigt.

über 1 Cor. 1, 30.

Es ist eine Hauptlehre des göttlichen Worts, daß wir Menschen, unsrem natürlichen Zustande nach, nichts weniger, als selig sind. Unser Verstand, der uns, an und für sich selbst betrachtet, vor den Thieren einen so entschiedenen Vorzug giebt, hilft uns zu unsrer wahren Glückseligkeit wenig. Wir wissen genug, um uns mit viel Unruhe zu quälen, aber um glücklich zu seyn, dazu fehlt es uns an den nöthigen Einsichten gar sehr. Wir wissen, daß ein Gott ist, daß Er allmächtig ist, daß Er gerecht ist, daß es nöthig zur Seligkeit ist, Ihm wohlzugefallen, aber wie dieß geschehen müsse, und besonders, wie ein Uebertreter der göttlichen Gesetze seine Gnade wieder erlangen könne, darüber hat unsre Vernunft kein Licht. Wir können uns beim Rückblick auf unser ganzes verflossenes Leben von Jugend an wohl alle nicht bergen, daß Schuld auf uns haftet; wer aber hat, womit er diese Schuld tilgt? Wenn wir in eigner Kraft Entschließungen fassen, uns zu bessern, so werden wir auch inne, wie weit unsre Kraft reicht, und erfahren, daß unsre Schuld täglich größer wird. Wir haben eine Ahndung von einem künftigen Leben, aber keine lebendige, keine gewisse Erkenntniß, daß es irgend einen durchgreifenden Einfluß auf unser Verhalten hätte. Das Thier stirbt, ohne zu wissen, was sterben ist, der Mensch sieht seinen Tod mit Gewißheit voraus, es ist ihm bange vor diesem schaurigen Wechsel, aber er sieht kein Mittel, demselben zu entgehen, und alle Trostgründe, die er in seiner Vernunft findet, sind entweder nicht groß genug, oder nicht gewiß genug, um ihn aufzurichten.

In Wahrheit, ein trauriger, ein mißlicher Zustand, über den wir jedoch in keine Weise unsern Schöpfer anklagen dürfen; denn er rührt von der Sünde her. Sie hat unsern Verstand verfinstert, sie hat uns den Frieden im Gewissen geraubt, sie hat uns die Kraft genommen, den göttlichen Geboten Gehorsam zu leisten, sie hat den Tod in die Welt gebracht.

O welche elenden Geschöpfe waren wir, wenn wir unsrem natürlichem Zustande müßten überlassen bleiben, wenn wir müßten ohne Hülfe bleiben!

Aber, Gott Lob, daß ein Mittel zu unsrer Errettung vorhanden ist! Von allem Uebel, was durch die Sünde des ersten Menschen über uns gekommen, sollen wir erlöst werden durch den andern Adam, dessen Zukunft, dessen Ankunft in die Welt wir in diesen Advent-Wochen feiern! So mannigfach unsre Sünden, und unsre Gebrechen und unser Elend: bei Ihm ist Rath, Trost, Kraft und Hülfe in überschwänglicher Fülle für Jeden, der sich als Sünder, und Ihn als den Heiland im Glauben erkennt. Alles, was unser Herz wünschen kann, hat Er in Händen und kann es geben. Er ist, der da selig machen will und kann, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.

Dafür, o Gott, müsse Dir auch unter uns werden Lob und Dank, und Freude, und ewiger Ruhm und Preis Deinem heiligen Namen. Noch verlängerst Du uns die kostbare Gnadenzeit, und Lässest ein neues Kirchenjahr uns antreten. Wir bitten Dich, laß es je mehr und mehr licht werden in unsrem Verstände, gieb uns Frieden im Gewissen, schenke Kraft zu dem, was Du uns befiehlst, und Freude in Hoffnung dessen, was zukünftig ist, - das Alles um deß willen und durch den, der uns von Dir selbst zum Heiland verordnet worden, der dazu gekommen ist, die Sünder selig zu machen. Segne uns dazu auch heute das Wort des Evangeliums, das Du uns verkündigen lassest, und thue, was wir bitten, um Deiner Barmherzigkeit und um Deines Namens Ehre willen! Amen.

I.

Text: 1. Cor. 1, 30. „Von welchem auch Ihr herkommt in Christo Jesu, welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit, und zur Gerechtigkeit, und zur Heiligung, und zur Erlösung.

In der Gemeinde zu Corinth ließ es sich an, als wollte sie sich in mehrerlei Partheien spalten. Ein Theil gab sich für Schüler Pauli, Andere für Schüler des Apollo, Andere für Schüler Petri, Andere für Schüler Christi aus. Der Eine sprach: Ich bin Paulisch; der Andere: Ich bin Apollisch; der Dritte: Ich bin Kephisch; der Vierte: Ich bin Christisch. Der Apostel giebt darüber in unsrem Text sehr nachdrücklich sein Mißfallen, seine gerechte Mißbilligung zu erkennen. Wie, sagt er, ist Christus nun zertrennet? Habt ihr Corinther mehr als Einen Heiland, mehr als Ein Evangelium? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? fragt er, oder seyd ihr in Pauli Namen getauft? So weist er diejenigen zurecht, die, zu seiner tiefen Betrübniß, nach ihm sich genannt hatten. Dann straft er aber auch diejenige Parthei, die das Evangelium nach den Regeln rednerischer Kunst und mit viel Gelehrsamkeit oder in philosophischem Gewande vorgetragen haben wollte, und auf den Apostel Paulus mit einiger Geringschätzung hinunter blickte, weil er dieses nicht gethan. Dieß war ohne Zweifel die Parthei, die nach dem Apollo, einem aus den Juden bekehrten christlichen Lehrer, sich nannte; denn von diesem wird im 18. Kapitel der Apostelgeschichte ausdrücklich gemeldet, daß er ein sehr beredter Mann gewesen.

Dieser Parthei nun erklärt der Apostel, aus welchen Gründen er das Evangelium nicht nach ihrem Geschmacke vortrage, und bei der Predigt desselben die rednerische Kunst, und die Gelehrsamkeit, und die Philosophie, mit welcher er übrigens nichts weniger, als unbekannt war, völlig bei Seite setze. Unter mehrern Gründen führt er auch diesen an, daß das Evangelium am wenigsten Eingang gefunden habe bei denen, die zur Klasse der Redner, der Gelehrten und der Philosophen gehörten. Er konnte sich dieserhalb auf der Corinther eigne Erfahrung berufen. Sehet an, sagt er, lieben Brüder, sehet an euren Beruf, sehet in eurer eignen Gemeinde euch um, welche es sind, die zum Evangelium berufen worden, an deren Herzen der Ruf des Evangeliums kräftig geworden. Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß Er die Weisen zu Schanden mache. Es hat seinen tiefen Grund in der Weisheit und Gerechtigkeit der göttlichen Regierung, daß unter euch meist nur ungelehrte und einfältige Leute durch das Evangelium erleuchtet und weise geworden, die Gelehrten und Weisen unter euch dagegen fast alle ungläubig geblieben sind, nämlich, damit um so deutlicher und gewisser erkannt werde, daß alle Weisheit dieser Welt nicht im Stande ist, uns zu lehren, wie wir selig werden. Hat es aber mit dem Evangelium diese Bewandniß, daß es bei denen, die auf die menschliche Wissenschaft, und Kunst und Weisheit dieser Welt ein so hohes Gewicht legen, und darein verliebt sind, den wenigsten Eingang findet, so wäre es ja auch nicht zweckmäßig, nicht angemessen, mit diesen Mitteln dem Evangelium Eingang verschaffen zu wollen. Gott will nicht, daß die Menschen durch menschliche Weisheit und Kunst, sondern durch seine Kraft bekehrt werden sollen. So waren auch die Corinther selbst bekehrt worden; Paulus hatte ihnen das Evangelium von Jesu gepredigt, aber in aller Einfalt, ohne Schmuck und Kunst, nicht er, sondern Gott hatte den Glauben an Christum in ihren Herzen gewirkt, und sie selig gemacht. Darum sagt Paulus in unsrem Texte: Von welchem auch ihr herkommt in Christo Jesu, nicht auf dem Wege menschlicher Weisheit und Wissenschaft und Kunst, sondern durch Gottes Kraft send auch ihr Christen worden, seyd auch ihr in Christo, habt auch ihr im Glauben an Ihm Theil. Darum aber, setzt er hinzu, geht euch nichts ab. Unendlich mehr, als alle menschliche Weisheit und Wissenschaft euch hätte geben können, habt ihr in Christo gefunden und gewonnen. Durch Ihn habt ihr Licht für euren Verstand, Ruhe für euer Gewissen, Kraft zum heiligen Wandel, und die freudige Hoffnung des ewigen Lebens. Er ist uns gemacht von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.

Dieß, geliebte Zuhörer, ist der Zusammenhang unsrer Textesworte mit dem, was vorhergeht. Vier Wohlthaten werden uns hier namhaft gemacht, die uns durch Christum sollen mitgetheilt werden , und diese vier Wohlthaten sind der Inbegriff unsres Heils, sie fassen in sich Alles, was uns Sündern zur Seligkeit Roth ist; sie sind auch, was unsrer besondern Aufmerksamkeit Werth ist, genau in der Ordnung genannt, in der sie durch Gottes Gnade zufließen denen, die zur Seligkeit bereitet werden.

Schon vor mehrern Jahren habe ich einmal über diese Worte zu Euch geredet, und ihren Inhalt in einen einzigen Vortrag kurz zusammen gefaßt. Ich hoffe, keine ungeeignete Wahl getroffen zu haben, wenn ich zur diesjährigen Advent-Feier, die mit dem heutigen Sonntag beginnt, Euch nach Anleitung dieser Worte die Grundwahrheiten des Evangeliums in Einigen Predigten vortrage. Mein einiger Wunsch und Zweck ist, daß unsre Einsicht in den geoffenbarten Weg des Heils dadurch gemehrt oder befestigt, und je mehr und mehr lebendig und fruchtbar unter uns werden möge in allerlei Weisheit und Gnade und Kraft. Dazu verleihe der Vater aller Gnaden uns seinen Segen auch in dieser Stunde, wo wir bloß bei der ersten dieser vier Wohlthaten stehen bleiben und erwägen wollen, wie uns Christus von Gott zur Weisheit gemacht worden ist.

Christus ist uns zur Weisheit gemacht, d.h. Ihm verdanken wir, durch Ihn empfangen wir die Erkenntniß der seligmachenden Wahrheit, derjenigen Wahrheit, die uns den Weg zum ewigen Leben, den Weg der Seligkeit kennen lehrt.

Sehet da mit wenig Worten den Unterschied der Weisheit von den übrigen Wissenschaften. Die übrigen Wissenschaften haben alle ihren verhältnißmäßigen Werth und Nutzen. Mehrere unter ihnen befriedigen auf sehr anziehende Weise die menschliche Wißbegierde; andere dienen auf mannigfache Weise dem Handel, den Künsten und Gewerben, und helfen zu des irdischen Lebens Bequemlichkeit; andere sind besonders für die Regierungen wichtig, für die Gesetzgebung, für die Gerechtigkeitspflege und Handhabung der bürgerlichen Ordnung; andere dienen zur Erbauung oder Wiederherstellung der Gesundheit. Indessen können uns alle diese Wissenschaften nicht sagen und lehren, wo wir Frieden finden im Herzen und Gewissen, und selig werden. Alle jene Vortheile können uns nicht helfen, wenn es mit uns zum Sterben kommt; weßhalb Moses uns beten lehrt im 90. Psalm: Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, daß wir lernen nach Weisheit fragen. Bei allem unsren Wissen fehlt uns das Beste, die Weisheit noch, wenn wir nicht die Wahrheit wissen oder verstehen, die uns Gott kennen lehrt, und uns Selbsterkenntniß lehrte und uns den Weg zur Gnade bei Gott und zu einer seligen Ewigkeit zeigt. Zwar ist der Mensch, seiner natürlichen Blindheit nach, weit entfernt, die Weisheit in diesem Sinne sich abzusprechen, und des Mangels an Weisheit in Demuth sich schuldig zu geben. Warum hat die ungeheure Mehrzahl des Menschengeschlechts gleich von Anfang an von Gottes Wort und Offenbarung sich abgewendet, und Gottes Wort und Offenbarung vergessen und verloren, und ist, dem lebendigen Gott entfremdet, ins Heidenthum, in die Finsterniß der Abgötterei gefallen? Warum anders, als weil sie sich selbst für weise hielten? Warum ist auch in christlichen Ländern bis heute die Mehrzahl dem Evangelium fremd, abgewandt? Warum anders, als weil sie sich für klug halten. Wollen wir aber erkennen, wie weit es alle menschliche Weisheit, verlassen von dem Licht der göttlichen Offenbarung, bringt, und was sie ausrichtet, so dürfen wir nur unsre Augen richten auf den Zustand der Heiden der alten wie der neuen Welt. Die Griechen und Römer hatten es in den übrigen Wissenschaften so weit gebracht, daß man noch heut zu Tage ihre Schriften in dieser Hinsicht mit Vergnügen und Bewunderung liest. Aber was ist die Ausbeute, die man bei ihnen findet, wenn von Weisheit, von Unterricht, die Seligkeit betreffend, die Rede ist? Die einsichtsvollsten und besten unter ihnen hatten wohl einige Erkenntniß davon, daß nur ein wahrer Gott sey. Indessen war diese Erkenntniß überaus schwach, und mangelhaft und unkräftig. Sokrates, der für den weisesten gilt, hörte nicht auf, bis an sein Ende öffentlich vor allem Volke der Abgötterei zu huldigen, den Göttern zu opfern. Wohl hatten die Weisesten unter den Heiden von der göttlichen Allmacht und Weisheit einige Erkenntniß aus den Werken der Schöpfung, aber in Ansehung der göttlichen Gerechtigkeit, seiner Liebe und seiner Barmherzigkeit, waren sie sehr im Dunkel. Ob Gott dem Sünder seine Sünden vergeben wolle, darüber hatten sie keine Gewißheit; von dem Mittel aber, wodurch die Sünde versöhnt und den Sündern Gnade erwirkt werden sollte, wußten sie gar nichts. Ueber die Thieropfer, die von den heidnischen Priestern den Göttern dargebracht wurden, spotteten sie, aber ein besseres Mittel zu diesem Zwecke angeben, das konnten sie nicht. Sie verfaßten Sittensprüche und ermahnten die Menschen zur Tugend. Allein fürs erste hatten sie selbst kein rechtes Licht über den Grund und das Wesen der Tugend. Sie kannten den lebendigen Gott nicht, seine Heiligkeit nicht, sie kannten das eigne verderbte Herz nicht, - darum ermangelte ihre Tugendlehre gar sehr des Lichtes, der göttlichen Reinheit und Lauterkeit, darum sahen sie die äußern glänzenden Thaten, obwohl sie nicht aus lautrem Grunde der Liebe Gottes, des Trachtens, ihm zu gehorchen und wohlzugefallen, sondern aus unlautrem Grunde des Ehrgeizes und der ruhmsüchtigsten Eigenliebe herflossen, vorzugsweise für Tugenden an. Gesetzt aber auch, sie hätten das Wesen der Tugend besser gekannt, besser beschreiben und lehren können, so konnten sie doch nicht sagen, woher die Kraft nehmen, um sie auszuüben. Diese Kraft konnten sie nicht nachweisen; denn der sündliche und verderbte Mensch hat sie nicht in sich selbst, er muß sie anderswoher empfangen. Unzertrennlich hieng damit, daß sie Gott nicht erkannten, zusammen, daß sie auch sich selbst nicht erkannten. Warum der Mensch von Gott geschaffen worden, was des Menschen Bestimmung sey, konnten sie nicht sagen. Wie unmöglich ist es auch, hierüber Licht zu haben, und nothwendig der Mensch sich selbst das größte Räthsel, wo es an der Erkenntniß der Zukunft, und des Lebens nach dem Tode fehlt! Nun geben uns die noch vorhandenen Schriften der Weisesten unter den Heiden selbst Zeugniß, wie sehr es ihnen auch an dieser Erkenntniß fehlte! Sie redeten zwar von Unsterblichkeit der Seele, aber nur als von einer wahrscheinlichen Sache. Keinen eigentlichen Grund, keinen Beweis konnten sie angeben, und ihre Gedanken von der Beschaffenheit des künftigen Zustandes waren nicht mehr und nichts besseres, als Träume und Dichtungen. So sah es um die Weisheit und Erkenntniß der heidnischen Gelehrten aus; daraus ist abzunehmen, in welchem Zustand der Unwissenheit sich das Volk, der große Haufe befunden. Dieser ließ sich die Abgötterei gefallen, war ihr durchgehends ergeben, betete eine ganze Menge, zum Theil schändlicher, Gottheiten an, und wie das Herz voll Finsterniß, voll ungöttlichen Wesens, so auch der Wandel. Sehet, geliebte Zuhörer, in solchem Grad und Umfang ist es Wahrheit, buchstäbliche Wahrheit, wenn Paulus im Brief an die Epheser von den Heiden überhaupt sagt, daß sie ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt seyen, wie der fortwährende Zustand der heidnischen Völker, auch der gebildetsten unter denselben, der Hindus und der Chinesen, bis auf den heutigen Tag sattsam und schauderhaft bestätigt.

Ungleich besser allerdings stand es in dieser Hinsicht mit dem israelitischen Volke, in welchem Gott das Wort seiner ursprünglichen Offenbarung erhalten und fortgepflanzt und vielfach und auf mancherlei Weise mit demselben geredet hatte durch die Propheten. Israel hatte wenigstens die Morgendämmerung, den Morgenschimmer des Lichtes der Wahrheit, wahrend die Heiden in nächtlicher Finsterniß tappten. Indessen war es doch auch nicht mehr als Dämmerung, die den vollen Tag erst verkündete. Der Tag selbst brach nicht eher an, die Sonne gieng nicht eher auf, als bis Jesus auftrat, und als Sonne der Gerechtigkeit die Welt erleuchtete. Er ist uns gemacht von Gott zur Weisheit. Durch Ihn lernen wir Gott erkennen, wie Er ist, in der Majestät seiner Heiligkeit, in seiner Gerechtigkeit, in seinem ewigen Zorn wider die Sünde, aber auch in der unendlichen Gnade und Fülle seiner Liebe und Erbarmung über die Sünder. Niemand, sagt Er selbst, Niemand kennt den Vater, als der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren; wer Ihn siehet, der siehet den Vater. Durch Ihn lernen wir verstehen, wie und wodurch die Sünde versöhnt, und den Sündern Gnade erwirkt worden ist, wie Gott nun, seiner Gerechtigkeit unbeschadet, den Sünder zu Gnaden wieder annehmen kann. Von Ihm hören wir, an ihm selbst sehen wir, was wahre Tugend ist. Sein Leben, sein Wandel ist die lebendige Tugendlehre und ein fleckenloser Spiegel der Heiligkeit. Was sein Mund uns als den heiligen Willen Gottes gepredigt, das ist in seinem Wandel als Vorbild ausgeprägt. Aber nicht nur hören wir von Ihm und sehen an Ihm, was wahre Tugend ist, - Er hat uns auch die Mittel gelehrt, durch die man, aller natürlichen Verderbtheit des menschlichen Herzens ohngeachtet, dazu gelangen kann. Er hat uns endlich auch mit der Zukunft und mit unsrer ewigen Bestimmung bekannt gemacht. Er hat den Vorhang weggezogen, der unsern künftigen Zustand vor unsern Augen verhüllt, er hat Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht, und uns nicht nur von der Beschaffenheit Unsers Lebens nach dem Tode unterrichtet, sondern uns auch alle möglichen Beweise von der Gewißheit desselben gegeben, indem Er selbst von den Todten auferstanden und vor den Augen der Seinigen aufgefahren ist gen Himmel. Hieher also, wer die Wahrheit zur Seligkeit auf Hoffnung des ewigen Lebens sucht, wer nach Weisheit fragt! Die Gotteserkenntniß und die Selbsterkenntniß, das Opfer der Versöhnung, der den Sündern geöffnete Gnadenweg zum Vater, die lebendige Quelle des Friedens und der Kraft und der Hoffnung, - das Alles ist hier gegeben, vorhanden, von Gott selbst uns bereitet in Christo, dem menschgewordenen Sohn, dem Mittler zwischen Gott und den Sündern, Christus ist uns von Gott zur Weisheit gemacht; die Wahrheit ist in ihm uns gegeben in großer Fülle, in überschwänglichem Reichthum, in faßlichster Einfalt, in unergründlicher Tiefe, in großer Gewißheit, und selig, wer sich mit gläubiger Ueberzeugung Christi, als seiner Weisheit, rühmt. Die Gelegenheit, die Aufforderung dazu ist uns allen gegeben und dargereicht. Auch auf uns mögen wir deuten, was Jesus zu seinen Jüngern sprach: Viele Könige und Propheten haben gewünscht, zu sehen, was ihr sehet, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr höret, und haben es nicht gehöret. Haben wir solche Vorzüge vor den Königen und Propheten des alten Testaments, wie noch weit mehr also vor den Weisesten unter den Heiden! Der größte heidnische Gelehrte kann beim geringsten Christen, der in gläubiger Erkenntniß seines Herrn steht, in die Schule gehen, und von ihm die Wahrheit lernen, die allein den Namen Weisheit verdient, weil sie allein den Weg zum Leben, den Weg der Seligkeit lehrt.

Sehet da, Geliebte, mit wenig Worten, was wir Jesu, unsrem Herrn, vorab in Ansehung der Erkenntniß, der Erleuchtung unsres Verstandes verdanken, und warum der Apostel in unsrem Texte sagt, daß Er uns von Gott zur Weisheit gemacht sey.

II.

Nun, wenn es wahr ist, was der Apostel sagt, und was Euch heute gepredigt worden, so habe ich vollen Grund, zu wünschen und zu bitten, daß Christus auch uns Allen werde, wozu Er uns von Gott gemacht ist, unsre Weisheit. Wollen auch wir denn nicht Alle selig werden? Ist auch uns nicht Allen der Tod nahe? Haben wir nicht Alle eine unsterbliche Seele? Bedürfen wir nicht Licht über das Ziel, wohin wir steuern, und Gewißheit, ob wir auf dem rechten Wege sind? Haben wir hierüber nicht Grund gewisser Erkenntniß, wo ist dann unsre Weisheit? Und woran liegt dann die Schuld? Womit wollen wir uns rechtfertigen, wenn wir, obwohl wir den Tod und die Ewigkeit täglich vor Augen haben, und keinen Tag unsres Lebens gewiß sind, doch unser geistliches Bedürfniß so wenig kennen und fühlen und so wenig kennen und fühlen lernen wollen, so wenig nach Weisheit fragen, und suchen, Weisheit zu kaufen, dieweil sie zu haben ist? O, daß nicht über uns komme das schwere Wort des Herrn: Das ist das Gericht, die Ursache des Gerichts und der Verdammniß, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen doch die Finsterniß mehr lieben, als das Licht!

Ja, geliebte Zuhörer, kaum kann es ein gewisseres Zeichen des bevorstehenden Verderbens geben, als wenn das, was göttliche Weisheit und göttliche Kraft ist, wenn das Evangelium von Christo gering geachtet wird. Wir sehen, daß dieß fortwährend in der Welt geschieht, weil sie sich fortwährend selbst für weise hält, trotz dem, daß Geschichte und Erfahrung von Anbeginn durch alle Jahrhunderte hindurch bis hiehin bezeugen, daß die Weisheit nirgend, als bei Christo zu finden ist. Wie hat sich's seitdem bestätigt, was der Apostel vor achtzehn Jahrhunderten sagte, wie wir im 20. Verse unsres Textkapitels lesen: Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Was hat die Weltweisheit auf Erden ausgerichtet, und was das einfältige Evangelium? Wo hat die Weltweisheit uns irgend eine Wahrheit gebracht, die nicht im Evangelium von Christo bereits enthalten ist, die wir nicht auch dort, und in viel mehrerer Gründlichkeit und Tiefe, bereits besitzen? Und wo ist die Weisheit dieser Welt jemals Jemanden zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung geworden? - während durch des Evangeliums Gottesweisheit und Gotteskraft in allen Zeitaltern Unzählige gläubig und selig geworden sind. Hohe und Geringe, Gelehrte und Ungelehrte hat es selig gemacht. Die Hohen hat es geniedrigt, die Niedrigen hat es erhöhet, die Weisen hat es einfältig, die Albernen hat es klug gemacht, und thut das noch. Auch sehen wir von Anfang bis Hiehin, daß die Wahrheit die Herzen vereinigt. Die, denen Christus ihre Weisheit geworden, trinken Alle aus Einer Quelle, führen Alle dieselbe Sprache, öffnen Alle einstimmig ihren Mund im Lobe Jesu, ihres Erlösers, zur Ehre Gottes, des Vaters, dort unter den Völkerstimmen der großen Wildniß, wie hier in unsrem längst gesitteten Europa. Dagegen in der Weisheit dieser Welt nichts so auffallend ist, als der Mangel an Einheit, daß jeder wieder eine andre Weisheit für die wesentliche ausgiebt, und für eine Zeit lang dann auch seinen Kreis von Bewunderern findet, die da sprechen, wie es in Samaria von Simon, dem Zauberer, hieß: „Der ist die Kraft Gottes, die da groß ist!“ Die Weisen dieser Welt verachten das auch nicht, und sehen es gar nicht ungerne, daß eine Parthei sich bildet, die nach ihrem Namen sich nennt, - den Apostel Paulus betrübte das tief, und er strafte es ernstlich, daß es Christen gab, die nach ihm sich paulinische Christen nennen wollten; so wie es Luther nicht begehrt hat, sondern ihn geschmerzt hat, daß Christen nach ihm sich lutherische nannten. Denn die Knechte des Herrn suchen, was des Herrn ist, und führen ihre Schüler nicht sich, sondern dem Herrn zu. Einer ist unser Meister, Christus! Die Weisen dieser Welt aber suchen das Ihre, ihren eignen Ruhm. Siehe, sagt Jeremias, siehe, wir kommen zu Dir, denn Du bist der Herr, unser Gott. Wahrlich, es ist eitel Betrug mit Hügeln und mit allen Bergen. Wahrlich, es hat Israel keine Hülfe, denn am Herrn, unsrem Gott!

Welcher Weisheit nun sollen wir trauen? Der Schmeichlerin, dem fremden Weibe, die glatte Worte giebt Spr. Sal. 7, 5 ff., die das Schild der eigenen Vernunft aushängt und Aufklärung verheißt, während sie vor der Buße vorbeiführt? oder der, die uns göttlich straft und züchtigt, die uns zur Selbsterniedrigung, zur Buße leitet, und dadurch zu Christo hinführt, und auf diesem Wege unaussprechlich beseligt und ewig erhöht? Der, die einem Rohrstab gleicht, welcher, so jemand sich darauf lehnet, geht er ihm in die Hand und durchbohrt sie, - der, welche den löcherigen Brunnen gleicht, die kein Wasser geben? oder der, die es an viel Tausenden bewährt hat, daß sie die lebendige Quelle ist, der, wofür die Väter gekämpft haben, und worauf Tausende selig in die Ewigkeit hinübergegangen sind? Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Und wir haben geglaubt und erkannt, daß Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Amen.

Zusatz für nachdenkende Leser über den Unterschied, den man zwischen den Wahrheiten der natürlichen und geoffenbarten Religion zu machen pflegt.

Die Wahrheiten der geoffenbarten Religion sind nach die, sein Unterschiede diejenigen, welche die menschliche Vernunft durchaus nicht hätte finden und erkennen können, wenn sie uns nicht durch ausserordentliche Veranstaltungen Gottes kund gemacht worden wären, insbesondere also die Grundwahrheiten des Evangeliums. Wie würde die Vernunft durch eignes Nachdenken jemals haben den Eingeborenen vom Vater erkennen, oder wissen können, daß derselbe nach ewigem göttlichen Rathe Mensch werden, das Opfer für unsere Sünde werden, und dann als unser Vertreter und König in die Herrlichkeit wieder eingehen werde! Auch nicht auf irgend eine Spur von diesem allem würden wir gekommen seyn, wenn es nicht geschehen und uns von Gott nicht in seinem Wort offenbart wäre. Die Wahrheiten der natürlichen Religion sind nach diesem Unterschied diejenigen, welche der Vernunft, dem vernünftigen Nachdenken des Menschen, bei einer aufmerksamen Betrachtung der Welt und sein selbst so nahe liegen, daß er, wenn er sie nicht erkennt, keine Entschuldigung hat; - die Wahrheiten, daß ein allmächtiger Schöpfer und Regierer der Welt ist, und daß Er höchst weise, gütig, heilig und gerecht ist. So weit ist der Unterschied, den man zwischen natürlicher und geoffenbarter Religion zu machen pflegt, gegründet. Sehr irrig aber würde dieser Unterschied aufgefaßt, wenn man annehmen wollte, daß die Wahrheiten der natürlichen Religion von denjenigen, die keine Offenbarung hatten, wirklich wären erkannt worden. Denn dieß ist nicht geschehen. Alle diejenigen Stämme, Geschlechter und Völker, welche die ursprüngliche Offenbarung verließen, haben aber hiemit auch die Erkenntniß Gottes überhaupt verloren. Obwohl Gott sein unsichtbares Wesen, seine ewige Kraft und Gottheit auch in den Werken der Schöpfung den Menschen so nahe gelegt hatte, daß sie Ihn, auch im Finstern, gleichsam durch Tasten und Fühlen hätten finden müssen, waren und blieben sie unverständig, und beteten statt des Einigen wahren Gottes, den sie, wie der Apostel sagt, zu erkennen nicht achteten, ihre Götzen an. Und das geschah nicht nur von rohen unwissenden Völkern, sondern auch von den gebildetsten, unter denen Kunst und Wissenschaft blühten, und einzelne merkwürdige Ahnungen der Weisesten unter ihnen, die hiemit nicht herabgesetzt werden sollen, begründen doch hier keine Ausnahme, - denn wo haben sie je zu einer wahrhaftigen Gotteserkenntniß sich entwickelt, und wo der Abgötterei je gesteuert? - Daß man in Athen, diesem Hauptsitz der Wissenschaft und Weisheit des heidnischen Alterthums die Wahrheiten der geoffenbarten Religion nicht kannte, darüber pflegen wir uns nicht zu verwundern, obwohl doch auch eine Synagoge in Athen war, wo Moses und die Propheten gelesen und ausgelegt wurden, - eine Gelegenheit, Gott zu erkennen, die von einigen Atheniensern auch benutzt wurde, denn auch dort finden wir gottesfürchtige Heiden, die an die Synagoge sich anschlossen, - aber daß die gelehrten und gebildeten Athenienser, und die dortigen Philosophen auch die Wahrheiten der natürlichen Religion nicht erkannten, das ist ein lehrreicher Umstand, der unsers Nachdenkens werth ist. Durch den Unterschied zwischen natürlicher und geoffenbarter Religion, wie er gewöhnlich gemacht wird, kann man leicht irre geleitet werden. Die Wahrheit ist, daß die natürliche Religionslehre völlig, und allein richtig, in der geoffenbarten Wahrheit enthalten ist. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater unsers Herrn Jesu Christi, derselbe und kein anderer ist es, der den Himmel und die Erde und das Meer, und alles, was darinnen ist, gemacht hat. Die Wahrheiten der natürlichen Religion wurden und werden nur da erkannt, wo das Licht der geoffenbarten leuchtet. Wo aber das Licht der geoffenbarten erlischt, erlischt das Licht der natürlichen mit, und keine Philosophie war jemals im Stande, es wieder anzuzünden. Was im Gebiete der Christenheit als natürliche Religion und Theologie sich konstituirt hat, übertrifft freilich weit das, was die heidnischen Philosophen von Gott und der Tugend gelehrt. Aber diese natürliche Religion und Theologie ist ein von der Offenbarung erborgtes Licht, welches sich, als wäre es nicht erborgt, sondern ein Erzeugniß der menschlichen Vernunft, der geoffenbarten Wahrheit gegenüberstellt, und hiemit der Finsterniß wieder verfällt, und zwar einer ärgern, als die heidnische Weisheit, die sich in Unwissenheit und Unkunde des göttlichen Worts, nicht aber im Gegensatze desselben gestaltete.

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