Rautenberg, Johann Wilhelm - Das Evangelium von Christo verkündet allen Menschen dasselbe Heil.

Adventspredigt über Röm. 15, 4-13.

Gelobet sey der Herr, welcher gekommen ist, und verkündigt hat im Evangelio den Frieden, beiden, den Fernen und den Nahen, und durch welchen wir alle einen Zugang haben in einem Geiste zum Vater. Amen!

Geliebte in dem Herrn! Es ist die Schuld der Sonne nicht, daß nicht alles, was da lebet auf Erden, in gleicher Weise und in gleichem Maße in ihrem Lichte lebt. Sie gehet ja, wie der Heiland sagt Matth. 5, 45 über die Bösen, wie über die Guten auf, sie strömt die. Fülle ihres Lebens aus für jede Creatur, und der Grund, weshalb nicht jede den vollen Segen ihrer Strahlen hat, liegt außer ihr. So ist’s auch nicht die Schuld der Sonne der Gerechtigkeit, des Heilands aller Menschen (1 Tim. 4, 10), wenn wir nicht alle sein Heil in gleicher Fülle schauen und genießen. Denn in ihm ist ja erschienen die heilsame Gnade allen Menschen (Tit. 2, 11) und er hat sich selbst gegeben für alle zur Erlösung (1 Tim. 2, 6). Allen Kindern Israels sagte die göttliche Verheißung den beglückenden Besitz des ersehnten lieben Landes zu, und sie wurde dadurch nicht zur Lüge, daß ihrer viele niedergeschlagen wurden in der Wüste und nicht hineinkamen. So verkündigt das Evangelium von Christo allen Menschen dieselbe Seligkeit, und es wird dadurch kein leerer Klang, daß Unzählige noch immer ihres Jammers kein Ende sehen, daß noch tausende über ein Verhängniß klagen, welches willkührlich die Loose der Sterblichen vertheile und grade ihnen die schwarzen zugeworfen, ja, daß auf tausend Bergen, von armen, unseligen Herzen umlagert, noch kein lieblicher Fuß seiner Boten stand. Allein an der Stellung zum Erlöser welche wir nehmen, liegt es, wenn uns die Fülle des Heils abgeht, welche er in seinen Narbenhänden für jeden trägt.

Das ist nun freilich eine alte Wahrheit, schwerlich irgend jemand von uns unbekannt, aber auch eine große Wahrheit, ein Arm am heiligen Leuchter der Offenbarung. Daher darf ihr Feuer nie bei uns ermatten, und die Adventszeit hat den Beruf, neues Oel hinzuzuthun. Sie gebraucht dazu das Wort des Apostels Pauli, welches wir heute hören. Lasset uns Gott still anrufen, daß er’s dazu auch an unsern Herzen segne, und zu solchem Gebet uns sammeln, indem wir singen:

Gesegnet wird mit Gnad und Heil,
Wer nur auf Jesum bauet.
Der Himmel selbst wird dessen Theil,
Der gläubig ihm vertrauet,
Durch Christum segnet Gott uns nun,
Denn er ward Mensch, uns wohlzuthun
Und unser Heil zu gründen.
O der wundervollen Huld!
Denn er starb für unsere Schuld,
Für aller Menschen Sünden.

Text: Röm. 15, 4-13.
Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben. Gott aber der Geduld und des Drostes gebe euch, daß ihr einerlei gesinnet seid unter einander, nach Jesu Christo; auf daß ihr einmüthiglich mit Einem Munde lobet Gott und den Vater unsers Herrn Jesu Christi. Darum nehmet euch unter einander auf, gleichwie euch Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe. Ich sage aber, daß Jesus Christus sei ein Diener gewesen der Beschneidung, um der Wahrheit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißung, den Vätern geschehen. Daß die Heiden aber Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben stehet: Darum will ich dich loben unter den Heiden, und deinen Namen singen. Und abermal spricht er: Freuet euch ihr Heiden, mit seinem Volk. Und abermal: Lobet den Herrn alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker. Und abermal spricht Jesaias: Es wird sein die Wurzel Jesse, und der auferstehen wird zu herrschen über die Heiden, auf den werden die Heiden hoffen. Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr völlige Hoffnung habet durch die Kraft des heiligen Geistes.

Hinein, Geliebte, in den Gang dieser heiligen apostolischen Gedanken!

Unser keiner, - das ist die Sprache der Wahrheit in der Gemeinde Christi - unser keiner lebt ihm selber (Röm. 14,7). Gott hilft uns von der Eigenliebe los, in welcher der Mensch sich selber wohlgefällig liebkost und am Genuß der ihm von andern gewordenen Gaben sein selbstsüchtiges Behagen hat. Sind wir durch die Gnade Gottes stark, so tragen wir der Schwachen Gebrechlichkeit als war’s die unsere. Uns selbst vergessend leben wir den Brüdern zu Trost und Freude, fördern das Heil ihrer Seele auf alle Weise, und scheuen dabei keine Schmach der Welt. In dem allen haben wir Christum zum Vorbilde, von welchem geschrieben stehet: „Die Schmach derer, die dich schmähen, ist über mich gefallen“ (Ps. 69, 10), - auch uns geschrieben zum Trost und zur Stärkung in der Geduld (V. 4). Der Gott aber, welcher Trost und Geduld verleiht, wird auf unser Flehen uns auch den Geist der Eintracht und der Liebe schenken, daß wir einander brüderlich umfassen, ohne Rücksicht auf das, was uns außer Christo etwa getrennt haben mag, wie denn uns Christus auch alle, Juden und Nichtjuden, mit derselben Gnade und Erbarmung aufgenommen hat. Obgleich nämlich, dem Rathe der Verheißung zufolge, der Stern des Heils aus Jacob aufging, so war doch das Heil selbst den Kindern Edoms nicht minder zugedacht, und, wenns ans Rühmen und Preisen geht, so haben alle Kinder des neuen Bundes nichts anders zu loben, als eine und dieselbe Barmherzigkeit Gottes in Christo Jesu.

So lenkt der Apostel wieder in den großen Gedanken ein, der neben andern, als ein glänzender goldner Faden das ganze Gewebe unsers Briefes durchzieht, daß das Evangelium von Christo allen Menschen dasselbe Heil verkünde,

Lasset uns zuerst andeuten, was diese Wahrheit in sich fasse, und sodann bedenken, wie sie uns bewegen müsse.

I.

Hätten wir die Stimme des Evangelii, die allen Menschen dasselbe Heil verkündet, noch nicht gehört, so müßten wir mit verlangendem Herzen und gespanntem Ohr darnach lauschen; - denn wir tragen außer Christo alle dasselbe Unheil. Paulus „beweiset, daß beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind (Röm. 3, 9) und das Gesetz Gottes des Allerhöchsten legt „alle Menschen unter Verschloß seines verdammenden Urtheils“ (Gal. 3, 22. 23. Röm. 9, 32). Es bricht über uns alle den Stab. Am Sinai wird „aller Mund verstopfet;“ denn vom rauchenden Gipfel des Berges erklären Gottes Donner, „daß alle Welt Gott schuldig sei, und daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werk vor ihm gerecht sein möge“ (Röm. 3, 19. 20). Wagt ihr die Frage: „Keiner?“ so donnerts wieder: „Auch nicht einer“ (V. 10). Und fragt ihr, schmerzlicher und banger, noch einmal: „Alle ohne Unterschied?“ so ist die furchtbar ernste Antwort: „Es ist hie kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten“ (V. 23). Das Gesetz des Herrn gleicht dem geweihten Gebiete eines alten Götterhains. Nur ein Fuß über die zarte Grenze, und der Mensch war des Todes. „So jemand das ganze Gesetz hält, und sündigt an einem, der ist's ganz schuldig“ (Jac. 2, 10). Also trifft uns alle derselbe Fluch. Die Sünde lohnt allen ihren Knechten mit demselben Solde und der heißt Tod, (Röm. 6, 23). „Es ist der Tod zu allen Menschen hindurch gedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben“ (Röm. 5, 12). Wer hätte nicht im höchsten Grad den Schreckenskönig zu fürchten, so lange man Gott noch nicht für den in Christo über denselben errungenen Sieg dankt? Und jenseits? Nun ich wüßte nicht, daß das: „Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer“ (Matth. 25), irgend welchem unter ihnen vergönnte, außen vor zu bleiben, oder daß die Flamme geheimen Befehl hätte, da oder dort sanfter zu brennen, und der nicht sterbende Wurm, da oder dort leiser zu nagen (Marc. 9, 44). Nein, außer Christo aller Orten und bei allen Menschen dasselbe Elend, dieselbe Hölle; - und was uns sonst von einander unterscheidet, Naturanlage, Geschlecht, Bildung, Rang und Schicksal, das macht, streng genommen, hiebei keinen. Unterschied. Wir sind alle an derselben Seuche krank; nur liegt der Eine auf seidnem Polster, während der Andere auf dürftigem Stroh sich krümmt. Wir sind alle gleich mißgestaltet; nur blühen auf einer Wangen Rosen dabei, während die andere ungeschminkt gesteht, daß sie Erde und Asche sei. Wir sind alle gleich arm; nur wirft der Eine schimmernden Purpur und köstliche Leinwand über seine Blöße, während der Andere kaum einen zerrissenen Lappen darüber zu breiten hat. Wir irren alle umher in derselben Wüste; nur fährt der Eine auf goldnem Wagen, während den Andern kaum ein morscher Stab unterstützt. Wir schweben alle auf demselben tobenden Meere; nur der Eine im stolzen Schiffe, der Andere im gebrechlichen Nachen. Aber stillt dein stolzes Schiff das tobende Meer? Befruchtet dein goldner Wagen die Wüste? hebt die Purpur deine Dürftigkeit? Verwischen die Wangenrosen deine Gebrechen? Flieht vor dem seidenen Polster die Seuche? Nein, da ist von der Fußsohle bis zum Scheitel der Menschheit eine Eitelkeit, ein Jammer (Pred. 2, 11,) - und uns sündigen Adamskindern allen fehlt dieselbe Blüthe und Gesundheit der menschlichen Natur, dieselbe Gerechtigkeit und göttliche Lauterkeit, dasselbe Licht, derselbe Trost, derselbe Friede, dieselbe Ruhe, Kraft und Freude, dieselbe Zuversicht und Hoffnung, derselbe Gott, derselbe Himmel, dasselbe Heil.

Dieses unselige Gleichmaß unserer Noth wird nun mit göttlichem Erbarmen im Evangelio beklagt und eben daher das entbehrte Heil auch nicht nach verschiedenem Maße verheißen. Wie es allen Menschen an allen Enden gebeut, Buße zu thun, und jedermann vorhält den Glauben an den einen Mann, welcher den Kreis des Erdbodens richten soll mit Gerechtigkeit (Apg. 17, 30); so beut es in dieses Mannes Namen Allen Vergebung der Sünden an (Apg. 40, 43), und zwar einem Jeden viel Vergebung (Jes. 55, 7), weil ein Jeder viel gebraucht. Simon bedarf ihrer nicht weniger, als die große Sünderin, und wenn der Drang der Liebe ihn erkennen läßt, was er sein möchte, und nicht ist, so läßt auch er sich viele Sünden vergeben (Luc. 7, 39. ff.); denn da bekennt er nicht nur: „Das ist je gewißlich wahr, und ein theuer werthes Wort, daß Jesus Christus in die Welt kommen ist, die Sünder selig zu machen,“ sondern aus aufrichtigem Herzen zu Ende hinaus: „unter welchen ich der Vornehmste bin“ (1 Tim. 1,15). In jenem. Briefe der gottlosen Lehre werden alle Diebe und Meineidige fromm gesprochen (Zach. 5); wundert euch nicht, Gel., daß im Evangelio, in diesem Briefe der alleinigen, lautern, göttlichen Lehre dasselbe geschieht, nur freilich auf andere Weise. Die Allmacht der Gnade, welche im Evangelio verkündigt wird, weiß auch im versunkensten Verbrecher das zertrümmerte Ebenbild Gottes herzustellen, und wie schön in unsern Augen das Kleid der Tugend sein mag, welches wir da draußen tragen; - wollen wir selige Gäste bei dem ewigen Freudenmahle Gottes sein, so muß jenes Kleid doch herab, und wir müssen uns doch vom Haupt bis zu den Füßen mit dem Schmucke zieren lassen, der dem Nacktesten vom Zaune und von der Landstraße her angethan wird, - das ist der Schmuck der Gott allein genügenden Gerechtigkeit seines lieben Sohnes. So lehrt das Evangelium (Matth. 22; Phil. 3, 9; Röm. 3,24; 2 Cor. 5, 21). Es heißt ja namentlich das Evangelium des Friedens: (Eph. 6, 15), und tausend Güter des Heils verheißt es auf einmal in diesem einen Himmels-Gute, den Frieden, uns armen Wanderern auf Erden, bei denen das Wort gilt: „Auswendig Streit, inwendig Furcht.“ (2 Cor. 7, 5). Aber der Friede, den es verkündigt, ist der Friede im heiligen Geist, den Christus giebt, und nicht die Welt (Joh. 16), und dieser Friede wohnt so gut in derjenigen Brust, die vor dem Sturme zeitlicher Angst und Plage keine ruhige Stunde, als in der Seele, welcher Gott eine stille Zuflucht vor dem Weltgetümmel bereitet hat. Dieser Friede zieht seine Himmelsgaben eben so schön und groß in einem Herzen, das von der Leidenschaft durchwühlt ward, als in einem Gemüthe, welches vor ihrem Aufruhr gnädig bewahrt blieb, - und wenn seine Himmelstaube ihr Oelblatt auf die größte Munde legt, so erquickt und heilt es so vollkommen, als wenn sie damit die kleinste deckt. Wie der Friede aber, so auch die Freude, welche das Evangelium zusagt. „Gott erfülle euch mit aller Freude im Glauben“ wünscht der Apostel den Christen, und macht unter ihnen keinen Unterschied. Jedem Herzen alle, alle Freude, das ist der himmlischen Botschaft Segensgruß. Es ist die unaussprechliche herrliche Freude der Kinder Gottes im Licht und Leben ihres neuen himmlischen Wesens und in der ewigen Liebe zum Vater und zu einander, welche derselbe meint. Das ist die Freude der geringen, aber von Gott geehrten, der tiefbetrübten, aber von Gott hochgeliebten Herzen, und wer von den Großen und Glücklichen der Welt zur rechten Freude gelangen will, der muß eben seine Lust aufgeben, und sich zu jenen an den Tisch setzen, den ihnen Gott bereitet hat. Und wie viel Erkenntniß, Gaben und besondere Gunst der göttlichen Fügung in dieser Welt andere vor mir voraus haben mögen; - weiß ich nur das Eine, das rundlich große Geheimniß von der Liebe Gottes in Christo Jesu, habe ich nur die eine Gabe, die beste, jene Liebe aus dem Glauben, welche unser Apostel preiset (1 Cor. 13), so giebt es keine Lage, keinen Schmerz, keine Macht, welche mir die höchste Freude vorenthalten kann. Das Evangelium giebt mir ja, wie einem jeden, der es glauben will, die Hoffnung auf das eine, unvergängliche und unbefleckte Erbe im Himmel. Es redet nicht von mancherlei unverwelklichen Kronen der Ehren da drüben, sondern von einer nur, (1 Petr. 5, 4). Es ist nur ein Kanaan, nur ein Paradies jenseits, und das hat nicht etwa Lilien- und Rosenlauben für die Apostel und Propheten, und Kürbishütten für die begnadigten Zöllner und Schächer; sondern unter allen seinen Schatten dieselbe Seligkeit für Alle, das völlige Daheimseyn bei dem Herrn (Luc. 33,43; 1 Thess. 4, 17). Für jede Seele giebt’s ewig eine Johannesstelle an des Heilands Brust.

Unendlich sei immerhin die Vielartigkeit und Mannigfaltigkeit der Gefäße, jedes soll ihn ganz haben, den einen Schatz des Heils, jedes taugt zur Einfassung der einen Perle des Himmelreichs. Unendlich sei die Verschiedenheit der Naturen und Kräfte; die Kraft der Gnade macht sie alle, wenn sie nicht widerstehen, tüchtig zu dem einen Erbtheil der Heiligen im Lichte. Mögen alle Unterschiede des Geschlechtes, des Standes, der Bildung und des Geschickes sich in der Schaar zusammenfinden, die hinaufpilgert gen Bethlehem, dem Sterne Jacobs zu; ihnen allen ruft der Engelchor entgegen: „Euch, euch ist heute der Heiland geboren!“ Was jeder Eignes und Besonderes zur Krippe bringt, sei's angebornes oder hinzugewonnenes Eigenthum, das wird abgethan, so weit es hindert, wird genutzt, so weit es dient, daß er zum Besitz der Seligkeit in Christo gelange, wozu ihn Gott gesetzt hat, Und wie's in einem jeden eben der Geist des Menschen bedarf und sich ersehnt, nimmt er aus des Eingebornen Fülle Gnade um Gnade. Da ist das Alter wie die Jugend, das Weib wie der Mann, der Einfältige, wie der Weise, der Knecht wie der Freie, der Hirt wie der Fürst, da ist Grieche und Scythe wie Abrahams Sohn, oder vielmehr, es ist das alles nicht vorhanden, sondern alles und in allen Christus, (Col. 3, 11; Gal. 3, 28). Hat einmal. das Herz in Christo sein Licht, seinen Trost, seine Stärke, sein Heil gefunden, so presset der Elendeste sich dem Glücklichsten gleich. Und wenn das Lob der Barmherzigkeit des Höchsten sich erhebt; so ist das ein großer jauchzender Chor aller Völker, in welchem jede Stimme, sie töne vor oder sie schließe sanft sich an, der Freudenpsalm einer seligen Seele ist.

O geht hinaus auf allen Wegen,
Und holt die Irrenden herein;
Streckt jedem eure Hand entgegen.
Und ladet froh sie zu uns ein.
Der Himmel ist bei uns auf Erden,
Im Glauben schauen wir ihn an.
Die eines Glaubens mit uns werden,
Auch denen ist er aufgethan.

II.

Dieser schöne Christenpsalm deutet zugleich das Zweite an, was wir uns sagen wollten in dieser Stunde, nämlich wie uns die vernommene herrliche Wahrheit, daß Gott im Evangelio den Menschen allen dasselbe Heil verkünden lasse, bewegen solle. „Die eines Glaubens mit uns werden,“ singen die Heiligen Gottes, „auch denen ist er aufgethan.“ Der Himmel ist gemeint, und nicht nur thut sich derselbe dem Glaubenden auf, er nimmt ihn auch auf. „O, daß wir glauben könnten!“ - das wird daher der Seufzer aller Herzen sein, die das ernst bewegt. Glauben heißt nicht nur, dahintreten vor den offenen Himmel, sondern auch hineingehen; nicht nur das höchste Heil sich von Gott zusagen und darreichen lassen, sondern es auch hinnehmen, es mit ganzer Seele ergreifen, und sich zueignen, das Himmelreich mit Gewalt, d. i. mit aller Macht der Liebe, zu sich reißen, wie die Schrift sagt (Luc. 16,16) während man Alles Andere fahren läßt. Dazu muß aber jeder sich angeregt fühlen, der’s nicht umsonst vernimmt, daß eben ihm, wie einem jeden, die Fülle der Seligkeit in Christo Jesu angeboten wird, und das Feuer dieser Anregung muß stärker brennen, da der Odem Gottes, das Evangelium, von Neuem darin haucht. Mißtraue daher zuvörderst seinem Zustande ein jeder, der nicht mehr nach seinem Glücke ringt, sondern es schon völlig zu haben meint, der da spricht: „Ich bin reich und habe gar satt, und bedarf nichts“ (Offenb. 3, 17). Sieh das dich beseligende Gut darauf an, ob alle Menschen von Gott berufen feien, darnach zu trachten, oder ob es immer nur den Einzelnen zufallen könne. Eine Glücksperle, die nicht jedermann zu kaufen hat, ist nicht die Perle des Himmelreichs, und ein Friedens- und Freudengarten, zu welchem Gott nicht Allen die Pforten öffnet, liegt außer dem Paradiese. Darum wenn dein Glück nicht wirklich das lautere Heil deiner Seele in dem Freunde vom Himmel ist, mags sonst so schön sein und heißen wie es will, gutes Herz oder heitere Natur, reiches Wissen oder blühende Kunst, bequeme Tage oder ehrenvolle Wirksamkeit, glänzender Name oder verborgener Ruhm, rauschende Freude oder stiller Genuß, Fürstenpallast oder Hirtenhütte, - o laß dich aus dem Traume der Täuschung wecken und lerne einsehen, daß du mit dem kalten Mondenschimmer dich begnügst, während der von dir vielleicht bemitleidete Unglückliche im vollen Strahl der warmen Sonne sich labt. Behalte was mit darf, aber säume keinen Augenblick, dein Herz in das reine Licht des Lebens zu stellen, welches allen Menschen leuchtet, und allein dich ewig beseligen kann. Lerne mit Paulo sprechen: „Was mir Gewinn war, habe ich um Christi willen für Schaden geachtet, denn ich ächte es alles für Schaden, gegen der überschwenglichen Erkenntniß Christi Jesu, meines Herrn.“ (Phil. 3, 7. 8.)

Doch zu den Glücklichsten zählen sich wohl immer Wenige nur; der bei weiten größern Zahl nach sehen wir zu gesegnetern Brüdern hinauf, indem wir ihr liebliches Loos entweder fruchtlos beneiden, oder, bald mit bittrer Empfindlichkeit, bald mit kalter Stumpfheit aus unsern Wünschen tilgen, oder endlich, was freilich am seltensten vorkommen mag, um unserer Unwürdigkeit willen nicht begehren. So köstlich nun auch diese Demuth ist, so würde sie doch nicht viel minder irren, als jene unlautere Entsagung und jener vergebliche Neid, wenn sie das Verlangen und Trachten nach dem Kleinode des höchsten Heils hemmte oder schwächte, um welches alle den schönen wunderbaren Wettlauf thun sollen, der es jedem erreichbar macht. Ehre der Genügsamkeit, die von dem, was die Welt Glück nennt, nichts sich erbittet, als ein Stück Brod und ein Kleid (1. Tim. 6,8.); aber Schande der seltsamen Zufriedenheit, die am Fuße der Himmelsleiter liegen, oder an einer Stufe derselben hangen bleiben will, Schande der Selbsterniedrigung, die „sich selbst nicht werth achtet des ewigen Lebens“ (Apg. 13, 46). Wir lächeln über die Selbstbethörung roher Leute, die das Beten und Frommsein zu den Amtsgeschäften des Predigers zählen; aber was soll über uns geschehen, wenn wir irgend jemand unter uns reich in Gott erblicken, und es ruhig ertragen, daß wir es nicht sind, wenn der Freund vom Geiste das ewige Leben erndtet, und wir zu träge, oder zu schüchtern sind, auf diesem Felde die Sichel anzuschlagen? Gilt Pauli Versicherung: „Es K alles euer“ (1. Cor. 3, 22.) nicht uns allen? Warum denn nicht nehmen, was unser ist? Zu allen spricht der Sohn: „Ihr sollt frei werden“ (Joh. 8.); und wir wollen Knechte bleiben? „Ihr sollt saugen und satt werden von den Brüsten ihres Trostes,“ ruft der Herr allen Traurigen in Zion zu; und wir wollen uns nicht als Kinder an die Mutter schmiegen, wollen die himmlische Sättigung verschmähen, und uns nicht trösten lassen? „Ihr sollt euch ergötzen an der Fülle ihrer Herrlichkeit,“ fährt er fort (Jes. 66,11.); und wir wollen uns so erbärmlich weiter plagen in unserm Elende? Nicht so, lieben Freunde! Allen dasselbe höchste Heil! Selbst den Aposteln und Propheten kein besonderer Himmel; darum ihnen nur nach, und die Sache nicht aufgegeben, sollten wir tausendmal darüber sterben. Alles bei Seite gelegt, was wir sonst besitzen, jedes an seine Stelle, und getrost zu Gott gesprochen: „Herr, gieb her das höchste Gut! Das muß ich haben, nach deinem Wort, Himmel und Erde genügen nicht; komm selbst, damit ich so selig sei, wie dein heiligstes Kind.“ Solche Sprache hört er gern, und fürwahr, man führt sie nicht vergebens, wenn’s Ernst damit ist.

O Freunde, so böse auch an allen Enden das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens von Jugend auf sein mag, Ho würden doch viele Tausende so die Arme nach dem Herrn ausstrecken, wenn sie nur seine Friedensgedanken so über sie wüßten. (Jer. 59, 11.), wenn sie nur hörten daß er ihn an sie richte, den Ruf: „Freuet euch, ihr Heiden, mit seinem Volk.“ „Wären zu Tyrus und Sidon solche Thaten geschehen, als bei euch geschehen sind,“ spricht der Herr zu den galiläischen Städten, „sie hätten vorzeiten im Sack und in der Asche Buße gethan.“ (Matth. 11.); und darnach dürfen wir wohl sagen: Es würden viele tausend Seelen unter den Heiden jauchzend aufstehen von den Todten, und sich von Christo erleuchten lassen, wenn ihnen das Evangelium von dem Geheimnisse Christi (Eph. 3, 4.) zu Ohren käme, wie es doch, trotz allen Dämpfern, bei uns noch jeder vernimmt, welcher Ohren zu hören hat. Das haben schon viele gethan, wie uns die Stimmen der Gottesboten unter den Heiden berichten, und mit den Thränen eines überwältigenden Entzückens ist mancher arme Heide anbetend auf sein Knie gesunken, wenn ihm ein Apostel sagte, es sei gewißlich wahr, daß Jesus Christus in die Welt gekommen, auch ihn selig zu machen. O Freunde, wenn wir das so recht bedenken, möchten wir da nicht auf der Stelle mit hinauseilen zu allen, welchen noch nichts davon verkündigt ward, damit aufs Schnellste jeder Mensch erfahre, daß auch er „nicht gesetzt sei zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesum Christ“ (1 Thess. 5, 9.)? Das weiß, das hörte jeder bei uns einmal; will er das Wort verachten, das Heil von sich stoßen, und sich selbst vom ewigen Leben ausschließen; nun, da wird er seine Last tragen. „Wie sollen sie aber gläuben, von dem sie nichts gehört haben“ (Röm. 10, 14.)? O es liegt alles daran, daß alle das Wort erst haben. Darum wohlauf, ihr Lieben! Müssen wir auf die Freude verzichten, es selbst den Herzen zu bringen, die es noch entbehren, so wollen wir uns mindestens die nicht nehmen lassen, ihnen Lippen zu senden, welche ihnen die himmlische Frucht des Lebens zutragen, wollen mit unserer Gabe .und mit unserm Gebet die lieben Brüder, welche der Herr zur Botschaft seines Namens unter die Heiden aussendet, für ihre heilige Wanderschaft ausrüsten helfen, damit wir unser Theil dazu thun, daß bald an jedem Orte der Psalm ertöne: „Der Herr lässet sein Heil verkündigen, vor den Völkern lässet er seine Gerechtigkeit offenbaren. Er gedenket an seine Gnade und Wahrheit, dem Hause Israel. Aller Welt Ende sehen das Hell unseres Gottes.“ (Ps. 98.)

Uebrigens wird solche Regung bei uns gewiß nicht fehlen, wenn die große Wahrheit „daß wir Menschen alle berufen sind mit einerlei Hoffnung unseres Berufs“ (Eph. 4.) für unsere Liebe nicht unfruchtbar bleibt. Und wie wäre das möglich, wenn wir uns gegen ihre göttliche Gewalt nicht muthwillig verschließen? Fragt schon mit großem Rechte der Prophet, warum wir einer den andern verachten, da wir doch alle einen Vater und einen Schöpfer haben (Mal. 2, 10.), wie viel schwerer träfe solch Warum? aus des Apostels Munde, der hinzufügt, daß wir alle einen Herrn Jesum Christum haben (1 Cor. 8, 6.), durch welchen die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen kommen ist (Röm. 5, 18.; 1 Cor. 15, 21. 22)? Ist es schon deshalb sehr arg, uns unter einander zu entrüsten und zu hassen, weil wir alle von einem Blute auf dem ganzen Erdboden wohnen (Apg. 17, 26.), so wird der Haß himmelschreiend, wenn wir wissen, daß wir alle durch das heilige und theure Blut Christi zu dem freien, herrlichen Kindeserbtheil im Himmel erkauft sind. dem Herrn ist für seinen Himmel keiner zu gering; seine Liebe hat ihn auch dem Schächer am Kreuz aufgethan; und, ich sollte mich abwenden von dem Mitgenossen der Verheissung in Christo, deren ich mich tröste, mein Herz verschließen vor dem Miterben der göttlichen Herrlichkeit, welcher meine Seele harrt? „Ein Heil ist unser aller Gut; ich sollte Brüder hassen, die Gott durch seines Sohnes Blut so theuer erkaufen lassen? Daß Gott mich liebt, und mich versühnt, hab’ ich dieß mehr als sie verdient“? -

Wem wir so mit unserm Gellert aus Herzensgrunde singen, so wird es uns gewiß nicht zu schwer, alle Unterschiede und Unebenheiten unter uns durch die Liebe zu überwinden, und so „die Berge zu erniedrigen und die Thaler zu erhöhen,“ wie die Schrift will (Jes. 40). „Wir haben einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen Gott und Vater Aller,“ (Eph. 4, 5.) einen Mittler, einen Trost, ein Brod, einen Kelch, ein himmlisches Leben; - sollten wir nicht auch ein Leib und ein Geist, eines Sinnes und Muthes sein, und uns unter einander „aufnehmen“ einander tragen, halten, fördern, heben und erquicken, wie wirs ohne alle Würdigkeit von Christo aufs Reichste erfahren haben? Nein, ich kann mich des gemeinsamen Heils in Christo neben meinem Bruder nicht freuen, ohne zu sprechen:

Es ist mein, das Heil; drum will ich's freudig nehmen.
Es ist dein; drum will ich deiner mich nicht schämen;
Ich will mich satt aus ew‘ger Quelle trinken,
Und selig an dein Herz, mein Bruder, sinken!

Wenn das die Bewegungen unsers Herzens bei der göttlichen Botschaft von dem einen Heile aller in Christo Jesu sind, wenn dieselbe in uns den Glauben mehrt, der sich das himmlische Kleinod zueignet, und die Liebe, welche den Brüdern es erringen hilft; so werden wir alsbald ein herrliches Ja und Amen der großen Verheißung sehen. Es wird eine Klage nach der andern verstummen, eine Thräne nach der andern trocknen, eine Wunde nach der andern heilen. Von den Blumen, welche der eherne Fuß des Verderbens darniedertrat, wird eine nach der andern sich wieder erheben, von den Lichtern, welche vor dem Sturmhauch des Elends verloschen, eins nach dem andern wieder brennen, und von den Todten, welche vor der Kälte des Fluchs erstarrten, einer nach dem Andern wieder auferstehen. Immer höher und reiner, immer siegreicher und segensvoller wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und unter ihren Flügeln allen Völkern das Heil (Mal. 4). Da wird denn der Ursache zum einmüthigen Lobe Gottes und des Vaters unsers Herrn Jesu Christi genug vorhanden sein, und das Loh selbst nicht schweigen. Ein Herz und eine Seele ein Heiland und ein Himmel, - wie sollte da nicht ein Mund sein und ein Lobgesang? Mag er hier noch unterbrochen werden, dieser Jubelchor, und noch gedämpft, - wir wissen, daß er. dort im vollen reinen Schalle ewig tönen wird.

Uns macht von einer Sünde
Die eine treue Liebe los;
Es öffnet jedem Kinde
Sich mild der eine Vaterschooß.
Wir ziehn in einer Wüste
Die eine dunkle Bahn;
Uns winkt an einer Küste
Das eine Kanaan.
Uns leuchtet eine Sonne
Auf einer Edensflur,
Wir kennen eine Wonne
Und einen Himmel nur.
Nun, Herr, so sei gepriesen,
Daß deine Huld uns allzugleich
Erbarmend zugewiesen
dem einen Heil im Himmelreich.
Hilf uns in einem Sinne
Die Pilgerstraße gehn,
Bis wir die Strahlenzinne
Von Salem leuchten sehn.
Und sind wir eingegangen
Und knien vor deinem Thron,
Da laß die Lieb' empfangen
Den einen ew'gen Lohn. Amen.

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