Spurgeon, Charles Haddon - Keine Schonung.

Elia aber sprach zu ihnen: Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne.

1 Kön. 18, 40.

Elia kann der eiserne Prophet genannt werden; er war ein strenger und mutiger Mann, der nicht davor zurückwich, seines Herrn Botschaft auf jede Gefahr hin zu verkünden. Es mußte gerade zu dieser Zeit ein solcher Mann erweckt werden, denn die sidonische Königin Isebel war ein Weib von herrschsüchtigem Geist, abergläubisch bis zum äußersten und entschlossen bei der Ausführung ihres Willens; da sie Ahab unumschränkt beherrschte, hatte sie ihr Mandat erlassen, daß die Propheten Jehovahs erwürgt werden sollten, ein Mandat, dem nur zu gut gehorcht wurde. Niemand konnte vor dieser Tigerin stehen, bis Elia kam und ihre Bosheit herausforderte, ihr Schlimmstes zu thun. Dieser einsame Mann heroischen Geistes stemmte den furchtbaren Strom der Abgötterei und stand gleich einem Felsen inmitten der Strömung fest auf seinem Grunde. Er, allein und einzeln, war allen Baalspriestern und Hainen mehr als gewachsen, gerade wie ein Löwe eine Herde Schafe zerstreut. Damals, als er die Worte unsres Textes sprach, hatte er, wie ihr euch erinnern werdet, die Baalspriester als Lügner und Betrüger entlarvt und zog dann als praktischer Mann, der er war, den natürlichen Schluß daraus. Das Gesetz Israels war: „Wenn ein Prophet vermessen ist, zu reden in meinem Namen das ich ihm nicht geboten habe zu reden, und welcher redet in dem Namen andrer Götter, derselbe Prophet soll sterben;“ und deshalb ward Elia selbst der Vollstrecker des Gesetzes, da sie vor allem Volk überwiesen waren; er hieß die Leute die Betrüger ergreifen, und er selbst färbte den Kidron mit ihrem Blute rot. „Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne,„ war die Donnerstimme des Feuerpropheten. Der Mann that seines Herrn Willen gründlich und träumte nie von einem Kompromiß. Vielleicht war es um dieser Ursache willen, daß er, wie nur noch ein andrer der vom Weibe Gebornen auf einem ungewöhnlichen Wege zum Himmel emporstieg. Der Gott, der ihn so großartig treu gemacht, hatte beschlossen, daß er, der durch die Welt ging anders als andre Menschen, anders aus ihr hinausgehen sollte, und daß er, der in seinem Leben wie ein Seraph flammte, in einem feurigen Wagen zu seinem Lohn emporgetragen werden sollte.

Ich will indessen nicht weiter in die Einzelheiten der Sache hineingehen, sondern aus dem Hauptgedanken darin Belehrung suchen. Brüder und Schwestern, die geistliche Lehre in einem solchen Wort wie dieses, ist umfassend; es ist eine Lehre darin, die auf manches angewandt werden kann, denn wie des Cherubs Schwert vor der Pforte Edens, kehrt sie sich nach jeder Seite hin. Ein Gebrauch davon muß für heute morgen genügen; aber zur selben Zeit wollen wir als einen Wink, wie sie angewandt werden kann, bemerken, daß sie eine deutliche Beziehung auf den gegenwärtigen Zustand der Gemeinde Gottes hat. Für unsre Kathedralen und Pfarrkirchen möchte es besser sein, wenn sie die Stimme hörten: „Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne.“ Unheilige Kompromisse sind die Mode des Tages; eine Einflößung von ehrlichem Blut ist nötig, sehr nötig. Die Menschen werden ganz gleichgültig gegen religiöse Wahrheit, weil sie die Knechte Gottes und die Jünger Baals in derselben Gemeinde verbunden sehen, und an denselben Altären anbeten. Aufrichtige Treue gegen Gott kann nicht dies Bündnis mit Götzendienern ertragen. Irrtümern ließ man in der Volksgemeinde bleiben um des Friedens willen, und nun sind sie herrschend geworden und drohen die Liebhaber der Wahrheit zu verderben. Es ist jetzt klar, daß jeder Irrtum in der Lehre oder in den Anordnungen ebenso schädlich ist, wie ein Baalsprophet, und nicht geduldet werden sollte. Die Welt ist weit, und die Menschen sind für ihren Glauben nur Gott verantwortlich; aber die Gemeinde sollte nicht innerhalb ihrer Grenzen der Lüge gestatten, sich auszubreiten. Christen haben kein Recht, sich mit einer Gemeinde zu verbinden, die in ihrer Lehre irrt. Wenn wir sehen, daß grober Irrtum in einer Gemeinde wuchert, und wir als Mitglieder derselben angehören, so sind wir Teilnehmer an ihrer Sünde, und wir werden an ihrer Strafe teilhaben am Tage der Heimsuchung. Es ist ganz und gar falsch, daß es nichts ausmache, zu welcher Gemeinde wir gehören. Es macht für jeden etwas aus, der ein Gewissen hat und seinen Gott liebt. Ich darf mich nicht in Kirchengemeinschaft mit Ritualisten und Rationalisten verbinden; loyale Unterthanen werden nicht mit einer Gesellschaft von Verrätern sich verbinden. Was für ein Segen wäre es gewesen, wenn zu Luthers Zeit die Reformation vollständig durchgeführt worden wäre! Groß wie das Werk war, so war es in einigen Punkten doch ein sehr oberflächliches Ding, und ließ tödliche Irrtümer unberührt. Der Reformation in England wurde durch die Politik Einhalt gethan, fast gleich nachdem sie begonnen. Unsre Kirche ist eine Halbpapistische. Wenn in diesem Lande die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt wäre, wie John Knox sie in Schottland anlegte, so hätten uns tausend Übel erspart bleiben können; aber nun beginnen die Bäume, die nur beschnitten waren, wiederum Zweige zu treiben, und die Irrtümer, denen es verstattet ward, einen untergeordneten Platz einzunehmen, treten jetzt wieder in den Vordergrund, und drohen die Wahrheit Gottes ganz hinauszuwerfen. Die einzige Art, wie unser Gewissen rein vor Gott gehalten werden kann, so daß wir mit Ihm im Lichte zu wandeln vermögen, ist die, daß wir jeden falschen Weg verabscheuen und allem absagen, was nicht von Gott und von der Wahrheit ist. „Zum Gesetz und zum Zeugnis - wenn sie nicht diesem Worte gemäß sprechen, so ist es, weil kein Licht in ihnen ist.„ Wann werden die Christen dies einsehen? Die Bibel und die Bibel allein, sagt man, ist die Religion der Protestanten, aber die Behauptung ist eine schreckliche Lüge; die meisten Protestanten glauben eine Menge andrer Dinge über und neben dem, was in der Bibel gelehrt wird; sie haben Gebräuche, denen die Autorität der Schrift fehlt, und glauben Lehren, die nicht vom Heiligen Geist gelehrt sind. Glücklich werden die Gemeinden sein, wenn sie das Joch aller Autorität, außer derjenigen der Schrift und des Geistes Gottes, abwerfen. Was haben des Herrn freie Männer mit Konzilien der Kirchen, mit Vätern und Doktoren, mit Überlieferung und Gewohnheit zu schaffen? Die wahre Gemeinde hat nur einen Rabbi, und sein Wort genügt ihr. Hinweg mit Menschengeboten. Nieder mit den Überlieferungen, welche das Gesetz Gottes aufheben. „Ergreifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne.“ Eine gründliche Reinigung ist nötig; eine Reformation an Wurzel und Zweigen ist eine gebieterische Notwendigkeit. Möge der Herr uns einen Propheten senden, bekleidet mit dem Geist und der Kraft des Elia, durch den die unfruchtbaren und giftigen Bäume des Irrtums niedergehauen und ins Feuer geworfen werden.

Ich bin indes nicht im Begriff, über diesen wichtigen Gegenstand zu reden. Ich wünsche Feuer und Schwert in ein andres Gebiet zu tragen, wo dies, wie ich hoffe, praktische Resultate ergeben wird. Laßt uns daheim zusehen, unsre eignen Herzen erforschen, unsre eignen Seelen prüfen. Unser Wesen ist ein dreifaches Königreich, Geist, Seele und Leib; dieses Reich sollte ganz dem einen Gott Israels angehören; aber statt dessen hat die Sünde es verunreinigt, und selbst wo durch Gottes Gnade die herrschende Macht des Bösen gebrochen ist, dringt die Sünde doch noch hinein und sucht die Herrschaft wiederzugewinnen. Das große Gesetz des christlichen Lebens mit bezug auf die Sünde in unsrem Innern ist: „Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne.„ Wir haben weder Waffenstillstand noch Unterhandlung mit dem Bösen; Krieg bis aufs Messer gegen jede Sünde jeder Art sollte die beständige Gewohnheit der innersten Natur des Christenmenschen sein.

Ich werde heute morgen nur zu dem Volke Gottes reden.. Möge man dies völlig verstehen. Ich spreche jetzt nicht zu Unwiedergebornen, zu denen, die nicht an Jesum Christum glauben. Ich würde in der That thöricht sein, wenn ich die, welche in Sünden tot sind, ermahnte, wider ihre Sünden zu kämpfen, in der Hoffnung, dadurch die Seligkeit zu erlangen; denn das ist gar nicht der Weg zur Seligkeit, auch wenn sie desselben fähig wären. Sünder müssen erst zu Christo geführt werden und in Ihm durch einen Blick des Glaubens errettende Gnade finden. Der Glaube ist das erste, nicht die Werke. Von guten Werken vor der neuen Geburt reden, heißt die göttliche Ordnung mißachten, und das letzte zuerst setzen. Es ist müßig, von den Pflichten eines Christen zu einem Manne zu sprechen, der kein Christ ist. Für euch unbekehrten Hörer ist das erste und für jetzt das einzige Werk Gottes, daß ihr an Jesum Christum glaubt, den Er gesandt hat. „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig werden,“ denn „wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammet werden.„ Ich spreche nur zu denen, die gläubig geworden sind; aber ihnen möchte ich den klaren, scharfen, gründlichen Rat des Textes einprägen.

Wir wollen zuerst Ursachen angeben für das Töten, das wir empfehlen; zweitens, Gründe für die Vollständigkeit desselben, „daß ihrer keiner entrinne;“ und dann drittens, sollen Wahrheiten von praktischem Wert angeführt werden, die uns beim Ausführen des Befehls helfen.

I.

Zuerst wollen wir einige Ursachen für das Töten anführen, welches wir jetzt empfehlen.

Beim Beginn erinnern wir euch daran, daß unsre Sünden verdienen zu sterben, jede von ihnen, weil sie Verräter an unsrem Gott sind. Einst waren auch wir Verräter und gaben unsren Sünden willig eine Stätte. Wir verschworen uns gegen die Majestät des Himmels, und deshalb wurden unsre Übertretungen geliebt und gehätschelt; sie waren unsre Lieblinge, und wir waren in sie vernarrt. Jetzt aber, Geliebte, ist die Sache anders geworden, der Herr, Jehovah ist unser Gott und König; wir freuen uns seiner Regierung, und unser Gebet ist: „Die Erde werde voll seiner Ehre.„ Unsre angebornen Sünden würden gern dem Herrn seine Ehre rauben. Jede Sünde ist dem Wesen nach ein Kampf wider den Thron des Höchsten, sie ist ein verräterischer Angriff auf die Kronrechte des Himmels. Wer sich gegen das Gesetz Gottes empört durch seinen Bruch desselben, sagt der That nach: „Ich will nicht, daß dieser Gesetzgeber über mich herrsche.“ Es gebührt sich also nicht, o ihr Kinder des Reichs, daß der Sünde verstattet wird, den Herrn durch euch anzugreifen. Es gebührt sich nicht, daß Seelen, die durch das Blut Jesu erlöset, mit einer ewigen Liebe geliebt und endloser Gunst versichert sind, jene schwarzen und faulen Verräter der Sünden des Fleisches und des Geistes beherbergen. Faßt heute den Beschluß in der Kraft Gottes des Heiligen Geistes, das Fleisch zu kreuzigen mit seinen Lüsten und Begierden. Fanget diese Füchse, welche die Weinberge verderben, und laßt keinen von ihnen entrinnen.

Laßt sie zweitens erschlagen werden, weil sie uns schon unendlich viel Böses gethan haben. In ihrem Angriff auf Gott haben wir schon einen Hauptgrund für ihre Vernichtung gefunden; laßt uns daran gedenken, daß sie uns und dem ganzen Menschengeschlecht schweren Schaden zugefügt haben. Meine Brüder, was hat die Sünde für uns gethan? Kann sie auf irgend einen Vorteil oder Segen hinweisen, mit dem sie uns bereichert hat? Geht die Blätter der Weltgeschichte durch, und sehet, ob die Sünde nicht des Menschen schlimmster Feind gewesen. Wessen heißer Odem versengte Eden, ließ alle seine Lauben der Glückseligkeit verdorren, und die Erde so unfruchtbar werden, daß sie ohne Arbeit, Arbeit im Schweiße des Angesichts, kein Brot liefert zu unsrer Erhaltung! Merkt wohl jene unzählbaren Gräber, welche jede Ebene mit Hügeln bedecken. Wer schlug alle diese? Durch welche Pforte kam der Tod in die Welt? War nicht die Sünde die Pförtnerin, die das Thor öffnete? Horcht in diesem Augenblick auf das Kriegsgeschrei, das in jedem Zeitalter der Weltgeschichte ein schreckliches Getöse, Stöhnen sterbender Männer und Kreischen fliehender Weiber erzeugt hat. Wer tauchte zuerst die Fahne in Blut und verpestete die Luft durch Gemetzel? Und jener despotische Thron, der die Menge niedergetreten, und das Leben vieler durch harte Knechtschaft bitter gemacht hat, wer legte seinen dunklen Grund, und kittete ihn mit Blut zusammen? Woher kam der Krieg mit seiner Schlächterei und die Tyrannei mit ihren Leiden? Woher, als nur von den Sünden und den Lüsten der Menschen? In der ganzen Welt, wo Dornen in der Furche und Disteln auf dem Rain wachsen, hat die Hand der Sünde sie gesäet. Die Sünde hat die Äpfel Sodoms in Asche verwandelt und die Trauben Gomorrhas in Galle. Die Spur der Schlange mit ihrem schrecklichen Schleim hat die Fußstapfen der Freude verwischt. Vor dem Tritt der Sünde sehe ich den Garten des Herrn und hinter ihr eine Wüste und ein Beinhaus. Steht still eine Weile. Nein, fahrt nicht zurück, sondern kommt mit mir. Blickt hinunter in das schauerliche Dunkel des Tophet, jener grauenhaften Region, wo die endgültig Unbußfertigen wohnen, die mit unvergebenen Sünden auf ihrem Haupte starben. Könnt ihr's ertragen, ihr Seufzen und Stöhnen des Schmerzes zu hören? Wir wollen nicht versuchen, die Leiden der Geister zu beschreiben, die von ihrem Gott Hinweggetrieben, auf ewig von aller Hoffnung und allem Frieden verbannt sind; aber wir wollen dich fragen, o Menschenkind, wer grub jenen Abgrund und warf die Menschen hinein? Wer liefert das Brennmaterial für jene schreckliche Flamme, und woher erhält der Wurm, der nimmer stirbt, seinen Zahn, der nie stumpf wird? Die Sünde hat das alles gethan. Die Sünde, die Mutter der Hölle, die Feuerquelle, auf die wir jeden brennenden Strom zurückführen können. O Sünde, es gebührt sich nicht, daß irgend ein Himmelserbe, der von der Hölle erlöset ist, mit dir Freundschaft schließt. Sollen wir die Natter streicheln oder die tödliche Kobra an unsren Busen drücken? Wenn die Gnade Gottes nicht gewesen wäre, so hätten unsre Sünden uns schon in die Hölle eingeschlossen, und sogar jetzt suchen sie uns dahin zu ziehen; deshalb laßt uns diese Feinde unsrer Seele ergreifen und sie töten — laßt ihrer keinen entrinnen.

Aber ferner, liebe Brüder, geziemt es sich, daß jede Sünde durch Gottes Gnade stirbt, ob sie Stolz, Trägheit, Habgier, Weltlichkeit, Lust oder irgend eine andre Form des Bösen ist; es geziemt sich, daß sie stirbt, weil sie uns ernsten Schaden thut, wenn sie nicht getötet wird. Von großen Sünden, die von Menschen für groß gehalten werden, brauche ich wenig zu sprechen, denn ihr alle wißt, wie gefährlich sie sind; aber vor sogenannten kleinen Sünden muß man ebenso warnen. Nach und nach fallen, ist eine schreckliche Art des Fallens. Ein Christ kann nicht in einer wissentlichen Sünde leben, und doch mit Gott wandeln. Sobald wir Sünde in uns dulden, verlieren wir die Kraft im Gebete. Die Schrift hört auf, uns lieblich zu sein, wenn die Sünde angenehm wird; die Gottesdienste im Heiligtum sind langweilig und leblos, wenn das Herz vom Bösen bezaubert ist. Keine Zunge kann je sagen, was für Schaden eine einzige Sünde einem Christen thun wird, sie gleicht dem einen Wurm an Jonas Kürbis. Nehmt Davids Beispiel, was für ein Wechsel in dem Leben dieses Mannes von dem Augenblick an, wo er irre ging! Er erreichte den Himmel - aber wie voller Schmerzen hinkte er den ganzen Weg dahin, und wie schwer seufzte er bei jedem Schritt. Die Lieder, die er vor jener Zeit schrieb, sind oft jubilierend und ertönen häufig wie laut schallende Zimbeln; aber später ist die Stimme des lieblichen Sängers in Israel heiser; er schlägt die klagende Saite an, und setzt an die Stelle des Psalteriums die Äolsharfe. Die Sünde zerbrach diesen Adlersflügel und trübte dies Adlerauge. Simson ist ein noch traurigerer Fall. Laßt seine geschorenen Locken und geblendeten Augen zu uns sprechen. O Seele, wenn du deine schlimmsten Feinde sehen willst, so blicke auf deine Sünden. Wenn du das schauen willst, was deiner Seele Besitztum schmälern, dein Herz an Freude bankrott machen, deine Sicherheit schiffbrüchig werden lassen und deine Wirksamkeit töten kann, so hast du nur auf die Sünde zu blicken. Seht ihr sie nicht, ihre Haut ist glänzend von bunten Farben und ihr Auge glüht bezaubernd, aber ihre Zähne sind tödlich. Wie Amalek der erbarmungslose Feind Israels war, so ist die Sünde der mitleidslose Feind des Gläubigen; deshalb zu den Waffen wider sie, nehmt all ihre Kinder und laßt keins entrinnen.

Diese Gründe mögen genügen, uns zur Tötung derselben aufzuwecken. Sollen Verräter nicht sterben? Sollen nicht die, welche es auf unser Verderben anlegen, weit von uns gethan werden? Sollen nicht diese unersättlichen Gegner, die schneller als die Adler und stärker als die Löwen in der Macht uns zu schaden sind, sollen diese, sage ich, nicht bekämpft werden? Von Frieden mit ihnen kann man nicht träumen. Der Herr und sein Volk sollen streiten mit Amalek von Kind zu Kindeskind. Möge unser Herz nicht dazu neigen, eine einzige Sünde zu schonen; laßt uns mit einem Eifer, grausam wie das Grab, diese unreinen Tiere niederhauen.

Mich dünkt, als Elia sprach: „Greifet die Propheten Baals,„ nahm er einen Beweisgrund her von dem Platz, auf dem so kurz vorher der Altar gestanden. Bei jenem wunderbaren Anblick, wo Farren, Holz, Steine und Wasser, alles vom himmlischen Feuer aufgeleckt ward, bat er sie, Jehovah zu dienen. Er konnte sagen: „Seht her, das Opfer ist von Jehovah angenommen. Was denn? Was ist die natürliche Folge davon anders, als daß die Feinde dieses Opfers, die ein andres Opfer dargebracht, sofort erschlagen werden?“ Brüder und Schwestern, ihr und ich haben das Opfer auf Golgatha gesehen, einen viel erhabeneren Anblick als den auf Karmel. Kein Farren war dort, sondern der menschgewordene Sohn Gottes. Euer Glaube hat Ihn an das Kreuz genagelt gesehen, ihr habt die Leiden seines Körpers erblickt, und habt in Gedanken die Angst seiner Seele geschaut und ihr wißt, daß Er „unsre Krankheit trug und unsre Schmerzen auf sich lud.„ Als Er seine Seele zum Opfer für die Sünde machte, fielen die Flammen göttlicher Gerechtigkeit auf das Opfer, und nun alles vollendet ist, hat Christus eine von Gott angenommene Sühne für all unsre Sünden dargebracht. Wollt ihr daraus nicht den Schluß ziehen, daß ihr hinfort der Sünde nicht mehr dienen könnt? Bei dem Blute Jesu seid ihr verpflichtet, das Böse zu hassen. Diese Sünden machten die Leiden Christi notwendig, wollt ihr sie hegen? Für diese eure Uebertretungen trug euer Heiland den Zorn Gottes, wollt ihr zu ihnen zurückkehren? Dies würde barbarische Undankbarkeit sein, könnt ihr euch deren schuldig machen? Könnt ihr auf die blutenden Wunden Jesu schauen und dann Ihn von neuem verwunden? Sage, Gläubiger, bist du gerechtfertigt, und kannst du dann zurückgehen zu übermütiger Spielerei mit der Sünde? Es ist kein heiligenderer Anblick in der Welt als das blutende Opfer Jesu Christi. Es gibt nichts, was für das christliche Gemüt ein überzeugenderer Beweis davon ist, daß die Sünde sterben muß, als die Thatsache, daß Jesus starb. Des Himmels ewiger Liebling blutet und leidet für Übertretung, dann muß die Übertretung auch sterben. Das Kreuz kreuzigt die Sünde. Das Grab Jesu ist die Gruft unsrer Missethaten. Bei dem Blut und den Wunden Jesu sind wir gezwungen, die Propheten Baals zu ergreifen und keinen entrinnen zu lassen. Haltet eure Schwerter bereit für ihre Herzen! Auf und schlagt sie! Haut sie in Stücke, wie Samuel Agag vor dem Herrn in Stücke hieb.

Der Prophet hätte noch einen andren Beweis anführen können, der gewiß Eindruck gemacht hätte. „Höret,“ hätte er sagen können, „ihr habt selber bekannt, daß Jehovah Gott ist. Von Ehrfurcht ergriffen bei dem Wunder, habt ihr zum zweitenmal Jehovah die Ehre gegeben und anerkannt, daß Er Gott ist. Was nun? Laßt diese Verführer sofort zu Boden geschlagen werden.„ Solches Bekenntnis verlangte dem entsprechende Handlung. Die meisten von euch, zu denen ich heute morgen spreche, haben bekannt, daß der Herr der Heiligkeit ihr Gott ist. Ihr habt es nicht nur gesagt, indem ihr an dem feierlichen Gottesdienste im Heiligtum teilgenommen und es also in Psalmen und Liedern erklärt habt, und dadurch, daß ihr Amen zu unsren Gebeten sagt, sondern viele von euch haben ihren persönlichen Glauben vor der Gemeinde Gottes bekannt; ihr seid vor die versammelten Brüder getreten und habt erklärt, daß der Herr euer Gott und König ist. Überdies habt ihr in Gehorsam gegen eures Meisters Gebot euch jenem symbolischen Akt unterzogen, durch den ihr erklärtet, daß ihr der Welt gestorben und mit Christo durch die Taufe in den Tod begraben seid. Feierlich seid ihr in seinem Namen getauft und in seinem Namen aus dem Wassergrabe erhoben worden — wollt ihr falsch gegen diese Symbolik sein? Ist euer Bekenntnis eine Lüge? War eure Taufe eine lästerliche Falschheit, ein vermessenes Eindringen? Laßt mich dies jedem Herzen vorstellen, wie ich es meinem eignen vorstelle; laßt uns entweder kein Bekenntnis haben oder es bewahrheiten; und wenn unser Bekenntnis wahr ist, so verlangt es sicher, daß die Sünde nicht gehegt, sondern verabscheut werde. Aber spreche ich nicht zu Gemeindegliedern, die es für vereinbar mit ihrem Bekenntnis halten, während der Woche zu thun, was sie heute nicht bekannt gemacht haben möchten? Sind nicht manche von euch da, die im Geschäft nicht reine Hände haben, und doch äußerlich als Bekenner Christi gewaschen sind? Es mag sein, daß ihr heute abend zum Tische des Herrn kommt, wo ihr des Erlösers Tod verkündet, und doch sind die Bissen von des Satans Tisch kaum aus eurem Munde heraus. Wenn euer Leben die ganze Woche hindurch dem Leben Christi entgegengesetzt gewesen ist, was thut ihr unter seinem Volke am Sabbat? Wenn ihr zu Hause ein leidenschaftliches Gemüt zeigt, ein stolzes und herrisches Wesen, wenn ihr unrechtlich seid, wenn eure Reden unkeusch sind, wenn ihr euch dem Trunk oder andren unheiligen Lüsten des Fleisches ergebt, wer kann euch von Schuld reinigen und wer wird euer Anwalt sein? Ihr habt erklärt, daß ihr Gott verehrt, wie dürft ihr Baal folgen? Ihr sagt, daß ihr die Knechte Christi seid, wie könnt ihr die Knechte Belials sein? Könnt ihr die Zwei verbinden? Es darf nicht sein, es kann nicht sein. Wenn Gott Gott ist, dient Ihm von ganzem Herzen und Gemüte, aber wenn die Welt und die Sünde im Grunde doch besser sind als der Weg des Herrn, dann sagt es ehrlich und trefft eure Wahl. Seid treu, ich bitte euch, seid immer treu eurem feierlichen Bekenntnis.

Der Prophet konnte Forderungen an sie stellen, weil er unzweifelhaft unter der Eingebung Gottes handelte. Er brauchte ihnen das nicht zu sagen, denn sie nahmen es alle wahr. Die Handlungen Elias an diesem Tage waren sehr merkwürdig; und in der That, wäre er nicht vom Geiste Gottes geleitet worden, so hätten sie zweifelhaft sein können, aber Gott gab ihm gewisse heilige Instinkte, die ihm statt wörtlicher Befehle dienten, und er wurde über sich selbst hinausgehoben durch einen geheimnisvollen Einfluß, vor dem Er sich biegsam und bildsam erwies. Wenn er über die Baals-Priester lachte, so that er, was Gott wollte, das er thun sollte; wenn er seine Kniee beugte und um Feuer rief, und das Feuer kam, so gab er dem göttlichen Antriebe nach, der in ihm sich regte; und wenn er sagte: „Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne,“ so waren alle Leute gehorsam, weil sie fühlten, daß Gott durch diesen Mann sprach. - Nun, wenn es irgend eine Stimme in der Welt gibt, die ganz sicher göttlich ist, so ist es die, die aus „der großen Herrlichkeit„ ruft: „Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern.“ „So leget nun von euch ab, nach dem vorigen Wandel, den alten Menschen, der durch Lüste in Irrtum sich verderbet.„ „Meidet allen bösen Schein.“ „Darum solltet ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.„ Dies ist die Absicht der Erwählung: Er hat uns erwählt, daß wir heilig sein sollen. Dies ist der Zweck der Erlösung: Er hat beschlossen, uns von aller Sünde zu erlösen. Dies ist das große Endziel des Geistes Gottes: daß wir sein Werk seien, geschaffen in Christo Jesu. Heiligkeit ist das große Erfordernis und zu gleicher Zeit das große Vorrecht des Evangeliums unsres Herrn Jesu Christi. O Brüder, denkt nicht, daß nur diese Lippen sprechen, wenn ich sage, tötet die Sünden, die in euch sind, laßt keine entrinnen; es ist Gott, der es spricht, laßt seine Stimme Macht über eure Seelen haben..

Ferner, denke ich, hatte Elia einen sehr starken Beweisgrund, wenn er auf die Felder um Karmel herum und auf die dürren Abhänge des Berges hinwies. Weit wie das Auge sehen konnte, war kein Fleckchen Grün da. Selbst wo die Bäche zu andren Zeiten eine schmale Linie dürftiger Vegetation grünend erhalten hatten, war jetzt keine Spur von Binsen, Rohr oder Gras; alle Bäche und Flüßchen waren vertrocknet und ihre Ufer verödet. Die Menschen suchten mit eifrigem Blick, aber sie sahen keine Spur von Gras für Tiere oder von Korn für Menschen. Mit welcher Beredsamkeit hätte Elia sprechen können, wenn ihm daran gelegen, es zu thun: „All dieses ist über euch gekommen durch eure Sünden; ihr habt euch von Gott abgekehrt, und Er hat euch geschlagen, bis der Libanon schmachtet und Sarons Ebenen wie der Staub des Ofens sind. Wenn ihr das Übel entfernen wollt, so fegt die Ursache desselben hinweg. Erschlagt die Verräter, welche euch arm gemacht haben.“ Laßt mich hier einige von euch hinweisen auf die Dürre eurer Seele, die von der Sünde herrührt. Gedenkt an euren Verlust der Gemeinschaft mit Christo, euren Mangel an Freude in Gott, eure Kraftlosigkeit im Gebet, eure Unfähigkeit, guten Einfluß auf die Gemeinde und auf die Welt zu üben. Was hat euch so unfruchtbar gemacht? Es war eine Zeit für euch, in jenen jungen Tagen, da ihr euch dem Herrn verlobtet, wo eure Seele dem Garten des Herrn glich und der Schmuck Karmels und Sarons euer war; aber jetzt, obwohl ihr bei den Kindern Gottes sitzet, habt ihr nicht dieselbe Freude am Wort, wie sie, und obgleich ihr betet, ist es kein kräftiges Gebet, und wenn ihr singt, so scheinen euch die Lieder, die euch einst entzückten, eintönig. Die Freude ist aus eurem Leben gewichen, sein Grün und seine Schönheit sind dahin, und wie? Haben nicht eure geheimen Sünden euch verraten? Waren sie nicht für eure Seele, was eine Motte dem Kleide ist und nagten an ihr und verzehrten sie? Graue Haare waren hier und da auf euch, und ihr wußtet es nicht, bis eure geistliche Abnahme bewirkte, daß ihr vor Schwäche schwanktet. Die Diebe der Sünde sind in der Nacht eingebrochen und haben eure Juwelen gestohlen und eure köstlichen Schätze hinweggetragen. Wenn ihr wünscht, eure vorige Glückseligkeit wieder zu erlangen, so müßt ihr sofort entschlossen diese Baalspropheten ergreifen und keinen entrinnen lassen.

Hätte Elia nicht sagen können: „Denkt an eure unerhörten Gebete!„? Einige von euch haben eine lange Reihe derselben. Gleich den Israeliten in Elias Tagen, die um Regen schrieen, ohne daß Regen kam, habt ihr zu Gott gebetet um eurer Kinder Bekehrung, und sie sind nicht bekehrt; ihr habt um das geistliche Leben eines teuren Freundes gebeten, und er hat es nicht erhalten; und vielleicht ist die Ursache davon: ihr wandelt Gott entgegen, und Er wandelt euch entgegen. Wenn ihr Ihn nicht hören wollt, so will Er euch auch nicht hören. Er wird euch nicht verstoßen und euch ganz verderben lassen, aber Er wird den Himmel zuschließen, daß er ehern über eurem Haupte werde. Ihr könnt nicht im Gebet ein Jakob sein, wenn ihr im Leben ein Esau seid.

Wenn ihr schwach auf euren Knieen seid, so haben eure Sünden den Schaden gethan; laßt sie nicht entrinnen. Gedenkt daran, wenn ihr des Herrn Feinde töten wollt, so wird Er eure Unfruchtbarkeit von euch nehmen und euer Schreien hören. Als die Baalspropheten den Boden mit ihrem Herzblut getränkt hatten, da überflutete der Herr die Felder mit Regen, aber nicht eher. Wenn wir die Sünde aufgeben, so werden wir unser „Gefängnis gewandt“ finden. Thue die Sünde von dir ab, und du sollst Christi Angesicht wiederum sehen. Er ist in seine Kammer gegangen, zu sehen, was du thun wirst, wenn Er dich verlassen hat, und wenn du nun nach Ihm seufzen und schreien willst, so wird Er zurückkehren. Vor allem, wenn du sagen willst:

„Ist etwas, das ich neben Dir
In aller Welt sollt' lieben.
So nimm es hin, bis nichts in mir
Als Du, sei überblieben.„

so wirst du bald deinen Herrn zurück haben und mit Ihm allen Tau des Geistes, und deine Seele wird wiederum blühen und die Früchte der Freude und Heiligkeit hervorbringen. Brauche ich länger Gründe anzuführen? Ist nicht jeder Christ bereit, das Opfermesser zu nehmen und seine Übertretungen zu töten?

II.

Laßt mich euch zweitens daran erinnern, daß der Text etwas Völliges verlangt. „Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne.“ Laßt mich euch einige Gründe für diese Vollständigkeit geben. Ich fürchte, es thut sehr nötig, daß ich für die Vollständigkeit dieses Tötens der Sünde spreche, denn die menschliche Natur macht verzweifelte Versuche, wenigstens eine Sünde zu retten. Wie Saul kann sie es nicht ertragen, alle Amalekiter zu töten, sie möchte einige der besseren Art schonen. Ich habe Leute sehr beredt gegen Trunksucht sprechen hören, sehr, und ich möchte nicht, daß sie es weniger wären, aber sie haben kein Wort gegen Sabbatbrechen gehabt oder gegen Unglauben, Herzenshärtigkeit, Stolz und Selbstgerechtigkeit. Sie wollten die Natter töten und die Viper schonen. Habt ihr nicht manche gekannt, die den Spott jenes Schriftstellers rechtfertigen und „die Sünden, zu denen sie geneigt sind, dadurch gut machen, daß sie die verdammen, zu denen sie keine Lust haben.„ Sie hassen einige Sünden und hätscheln andre. Sie wollen kein Arsenik anrühren, aber sie vergiften sich mit Blausäure. Gerade wie Lot vor Zoar sagte, so sagen sie: „Ist es nicht eine kleine?“ Einige gestehen, daß sie von Natur den Hang zu einer Sünde haben und sie deshalb nicht überwinden können; sie geben sich einen Freibrief zur Sünde und halten sich für rein, obgleich sie ihrer bösen Neigung nachgeben. Brüder, dies geht nimmer an. Ablaßbriefe des Papstes werden jetzt verworfen, sollen wir sie für uns selbst ausschreiben? Ist Christus der Diener der Sünde? Ich weiß, daß einige Leute meinen, sie seien bei dem gelegentlichen Gebrauch bitterer Worte entschuldigt, weil sie gereizt werden, aber ich finde keine solchen Entschuldigungen in dem Worte Gottes. In keiner einzigen Stelle finde ich einen Passierzettel für eine Sünde oder einen Urlaub von irgend einer Pflicht. Sünde ist Sünde in jedem Falle und in jedem Menschen, und wir sollen sie nicht verteidigen, sondern verurteilen. Einige berufen sich darauf, daß ihr Vater leidenschaftlich gewesen sei, und sie leidenschaftlich seien, und daß dies deshalb in ihrem Blute liege, aber mögen sie daran gedenken, daß der Herr ihr Blut reinigen muß, sonst werden sie in ihren Sünden sterben. Andre sagen, daß ihre beständige Unzufriedenheit, Verdrießlichkeit, ihr Murren und ihre Neigung, mit jedermann zu zanken, der Schwachheit ihres Körpers zugeschrieben werden müsse. Wohl, ich bin nicht ihr Richter; aber das Wort des Herrn richtet sie und erklärt, daß die Sünde nicht über den Gläubigen herrschen soll.

Wir sind doppelt gewarnt, uns von ihr zu befreien. Mehr Gnade ist nötig, und mehr Gnade ist zu haben. Nehmt niemals an, daß Gott euch einen Freibrief für irgend eine Sünde gegeben, so daß ihr darin leben könnt, so lange es euch gefällt; nein, sondern glaubt, daß Jesus gekommen ist, euch von euren Sünden zu erretten. Ich habe keine Andeutung vom Herrn erhalten, zart mit den Sünden irgend eines Menschen umzugehen oder ein Schutzredner der Übertretung zu werden. Meine Botschaft ist die des Elia: „Greifet die Propheten Baals, daß ihrer keiner entrinne.„ Denn beobachtet dieses: Eine Sünde kann zu tödlichen Folgen führen. „Für ein Kind Gottes?“ fragt ihr. Ich sage das nicht; aber wie wissen wir, daß du ein Kind Gottes bist? wie darfst du dich für von oben geboren halten, so lange dein Herz irgend eine Sünde liebt? In Wahrheit, du magst versichert sein, daß du kein Kind Gottes bist, wenn es eine Sünde gibt, von der du nicht frei zu werden wünschest. Ein Kind Gottes kann eine Zeitlang von der Sünde gefangen gehalten werden, aber es kann sie niemals lieben. Eine Sünde ruinierte unser Geschlecht; eine Frucht, vom verbotenen Baum gepflückt, stürzte die Menschheit von ihrer ursprünglichen Herrlichkeit herab. Die Wirkung dieser einen Sünde hat sich in unsrem Blute verbreitet sechs Jahrtausende hindurch, und wird fortfahren, sich zu verbreiten, wenn die Jahre aufhören, gezählt zu werden, und wird die Menschen verderben eine Ewigkeit von Weh hindurch, wenn sie nicht aus ihnen herausgetrieben wird. Es ist etwas Entsetzliches, dies zu denken als die Folge einer Sünde. Wo eine Sünde eine Gemeinde nicht ruiniert, da seht, welchen Schaden sie verursacht.

Es war nur ein Acham da, aber Israel ward bei Ai geschlagen, und konnte nicht siegen, ehe das Verbannte entdeckt und hinweggeschafft war. Es gibt so starke Gifte, daß ein Tropfen davon den ganzen Körper vergiftet; ein Leck in einem Schiff mag genug sein, es untergehen zu lassen; ein einzelner Felsen mag die stärksten Bretter eines stattlichen Schiffes zerbrechen. Sagt nicht, daß keine Gefahr in einer Sünde sei, möge Gott uns vielmehr Gnade verleihen, zu fühlen, daß kein Böses geschont werden darf.

Dann, lieben Brüder, ist noch dies dabei, daß noch nie eine Sünde allein war. Sünden jagen stets in Koppeln. Erblickt einen von diesen Wölfen, und ihr könnt gewiß sein, daß ihm eine zahllose Schar auf den Fersen folgt. Ich sprach eben vorhin von der Sünde Adams in Eden, wo er die verbotene Frucht nahm, laßt mich fragen, was war das Wesen dieser Sünde? Ich denke, es würde nicht schwer sein, die Behauptung aufzustellen, daß es Stolz war oder daß es Unzufriedenheit war oder Sinnenlust oder Unglaube oder in der That fast jede andre Sünde, die ihr nennen wollt. Es war eine vielseitige Übertretung, ihr Licht löst sich in alle Farben des Bösen auf. Jenes Teufels Name war Legion, denn „ihrer waren viel.„ Die ganze Brut der Sünde kann aus einem Ei geheckt werden; die erste Sünde hatte alle andren in ihren Lenden. Deshalb dürfen wir nicht daran denken, uns eine Sünde zu verstatten, denn sie wird sieben andre mit sich bringen, die ärger sind, denn sie. Wer mit einer Sünde scherzt, wird bald mit mehreren spielen und von Schlechtem zu Schlimmerem fortgehen. Ein Dieb, der in die Hausthür nicht hineinkommen kann, weil er sie verschlossen findet, versucht es bei der Hinterthür und den Fenstern und findet dann ein Fensterchen so klein, daß es nicht verschlossen worden ist, weil kein Erwachsener hindurch kann, er setzt ein Kind hinein, und das ist genug, denn der Kleine kann die Thür aufschließen, und soviel Diebe hinein lassen, wie er will. So kann eine Sünde, die in die Seele hineingelassen ist, und darin hausen darf, das Herz für Übertretungen bereiten. Nicht auf einmal werden Menschen verabscheuenswert, sondern Sünde bahnt den Weg für Sünde, und sorgfältig gepflegte Thorheit wächst zum Verderben heran.

Lieben Brüder, es gibt Christen, die dadurch, daß sie einer Sünde bis zu einem gewissen Maße nachgeben, ihr ganzes Leben lang der Knechtschaft unterworfen sind. Sie sind schwach in der Gnade, sie sind trübsinnig, sie freuen sich nie in dem Herrn; ihr Charakter ist zweifelhaft; sie sind armselige Beispiele für andre, sie haben nur wenig guten Einfluß, ihre Nützlichkeit ist fraglich, ihr Leben ist schwach, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird ihr Tod düster sein. Sie werden selig, doch so als durchs Feuer; sie werden in den Hafen einlaufen, aber sie werden dem Schiffe gleichen, das ich vor einigen Tagen nach den letzten Stürmen sah, sie müssen hineingeschleppt werden mit verlornen Masten und zerrissenen Segeln, so daß sie nicht das selige Wort empfinden können: „Also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang zu dem ewigen Reich unsres Herrn und Heilandes Jesu Christi.“

Es gibt einen starken Grund für die Vollständigkeit beim Erforschen der Sünde, womit ich diesen Punkt schließen will, dieser: es ist sicherlich keine Sünde da, die Jesus liebt, folglich ist keine Sünde da, die wir lieben sollten. Jesus lächelt nie über eine unsrer Sünden, sondern für jede Sünde weinte und seufzte, blutete und starb Er. Sollen seine Mörder unsre Günstlinge sein? Sollen wir die beherbergen, die in sein Angesicht spieen und seine Seite durchbohrten? Mich deucht, es ist kein Grund für den Christen so stark wie die Liebe Christi. Wenn du ein Weib bist, ein liebevolles, zärtliches Weib, so wirst du nichts thun, was deinen Gatten betrübt. Wenn du kalt in der Liebe geworden bist, so wird diese Triebfeder nicht mächtig in dir sein; aber wenn dein Herz warm ist, und du die bräutliche Liebe noch fühlst, so wirst du keines andren Gesetzes bedürfen. Geliebte, wollt ihr den Herrn betrüben, der euch kaufte? Wollt ihr Ihm trotzen, dessen Herz für euch blutete? Bei seiner unvergleichlichen Schönheit und bei den Flammen seiner unauslöschlichen Liebe beschwöre ich euch, seid dem Bräutigam eurer Seele treu, und jagt die leichtfertigen Nebenbuhler hinweg, die euer Herz stehlen und euch bestecken wollen. Laßt Golgatha den Richtplatz für eure Sünden sein.

„Drum so töt' und schlachte hin
Meinen Willen, meinen Sinn
Reiß' mein Herz aus meinem Herzen,
Wär' es auch mit tausend Schmerzen.„

III.

Und nun wollen wir schließen, indem wir drittens einige Lehren nennen, die uns in diesem praktischen Werk helfen können.

Während ich den Kindern Gottes diese Ermahnungen gegeben, vermute ich, daß viele von euch geflüstert haben: „Wer ist hierzu tüchtig?“ Das ist gerade, was ich euch sagen wollte, und ich ziehe zuerst daraus den Schluß: daher sehen wir, wie unfähig der natürliche Mensch ist, sich selbst zu erretten und seine Sünden zu töten. Sagt ihm, daß er sie töten soll; er nicht — er wird sie verbergen, wie die Hure Rahab die Kundschafter verbarg und sie wieder herauslassen, wenn eine ruhige Zeit kommt. Seine Sünden töten! er nicht — sie sind seine Absalome, und er würde lieber sterben, als sie verlieren. Der Sünder die Sünde töten? Ah, nein. Es ist ein altes Bündnis zwischen ihnen, ein beschworener Vertrag. Die Unwiedergebornen zanken mit der Sünde nicht mehr, als die Bienen mit Honig oder Hunde mit Knochen. Sünde ist der Sonnenschein, in dem der Sünder einem Insekte gleich diese kurzen Stunden durchtanzt. „Ihr müsset von neuem geboren werden, ihr müsset von neuem geboren werden.„ Alle Reformationen, die nicht mit Wiedergeburt beginnen, sind Holz, Heu und Stoppeln und werden vergehen. Alles, was die gefallene Natur an ihrem Webstuhle webt, muß aufgetrennt werden. „Ihr müsset von neuem geboren werden, ihr müsset von neuem geboren werden!“

Und dann zweitens seht, wie sehr dies Werk über alle menschliche Kraft hinaus liegt. Wenn ich eine Sünde zu töten hätte, wie könnte ich das thun? denn Sünde töten ist kein leichtes Werk, sie hat hundert Köpfe und hundert Leben. Ihr denkt: „Ich habe dieses Böse überwunden,„ und während dessen könnt ihr es über euch lachen hören. Wie wahr ist dies vom Stolz. Jemand sagt: „ich will demütiger sein, ich will meinen Stolz niederbeten,“ und zuletzt denkt er: „Nun, jetzt bin ich demütiger geworden,„ ein sicheres Zeichen, daß er stolzer denn je ist. Ein Demütiger trauert täglich über seinen Stolz; nur der Stolze ist es, der Demut hat, deren er sich zu rühmen vermag. Aber wenn eine Sünde nicht leicht dem Tode übergeben werden kann, was sollen wir mit den tausenden thun, die uns plagen und so bequeme Versteckplätze in der Natur unsres alten Adam finden? Wie sollen wir alle diese erschlagen? Er, der uns schuf, muß uns wiederum schaffen, sonst werden wir nie einen Heller wert sein. Er, der zuerst Adam eine reine Natur gab, muß uns die reine Natur des zweiten Adam verleihen, sonst wird unser Dasein ein verfehltes sein. O Gott, wie schwach sind wir!

Aber die dritte Betrachtung ist die Macht des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist Gott, und Er hat es unternommen, uns rein und vollkommen zu machen. Brüder, Er will es thun; gelobt sei sein Name, Er will es thun. Wir können Ihm dabei nicht helfen, wir können es selber nicht thun, es ist schlechterdings gewiß, daß der Versuch uns fehlschlagen wird, wenn wir ihn machen; aber Er kann sein eignes Werk vollenden. Durch seine göttliche Macht und Gottheit wird Er sicherlich diese Baalspropheten in uns ergreifen und sie schlachten, bis keiner übrig bleibt. Laßt uns den Heiligen Geist anbeten, laßt uns Ihn lieben und loben, unsre Zuversicht auf Ihn setzen und den Gedanken an Ihn zu einer unsrer reichsten Freudenquellen machen. Der Geist Gottes will euch ganz heiligen, Geist, Seele und Leib, und ihr sollt fehlerlos vor Gott dargestellt werden, ohne Flecken, Runzel oder des etwas. Was für eine tröstliche Wahrheit ist dies für unsre Seelen!

Das nächste Wort ist dieses: lieben Brüder, laßt uns sehr wachsam sein. Da alle diese Sünden sterben müssen, laßt uns beständig auf eine Gelegenheit achten, sie zu töten. Sie lauern auf unser Schwanken, laßt uns lauern, um sie zu schlachten. Schlafender Christ, dein Schlafen könnte gerechtfertigt sein, wenn der Teufel auch schliefe, aber man hat ihn noch nie schlummernd gekannt. Schlafender Christ, du möchtest eine Entschuldigung haben, wenn die Sünde einschliefe, aber die Sünde schläft nie; Tag und Nacht folgt sie unsren Fußstapfen. Auf denn, im Namen Gottes, und erhebe dich zum Wachen und Beten.

Und zuletzt, und ich freue mich, dies zum Schlußton zu machen, was für Bewunderung und Anbetung sollten wir unsrem Erlöser, dem hochgelobten Sohn Gottes, darbringen, weil in Ihm keine Sünde war. Gedenkt daran, daß die Menschheit Christi wirklich menschlich war. Denkt nicht an euren Herrn, als wäre Er nicht wahrhaft Mensch. Erinnert euch, Er ward versucht in allen Stücken gleich wie wir, aber o, dies Wort: „doch ohne Sünde.“ Der Teufel stellt Ihn auf den hohen Berg und will Ihn mit einer Welt bestechen, aber Er spricht: „Hebe dich weg von mir, Satan.„ Der Teufel führt Ihn auf die Zinne des Tempels und heißt Ihn, sich hinablassen, aber Er will den Herrn, seinen Gott, nicht versuchen. Satan beruft sich auf seinen Hunger und heißt Ihn, die Steine in Brot wandeln, aber Er will nicht den Weg des Fleisches wählen; Er traut auf Gott und weiß, daß „der Mensch nicht vom Brote allein lebt.“ O seliger Erlöser, Vorbild unsres Geistes, Muster, dem wir ähnlich werden sollen, wir verehren Dich. Du überwandest in so vielen Kämpfen, gingst aus jeder Prüfung siegreich hervor, Du bist in der That herrlich. Es ist nicht unsre Sache, dies alles zu erklären, es ist unsre Sache, zu verehren, zu lieben, nachzuahmen! O Gott, hilf uns, so zu thun, und die Ehre soll Dein auf ewig sein. Amen.

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